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Schach und Computer

Meine erste Turnierpartie habe ich vor 37 Jahren gespielt (und verloren). Damals war an Computer nicht zu denken, man analysierte die Stellungen nach Spielende oder an den Trainingsabenden mit den anderen und dem eigenen Gehirn. Ich spiele immer noch in einem Verein, bin aber nicht mehr so richtig bei der Sache und viel schlechter als zu meinen besten Zeiten. Am Wochenende zum Beispiel ist mir das Folgende passiert:


Mein letzter Zug als Schwarzer war 28… Tc6-f6. Es ist völlig klar, dass Weiß auf die Drohung Tf6xf3+ reagieren muss. Der Computer gibt für Weiß 29.Dd2-f2 an und Weiß kann sich halten. Mein Gegner aber spielte 29.Tc1-e1 und ich schlug auf f3 mit dem Turm, was eine Gewinnstellung für Schwarz ergibt. An den nächsten Zügen hatte der Computer bei beiden Seiten zwar etwas zu meckern, aber die folgende Stellung sollte mit einer Figur mehr für Schwarz immer noch gewonnen sein:


Aber eine Partie ist erst zu Ende, wenn der Gegner Matt gesetzt ist oder aufgibt. Weiß hatte in seinem letzten Zug 37.Te1-f1 gezogen und griff damit f7 an. Ich zog 37…Kh7-g7 und nach 38.Tf1xf7+ konnte ich dem Dauerschach De3-e7+ und De7-d8+ nicht mehr entgehen. Sofort nachdem ich gezogen hatte, war mir das auch klar. Mit 37…Kh7-g8 hingegen gewinnt Schwarz leicht, denn Weiß kann dann den Bf7 nicht mehr mit Schach schlagen. Auf 38.Tf1xf7 schlägt Weiß auf g2 mit dem Turm und tauscht Damen und Türme ab. Der Computer hätte sogar noch stärker 37… Ld7-6 oder Ld7-f5 gezogen. Aber das sind typische Computerzüge, die einer langen Berechnung bedürfen.

Ellenlange Varianten sind eine Spezialität der Computerprogramme, deren Analyse lässt jeden Schachspieler inzwischen als einen Deppen dastehen. Mitte der 80er Jahre begann die Ära des Computerschachs so richtig, als es die ersten Personal Computer gab und Programme dafür entwickelt wurden. Die Programme waren bereits damals so stark wie gute Vereinsspieler, nur die Großmeister waren der Meinung, dass die Blechkisten natürlich niemals so gut wie sie spielen können. Ich habe bereits damals müde über deren Arroganz gelächelt, denn ich kannte ja das Mooresche Gesetz.

Ein Jahrzehnt später trat Kasparov zweimal gegen Deep Blue an. 1996 verlor er eine Partie gegen diesen Supercomputer, ein Jahr später das komplette Revanchematch. 1999 kam es in einem 0815-Turnier zu einem Eklat: Clemens Allwermann, ein Vereinsspieler mit eher durchschnittlicher Spielstärke, landete in einem Turnier mit mehreren Großmeistern ganz vorn. Hier ein Spiegel-Artikel von damals.

Wie der Betrug damals vonstatten ging, wurde niemals abschließend geklärt. Entweder trug Allwermann eine Minikamera, sodass sein Helfer im Hotelzimmer die Stellung auf Allwermanns Brett im Turniersaal sehen konnte, oder dieser übermittelte seine Züge über eine kleine Funktastatur. Den auszuführenden Zug bekam Allwermann vermutlich über einen kleinen Empfänger direkt ins Ohr vorgesagt – er trug stets Krawatte und hatte lange Haare. Wichtig ist hier nur, dass es nur ein paar Jahre gedauert hatte, bis nach dem Mooreschen Gesetz handelsübliche Computer so rechenstark wie frühere Supercomputer waren.

Inzwischen ist wieder ein Jahrzehnt vergangen, und was beim Radsport Epo&Co. sind, das sind im Schach die Smartphones. Diese haben heute die Rechenleistung von PCs der späten 90er Jahre. Der spektakulärste Fall ist die Sperrung des Großmeisters Falko Bindrich wegen Computerbetrugs, hier ein Artikel in der Welt.

Wo stehen die besten PC-Programme jetzt und wie stark sind die besten menschlichen Schachspieler? Ein Vergleich:

Von hier stammt die Computerliste, von hier die der besten Menschen. Die Spielstärken sowohl der Computer als auch der Menschen werden in ELO gemessen. Mit den auf der Wikipedia-Seite angegebenen Formeln kann man ausrechnen, wie ein Wettkampf über 10 Partien zwischen Houdini und Magnus Carlsen ausgehen würde:


Oder in Worten und auf ganze Punkte gerundet: Houdini gegen Carlsen: 8,5 : 1,5. Weil niemand sehen möchte, wie ein Mensch auf intellektuellem Gebiet (*) so deutlich verprügelt wird, gibt es keine solchen Wettkämpfe mehr wie den zwischen Kasparov und Deep Blue im Jahr 1996. Stattdessen gibt es Strafen wegen Smartphone-Doping und das argwöhnische Beobachten der Spieler, wenn sie mal aufs Klo gehen.

(*) Hartnäckig hält sich der Glauben, es gäbe eine Korrelation zwischen Intelligenz und dem Vermögen, gut Schach spielen zu können.

KategorienAlltag, Gesellschaft, Schach Tags:
  1. 2. Februar 2013, 22:17 | #1

    Ist das nicht deprimierend, dass der Mensch nicht mehr gegen die von ihm selber geschaffene Maschine gewinnen kann? – Im Gegensatz zum Fertigungscomputer zum Beispiel bestand ja eigentlich gar kein wirtschaftliches Interesse daran, eine unbesiegbare Schachmaschine zu konstruieren (es sei denn, man nimmt den Schachcomputer als Experimentiermaschine für andere Hochleistungsrechner).

  2. Ananse
    3. Februar 2013, 13:57 | #2

    @Gregor Keuschnig
    Ich finde das nicht deprimierend, wir sollten Maschinen einfach als Erweiterungen unserer eigenen Fähigkeiten betrachten: Maschinen können schneller fahren als wir laufen können, mit ihrer Hilfe können wir fliegen, erstellen genauere Wetterprognosen, konstruieren neue Maschinen, usw.

    Schach ist ein von uns erfundenes Spiel, das in unserem Gehirn auf einer „Hardware“ läuft, die für etwas völlig anderes konstruiert ist. Man kann das Schachspielen können nicht getrennt von unseren sonstigen Eigenschaften betrachten: Wir können viele andere Sachen neben dem Schachspielen auch, u.a. können wir uns reproduzieren und haben die Energieversorgungsmodule ebenfalls integriert.

    Und einer der wesentlichen Unterschiede zu den (heutigen) Maschinen: Wir sind intentional, d.h. wir wollen spielen und gewinnen, und äegern uns, wenn wir verlieren.

  3. Phorkyas
    13. Februar 2013, 14:30 | #3

    Dieser Mensch-Maschine Antagonismus ist ja nicht nur für Hollywood ergiebig. Ich frage mich schon, warum wir Maschinen(logik) mit negativen Konnotationen versehen wie: kalt, unkreativ – während wir uns unser eigenes Denken doch auch wahrscheinlich nicht viel besser als „Symbolmanipulation“ vorstellen können? Und das tut ein Computer oder eine Turingmaschine doch auch. Ich möchte nicht sagen, dass unser Geist nur eine Turingmaschine ist – (nur was ist er sonst?) bzw. was, wenn wir diese Metapher einmal ernst zu nehmen und auszureizen versuchen (ist es nicht auch das, worum es im „Digitalzeitalter“ geht?).

    Als nächstes dürfte wohl das Go-Spiel dran sein, was die Programmierer und Profis herausfordert. Ich bin gespannt, wann das da so weit ist, jetzt sind die Programme ja schon auf 5-6Dan Amateurlevel.

    (Der Hinweis auf die Intentionalität des Gegenübers finde ich sehr gut/interessant: Für das Spielvergnügen ist das auch bei mir wichtig. Ich möchte die Reaktionen des Gegners sehen, oder mich wieder über mein eigenes Spiel aufregen… aber wenn man Dennett folgt so könnte man auch Computern intentionale Zustände zuordnen; wenn er so spielt, dass er einen Angriff abwehrt, sollte man ihn dann nicht so behandeln, als habe er diesen Angriff durchschaut?)

  4. Ananse
    14. Februar 2013, 13:39 | #4

    Phorkyas :

    Ich frage mich schon, warum wir Maschinen(logik) mit negativen Konnotationen versehen wie: kalt, unkreativ – während wir uns unser eigenes Denken doch auch wahrscheinlich nicht viel besser als “Symbolmanipulation” vorstellen können?

    Ich tue das nicht. Heutige Computer haben weder positiv noch negativ konnotierte Emotionen.

    (Der Hinweis auf die Intentionalität des Gegenübers finde ich sehr gut/interessant: Für das Spielvergnügen ist das auch bei mir wichtig. Ich möchte die Reaktionen des Gegners sehen, oder mich wieder über mein eigenes Spiel aufregen… aber wenn man Dennett folgt so könnte man auch Computern intentionale Zustände zuordnen; wenn er so spielt, dass er einen Angriff abwehrt, sollte man ihn dann nicht so behandeln, als habe er diesen Angriff durchschaut?)

    Wenn man „durchschauen“ im Sinne von „berechnen“ verwendet, dann ja. Aber wenn es im Sinne von „Angst haben“ oder „gern siegen wollen“ verwendet wird, dann nicht.

  5. Phorkyas
    15. Februar 2013, 23:09 | #5

    Heutige Computer haben weder positiv noch negativ konnotierte Emotionen.
    Die möchte ich ihnen ja auch nicht zuschreiben. Aber ich finde zumindest die Frage legitim, warum wir das nicht tun, ja warum wir so weit gehen, dem Computer jegliches Denkvermögen abzusprechen: „Der rechnet ja nur.“ bzw. hat auch Ihr „Berechnen“, wenn man z.B. „berechnend“ nimmt möglicherweise schon wieder diese Assoziation der Kälte.

    Wenn wir aber vor so einem Ding sitzen, dann rutschen uns schon solche Bemerkungen, wie das der Computer nicht „wolle“ – auch bei komplexer Software habe ich dergleichen schon gehört: „das Programm möchte, versucht jetzt das und das..“ Es ist vielleicht etwas schwieriger, weil wir dafür im Prinzip kein wesenhaftes Gegenüber, sondern nur ein paar Peripheriegeräge als Schnittstelle haben. (Im Film und Kunst geben wir der Maschine, was am einfachsten ist, antromorphe Form – selbst bei Autos finde ich das frappant: das Design ist, glaube ich, wirklich darauf bedacht ihnen ein Gesicht und auch einen Charakter zu geben!) Bei einem Tier empfinde ich hingegen leicht die Gegenwart eines anderen Wesens und Willen. (Ich würde auch so weit gehen ihnen Empfindungen und Intentionen zuzuschreiben, aber das ist ein anderes Thema.)