Home > Frauen, Gesellschaft > Rückkehr des Patriarchats – Lösung unserer demografischen Probleme?

Rückkehr des Patriarchats – Lösung unserer demografischen Probleme?

Nachdem auch in der großen Politik nicht mehr verschwiegen werden kann, dass unser Rentensystem in ernsthaften Schwierigkeiten steckt, weil die Zahl der Rentenempfänger ständig steigt, die der Beitragszahler hingegen sinkt, ist eine heftige Debatte über Lösungsmöglichkeiten entbrannt. Im Spiegel 18/2006 vom 29.4. kam dazu in einem Interview Philip Longman zu Wort (siehe online den Artikel „Die gehen Elche jagen”), ein Amerikaner, den Spiegel Online einen Tag zuvor im Kommentar „Da staunt die Feministin!” über Eva Hermans Cicero-Artikel wie folgt charakterisiert hatte:

Fellow des Neocon-Think-Tanks „New America Foundation”, der seinem Buch über den Bevölkerungsrückgang in westlichen Gesellschaften „The Empty Cradle” einen auch hierzulande in einschlägigen Kreisen andächtig zitierten Aufsatz folgen ließ, in dem er die Rückkehr des Patriarchats voraussagte. Außerdem machte er zwei Ursachen der aktuellen Weltmisere aus: alleinerziehende Frauen und die Säkularisierung. Zu beheben sei das Dilemma nur, wenn sich der Westen wieder auf eheliche und religiöse Werte besinnen würde.


Im Spiegelinterview sagte er unter anderem:

[Das Patriarchat] hat sich bewährt. [Es] ist ein Selbstverteidigungsmechanismus der Gesellschaft, der in der Geschichte immer wiederkehrt. Es ist ein konservatives Familienmodell, das besonders für diese Zeiten geeignet ist, in denen der Wohlfahrtsstaat zusammenbricht.

… denn für die Männer ist das Patriarchat nicht besonders attraktiv. Es bedeutet hohe Verantwortung und wenig Abwechslung. Man ist für den Unterhalt einer ganzen Familie zuständig und verpflichtet sich, ein Leben lang mit einer Frau zusammenzuleben.

Die meisten Frauen genießen ihre Mutterschaft und finden es auch vorteilhaft, nicht nebenbei noch in die Fabrik zu gehen. Und weil wir immer älter werden, wird auch das Leben der Frauen nach den Kindern immer länger. Sie können noch mal eine berufliche Karriere beginnen oder das tun, was die Viktorianer eine gemeinnützige Laufbahn nannten.

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Frauen eine sehr große gesellschaftliche Rolle spielen, gerade dort, wo es die größten Defizite gibt, im Sozialwesen. Statt in irgendwelchen Werbeagenturen zu arbeiten, könnten sie helfen, Slums aufzuräumen, Kneipen zu schließen, Kindergärten aufzubauen, Schulen zu verbessern oder andere Sachen, die kluge, engagierte Frauen damals im viktorianischen Zeitalter unternommen haben.

In dem gesamten, dem Interview zugrundeliegenden Denkmodell gibt es meiner Meinung nach mehrere Denkfehler:

  • Warum muss der Sozialstaat zusammenbrechen, obwohl doch weltweit die Wirtschaft und die Produktivität immer weiter wächst? Mit jedem Jahr steigen die Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung, geändert hat sich im Vergleich zu früher lediglich die Verteilung des Produzierten, sollte man nicht besser dort ansetzen?
  • Mit welcher Berechtigung wird dem Begriff ‚Patriarchat‘ die negative Konnotation genommen, zweifellos wurde doch damit bisher die praktische Ungleichstellung der Geschlechter bezeichnet?
  • Warum sollen Frauen diese neue (alte) Rollenverteilung akzeptieren, wenn es ihnen eine zweitrangige Stellung in der Gesellschaft bringen wird? Warum sollen Männer sie anstreben, wenn selbst Logman die fehlende Attraktivität auch für Männer einräumt?
  • Wieso übersieht er völlig, dass bei einem Zusammentreffen von archaischen Vielkinder- mit modernen Wenigkindergesellschaften sich immer die Wenigkindergesellschaften durchgesetzt und assimilierte Immigranten binnen ein oder zwei Generationen ebenfalls weniger Kinder bekommen haben?

Ich selbst komme beim Nachdenken über die Frage „Warum haben ‚moderne‘ Gesellschaften zu wenige Kinder, um sich selbst zu reproduzieren?” zu einer vollkommen anderen Schlussfolgerung als Longman:

Die Populationsdichte einer Spezies hängt von den Lebensbedingungen in ihrem Biotop ab. Im Unterschied zu allen anderen Arten auf unserem Planeten gestalten wir unsere Lebensbedingungen weitgehend selbst. Wenn die Menschen in ihrer Gesamtheit weniger Kinder haben, als es zur Erhaltung der Art notwendig ist, dann haben sie sich selbst Lebensbedingungen geschaffen, die sie (u.U. instinktiv, unbewusst) als nicht lebenswert ansehen. Wir müssen also die Lösung nicht in vergangenen Zeiten suchen (Renaissance ehelicher oder religiöser Werte), sondern wir müssen in der Gesellschaft die Probleme lösen, die sie für uns lebensunwert machen.

KategorienFrauen, Gesellschaft Tags: ,
  1. Bisher keine Kommentare
  1. Bisher keine Trackbacks