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Rizin, Metadaten und Snowden

5. November 2016

In der amerikanischen Fernsehserie Breaking Bad wird in mehreren Episoden auf Rizin als mögliches tödliches Gift Bezug genommen. Weil mich interessiert hat, was das für ein Stoff ist, habe ich die Wikipedia befragt:

Rizin oder Ricin ist ein äußerst giftiges Protein aus den Samenschalen des Wunderbaums (Ricinus communis) aus der Familie der Wolfsmilchgewächse. …

Gelangt das Gift in den menschlichen Organismus, so bringt es die kontaminierten Zellen zum Absterben. Für eine tödliche Vergiftung eines Menschen genügen (bei oraler Aufnahme) 0,3–20 Milligramm isoliertes Rizin pro Kilogramm Körpergewicht entsprechend etwa acht Samenkörnern, deren Größe und Gehalt jedoch stark schwankt. Bei Kindern kann, je nach Alter und Konstitution, schon ein halbes Samenkorn tödlich wirken. … Bei intravenöser, inhalativer oder subkutaner Aufnahme wirken wesentlich geringere Mengen letal, so bei subkutaner Gabe schon 43 μg/kg Körpergewicht.

Wahrscheinlich wird mir in Zukunft beim Anlick einer Flasche Rizinusöl mulmig zumute sein, denn es ist schon ein beunruhigender Gedanke, dass einzig und allein die Temperatur bei der Extraktion der Pflanzeninhaltsstoffe darüber entscheidet, ob eine vergleichweise harmlose Substanz oder ein äußerst wirksames Gift entsteht.

Rizin kann man auch auf synthetischem Weg in großen Mengen gewinnen, deshalb wird es in der Kriegswaffenliste des Kriegswaffenkontrollgesetzes aufgeführt. Vertieft man sich in den Wikipediaartikel, stößt man auf den Fall der amerikanischen Schauspielerin Shannon Guess Richardson. Ob „Breaking Bad“ sie inspiriert hat, weiß ich nicht, aber jedenfalls hat sie im Jahr 2013 versucht, zwei prominente Politiker zu ermorden. Die Fernsehserie lief von 2008 bis 2013.

Shannon Guess Richardson … wurde überregional bekannt, nachdem sie am 20. Mai 2013 mit dem Gift Rizin präparierte Drohbriefe an den US-Präsidenten Barack Obama, den Bürgermeister von New York Michael Bloomberg und einen Aktivisten für schärfere Waffengesetze verschickt hatte. … Nachdem Richardson im Dezember 2013 ein Geständnis abgelegt hatte, wurde sie im Juli 2014 zu 18 Jahren Haft und einer Entschädigungszahlung von 367.222 US-Dollar verurteilt.

Bemerkenswert an dem Artikel über sie ist der zweite Absatz:

Im Rahmen der Ermittlungen gegen Richardson wurde die Existenz des bis dahin geheimen Mail-Isolation-Control-and-Tracking-Programms bekannt, bei dem alle vom United States Postal Service transportierten Briefumschläge fotografiert werden.

Über dieses Programm erfährt man, wenn man dem Link folgt:

Mail Isolation Control and Tracking (MICT), sinngemäß übersetzt etwa Isolierung, Kontrolle und Nachverfolgung von Postsendungen, ist ein vormals geheimes Programm zur Massenüberwachung, das durch den United States Postal Service (USPS) durchgeführt wird. Dabei werden alle Briefumschläge, die von USPS verarbeitet werden, fotografiert – im Jahr 2012 waren dies etwa 160 Milliarden – und mittels Texterkennung (OCR) in Klarschrift überführt. Auf Nachfrage der Strafverfolgungsbehörden kann so die postalische Korrespondenz nachträglich verfolgt werden. MICT wurde nach den Anthrax-Anschlägen 2001 eingeführt, die fünf Menschen – inklusive zweier Mitarbeiter von USPS – töteten.

Heutzutage werden die Briefe nicht mehr per Hand sortiert, sondern die Umschläge gescannt und daraus die Adressen automatisch ermittelt. Danach weiß die Sortiermaschine, wohin die entsprechende Sendung gehen soll. Viele Privatleute werden auf das Kuvert ihren Absender schreiben, damit sie bei irgendwelchen Problemen ihren Brief zurückerhalten und es nochmals probieren können. Wie gut das funktioniert, davon kann man sich selbst überzeugen, indem man einen Brief mit zu wenig Briefmarken versieht. Man erhält den Brief dann zurück – selbstverständlich mit sauber abgestempelten Briefmarken! Um eine Unterfrankierung festzustellen, müssen die Briefe, Pakete und Päckchen auch gewogen werden. Ein Brief, der vier Din-A4-Blättern enthält, wiegt z.B. zwischen 18 und 20 Gramm und ist mit 70 Cent gerade noch so im Limit.

Dieses Scannen der Briefe geschieht auch in Deutschland, wie in dem Artikel über das MICT ganz am Ende in einem Satz erwähnt wird:

Auch die Deutsche Post fotografiert die Adressen aller Postsendungen. Dies geschehe – so das Unternehmen gegenüber der Welt am Sonntag – für interne Zwecke, wie die Sicherstellung einer korrekten Zustellung. Darüber hinaus gäbe es längerfristige Pilotprojekte, in denen den US-amerikanischen Behörden entsprechende Daten von Geschäftskunden zur Verfügung gestellt würden. Ziel sei eine zukünftige Vereinfachung der Zollabfertigung.

Ich erinnere mich noch an die Diskussionen und den Streit um den Datenschutz bezüglich der Metadaten für die Telekommunikation. Für Brief- und Paketsendungen fallen diese Metadaten also offensichtlich auch an: In den Computern der Deutschen Post liegen die Informationen vor, wer an wen wann einen Brief, Päckchen oder Paket schickt. Nur ein Beispiel der Verwendung: Der Absender sei eine Bank, der Empfänger eine Privatperson und das Gewicht des Briefs 30 Gramm. Wer nur auf die Metadaten der Post Zugang hat, weiß bereits ohne den Brief zu öffnen, dass der Betreffende ein Konto bei dieser Bank hat und es häufig nutzt, denn der Brief enthält wahrscheinlich einen ziemlich umfangreichen Kontoauszug.

Mitte der Woche habe ich den Film Snowden von Oliver Stone gesehen. Er hat mir noch einmal vor Augen geführt, welches Ausmaß an Überwachung heute bereits möglich ist – und die Möglichkeiten werden noch weiter zunehmen. Man kann die Geheimdienste nicht pauschal verurteilen, denn sie leisten in unserem Interesse und Auftrag eine wichtige Arbeit. Im Film wird u.a. gezeigt, wie mit Hilfe von Snowdens Arbeit Angriffe chinesischer Hacker abgewehrt werden, russischer sicher auch, und die meisten von ihnen werden im Auftrag ihrer Regierungen handeln. Es tobt ein unsichtbarer Kampf zwischen den Ländern und mit Terroristen.

Mit den Geheimdiensten ist es wie mit den Regierungen und Parlamenten, die sie kontrollieren sollen: Sie arbeiten in unserem Auftrag und sie werden von uns bezahlt – wir sind nicht deren Untertanen, sondern das Volk ist der Souverän! Aber wie beaufsichtigt man sie und verhindert den Missbrauch – wenn die Arbeit der Geheimdienste naturgemäß im Dunkeln bleiben muss?

Snowden sitzt ausgerechnet in Russland fest, einem Land, das in Bezug auf Demokratie und Menschenrechte weit größere Defizite als die Vereinigten Staaten hat, er könnte ebenso nach China geflüchtet sein. Die USA haben einen der besten Informatiker verloren, weil sie sich das Versagen der Kontrolle über ihre eigenen Geheimdienste nicht eingestehen wollen.

Am Ende des Spielfilms wird der „echte“ Edward Snowden gezeigt, in einem kurzen Einspieler sieht man auch Barack Obama, der die Auslieferung des „Hackers“ von Russland fordert. Und in einem kurzen Zitat kommt auch Donald Trump zu Wort. Er fordert entweder, so genau erinnere ich mich nicht mehr, die Entführung Snowdens aus Russland mittels amerikanischer Spezialkräfte oder dessen Hinrichtung. Es fehlt nur ein Verweis auf Hillary Clinton, deren Umgang mit ihren privaten und dienstlichen Mails während ihrer Zeit als Außenministerin in Hinblick auf die Möglichkeiten der Geheimdienste ein absoluter Witz ist.

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  1. Phorkyas
    10. Januar 2017, 11:11 | #1

    „Snowden sitzt ausgerechnet in Russland fest, einem Land, das in Bezug auf Demokratie und Menschenrechte weit größere Defizite als die Vereinigten Staaten hat“
    Nach dem Lesen von Culture & Empire von Pieter Hientjens und einigen Kapiteln von Chomskys „Wer beherrscht die Welt?“ bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob ich diesen bisher offensichtlichen Satz noch unterschreiben würde….

  2. Phorkyas
    10. Januar 2017, 11:17 | #2

    (Ergänzung zu den e-mails: in Culture & Empire – https://www.gitbook.com/book/hintjens/culture-empire/details – wird erwähnt, dass Bush II einen ähnlichen e-mail Skandal hatte, den ich damals gar nicht wahrgenommen habe. – Die haben wohl fast ihre komplette Korrespondenz, 20 Mil. e-mails oder so einfach privat gehostet und dann gelöscht und es ist nie jemand dafür belangt worden; alle Spuren beseitigt. Scheint also durchaus Mode zu sein, da private Server zu verwenden.)

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