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Slim Belly und Finyo

Es gibt viele Gründe in ein Fitnessstudio zu gehen, die Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen und Körpergewicht ist sicher ein ganz wesentlicher. Ist man dann längere Zeit Mitglied, verliert man vielleicht die Lust an den immer gleichen Geräten und Übungen und meldet sich wieder ab. Die Studiobetreiber sehen das natürlich nicht gern und da viele in der Branche auch ihr Geld verdienen wollen, muss deshalb von Zeit zu Zeit eine neue Sau durchs Dorf getrieben werden. Den Muskeln aber ist es egal, ob ihr Besitzer Pilates oder Bodyworkout oder Bauch-Beine-Po oder irgendetwas anderes macht.

Vor kurzem war „Slim Belly“ der allerneueste Schrei: Man bekommt einen Gürtel umgebunden, in den mit einer elektrischen Pumpe abwechselnd Luft eingeblasen und wieder ausgelassen wird. Damit betreibt man Ausdauersport, auf dem Laufband, einem Crosstrainer oder dem Fahrradergometer. Dazu gibt es eine Ernährungsberatung. Wenn man Sport treibt und weniger isst als vorher, dann fällt natürlich das Gewicht. Aber der Zusatznutzen des Gürtels soll ein „gezieltes Abnehmen an den Problemzonen sein“. Inzwischen gibt es wohl auch eine Drucklufthose im Portfolio der Betreiber, weil viele Frauen mit ihrem dicken Po unzufrieden sind.

„Gezieltes Abnehmen an den Problemzonen“, wie soll das funktionieren? Der Gürtel übt gewiss eine leichte Massage aus und dort wo er am Körper anliegt, ist es auch wärmer als am Rest des Körpers. Reicht das für einen messbaren Effekt aus? Googeln nach „Slim Belly“ liefert natürlich als erstes eine Unmenge von Links der Anbieter und von begeisterten Teilnehmern. Der erste vernünftige Link nach all den Jubelmeldungen ist „Schlank in 14 Tagen“ mit Skepsis betrachtet. Das Motto dieses Blogs findet man gleich oben rechts: „Ein Weblogbuch über sonderbare Nachrichten und alltäglichen Statistikplunder“. In dem Artikel wird auf eine Studie verlinkt, in der der SB-Gürtel einem Vergleich unterzogen worden ist: ABC-one Studie 2010 – Regionale Fettverbrennung.

Zusätzlich zu den sehr lesenswerten Schlussfolgerungen aus dem Blogartikel noch folgende Anmerkungen von mir: Die Gewichtsabnahme der beiden Gruppen war fast gleich. Nur war sie mit Gürtel an den „Problemzonen“ größer – was im Umkehrschluss bedeutet, dass man an anderen Körperpartien weniger abgenommen hat. Im Wesentlichen ist das ein Effekt, den man früher mit einem Korsett auch erreichen konnte. Heute kann man auch ohne Gürtel oder Korsett einen Selbstversuch durchführen: Bei der nächsten Diät oder Training trägt man am linken Bein einen Thrombosestrumpf, am rechten nicht. Ich wette, das linke Bein nimmt mehr ab als das rechte.

Der allerneueste Schrei und auch Anlass für meinen Artikel ist die Finyo-Diät. Gestern hat mir ein ganz begeisterter Teilnehmer davon berichtet. Er fing seinen Vortrag so an: „Weisst du eigentlich, dass in Indien auch die untergewichtigen Frauen normalgewichtige Babys bekommen können? Das liegt an dem Schwangerschaftshormon HCG (Humanes Choriongonadotropin), das in ihren Körpern die tiefliegenden Fettreserven mobilisiert und für den Embryo zur Verfügung stellt.“ Dann beschrieb er mir die Finyo-Diät so:

„In den ersten drei Wochen isst man täglich nur 500 Kilokalorien, in den folgenden drei Wochen etwa 1000 Kilokalorien pro Tag. Dazu nimmt man täglich 15 Globuli, die die Information über das Hormon HCG gespeichert haben.“ Dazu muss man wissen, dass in Deutschland eine direkte Einnahme des Hormons als Doping verboten ist. Die Globuli sind natürlich nicht betroffen, denn Globuli sind homöopathisch, oder einfacher gesprochen, außer Zucker enthalten sie nichts. Von dem Hormon versprach sich mein Gesprächspartner die geschilderten Wunderdinge. Auch die Finyo-Diät wird im Fitnessstudio von einer Ernährungsberatung begleitet und natürlich von Sport.

Diese Mal habe ich einmal selbst überschlägig gerechnet:

  • Bei einem Kalorienverbrauch von ca. 2000 Kilokalorien fehlen bei 500 erlaubten Kilokalorien in den ersten drei Wochen 1500 Kilokalorien je Tag, in den folgenden drei Wochen 1000.
  • Ein Gramm Körperfett enthält etwa 6 Kilokalorien je Gramm – weniger als in reinem Speisefett, weil Körperfett auch viel Wasser enthält. Aber Körperfett ist der energiereichste Bestandteil des Körpers.
  • Unter Zugrundelegung dieser Annahmen nimmt man also in den sechs Wochen mindestens acht Kilogramm ab.

Oder andersherum: Wer weniger abnimmt, hat entweder einen geringeren Kalorienverbrauch oder heimlich etwas gegegessen. Was sollen nun die zusätzlichen Globuli bewirken? Dazu habe ich den folgenden Link gefunden, den ersten nach einer ganzen Reihe von Jubelmeldungen, ähnlich wie zuvor bei Slim Belly: HCG-Diät, “Stoffwechselkur”

12 von 13 methodisch sauberen Studien mit Placebo-Kontrolle konnten bei der HCG-Diät keine Wirksamkeit des Hormons gegenüber der Gabe einer Kochsalzlösung feststellen. Somit kommen die Autoren zu dem Schluss: „We conclude that there is no scientific evidence thatHCG causes weight-loss, a redistribution of fat, staves off hunger or induces a feeling of well-being. Therefore, the use of HCG should be regarded as an inappropriate therapy for weight reduction,… It seems reasonable to conclude that the effect of the Simeons therapy can be attributed to a diet of 500 kcal, but that the HCG has no specific effect.“

Sprich, die HCG-Diät wirkt, aber nur wegen dem Ernährungsregime! Eine Durchführung der Kostvorgaben ohne Verabreichung von HCG oder Globuli wirkt genauso. Oft werden weitere Zusatzprodukte / Vitalstoffe mit verkauft unter der Begründung, diese seien nötig um den Erfolg zu garantieren. Vorweg: Eine massiv einseitige Kost über 3-6 Wochen kann der Körper leicht „verkraften“ ein deutliches Mikronährstoffdefizit tritt hier nicht erstmalig auf. Eher bei Personen, die bereits vorher jahrelang sehr einseitig und „ungesund“ gegessen haben, aber diese profitieren sicherlich am meisten von einer nährstoffreicheren Kost und nicht von einer noch einseitigeren Kost mit zusätzlicher Gabe von Vitalstoffen.

Bei den Globuli habe ich auch nochmal nachgerechnet: Ein Fläschchen mit Globuli enthält 10 Gramm und kostet 17 €. In Supermärkten ist es bei Lebensmitteln Vorschrift, den Kilopreis zur besseren Vergleichbarkeit anzugeben. Da Globuli aus Zucker bestehen und nichts anderes (da homöopathisch) enthalten, kostet also ein Kilogramm Zucker in dieser Verpackung 1700 €.

Ich war mir mit meinem Gesprächspartner aber wenigstens in einem Punkt einig: Wer heilt, hat Recht. Und tatsächlich nützen vielen Menschen solche Produkte und Methoden, weil sie durch den Glauben an deren Wirksamkeit motiviert werden. Auch in der Schulmedizin ist inzwischen gut be- und auch anerkannt, dass der Placeboeffekt einen wesentlichen Teil des Behandlungseffekts bewirkt, sogar bei Medikamenten im Mittel 60%. Mein Schlüsselerlebnis auf diesem Gebiet hatte ich vor einigen Jahren, als über die Auswertung der Akkupunkturstudie der Krankenkassen berichtet wurde. Damals wollte man herausfinden, ob die Akkupunktur in den Leistungskatalog der Krankenkassen darf, wozu ja ein anerkannter Wirkungsnachweis notwendig ist.

In der Studie sollte die Wirksamkeit von Akkupunktur zur Schmerzbehandlung untersucht werden. Dazu wurden schulmedizinisch austherapierte Schmerzpatienten in drei Gruppen eingeteilt. Die erste Gruppe erhielt eine Schmerztherapie mit Medikamenten, aber dieses Mal von Experten auf dem Gebiet der Schmerzbehandlung. Die anderen beiden Gruppen wurden akkupunktiert. Der Unterschied zwischen beiden Gruppen bestand darin, dass der einen Gruppe in die richtigen, der anderen aber in die falschen Punkte gestochen wurde. Dazu muss man wissen, dass es in der klassischen chinesischen Medizin einen Katalog von Körperpunkten gibt, in die bei bestimmten Leiden zu stechen ist.

Das Ergebnis der Studie war, dass die medikamentöse Behandlung am schlechtesten abschnitt. Aber das Stechen in die richtigen Punkte war nur wenig wirksamer als das Stechen in die falschen. Paradoxerweise waren nun beide Kontrahentengruppen unzufrieden: Die Gegner der Akkupunktur, weil die Schmerzmedikamente schlechter waren, die Befürworter der Akkupunktur aber auch, weil es scheinbar fast egal ist, wo man den Körper piekst. Dabei sind alle Ergebnisse gut erklärbar: Natürlich waren die Schmerzmedikamente am wenigsten wirksam, denn wer als Schmerzpatient in einer Akkupunkturstudie der Vergleichsgruppe zugeteilt wird und zudem vorher bereits eine lange Medikamentenvorgeschichte hatte, ist enttäuscht.

Und der Unterschied zwischen den beiden Akkupunkturgruppen ist auch plausibel: Die Patienten wussten zwar nicht, wo die richtigen und die falschen Punkte liegen, aber die Behandler mussten es wissen. Denn um in die „falschen“ Punkte stechen zu können, mussten sie wissen, wo die „richtigen“ liegen. Und dieses Wissen der Behandler, nach ihrem Glauben eigentlich „Murks“ zu machen, haben sie unbewusst auf ihre Patienten übertragen.

Ich bin in solchen Diskussionen, wie der um Slim Belly, Finyo oder Akkupunktur, immer sehr unglücklich. Einerseits ist mir die Unmöglichkeit der von den Befürwortern geschilderten Wirkmechanismen klar, andererseits weiß ich um die Kraft des Placeboeffekts und möchte anderen nicht ihre (letzte?, einzige?) Hoffnung nehmen. Meistens bin ich ganz still und halte mich zurück, aber manchmal platzt es aus mir heraus – was mich dann zum Außenseiter und Besserwisser macht.

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