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Plädoyer für die Legalisierung des Fehlstarts

Aktuelle hirnphysiologische Erkenntnisse besagen, dass zwischen dem Eintreffen eines Signals an unseren Rezeptoren wie Augen, Ohren oder Haut und der bewußten Wahrnehmung durch unseren Geist etwa eine halbe Sekunde vergeht. Unser Gehirn mogelt aber, indem es die Bewußtseinswerdung entsprechend rückdatiert, sodass für unseren Verstand der Eindruck entsteht, wir würden die angekommenen Signale gleichzeitig mit ihrem Eintreffen verarbeiten. Im Alltag fällt das niemandem auf, weil alle Menschen gleichartig fehlerbehaftet sind und für die unterschiedlichen Verarbeitungszeiten verschiedener Rezeptoren unterschiedlich weit rückdatiert wird.

Beim Abgeben eines Startschusses im Stadion dauert es unter Vernachlässigung der Schalllaufzeit zwischen Startpistole und Ohr des Sportlers demzufolge diese Zeitspanne, bis der Geist des Sportlers weiß, dass der Wettkampf begonnen hat. Die im Sport gültige Regelung für die Feststellung eines Fehlstarts besagt aber:

Als Fehlstart gilt, wenn früher als 0.1 Sekunde nach dem Schuß die Summe der Horizontalkräfte, die auf den Block wirken, 250 Newton übersteigt. Untersuchungen haben ergeben, daß es sehr unwahrscheinlich bzw. ganz auszuschließen ist, daß dies ein Sprinter schafft.

Mit anderen Worten: 0.1 Sekunden nach dem Startschuss darf der Körper des Sportlers beginnen zu laufen, obwohl der Geist des Sportlers davon erst nach 0.5 Sekunden Kenntnis nimmt. Mit welcher Berechtigung wird der ganze Sportler disqualifiziert, obwohl doch der Körper die Pflichtverletzung durchgeführt hat, von der das Bewußtsein erst im Nachhinein erfahren hat?

Auf der anderen Seite ist bekannt, dass die Zeitspanne zwischen der willentlichen Entschlussfassung im Gehirn und der tasächlichen Ausführung der Handlung etwa 0.8 Sekunden beträgt. Deshalb müssen eigentlich alle Sportler disqualifiziert werden, die sich vor Ablauf von knapp einer Sekunde nach dem Startschuss aus den Startblöcken erheben. Zum Beispiel hat ja ein Athlet, der etwa 0.2 Sekunden nach dem Startschuss losläuft, bereits 0.6 Sekunden vor dem Startschuss den Entschluss dazu gefasst. Deshalb haben eigentlich alle Athleten einen Fehlstart verursacht. Derjenige, dem der Fehlstart letztendlich zugeschrieben wird, war nur entschlussfreudiger als seine Kollegen und wird für seine Initiative auch noch bestraft!

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