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Patrick Lee: Die Pfortentrilogie

„Die Pforte“ ist der erste Band einer Trilogie von Patrick Lee, zu der noch die beiden Bücher „Dystopia“ und „Das Labyrinth der Zeit“ gehören. Ein zentrales Thema sind in allen drei Teilen verschiedene Möglichkeiten von Zeitreisen. Diese werden durch „Entitäten“ (Gegenstände) ermöglicht, die aus der „Pforte“, dem Eigang zu einer Art Tunnel, kommen, dessen Ursprung bis zum Ende der Trilogie offen bleibt.

Die erste Entität ist ein Projektor, der eine „Iris“ erzeugt, eine Öffnung. Steigt man durch diese, gelangt man am selben Ort ungefähr 70 Jahre in die Zukunft. „Ungefähr“, weil man in eine andere Jahres- und Tageszeit wechselt. Die Iris ist beidseitig nutzbar, man kann also auch wieder zurückklettern. Der zeitliche Abstand bleibt bei jeder Benutzung stets gleich. Den Projektor kann man mit sich nehmen, das vergrößert natürlich den Handlungsspielraum in der Zukunft. Bei seiner nächsten Benutzung zeigt die Iris dann automatisch in die entgegengesetzte Zeitrichtung, aber genau am Ort der neuen Benutzung.

Die Zukunft, in die man gelangt, ist die logische Fortsetzung der aktuellen Gegenwart. Kommt man mit neuen Erkenntnissen aus der Zukunft in die Gegenwart zurück und ändert diese, dann wird man beim nächsten Besuch der Zukunft eine andere vorfinden. Von diesem Effekt wird im Buch Gebrauch gemacht, die Auseinandersetzungen zwischen den „Guten“ und den „Bösen“, die über einen eigenen Projektor verfügen, werden abwechselnd oder gleichzeitig(!?) in Gegenwart und Zukunft durchgeführt. Da letztlich der „Oberböse“ in der Zukunft getötet wird, kann er seine Arbeit in der Gegenwart nicht mehr fortsetzen und die gezeigte dystopische Zukunft wird es so nicht mehr geben.

Das zweite Tool ist der „Anzapfer“. Mit Hilfe dieses Gerätes kann man Erinnerungen neu durchleben, reist also quasi in die Vergangenheit, denn die Erinnerungen können mit größerer Detailschärfe hervorgerufen werden, als zum ursprünglichen Zeitpunkt. Da man nach dieser Aussage als Leser noch nicht sicher sein könnte, ob hier nur bereits vorhandene Erinnerungen aufgefrischt werden können, wird explizit betont, dass man Modifikationen in der Vergangenheit vornehmen kann, z.B. einen Flug buchen und sich an einen Ort begeben, an dem man niemals gewesen ist. Als besonderes Charakteristikum wird noch genannt, dass jeder Ausflug in die Vergangenheit, unabhängig von dessen Dauer, in der Gegenwart immer nur etwa drei Minuten dauert.

Im Buch wird von dieser Möglichkeit des Anzapfers, umfangreiche Änderungen in der Vergangenheit vorzunehmen – was vielleicht zum Großvaterparadoxon führen würde – kein Gebrauch gemacht, es werden in der Vergangenheit lediglich fehlende Informationen gesammelt, um in der Gegenwart besser handeln zu können.

Am Ende der Trilogie werden die Geheimnisse der Pforte weitgehend aufgelöst. Dort werden typische Paradoxa deutlich, die ein wildes Springen in der Zeit mit sich bringt. Die Pforte erweist sich als ein Eingang zu einem Netz von Wegen über Wurmlöcher, die schon seit langer Zeit existieren und über die die Entitäten verschickt werden.

Der Hauptheld gelangt über die Pforte und das dahinter liegende Wurmloch in die Nähe eines anderen Sterns und in eine fernere Zukunft. Dort befinden sich inzwischen unsterblich gewordene Menschen, die bereits in der Gegenwart auf der Erde gelebt haben. Sie sind noch auf der Erde sehr reich geworden, offenbar auch weil ihre späteren Ichs sie mit Informationen über lukrative Geschäfte versorgt haben. Mit diesem Geld konnten sie die medizinschen Eingriffe zum Erlangen der Unsterblichkeit bezahlen und das Raumschiff bauen, dass sie an diesen anderen Ort gebracht hat und bis in die Zukunft leben lässt. Informationen aus der Zukunft (z.B. die Lottozahlen oder Aktienkurse) zum Reichwerden zu benutzen, ist eine typische Zeitschleife.

Allerdings sind sie mit der Entwicklung der Erde nach ihrem Abflug nicht zufrieden gewesen und haben den Kontakt zur Erde der Vergangenheit über das Wurmlochportal aufgenommen, um ihre eigene Vergangenheit und die Zukunft der Erde zu ändern. Sie planen die Tötung von etwa 20 Millionen Menschen, weil ihnen ihre Computersimulationen gezeigt haben, dass durch die Elimination der bösesten Menschen die Entwicklung der Menschheit, also der verbleibenden vielen Milliarden, enorm profitieren würde.

Aber es gab auf der Erde inzwischen durch die Vorbereitung auf diese geplanten Taten bereits unvorhergesehene Ereignisse, die zur Ermordung der späteren Unsterblichen in der Gegenwart geführt haben, sodass es die nahe Zukunft, in der sie die Erde verlassen werden, so nicht mehr geben kann. In dieser Auflösung der Rätsel der Pforte sind also gleich mehrere Großvaterparadoxa ineinander verschachtelt.

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