Home > Fiktion, Rezensionen, Visionen > Ray Bradbury: Die Mars-Chroniken

Ray Bradbury: Die Mars-Chroniken

Das bekannteste Werk von Ray Bradbury ist sicher Fahrenheit 451, eine Dystopie auf eine Zukunft, in der der Besitz von Büchern streng verboten ist, weil vermeintlich das mit dem Lesen verbundene Denken die Menschen in der Vergangenheit in den Abgrund getrieben hat. Die Mars-Chroniken sind etwas früher erschienen, aber es ist auch dort eine nicht wünschenswerte Zukunft, die der Autor skizziert: In der Mitte des 21. Jahrhunderts erreichen erst ein, zwei und schließlich sehr viele Raumschiffe den Mars, der bereits seit langem von telepathisch begabten Marsianern besiedelt ist. Diese werden aber im Verlauf der menschlichen Kolonialisation immer weiter verdrängt und spielen letztlich nur noch eine Nebenrolle im Buch.

Das Buch ist 1950 geschrieben worden, die darin enthaltenen und lose miteinander verknüpften Geschichten beschreiben Ereignisse in den Jahren 2030 bis 2057. Ich habe früher sehr viel ScienceFiction gelesen, in den letzten Jahren eher weniger. Wenn ich heute SF-Bücher von damals in die Hand nehme, dann sind tatsächlich nur noch die interessant, in denen weniger konkrete technische Geräte und Erfindungen, als vielmehr komplexe menschliche Beziehungen und Auseinandersetzungen beschrieben werden. Das Futuristische spielt nur eine Rolle, um die Geschehnisse aus dem Hier und Jetzt in eine fremde Umgebung und andere Zeit zu platzieren. Bradburys Buch ist dafür ein charakteristisches Beispiel. Man nehme z.B. den folgenden Absatz:

Auch auf dem Mars war der Mensch zu sehr Mensch geworden und nicht genug Tier. Und die Menschen vom Mars erkannten, dass sie, wenn sie überleben wollten, jene eine Frage nicht mehr stellen durften: Warum leben wir? Das Leben war seine eigene Antwort. Leben hieß, weiteres Leben hervorzubringen und ein möglichst gutes Leben zu leben. Die Marsianer erkannten, dass sie sich die Frage Warum leben wir überhaupt? vor allem in einer Periode des Krieges und der Verzweiflung stellten – zu einer Zeit, da es keine Antwort gab. Aber als die Zivilisation wieder zur Ruhe gekommen und der Krieg beendet war, wurde die Frage auf andere Art sinnlos. Das Leben war jetzt etwas Gutes und machte Diskussionen unnötig.«


Die Besiedlung des Mars durch Menschen von der Erde lässt Bradbury etwa nach demselben Muster ablaufen, wie es vielleicht bei der Besiedlung Amerikas durch die weißen Europäer war. Nach den ersten sehr tatkräftigen Eroberern streben immer mehr Menschen in das vermeintlich gelobte Land, unter ihnen christliche Missionare. Einer von diesen, der auf der Erde wegen seinem überzeugenden Auftreten und religiösen Eifer ausgewählt wurde, predigt:

»Adam allein hat nicht gesündigt. Nimm Eva dazu, und du hast die Versuchung. Nimm einen zweiten Mann dazu, und es besteht die Möglichkeit des Ehebruchs. Sobald man Sex oder mehrere Leute dazunimmt, fügt man auch Sünde hinzu. Wenn die Menschen keine Arme hätten, könnten sie einander nicht mit ihren Händen erwürgen. Die Sünde des Mordes würde es dann nicht geben. Die Arme sind also eine mögliche Quelle neuer Gewalttat. Amöben können nicht sündigen, weil sie sich durch Teilung vermehren. Sie befruchten keine Weibchen und morden einander nicht. Gäbe man den Amöben jedoch Sex, Arme und Beine, so würden auch sie morden und ehebrechen. Sowie man Arme, Beine oder eine Person hinzufügt oder wegnimmt, fügt man auch die Möglichkeit zum Sündigen hinzu oder nimmt sie weg. Was wäre, wenn es auf dem Mars fünf neue Sinne gäbe, andere Organe, unsichtbare Gliedmaßen, die unsere Vorstellungskraft übersteigen – könnten dann nicht fünf neue Sünden existieren?«

Während sich auf dem Mars eine neue Gesellschaft etabliert, in der mehr oder weniger diese kruden Ansichten, sicherlich bereits von der Erde mitgebracht, verbreitet werden, bricht auf der Erde ein globaler (und vermutlich Atom)Krieg aus. Die meisten Siedler kehren daraufhin zur Erde zurück, entweder weil sie sich um die von ihnen zurückgelassenen Angehörigen und Freunde sorgen oder weil sie sich selbst beteiligen wollen. (Das war für mich eine der unlogischen Ideen im Buch.) Am Ende ist die Erde unbewohnbar, aber auch auf dem Mars sind nur noch wenige Menschen zurückgeblieben – oder ganz bewusst erst nach dem Ausbruch des Krieges dorthin geflohen. Ganz am Ende des Buchs äußert einer der Überlebenden, als er ein Dokument ins Feuer wirft:

»Ich verbrenne hier einen Lebensstil, so wie dieser Lebensstil in diesem Augenblick auch auf der Erde von den Flammen ergriffen wird. Verzeiht mir, wenn ich wie die Politiker rede. Immerhin bin ich ein ehemaliger Gouverneur, der wegen seiner Ehrlichkeit gehasst wurde. Das Leben auf der Erde hat zu keinem Zeitpunkt etwas wirklich Gutes bewirkt. Die Wissenschaften eilten uns zu schnell davon, und die Menschen gingen in einem technischen Dschungel verloren wie Kinder, die sich an schönen Dingen freuten, an Apparaten, Hubschraubern, Raketen; sie gewichteten falsch, legten das Hauptaugenmerk auf die Maschinen und nicht auf die Art und Weise, wie diese Maschinen zu bedienen waren. Die Kriege wurden immer größer und haben die Erde schließlich zugrunde gerichtet. … Und davor sind wir geflohen.

Wie eingangs schon erwähnt: Veröffentlicht wurde das Buch 1950, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, mitten im Kalten und mitten in der Vorbereitung eines Atomkriegs auf der einen Seite und naivem Fortschrittsglauben auf der anderen. Ob wir heute schon wesentlich weiter sind, ich wage es zu bezweifeln.

KategorienFiktion, Rezensionen, Visionen Tags:
  1. Bisher keine Kommentare
  1. Bisher keine Trackbacks