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Rolf Dobelli: Die Kunst des klugen Handelns

Aus den beiden Büchern von Rolf Dobelli Die Kunst des klaren Denkens und „Die Kunst des klugen Handelns“ habe ich bereits mehrere Beispiele zitiert, z.B. hier, hier und hier. Im Folgenden noch vier weitere, die mir aus dem Buch über kluges Handeln im Gedächtnis geblieben sind. (Man kann sich darüber streiten, ob „Handeln“ im Buchtitel das richtige Wort gewesen ist, denn einige Abschnitte betreffen weniger Handlungen als vielmehr Denkweisen.)

Das erste Beispiel ist ein statistisches Phänomen, das mich an einen alten Gedanken zur Arbeitsteilung erinnert hat: Arbeitsteilung ist immer vorteilhaft, unabhängig von den Fähigkeiten derjenigen, die verschiedene Aufgaben untereinander aufteilen. Dobelli:

Will-Rogers-Phänomen

Angenommen, Sie sind Fernsehdirektor eines Unternehmens mit zwei Sendern. Kanal A hat hohe Einschaltquoten, Kanal B extrem niedrige. Der Aufsichtsrat fordert Sie auf, die Quote beider Sender zu steigern, und zwar innerhalb eines halben Jahrs. Schaffen Sie es, winkt ein Superbonus. Schaffen Sie es nicht, sind Sie Ihren Job los. Wie gehen Sie vor?

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Ganz einfach: Sie schieben eine Sendung, die die durchschnittliche Einschaltquote des Kanals A bisher leicht heruntergezogen hat, aber immer noch ganz gut läuft, zu Kanal B hinüber. Weil Kanal B miserable Einschaltquoten hat, erhöht die transferierte Sendung dessen Durchschnittsquote. Ohne eine einzige neue Sendung zu konzipieren, haben Sie die Quoten beider Fernsehsender gleichzeitig angehoben und sich damit den Superbonus gesichert.

Diesen Effekt nennt man Stage Migration oder Will-Rogers-Phänomen, benannt nach einem amerikanischen Komiker aus Oklahoma. Dieser soll gewitzelt haben, dass Einwohner von Oklahoma, die Oklahoma verlassen und nach Kalifornien ziehen, den durchschnittlichen IQ beider Bundesstaaten erhöhen. Das Will-Rogers-Phänomen ist nicht intuitiv verständlich. Um es im Gedächtnis zu verankern, muss man es einige Male in verschiedenen Settings durchexerzieren.

Das zweite Beispiel ist aus dem Bereich „Praktische Tipps für das eigene Leben“. Hier passt der Buchtitel recht gut:

Zeigarnik-Effekt

Offene Aufgaben nagen nur so lange an uns, bis wir eine klare Vorstellung haben, wie wir mit ihnen umgehen wollen. Bluma Zeigarnik glaubte irrtümlicherweise, man müsse Aufgaben abschließen, um sie aus dem Kopf zu kriegen. Doch das ist nicht nötig; ein guter Plan genügt. Ein erstaunliches Ergebnis, denn es ist evolutionär nicht nachvollziehbar, dass Pläneschmieder Problem-lösern gleichgestellt sind.

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David Allen ist der Zeitmanagementguru der USA. Sein erklärtes Ziel: ein Kopf so klar wie Wasser. Das bedeutet nicht, dass das ganze Leben aufgeräumt sein muss. Aber es bedeutet, dass man detaillierte Pläne hat, wie man mit den unaufgeräumten Dingen umgeht. Schritt für Schritt. Am besten schriftlich. Erst wenn alles aufgeschrieben und in detaillierte Aufgaben gefasst ist, geben die inneren Stimmen Ruhe. Das Adjektiv »detailliert« ist wichtig. »Geburtstagsparty meiner Frau organisieren« oder »Neuen Job suchen« sind unbrauchbar. David Allen zwingt seine Klienten dazu, solche Aufgaben in 20 bis 50 Einzelschritte herunterzubrechen.

Zum Glück können Sie das selbst, ohne Allen ein teures Beraterhonorar zu zahlen. Wenn Sie das nächste Mal nicht einschlafen können, wissen Sie, warum. Legen Sie einen Notizblock auf Ihr Nachttischchen. Der simple Akt des Niederschreibens lässt die Kakofonie Ihrer inneren Stimmen verstummen.

Eine Ergänzung zu dem Text Visionen vs. Alternativlosigkeit ist ein Beispiel von Dobelli, wie (u.a.) Politiker uns mit angeblicher „Alternativlosigkeit“ manipulieren:

Im Gegensatz zu Warren Buffett sind Politiker ziemlich oft mit Alternativenblindheit geschlagen. Angenommen, die Stadt, in der Sie leben, plant den Bau einer Sportarena auf einem heute unbebauten Stück Land. Die Befürworter argumentieren, dass eine Sportarena der Bevölkerung emotional und finanziell viel mehr bringe als eine leere Wiese. Doch der Vergleich mit der leeren Wiese ist falsch.

Richtigerweise müsste man die Sportarena mit allen anderen Möglichkeiten vergleichen, die durch den Bau der Sportarena an diesem Ort unmöglich werden – zum Beispiel dem Bau einer Schule, eines Krankenhauses, einer Verbrennungsanlage und so weiter – bis hin zum Verkauf der Wiese und der Anlage des Verkaufserlöses an der Börse.

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Und Sie persönlich, sind Sie alternativenblind? Sagen wir, Ihr Arzt entdeckt einen Tumor, der in fünf Jahren zu Ihrem sicheren Tod führt. Er schlägt eine komplizierte Operation vor, die, wenn sie gelingt, den Tumor vollständig entfernt, aber mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 % tödlich verläuft. Wie entscheiden Sie? Sie wägen ab: sicherer Tod in fünf Jahren oder 50 % Todeswahrscheinlichkeit nächste Woche. Alternativenblindheit! Vielleicht gibt es die Variante einer invasiven Operation, die den Tumor zwar nicht vollständig entfernt, aber viel sicherer ist und die Lebenszeit auf zehn Jahre erhöht. Wer weiß, vielleicht kommt in den gewonnenen Jahren eine Therapie auf den Markt, mit der der Tumor risikolos eliminiert werden kann.

Ein weiteres Denkstück von Dobelli spielt mit dem Unterschied zwischen dem Durchschnitt und dem Median einer Menge, obwohl er den Begriff „Median“ nicht explizit erklärt:

Angenommen, Sie sitzen im Bus mit 49 weiteren Personen. Bei der nächsten Haltestelle steigt die schwerste Person Deutschlands ein. Frage: Wie stark verändert sich das Durchschnittsgewicht der Menschen im Bus? Um 4 %? 5 %? – Etwas in dieser Größenordnung. Angenommen, Sie sitzen immer noch im selben Bus, aber jetzt steigt Karl Albrecht ein, der reichste Mann Deutschlands. Wie stark verändert sich das Durchschnittsvermögen der Passagiere? Um 4 %? 5 %? – Weit gefehlt!

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Rechnen wir das zweite Beispiel kurz durch. Nehmen wir an, jede der 50 zufällig ausgewählten Personen hat ein Vermögen von 54.000 Euro. Das entspricht dem statistischen Zentralwert (Median). Nun setzt sich Karl Albrecht mit geschätzten 25 Milliarden Euro hinzu. Das neue Durchschnittsvermögen im Bus schießt auf 500 Millionen hoch, eine Steigerung von einer Million Prozent. Ein einziger Ausreißer verändert das Bild komplett, und der Begriff »Durchschnitt« macht in diesem Fall überhaupt keinen Sinn mehr.

»Überquere nie einen Fluss, der im Durchschnitt einen Meter tief ist«, warnt Nassim Taleb, von dem ich auch die Bus-Beispiele habe. Der Fluss kann über lange Strecken wenige Zentimeter seicht, aber in der Mitte ein reißender Strom von zehn Metern Tiefe sein – in dem man ertrinken würde. Mit Durchschnitten zu rechnen kann gefährlich sein, weil der Durchschnitt die dahinterliegende Verteilung maskiert.

Den letzten Satz hätte ich an Dobellis Stelle anders formuliert oder besser erläutert. In vielen Fällen, in denen mit Durchschnitten gerechnet bzw. argumentiert wird, liegt in guter Näherung eine Normalverteilung vor. Die meisten Werte liegen nahe am Mittelpunkt, sich weiter weg befindliche sind seltener. Zudem ist die Normalverteilung symmetrisch um diesen Mittelwert, es gibt genauso viele kleinere wie größere Werte.

Viele menschliche Eigenschaften sind näherungsweise normalverteilt. Männer sind im Mittel etwa 1,80 m groß mit einer Streuung von vielleicht 20 cm. D.h. die meisten Männer haben eine Körpergröße zwischen 1,60 m und 2 m. Männer, die kleiner als 1,40 m sind oder größer als 2,20 m sind selten. Mit einer Körpergröße von weniger als 1,20 m oder mehr als 2,40 m schafft man es ins Guiness-Buch der Rekorde. Auch für die Berechnung des IQ wird mit einer Normalverteilung gearbeitet. Hier ist das allerdings bereits ein mehr theoretisches Konstrukt, das einiger eher willkürlicher Annahmen bedarf. Aber auch physikalisch messbare Fähigkeiten sind von diesem Typ: Laufen und Springen können, die Zeit beim Lösen von Rechenaufgaben, etc.

Zur Berechnung des Medians müssen alle Werte der Größe nach sortiert werden. Nach dieser Sortierung ist der Wert genau in der Mitte der Median. Für normalverteilte Größen stimmt dieser Median ziemlich gut mit dem Mittelwert überein. Für nicht normalverteilte Größen kann der Mittelwert stark vom Median abweichen. Die Verteilung der Einkommen ist dafür ein charakteristisches Beispiel: Der Median aller Einkommen ist sehr viel kleiner als der Durchschnitt aller Einkommen, weil einige exorbitant hohe Einkommen den Mittelwert nach oben treiben.

In einer Gesellschaft üben Menschen verschiedene Tätigkeiten aus. Die meisten empfinden es als gerecht, dass jemand, der etwas besser kann, mehr Geld für seine Arbeit bekommt. Die Verteilung der Einkommen und Vermögen sollte aus Gerechtigkeitsgründen in etwa die Verteilung der Leistungen widerspiegeln. Bei sonst gleichen Voraussetzungen korrespondieren Leistungen mit Fähigkeiten. Da die Fähigkeiten normalverteilt sind, sollten das auch die Einkommen sein: Nur wenig um einen Mittelwert schwankend. In Dobellis Beispiel mit Herrn Abrecht ist das offensichtlich nicht so. Herr Albrecht hat wahrscheinlich etwas besser gemacht als viele andere Menschen, deshalb hat er mehr Geld verdient als der Durchschnitt. Aber sind seine Leistungen tatsächlich millionenmal besser als die anderer Menschen?

Dobellis Beispiel zeigt ein großes Gerechtigkeitsproblem unserer Gesellschaft auf: Das Einkommen eines Menschen korrespondiert nicht mit seiner Leistung bzw. seinen Fähigkeiten. Der dickste Mann Deutschlands mag dreimal schwerer als der durchschnittliche Mann sein, weil er am Tag etwa dreimal so viel isst wie der Durchschnitt. Karl Albrecht hat nicht millionenmal mehr oder besser gearbeitet als der Durchschnitt.

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