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Sprache und Denken

Lange war ich (implizit, weil nicht darüber nachgedacht habend) der Meinung, dass man immer sprachlich denkt. Synonym dafür ist der Begriff „Innerer Monolog“, also eine Art Selbst-Gespräch. (Bei mir ist es dabei sogar häufig so, dass ich Dialoge führe, also abwechselnd bewusst oder unbewusst zwischen verschiedenen Gesprächspositionen wechsle.) Inzwischen aber ist mir klar, dass das aus vielerlei Gründen so nicht stimmen kann. Ein eindrückliches Indiz dafür ist z.B., dass es doch ziemlich absurd wäre, wenn ein Maler, der ein Bild malt, dieses in seinem Kopf zuerst gedanklich in Sätzen formuliert. Vielmehr ist es so, dass er vor seinem geistigen Auge das Bild sieht, das er später zu malen versucht. Er denkt also in Bildern. Der Artikel „Sprache und Denken“ von Gottfried Vosgerau in „Spektrum der Wissenschaft 8/2011“ beschäftigt sich genau mit diesem Verhältnis zwischen den beiden Begriffen „Sprache“ und „Denken“.

Viele werden den Eindruck haben, beim Denken so etwas wie einen inneren Monolog zu führen. Ist Denken also im Wesentlichen inneres Sprechen? Das erscheint intuitiv plausibel. Allerdings beobachten wir den inneren Monolog nur, wenn wir uns darauf konzentrieren und nichts sonst tun. Es könnte also sein, dass das innere Sprechen nur dann mit dem Denken einhergeht, wenn wir unseren Sprachapparat zu nichts anderem gebrauchen. Möglicherweise handelt es sich also lediglich um eine Begleiterscheinung des Denkens, die für es selbst nicht notwendig ist.

Das ist genau die Selbstbeobachtung, die ich auch schon gemacht habe:

Wenn wir uns denkend durch die Welt bewegen, dann halten wir im Allgemeinen Augen und Ohren offen. D.h. diese Sinne sind unaufhörlich damit beschäftigt, äußere Eindrücke zu verarbeiten. Wenn wir aber schweigen, dann liegt die Kapazität unseres Sprech-Sinns brach. Und unser innerer Monolog bricht sofort zusammen, wenn wir von jemand anderem angesprochen werden und mit diesem kommunizieren (müssen). Bei mir ist es sogar so, dass der innere Monolog endet, wenn ich (oft unfreiwilliger) Ohrenzeuge eines anderen Gesprächs bin. Ich werde dann häufig ärgerlich, weil ich mich nicht mehr auf meine eigenen Gedanken konzentrieren kann.

In der Tat liefert unsere Alltagserfahrung genügend Beispiele, die diese Vermutung stützen. In der Regel versuchen wir, unsere Gedanken sprachlich auszudrücken. Wenn diese schon in Sprachform vorlägen, wäre das keine zusätzliche Leistung. Tatsächlich kommt es aber oft genug vor, dass wir um Worte ringen: Wir wissen, was wir denken und gerne ausdrücken möchten, finden aber nicht die richtige Formulierung dafür. Oder wir versuchen krampfhaft, ein komplexes Problem zu verstehen, doch alle sprachlichen Erklärungen nutzen nichts. Erst eine bildliche Darstellung-ein Diagramm etwa – lässt den Groschen fallen. Würden wir in Sprache denken, sollten uns sprachliche Erklärungen wesentlich besser helfen als Bilder.

Die Überzeugung, nur mit Hilfe der Sprache denken zu können, war in der Philosophie recht lange verbreitet und hat auch unser Verhältnis zu Tieren beeinflusst, denn wenn Sprache und Denken eng miteinander verknüpft wären und da Tiere nicht sprechen können, dann könnten sie so auch nicht denken.

Es ist unbestreitbar, dass wir Sprache zunächst erwerben müssen. Wie aber soll man einen sprachlichen Ausdruck erlernen, wenn man den zugehörigen Gedanken noch gar nicht denken kann? Der Philosoph Jose Luis Bermüdez von der Texas A&M University in College Station hat das anhand des Wortes »ich« erläutert. Ein Kind wird die Bedeutung dieses Wortes nicht lernen, wenn es nicht in der Lage ist, sich selbst als die eigene Person gedanklich zu fassen. Wohlgemerkt geht es nicht darum, dass Kinder »ich« sagen und dieses Wort zum Beispiel wie einen Namen verwenden, sondern um das Erlernen der Bedeutung von »ich«. Diese lässt sich so umschreiben: Wer das Wort »ich« gebraucht, meint damit sich selbst. Erst wenn ein Kind Ich-Gedanken bilden kann, indem es sich zum Beispiel als Quelle der eigenen Handlungen – inklusive des eigenen Sprechens – erfasst, vermag es auch die Bedeutung des Wortes »ich« zu begreifen.

Im Folgenden wird dann in dem Artikel erläutert, wie sich der Gedanke der engen Verbindung von Sprache und Denken überhaupt so lange halten konnte. Das hat etwas mit der Bedeutung des Begriffs „Begriff“ zu tun. Begriffe sind die Elemente des Denkens, mentale Repäsentationen von erkannten Zusammenhängen in der Welt.

Was macht Denken aus? Ein typischer Gedanke – etwa »das ist ein rotes Auto« – zeichnet sich dadurch aus, dass er Begriffe enthält – in diesem Fall Rot und Auto -, die er auf Gegenstände anwendet. Darin liegt der Unterschied zur bloßen Wahrnehmung. Auch ein Hund kann sehen, dass das Auto rot ist, ohne einen Begriff von Rot oder Autos zu haben. Er vermag lediglich Rot von anderen Farben zu unterscheiden. Dieselbe Fähigkeit haben selbst einfache Messinstrumente -etwa ein Rotlichtdetektor, der ein Signal gibt, sobald rotes Licht auf ihn fällt. Von Denken kann da selbstverständlich keine Rede sein.

Die Frage, wie sich Begriffe am besten charakterisieren lassen, hat in der Philosophie eine lange Tradition. Laut einer aktuellen Theorie, die Albert Newen von der Universität Bochum und Andreas Bartels von der Universität Bonn aufgestellt haben, muss jemand vier Bedingungen erfüllen, um über den Begriff Rot zu verfügen. Diese sind:

  1. die Eigenschaft, rot zu sein, an ganz unterschiedlichen Dingen feststellen zu können;
  2. an einem Gegenstand auch andere Eigenschaften feststellen zu können wie die, aus Metall zu sein;
  3. Rot als zusammengehörig mit anderen Farben, aber nicht etwa mit Formen zu verstehen;
  4. den Begriff nicht reflexhaft zu verwenden, sondern bis zu einem gewissen Grad auch unabhängig von der Wahrnehmungssituation.

Die vier Bedingungen stellen sicher, dass es nicht bloß darum geht, einen Gegenstand zu klassifizieren, ihn also in eine von mehreren Schubladen einzusortieren, sondern eine echte Kategorisierung vorzunehmen, bei der all seine Eigenschaften richtig zugeordnet werden (etwa rot als Farbe, hölzern als Material).

Und diese Kategorisierung können viele Tiere eben auch.

Neben solchen Kategorisierungsleistungen, die auch bei Kleinkindern nachweisbar sind, geben Begriffe unseren Gedanken eine gewisse Struktur, die neue systematische Kombinationen zulässt. Wer zum Beispiel über die Begriffe Elefant und Rot verfügt, ist in der Lage, sich rote Elefanten vorzustellen, obwohl er solche Tiere sicher noch nie gesehen hat.

Ein zweiter Grund, dass sich dieses Missverständnis über das Verhalten von Denken und Sprache so lange gehalten hat, liegt daran, dass es in der menschlichen Welt tatsächlich Fälle gibt, in denen ausschließlich mit sprachlichen Mitteln gedacht werden kann. Das ist zum Beispiel dort der Fall, wo wir abstrakte Konzepte entwickelt haben, die unmittelbar nichts mehr mit unseren Sinneserfahrungen zu tun haben. Im Artikel wird das anhand des Begriffs des „Strafzettels“ erklärt.

Manche Begriffe setzen einen sprachlichen Hintergrund voraus. Nehmen Sie zum Beispiel den Begriff Strafzettel. Um ihn zu erfassen, müssen Sie verstehen, was gesellschaftliche Regeln sind und dass Zuwiderhandlungen Sanktionen wie Bußgelder nach sich ziehen. hält es sich mit theoretischen Begriffen wie Elektron. Sie erfordern ein Verständnis der ganzen Theorie, in die sie eingebunden sind. Theorien aber werden immer in Sprache verfasst. Darum sind solche Begriffe ebenfalls ihrem Wesen nach sprachabhängig. In diesem Fall mag es somit vorkommen, dass »die Worte ihre Kraft gegen den Verstand umkehren«, wie Bacon sagt.

Das alles wirft neue Fragen auf, die unbeantwortet den Abschluss des verlinkten Artikels bilden:

Der philosophische Aspekt der Frage ist damit allerdings noch nicht beantwortet: Welches sind die wesentlichen Veränderungen, die Sprache beim Denken bewirkt? Kann sie zum Beispiel Strukturen bereitstellen, die vorsprachliches Denken allein nicht hervorzubringen vermag? Und ermöglicht Sprache vielleicht ganz neue Arten von Begriffen, die sich nicht mehr vollständig auf einfache Gedanken zurückführen lassen?

Darüber wird unter dem Stichwort »Grounded Cognition« in jüngster Zeit heftig diskutiert. Es geht dabei um die Frage, ob unser Denken im Wesentlichen auf anderen, grundlegenden Fähigkeiten aufbaut oder ob es sich um eine eigenständige Fähigkeit handelt, die nicht von anderen abhängt.

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  1. 25. September 2011, 14:21 | #1

    Die Idee, dass man immer sprachlich denkt, fand ich schon, seitdem ich zum ersten Mal davon erfuhr, absurd. Aus dem einfachen Grund, dass ich auch Dingen denken kann, für die ich keine Worte habe. Der „innere Monolog“ ist nur eine, und zwar eine recht schwerfällige Form des Denkens, die auch noch von bildlichen, akustischen, taktiklen Vorstellungen begleitet und ergänzt wird – jedenfalls ist das bei mir so. Den „inneren Dialog“ kenne ich auch, und zwar tatsächlich in Form einer „Stimme“. Als Kind nannte ich sie „Traumsprecher“, analog zum Nachrichtensprecher im Radio. Heute nenne ich sie „Daimon“, wie einst Sokrates. Ich kann „seine“ Stimme aber gut von der Stimme eines real anwesenden Menschen unterscheiden, und zwar konnte ich das schon als Kind, es ist also keine akustische Halluzination. Keine Ahnung, wie man das nennen soll. Zweitbewusstsein?

    Ich bin mir noch nicht einmal sicher, dass ich immer, wo ich abstrakte Konzepte entwickele, die unmittelbar nichts mehr mit meiner Sinneserfahrungen zu tun haben, „in Worten“ denke. Begrifflich schon – etwa in der Form der Mathematik. (Allenfalls beim einfachen Kopfrechnen wie „sechs mal sieben“ kann ich das ich das in Form eines „inneren Monologes“ verbalisieren. Tatsächlich behindert es das Rechnen, wenn ich mir nicht „Zahlen“ sondern „Worte, die für Zahlen stehen“ vorstelle – wie ich eben merkte, als mir die Lösung „zweiundvierzig“ nicht sofort einfiel, obwohl ich durchaus kopfrechnen kann.)

  2. Jalella
    26. September 2011, 14:40 | #2

    Ich sehe das auch so: Man denkt nicht nur sprachlich. Ich glaube, dass die Art des Denkens auch von der Situation abhängt und dass sie stark von der frühkindlichen Prägung bzw. erblicher Veranlagung abhängt. Wer als Kind mehr optisch gepägt wurde, wird vielleicht mehr in Bildern denken. Auch an Musik denkt man weniger in Worten und auch nicht in Bildern (wenigstens ich nicht).

    Bei „situationsbedingt“ denke ich z.B. daran, auf welche Art viele Menschen sich an einen Weg zu erinnern versuchen (gerade, wenn sie ihn einem anderen erklären wollen). Man sucht den Weg in Form von Anhaltspunkten des realen Weges, meistens Bildern, erneut im Gedächtnis auf. Das kann man schön schon am Gesichtsausdruck der Leute sehen; die Augen werden meistens in den Himmel oder an die Decke gehoben damit kein optischer Eindruck die Erinnerung stört. Das wird meist noch von Handbewegungen unterstützt, die die Richtung untermalen soll, in der man gerade im Kopf unterwegs ist. Das geht ja sogar soweit, dass es Gedächtnistechniken gibt, die das nutzen, um andere Dinge als Wege anhand von künstlich gedanklich angelegten Wegen besser erinnern zu können. Dieselben Personen werden aber in anderen Bezügen wieder sprachlich denken oder auch akustisch, oder noch ganz anders; je nachdem.

    Abstrakte Begriffe sind so eine Sache. Ob die sich immer in Worten manifestieren oder manchmal auch in Bildern oder anderen Assoziationen, ist schwer zu sagen. Von S. Hawking sagt man ja, dass er oft in Bildern denkt wenn es um abstrakte mathematische Zusammenhänge geht. Das kann leicht damit zusammenhängen, dass er nur schwer in der Lage ist, Sprache real zu äußern über seinen Sprachcomputer. Aber ich glaube nicht, dass das (der einzige) Grund ist. Er ist vermutlich eher optisch geprägt und wird diese Art zu denken vermutlich schon vor seiner Erkrankung praktiziert haben.

    Und wie schon im Text erwähnt kann Denken gar nicht immer sprachlich sein, da es sicher auch ein Denken vor der Sprache gibt. Und: Wie denken denn eigentlich von Geburt an Taubstumme? Die sollten eigentlich gar keinen Zugang zu Sprache in ihrem Denken haben. Oder was ist „sprachliches Denken“ eigentlich? Sind das innerlich akustisch gesprochene Worte, oder innerlich optisch gelesene Worte? Oder innerlich haptisch (Braille-Schrift bei Blinden) gelesene Worte?

    Also auf die Idee, dass Denken NUR sprachlich funktioniert, kann man doch eigentlich nur schwer kommen.

  3. 1. Oktober 2011, 13:19 | #3

    Ich wundere mich auch, denn mir kommt es manchmal vor als könne ich einen Gedanken „beobachten“ (spüren), bevor er eine sprachliche Form annimmt (dann, wenn man etwas sucht: Man spürt es gefunden zu haben und erst danach wird die sprachliche Form sichtbar).

    Wenn wir uns denkend durch die Welt bewegen, dann halten wir im Allgemeinen Augen und Ohren offen.

    Ist das nicht anders? Verengt man die Sinnliche Wahrnehmung nicht so weit wie möglich oder notwendig um sich auf das Problem zu konzentrieren? Spricht Deine Schilderung des inneren Monologs nicht auch dafür?

    Irgendwann bemerkt man, dass es allgemeine und ein persönliche Wertungs- und Bedeutungshöfe gibt und diese nicht festgesetzt sind und man selbst im Prozess des Schreibens etwa, diese Höfe (mit)bestimmen kann. Sprache ist ein System, das in nahezu unendlichen Kombinationsmöglichkeiten Bedeutungen, Nuancen, usw. repräsentieren und festhalten kann (zumindest solange Menschen leben, die diese Sprache sprechen). So wird Kommunikation und Mitteilung möglich. Sprache stimuliert unser Denken, repräsentiert von anderen Gedachtes. Aus einem evolutionären Blickwinkel muss ein solches System für die kognitiven Fähigkeiten ungeheuer befruchtend gewesen sein, weil es deren Entwicklung anregt und fördert.

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