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Ray Kurzweil

Vor etwa zwei Wochen kam ich in einem Gespräch mit einem Kollegen auf das Thema Immortalismus. Interessanterweise gibt es dazu in der deutschsprachigen Wikipedia keinen Eintrag. Ich empfahl meinem Bekannten, einmal nach „Ray Kurzweil“ zu suchen, der zugleich Propagandist des Transhumanismus ist. Nach unserem spontanen Gespräch hatte ich dann das Bedürfnis, meine eigenen Erinnerungen über Ray Kurzweil aufzufrischen. Weil das Bild in der Wikipedia bereits 9 Jahre alt war, habe ich nach einem aktuelleren gesucht. 2008 ist das folgende entstanden:

Wie alt würde man Kurzweil anhand dieses Bildes schätzen? Wenn das Bild 2008 entstanden ist, dann ist er darauf im Alter von 60 zu sehen. Woran ich mich im Gespräch mit meinem Kollegen noch erinnern konnte, ist, dass Kurzweil jeden Tag ungefähr 100 Tabletten zu sich nimmt, um möglichst alt zu werden. Da hatte ich mich aber geirrt. Kurzweil schluckt jeden Tag zwischen 180 und 210 Tabletten, wie man in dem Artikel, aus dem ich das Bild kopiert habe, entnehmen kann. Auch das Bild mit den Tablettenbehältern für vormittags, nachmittags und abends habe ich von dort:

Diesem Artikel und vielen anderen über Kurzweil, Immortalismus und Transhumanismus kann man entnehmen, dass Kurzweil den Weg zum endgültigen Sieg über den Tod und das Erreichen der Unsterblichkeit in drei Etappen einteilt. In der ersten Etappe sollen Menschen durch optimale Ernährung und Gesundheitsfürsorge ihr genetisches Potential voll ausschöpfen. Man sollte so etwa 125 Jahre alt werden können. In der zweiten Etappe sollen Nanosonden in unseren Körpern die fehlerhaften Teile finden, reparieren oder austauschen oder fehlerhafte Organe durch künstliche ersetzt werden. Damit würden unsere Körper quasi unsterblich, wären aber natürlich noch der Gefahr von Unfällen und ähnlichem ausgesetzt. Wenn man heutige Statistiken zugrunde legt, betrüge eine durchschnittliche Lebenserwartung dann etwa ein- bis zweitausend Jahre. Die dritte Etappe wird laut Kurzweil und anderen erreicht, wenn nach dem Erreichen der technologischen Singularität ein Upload das Bewusstseins in einen (oder den?) Supercomputer (die Cloud?) möglich ist.

Zu jeder der drei Etappen kann man Zweifel anmelden. Eine absolute, genetisch determinierte Obergrenze menschlichen Lebens könnte es geben. Die durchschnittliche Lebenserwartung hat sich in den letzten ein bis zwei Jahrhunderten etwa verdoppelt, von 40 auf etwa 80 Jahre. Die ältesten Menschen sind aber nicht älter geworden. Alte Quellen berichten auch aus früheren Zeiten, dass einige wenige über 120 Jahre alt geworden sind, die 130 hat aber noch niemand erreicht.

Rätselhaft allerdings bleibt, warum die Natur einen solchen Schalter eingebaut haben sollte!? Der Einfluss der Evolution auf das Genom sollte nach der Produktion der Nachkommen nahezu erlöschen, denn wie sollten genetische Veränderungen, die einen statt 70 130 oder gar 200 Jahre alt werden lassen, noch an die Nachkommen weitergegeben werden können? Ganz stimmt das natürlich nicht, denn die Existenz von Großeltern oder Urgroßeltern kann für die Nachkommen einen Überlebensvorteil darstellen – wenn mehr Erwachsene für den Schutz und die Pflege der Kinder zur Verfügung stehen. Mein Zweifel an Kurzweils These hier ist, dass ich nicht glaube, dass das genetische Maximalalter für alle Menschen bei etwa 125 liegen soll und es nicht kurzlebige Gruppen mit vielleicht 90 Jahren Maximum und langlebige mit 150 geben kann.

Auch die zweite Etappe sehe ich skeptisch. Die ersten Versuche, mit biotechnischen Methoden „Reparaturen“ vorzunehmen, sind grandios gescheitert. Und sind nicht Asbestfasern genau in derselben Größenordnung, in der potentielle Nanoroboter im Körper sein würden?

Die dritte Etappe, technologische Singularität und Upload liegen in noch fernerer Zukunft. Ich halte den Vergleich der Rechenkapazitäten von Computern und deren Entwicklung mit der Leistungsfähigkeit des Gehirns für sehr gewagt. Meiner Meinung nach hat menschliches Bewusstsein – abgesehen davon, dass wir immer noch nicht wissen, wie es entsteht – gegenüber Computern zwei Besonderheiten: Erstens sind alle Teile des Gehirns unterschiedlich, es ist nicht die reine Verabeitungsleistung, sondern die komplexe Struktur, die es ausmacht.

Zweites ist das Bewusstsein „verkörpert“ und „sozialisiert“. Die Verkörperung äußert sich darin, dass der Körper für die Funktion des Gehirns wesentlich ist. Im Körper produzierte Hormone beeinflussen das Gehirn und umgekehrt auch. Sprache sind nicht bloß gedachte oder gesprochene Wörter, sondern sie äußert sich auch oder manchmal ausschließlich in Bewegungen. Und was die Sozialisierung betrifft: Menschen, die den körperlichen und direkten sozialen Kontakt zu anderen Personen verlieren, weil sie sich nur noch in virtuellen Räumen bewegen (also quasi schon teilweise „hochgeladen“ worden sind), haben manchmal hochgradig gestörte Persönlichkeitseigenschaften. Wenn es technisch möglich wäre, Teile des Bewusstseins „hochzuladen“, wären es danach nicht mehr die Personen selbst, sondern irgend etwas anderes.

Interessant an Ray Kurzweil, dass er nicht irgendein Spinner ist. Er war in seinem Leben auf einigen Gebieten bereits sehr erfolgreich. In der Wikipedia wird das so zusammengefasst: „Er ist Pionier der optischen Texterkennung (OCR), Sprachsynthese (computervorgelesene Texte), Spracherkennung, Flachbettscannertechnologie und im Bereich elektronischer Musikinstrumente, insbesondere der Keyboards.“ Tasächlich merkte mein Kollege beim Thema „Kurzweil“ auf, weil er sich an die Firma Kurzweil Music Systems erinnerte.

Derzeit arbeitet Ray Kurzweil als Leiter der technischen Entwicklung bei Google. (Irgendwie passen Kurzweil und Google in ihren Visionen gut zusammen, denn auch Google möchte alles von jedem Menschen „uploaden“ und in der Cloud gespeichert sehen.) Kurzweil sagt die zweite Etappe, den Ersatz biologischer Organe oder deren Reparatur, für die frühen 30er Jahre des 21. Jahrhunderts voraus. Seine Lebensweise mit den 200 Tabletten täglich soll ihn bis dahin am Leben erhalten. Da man schnell den Überblick über so viele Pillen verlieren kann, hat er extra für das Bereitstellen jemanden eingestellt:

Kurzweil does not believe in half measures. He takes 180 to 210 vitamin and mineral supplements a day, so many that he doesn’t have time to organize them all himself. So he’s hired a pill wrangler, who takes them out of their bottles and sorts them into daily doses, which he carries everywhere in plastic bags. Kurzweil also spends one day a week at a medical clinic, receiving intravenous longevity treatments. The reason for his focus on optimal health should be obvious: If the singularity is going to render humans immortal by the middle of this century, it would be a shame to die in the interim. To perish of a heart attack just before the singularity occurred would not only be sad for all the ordinary reasons, it would also be tragically bad luck, like being the last soldier shot down on the Western Front moments before the armistice was proclaimed.

Mit einigen seiner Prognosen hat Kurzweil in der Vergangenheit Recht gehabt. Ob das auch dieses Mal so sein wird? Wenn er richtig liegt hat, dann können wir uns vielleicht mit ihm darüber freuen. Wenn nicht, dann ist es wahrscheinlich auch egal.

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