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Stasi 2.0 ( Precrime)

Es ist praktisch nicht möglich, den vielen Artikeln über die Enthüllungen von Edward Snowden und die NSA-Affäre etwas Eigenes und Neues hinzuzufügen. Und wenn man genau darüber nachdenkt, sind sowohl die Reaktionen der Regierungen (abwiegeln, nur zugeben, was sich nicht mehr vertuschen lässt) als auch der Bevölkerung (weitgehende Ignoranz) verständlich. Wenn man das Netz benutzt, und das tut man mit vielen Geräten inzwischen automatisch, dann hinterlässt man personifizierte Datenspuren.

Diese Entwicklung wird noch eine ganze Weile so weitergehen, bis in vielleicht 20 Jahren jedes Gerät, das Strom verbraucht, Daten an das Netz übermitteln und aus diesem beziehen wird. Keine Daten von sich preisgeben hieße spätestens dann, a) selbst keinen Strom zu verbrauchen und sich b) nicht mehr dort aufzuhalten, wo Strom verbraucht wird. Da fallen mir nicht viele Gegenden auf der Welt ein, wo das der Fall ist, eigentlich gar keine.

Einen der scharfsinnigsten Kommentare möchte ich hier dennoch zitieren, er stammt von Michael Springer, der in Spektrum der Wissenschaften eine eigene Kolumne hat. In der Septemberausgabe schreibt er:

Die Sciencefiction spielt längst mit dem Gedanken, technische Apparate könnten eines nicht allzu fernen Tages die Herrschaft übernehmen und die Menschheit knechten. Beispiele sind Filme wie »Colossus«, »I, Robot« und »Terminator«. Doch anlässlich der Enthüllungen des früheren US-Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden zeigt sich wieder einmal, dass die technische Entwicklung jederzeit im Stande ist, die kühnsten Zukunftsvisionen zu übertreffen.

Wenn man die vom Whistleblower aufgedeckten Fakten weiterdenkt, droht nicht die gewaltsame Machtübernahme menschenähnlicher Roboter – wie in einigen der erwähnten Sciencefiction-Streifen -, sondern eine viel unheimlichere Gefahr: Computernetze beginnen unauffällig damit, private Informationen zu sammeln, sie selbsttätig auszuwerten und so schließlich das Verhalten der Nutzer zu steuern.

Da die riesige Datenflut jede menschliche Kapazität übersteigt, müssen Maschinen die Information auswerten. Mit einer vollautomatischen Rasterfahndung filtern sie bedenkliche Worte, Bewegungen und Kontakte heraus, erstellen Persönlichkeitsprofile, ermitteln die Wahrscheinlichkeit, dass ein Verdächtiger unerwünschte Handlungen vorbereitet.

Dazu fällt mir ein weiterer Sciencefiction-Film ein. In »Minority Report« weiß die Organisation Precrime im Voraus, wann und wo ein Verbrecher zuschlagen wird, und schreitet rechtzeitig ein, um die Tat zu verhindern. Der Film erklärt diese Möglichkeit mit der Fiktion, es gebe Mutanten mit hellseherischen Gaben. Viel wirklichkeitsnäher erscheint mir ein Computernetz, das aus dem bisherigen Verhalten einer Person auf künftige Taten schließt – und zu deren Verhinderung automatische Drohnen losschickt.

Damit droht bloße Allwissenheit in bedrückende Allmacht überzugehen. Schon wird erforscht, wie man soziales Verhalten durch »Netzwerk-Interventionen« am geschicktesten beeinflusst… An diesem Punkt wird sogar mir hartgesottenem SF-Fan angst und bang. Was, wenn am Ende das Programmieren solcher Interventionen einer superklugen Software zufällt, die angeblich besser als jeder Politiker weiß, was uns frommt?

Sich über die angebliche und vielleicht gespielte Ahnungslosigkeit der Politiker oder über das häufige „Da kann man eh nichts machen“ aufzuregen, ist das eine, aber hier liegt ein systemisches Problem vor: Wenn man bereits jetzt schon häufig das Gefühl hat, Demokratie würde nicht funktionieren, die Teilnahme an Wahlen sei sinnlos und man würde eh nur noch als Konsument gebraucht und entsprechend manipuliert, in diesem dystopischen Szenario wäre das tatsächlich der Fall, Menschen als Entscheider gäbe es nicht mehr. – Das sollte man bereits heute jedem Verantwortlichen entgegnen, der von sich sagt, er könne in diesem oder jenen Fall nichts machen – wenn er nichts entscheiden kann, dann ist er an seinem Platz überflüssig und sollte konsequenterweise von dort verschwinden oder vertrieben werden.

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