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Sex- und Genderforschung

Ein längerer Artikel über die Ergebnisse der Erforschung der Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Männern und Frauen findet sich bei Spiegel Online: Typisch Frau? Von wegen!

Es war eines der größten Verdienste der Geschlechterforschung, die Kategorien Sex (= biologisches Geschlecht) und Gender (= soziales Geschlecht) zu trennen. So konnte gezeigt werden, dass Weiblichkeit und Männlichkeit eben keine rein natürlichen Bestimmungen sind. Geschlechterzuschreibungen und Geschlechterrollen, ihre Bewertungen und Hierarchien werden in der Gesellschaft ausgehandelt und durch ihre Strukturen verfestigt. Jede und jeder einzelne wächst gewissermaßen in diese Geschlechterrollen – mehr oder weniger – hinein. Das ›Mehr oder weniger‹ ist dabei wichtig, denn glücklicherweise ist dieses Doing Gender, dieses tagtägliche Herstellen von Geschlecht, eben nicht biologisch festgelegt. Mädchen müssen nicht nur mit Puppen spielen, Jungen müssen nicht immer nur raufen. Frauen können sehr wohl die angeblich männlichen Berufe ergreifen und als Managerin, Informatikerin oder Baggerfahrerin erfolgreich sein; Männer sind genauso gute Lehrer, Erzieher oder Krankenpfleger. Und so können wir zumindest für unseren Kulturkreis sagen, dass die angeblich so getrennten Geschlechterrollen zunehmend durchbrochen werden. Auf der Genderebene verschwimmen die Unterschiede zwischen Frauen und Männern immer mehr.


Im Artikel wird gezeigt, wie tendenziös die Darstellung aktueller Ergebnisse der Sex- und Genderforschung ist. Unterschiede zwischen den Geschlechtern werden in populärwissenschaftlichen Darstellungen betont, Gemeinsamkeiten ignoriert oder verschwiegen. So halten offenbar viele Studien, die eine unterschiedliche Sprachverarbeitung der beiden Geschlechter bzw. eine unterschiedliche Begabung bei einer Standardtestaufgabe, der „mentalen Rotation“, feststellen, einer genaueren Prüfung nicht stand.

Wenn es um die sprachlichen und räumlichen Fähigkeiten von Frauen und Männern geht, steht immer wieder die Frage im Mittelpunkt, wie die beiden Hirnhälften zusammenarbeiten. Seit den 1970er Jahren ist dabei eine Theorie leitend für die Forschung: Frauengehirne würden stärker mit beiden Hirnhälften gleichzeitig arbeiten und das führe zu besseren Sprachleistungen. Männergehirne seien asymmetrisch organisiert, sie würden vorwiegend die eine oder die andere Hirnhälfte nutzen und könnten deshalb besser räumliche Aufgaben lösen.

Seitdem sind mehr als zehn Jahre ins Land gegangen und eine Reise durch die aktuelle Forschungslage widerlegt einfache Zuschreibungen. Die Befunde sind enorm widersprüchlich. Publikationen, die bei Frauen beidseitige und bei Männern einseitige Sprachverarbeitung im Gehirn präsentieren, stehen Arbeiten gegenüber, die keine Unterschiede in der Verteilung der Aktivierungsmuster finden.

Die Variabilität innerhalb der Geschlechtergruppen ist insgesamt weitaus höher als die Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Es gibt also bei der Sprachverarbeitung weder das typische Frauengehirn noch das typische Männergehirn.

Ähnliches gilt für Geschlechterunterschiede bei der räumlichen Orientierung. Beim Drehen von geometrischen Figuren im Kopf, der so genannten „Mentalen Rotation“, sind beispielsweise Zentren im rechten Schläfenlappen beteiligt. Bei der Richtungsnavigation spielt der rechte Hippocampus (eine Region am Innenrand der Hirnrinde) eine wichtige Rolle. Und wieder finden wir widersprüchliche Ergebnisse dahingehend, ob bei Männern die Hirnhälften häufiger asymmetrisch arbeiten als bei Frauen oder nicht.

Die unterschiedlichen Ergebnisse kommen auch daher, dass sich die Raumorientierung aus einer Vielzahl von Strategien zusammensetzt, die erlernt werden. Die individuelle Erfahrung in Kindheit und Jugend spielt für die Ausbildung von räumlichen Strategien ebenso eine Rolle wie die Verbindung mit Sicherheits- und Angstgefühlen.

Diese Argumentation ist in sich schlüssig. Da die meisten derartigen Untersuchungen an erwachsenen Testpersonen erfolgen und das Gehirn eine enorme Plastizität aufweist, kann man nicht genau sagen, ob die gemessenen Unterschiede ererbt (Sex) oder erworben (Gender) sind. Aber eine Aussage im Artikel reizt mich dann doch zum Widerspruch:

Auch hier wiesen Katherine Bishop und Douglas Wahlsten schon 1997 in einer Metaanalyse von über 40 Studien mit mehr als 1000 Versuchspersonen nach, dass auch im Corpus Callosum die Variabilität innerhalb der Geschlechtergruppen weitaus größer ist als die Differenzen zwischen Frauen und Männern.

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Regina Halmich vermöbelt Stefan Raab

Diese Aussage gilt für jedes beliebige messbare Merkmal, auch für Körpergröße, Gewicht oder Kraft. Die Unterschiede innerhalb eines Geschlechts sind weit größer als der durchschnittliche Unterschied zwischen Männern und Frauen. Trotzdem sind die Unterschiede zwischen Männern und Frauen statistisch signifikant. Die eigentlich interessante Frage hinter all dem ist deshalb doch: Warum hat niemand ein Problem damit, dass es Unterschiede in Körpergröße, Gewicht oder Kraft gibt, beginnt aber sofort dafür oder dagegen Partei zu ergreifen, wenn geschlechtsabhängige Unterschiede in der Hirnanatomie und -funktion, in speziellen Bereichen des Fühlens und Denkens gemessen werden (oder aber nicht zu finden sind)?

Ich zum Beispiel habe als Kleinstädter einen ausreichend großen Mietparkplatz hinter meinem Haus und einen Stammplatz vor der Firma, zudem fahre ich überhaupt nur mit dem Auto, wenn es unbedingt sein muss (oder in Strömen regnet). Meine Schwester hingegen fädelt als Großstadtbewohnerin ihr Fahrzeug mindestens viermal am Tag in eine enge Parklücke ein. Liebend gern überlasse ich ihr auf Besuch das Fahren inclusive Parken. Bin ich deshalb weniger wert und wäre es anders, wenn es umgekehrt wäre? Die ganze Diskussion ist ziemlich merkwürdig.

Kommentare

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Otaku 05/12/2007 07:48:11 AM

schon weider so ein Blödsinn. Mit dererlei „wissentschaftlichen“ Methoden beweise ich gerne
auch das das Universum per se nicht existiert und wir alle in der Matrix leben.

Mal eine Frage in den nicht existierenden Raum gestellt : Wieso zur Hölle ist die Evolution auf die verdammt komplizierte Idee verfallen 2 Geschlechter zu schaffen wenn es a.) keine signifikanten Unterschiede und b.) keine signifikaten Vorteile hat ?

Diese FemiBefreiungsweisderGeierEmanzen Debatte ist obsolet weil einfach u.a. dekadent.
IMHO.

Köppnick 05/12/2007 01:11:57 PM

Ein Nachweis der Existenz bzw. Nichtexistenz des Universums wird dir nicht gelingen. „Das Universum“ ist nur ein Begriff, mit dem wir eine Vielzahl unserer Sinneseindrücke, Beobachtungen und Messauswertungen zusammenfassen, was „da draußen“ wirklich ist, wissen wir nicht. Einfacher Beweis, dass die Frage nach der Existenz des Universums sinnlos ist: Schon die alten Griechen kannten „das Universum“. Für sie enthielt es zum Beispiel den Olymp mit seinen Göttern. War das ein anderes Universum, lebten sie in einem anderen Universum? – Falsch gestellte Frage! Auf die Spitze gebracht bedeutet es, dass das Universum genauso lange existiert, wie Menschen diesen Begriff verwenden werden.

Mit „Der Matrix“ ist es wieder ein ganz anderes Ding. Die Matrix ist ja ein Menschenprodukt, die gibt es außerhalb des Films mit Sicherheit nicht. Aber die dahinter stehende Frage, ob wir in einer Simulation leben, ist schlicht ebenfalls unbantwortbar. Zum einen aus demselben Grund wie beim Begriff des Universums, weil die Existenz von etwas außerhalb nicht beweisbar ist. Zum zweiten, weil die Simulation von Informationsverarbeitung (alle Menschen leben in einer Simulation bzw. werden selbst simuliert) selbst wieder Informationsverarbeitung ist. Informationsverarbeitung kann man nicht simulieren.

Mal eine Frage in den nicht existierenden Raum gestellt : Wieso zur Hölle ist die Evolution auf die verdammt komplizierte Idee verfallen 2 Geschlechter zu schaffen wenn es a.) keine signifikanten Unterschiede und b.) keine signifikaten Vorteile hat ?

Die beiden Fragen nach den Unterschieden und den Vorteilen muss man getrennt betrachten, sie haben wenig miteinander zu tun. Die Aufteilung in zwei Geschlechter war biologisch offenbar vorteilhaft, weil in jeder Generation eine stärkere Durchmischung des Genoms erfolgt und damit eine schnellere Anpassung an eine sich verändernde Umwelt erfolgen konnte. Es gibt aber zahlreiche Belege dafür, dass Spezies zu einer eingeschlechtlichen Fortpflanzung zurückgekehrt sind (mir sofort einfallendes Beispiel: Löwenzahn). Die höheren Säugetiere sind vielleicht ebenfalls auf dem Weg dahin, das Y-Chromosom degeneriert bei vielen von ihnen. Das können wir bei dem kurzen Zeitabschnitt, den wir mit Mitteln der Genetik überblicken, nicht sagen.

Es ist aber nicht a priori so, dass Unterschiede im Genotyp der Geschlechter sicht- und messbare Unterschiede im Phänotyp verursachen müssen. Meistens ist das so, aber eine logisch wasserdichte Begründung dafür sehe ich nicht. Für die Situation zwischen Mann und Frau ist das gar nicht der Punkt, hier dürfen wir nicht eine biologische Betrachtung zugrunde legen, sondern brauchen eine gesellschaftliche.

Viele Jahrhunderte war es so, dass sich aus der körperlichen Überlegenheit der Männer eine bevorzugte Stellung in der Gesellschaft ergab: Sie erbten die Höfe der Väter und teilten die Machtpositionen in der Gesellschaft unter sich auf. Unsere heutige Gesellschaft ändert sich aber gerade, es zählt nicht mehr Kraft, sondern Intelligenz. Völlig unabhängig davon, wie man diesen Begriff definiert und wie man ihn misst, es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass Mädchen die besseren Schulnoten haben, zu einem größeren Prozentsatz studieren und im statistischen Durchschnitt im Studium ebenfalls besser abschneiden. Im Berufsleben kehrt sich das Verhältnis dann aber um, je höher und einflussreicher bestimmte Positionen sind, desto weniger Frauen findet man da. Hier liegt ein offensichtlicher Widerspruch vor, den die Politik lösen und von dem die Wissenschaft die Ursachen finden muss.

Die beiden Lösungsansätze sind grundverschieden, obwohl beide eine gleich hohe Intelligenz von Männern und Frauen voraussetzen (etwas anderes wäre politisch sowieso nicht „korrekt“). Die erste Position besagt, Männer und Frauen und Frauen denken in nahezu allen Bereichen gleich. Diese wissenschaftliche Position führt direkt zu der Schlussfolgerungen, dass unsere Gesellschaft ungerecht ist, weil sie gleich begabte Frauen mit einer biologistischen Begründung von der Macht und vom Geld fernhält. Eine der charakteristischen Forderungen aufgrund dieser Denkrichtung ist die Frauenquote, den Rest der Gesellschaft müsse man nicht ändern. Wenn überall 50% Frauen sind, ist alles ok.

Die zweite Position geht davon aus, dass Männer und Frauen bei gleicher Gesamtintelligenz andere Stärken und Schwächen haben. Es ist dabei relativ unerheblich, ob diese Unterschiede aus dem Genom oder aus der Erziehung herrühren. Diese Unterschiede führen dazu, dass mehr Männer Ingenieure werden, mehr Frauen Lehrerinnen. Aus dieser Position heraus muss man nicht eine Frauenquote (bei den Ingenieuren) oder, gern vergessen in der Diskussion, eine Männerquote (bei den LehrerInnen) erzwingen. Man muss nur dafür sorgen, dass im statistischen Mittel Frauen- und Männertätigkeiten gleich angesehen – und gleich bezahlt – werden. Nebeneffekt dieser Strategie würde sein, dass sich im Verlauf mehrerer Generationen die Unterschiede in der Berufsaufteilung zwischen den Geschlechtern auf das tatsächliche Maß ihrer genetischen Unterschiedlichkeit reduzieren würde, weil der Erziehungsbias (unterschiedliche Bewertung und Bezahlung verschiedener Tätigkeiten) entfiele.

Ich neige (aus dem Bauch heraus) mehr dieser zweiten Position zu, weil ich glaube, dass die unterschiedliche körperliche Ausstattung der beiden Geschlechter immer auch auf ihr Denken durchschlagen muss, unabhängig von dem Einfluss der Erziehung. Aber die zweite Position erfordert insgesamt stärkere Veränderungen in der Gesellschaft, um zu realer Gleichberechtigung zu kommen, als die einfache Durchsetzung der Frauen/Männerquote querbeet durch alle Lebensbereiche.

Gregor Keuschnig 05/12/2007 02:20:12 PM

Es gibt inzwischen zu allen Gebieten irgendwelche Studien, deren Ergebnisse irgendetwas belegen oder widerlegen sollen. Wir erleben das gerade mit einer grossartig gestarteten Medienkampagne, die suggerieren soll, das 75% der männlichen Deutschen per se zu dick seien. Kaum jemand, der diese Studien veröffentlicht, fragt nach Geldgebern und Urhebern. In der SZ war neulich ein Artikel, der im Bereich des Lebensmittelmarketings solche „Studien“ betrachtete.

Da wurde dann beispielsweise behauptet, dass Kaffee gesund sei – obwohl diese „Studie“ von einem Unterverband der Kaffeeindustrie bezahlt wurde. Auch der landläufig kolportierte Spruch, dass das tägliche Glas Rotwein am Abend „gesund“ sei, ist durch rein gar nichts belegt. Man stützt sich mehr oder weniger auf das Verhalten in südlichen Ländern, in denen der abendliche Rotweingenuss häufig ist und mutmasst aus der niedrigeren Quote von Herz- und Kreislauferkrankungen dort, dass dies mit dem Rotwein zu tun habe.

Häufig werden in diesen „Studien“ mit einer viel zu kleinen Anzahl von Probanden gearbeitet oder von Zell- oder Tierexperimenten einfach auf den Menschen geschlossen.

Die „Geschlechterforschung“ ist seit mindestens 40 Jahren nicht nur ein wissenschaftlicher Zweig der Biologie, sondern vor allem gesellschaftlich und politisch besetzt. Hier wird nach wie vor jedes Wort auf die Gleichheitsgoldwaage gelegt – und wehe, es entspricht nicht dem Mainstream. Insofern hat der obige Kommentator recht.

Pseuspektive 05/12/2007 04:13:48 PM

Dem stimme ich zu, Herr Keuschnig. Fragen Sie mal, wer die Urheber der PISA-Studien sind; wie die Statistik aufgebaut ist. Jedoch, das ist ein anderes Thema.
Genderforschung, wie jede Forschung unterliegt einem jeweiligen Zeitgeist und ist tendenziös.

Ich kann mich nicht auf eine Faktendiskussion einlassen, da ich zu wenig bewandert darin bin.
Was Sie zu den Geschlechterunterschieden bei der Berufswahl anmerken, bes. Ingenieure, so ist meines Wissens der Anteil der weiblichen Ingenieure in Ostdeutschland, besonders zu Zeiten der DDR, wesentlich höher als im Westen. Also hat die Wahl nicht nur mit dem Hirn zu tun. Auch mit einem was auch immer von Außeneinflüssen geprägtem Einfluss.
Spontan, beim Lesen, erinnerte ich mich, dass ich an der Uni in der Genderfoschung lernte, dass bspw. Männer und Frauen ähnlich aggressiv sind. Von wegen, Frauen seien weniger aggressiv. Sie sind es lediglich anders. Nur, wie schaftt man objektive Messkrieterien? Wie objektiv sind sie?
Persönlich erinnere ich mich, dass ich seinerzeit bei einer Testbatterie sprachlich wie auch beim räumlichen Vorstellungsvermögen doch zu meiner Zufriedenheit abschnitt. Ausgewogen. Auch rückwärts einparken konnte ich. Erst seitdem ich ein Kind geboren habe, hapert es damit. Sollte mir das zu denken geben?

Köppnick 05/12/2007 05:27:16 PM

Eine geschlechtstypische Aufteilung der Berufe war auch in der DDR der Regelfall. Ich habe von 1983 bis 1988 an einer Technischen Hochschule studiert, der Anteil der Frauen lag unter 10%. Andererseits kenne ich Männer, die Pädagogik studiert haben, in ihren Seminargruppen meist der einzige Junge oder einer von ganz wenigen waren, und von den Studentinnen regelrecht belagert wurden. Um das Geschlechterverhältnis etwas auszugleichen, hatte unsere Parallelseminargruppe (ca. 20 Jungs, zwei Mädchen) einen Partnerschaftsseminargruppe von Schwesternschülerinnen in einer Stadt, die ca. 50km entfernt von unserer lag.

Wenn es einen höheren Anteil Ingenieurinnen gegeben haben soll, dann lag es meiner Meinung nach nicht an dem Wunsch der Mädchen danach, sondern an der sogenannten „Studienlenkung“. Es gab etwa genauso viele Studienplätze wie Abiturienten, d.h. praktisch einen Numerus clausus für alle Studienfächer. In meiner Klasse war zum Beispiel ein Mädchen, die Jura studieren wollte und zum Bauingenieur verdonnert wurde. Ich kenne nur einen einzigen Fall, wo ein Mädchen nicht sofort nach der Schule ein Studium begann – also der heute häufige Fall, wegen dem NC mehrere Jahre auf einer Warteliste zu stehen, den gab es (zumindest offiziell) überhaupt nicht. Für die Mädchen begann das Studium sofort nach der Schule, bei den Jungs war meistens zuerst noch der Wehrdienst abzuleisten, aber dann ging es sofort los.

Was definitiv besser funktionierte in der DDR, war die Vereinbarkeit von Kindern mit Studium und Beruf. Unsere Uni hatte sowohl eine Krippe als auch einen Kindergarten. Wenn also Studentinnen während des Studiums ein Kind bekamen (was nicht so selten war), bekamen sie einen Sonderstudienplan und verloren maximal ein Jahr. Das Studium war im Regelfall (etwa 90%) auch nach der festgelegten Jahreszahl zu Ende (an meiner Uni 4,5 bis 5 Jahre je nach Studienfach), einzige Ausnahme: Die bereits erwähnten Kinder während des Studiums.

Dass die Kindergärten vor um 7 früh aufmachten und nach um 6 abends erst zu, war eine absolute Selbstverständlichkeit. Aber auch die Gleichberechtigung in der DDR hatte ihre Grenzen: Dass Männer wegen der Kinder zu Hause geblieben sind (Babyjahr), ist mir nicht bekannt. In Familien mit Kindern hatten es die Frauen definitiv schwerer als ihre Männer.

Köppnick 05/12/2007 05:36:35 PM

@Gregor Es ist doch klar, warum die Genderforschung ein Minenfeld ist. Der rührt aus dem Widerspruch zwischen den (axiomatisch) gleichen Fähigkeiten der Geschlechter und den in der Praxis immer noch unterschiedlichen Chancen. Das kann man fairerweise nicht bestreiten. Die Streitparteien sollten sich vorab auf Folgendes einigen: Es ist im Interesse aller, wenn Frauen wirklich gleiche Chancen in der Gesellschaft eingeräumt werden. Zum Beispiel im Vergleich mit islamistischen Staaten / Gruppen / Ideologien gibt das uns ein Surplus, weil wir mit der doppelten intellektuellen Kapazität auftreten können als diejenigen, die ihre Frauen wie bessere Haustiere halten. Wenn man sich darauf verständigt hat, kann man ganz entspannt darüber forschen, wo Gleichheiten und wo Unterschiede bestehen und was man daraus für Schlussfolgerungen zieht.

Gregor Keuschnig 05/13/2007 11:48:44 AM

Interessant ist, dass in vielen islamischen Ländern (die gelegentlich den Eindruck der „Haustierhaltung“ vermitteln) der Frauenanteil auf den Universitäten höher ist als in westlichen Staaten. Den Einschränkungen, die Frauen dort ausgesetzt sind (bis zur absurden Trennung der Geschlechter in Hörsälen) nehmen diese nicht alle als beseitigungswürdigen Mißstand wahr. Sie setzen schlichtweg andere Prioritäten und widersetzen sich teilweise der westlichen Zwangsbeglückung.

Ich wage einmal die provokative These, dass die Kriterien, die bei uns als unbedingte Gleichheitszeichen dienen, oft genug nur unwichtige Alibis sind. Das beginnt mit der unsäglichen „Innen“-Schreibweise, geht über die Pflicht für getrennte Toiletten bei Firmen von drei Leuten (zwei Männer / eine Frau) und endet dann in der scheinbar progressiven Diskussion um Krippenplätze (unter Ausblendung der Frage, wo denn die Jobs für die Frauen sind, die ihre Kinder in die Krippenplätze geben sollen und ohne jemals zu fragen, warum Arbeitgeber vermehrt an Frauen interessiert sind – und zwar statt Männern [weil sie Frauen schlechter bezahlen!]).

Ob Frauen bei uns unterschiedliche Chancen haben, weiss ich nicht; ich halte es eher für ein Schlagwort. Sie schlagen oft genug unterschiedliche Lebenswege als Männer ein – ob dies jedoch ein Kriterium für unterschiedliche Chancen ist, glaube ich nicht. Die Frage ist, warum soviele Frauen irgendwann dem beruf den Rücken kehren. Dies rührt weniger von mangelnder Chancengleichheit als von sozialen Überlieferungen her, die oft genug immer noch wirksam sind.

Köppnick 05/13/2007 09:07:49 PM

Es ist merkwürdig, aber die genervten Reaktionen auf die Gleichberechtigungsdebatte kenne ich ausschließlich von Westdeutschen – offensichtlich ist die Emanzipationsbewegung ein rein westdeutsches Ereignis gewesen. Wenn ich in meinen eigenen Erinnerungen in die Schulzeit zurückgehe – ich kann mich an keinen einzigen Augenblick erinnern, an dem ich nicht davon ausgegangen bin, dass Frauen nicht sofort nach der Schule oder dem Studium zu arbeiten beginnen und bis zur Rente berufstätig bleiben. Das man (oder besser frau) „Hausfrau“ sein könnte, habe ich erst nach der Wende erfahren. Vor kurzem gab es diese Fernsehserie „Bräuteschule“. War das tatsächlich der Regelfall? Meine Eltern haben sich in dieser Zeit (also etwa 1958) auf der Ingenieurschule kennengelernt und danach auch gleichzeitig und im selben Betrieb zu arbeiten begonnen.

Gregor Keuschnig 05/14/2007 09:49:34 AM

Ich glaube tatsächlich, dass die durch 68 angestossene Gleichberechtigungsdebatte (nebst Feminismus) ein typisch westdeutsches Phänomen war. In der DDR war es wohl viel selbstverständlicher, dass Frauen nach der Geburt von Kindern zügig wieder ins Berufsleben zurückkehren (daher von vielen konservativen Gegnern die „Angst“ vor staatlicher „Indoktrination“ in der aktuellen Krippenplatzdiskussion [wobei ja wohl diese Indoktronation in der DDR nicht so stark nicht gewesen sein kann]). Hier war die DDR eindeutig fortschrittlicher; ob aus Einsicht oder Notwendigkeit weiss ich nicht.

Manchmal werden heute Werbespots für Haushaltsartikel oder anderes aus den 60er Jahren gezeigt, in der das Rollenverhältnis „Frau = Herd“ ohne besondere Scham als quasi selbstverständlich vorausgesetzt wurde. Es ist ein interessantes Phänomen, warum Frauen, die kurz nach dem Krieg entscheidendes geleistet hatten (es herrschte ja „Männermangel“ durch den Krieg), rund 15 Jahre später wieder ins zweite Glied zurückgingen (manche allerdings nicht unbedingt „freiwillig“) – und dieses Rollenverständnis dann ihren Kindern wieder versuchten, weiterzugeben. Letzteres scheiterte dann.

Ich glaube, dass mit der Zeit die Diskussion um Gleichberechtigung ins Skurile abgeglitten ist und missionarische Züge annahm – Stichwort: Frauenquote in Wirtschaft und vor allem Politik. Und es ist schwer verständlich, warum beispielsweise bei den letzten Präsidentenwahlen in Frankreich Ségolène Royal ausgerechnet bei den Frauen nicht die erhoffte (und notwendige) Unterstützung erreichte. Die vielbeschworene Frauensolidarität hat sich auch nach rd. 40 Jahren Feminismus nicht immer durchsetzen können.

„Bräuteschule“ habe ich nicht gesehen (obwohl ich sonst gelegentlich viel Unsinn aus Neugier anschaue). Aber wie bereits oben beschrieben, gab es bis weit in die 60er Jahre hinein in der Bundesrepublik eine sehr patriarchalische Gesellschaftsordnung.

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