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Oswald Levett: Verirrt in den Zeiten

Der Roman von H. G. Wells „Die Zeitmaschine“ ist sicher vielen bekannt, es gibt mehrere Verfilmungen. Ich habe das Buch vor vier Jahren gelesen und die zwei bekanntesten Filme gesehen, den von 1960 und den von 2002. Bei der Verfilmung von 2002 versucht der Hauptheld zunächst erfolglos die Vergangenheit zu ändern, bevor er dann wie im Roman und der ersten Verfilmung in eine ferne Zukunft reist und aus dieser nicht wieder zurückkehrt.

Das Buch hat Wells 1895 geschrieben, ganze zehn Jahre bevor Einstein die Spezielle und zwanzig Jahre bevor er die Allgemeine Relativitätstheorie entwickelt hat. Diese Theorien schließen nicht aus, dass Zeitreisen vielleicht tatsächlich möglich sind.

Im Roman von Oswald Levett wird dasselbe Thema aufgegriffen. Sein 1933 erschienenes Buch ist im Gegensatz zu dem von Wells kaum bekannt. Mein Exemplar ist im Jahr 1985 in der DDR erschienen, laut Wikipedia muss es auch eine Surkamp-Ausgabe aus dem Jahr 1986 geben. Wie in der Verfilmung von Wells‘ Roman aus dem Jahr 2002 verliert ein begabter junger Mann durch einen Unfall seine Freundin. Um dieses Ereignis rückgängig zu machen, baut er eine Zeitmaschine und versucht in die Vergangenheit vor dem tragischen Unfall zu reisen.

Der Roman ist in eine Rahmenhandlung eingebettet, bei der sich ein (Hobby)Forscher im Haus einer älteren Witwe einquartiert, die sich später als die Mutter des verschwundenen Zeitreisenden entpuppt. Diese erzählt von ihrem Sohn:

»Es begann nach dem Tode Agathes. Agathe war seine Braut. Er hing an dem Mädchen mit abgöttischer Liebe; mit aller Glut seines ungestümen Herzens, mit aller Innigkeit seiner reinen Seele. Sie war aber auch ein Engel an Schönheit und Güte. Warten Sie, Sie müssen ihr Bild sehen.« Sie holte aus einer Truhe ein Familienalbum und zeigte mir darin das verblaßte Lichtbild eines etwa achtzehnjährigen Mädchens. Sie war tatsächlich von außerordentlicher Schönheit.

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Aus dem Album wehte es mich an wie Moderduft, und ich fragte beklommen: »So jung und auch schon tot?« Sie antwortete mit einer seltsamen Gegenfrage: »Auch? … Ja, sie ist gestorben, die Arme … verunglückt. Nun, seit Agathes Tode begann die merkwürdige Veränderung im Wesen meines Sohnes. Soweit ich beobachten konnte, beschäftigte er sich all die letzten Jahre immer nur mit ein und derselben Erfindung.


Und mitten im Zimmer da stand eine Maschine, reichlich so groß wie ein Automobil, ein ganzes Wirrsal von Rädern, Rädchen, Sparren, Bolzen und Schrauben. Das zuckte und vibrierte und schillerte und oszillierte, wie wenn tausend böse Geister drinnen stäken; und geheimnisvolle Lichter flammten auf, vielfarbig wie die Augen eines Dämons. An der Maschine nun bosselte und probierte er immer wieder herum, vertauschte, verbesserte, verfolgte ihren Gang wie fasziniert.«

Der Forscher untersucht eine Reihe von Dokumenten aus dem frühen 17. Jahrhundert, der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Der Hauptteil des Romans ist ein „Bericht“ des Zeitreisenden selbst, den der Forscher zufällig in einem verlassenen Kerker findet. Nach diesem Dokument ist der Zeitreisende mit seiner Maschine zwar in der Zeit zurückgereist, aber am selben Ort geblieben, weil sein Elternhaus seit Jahrhunderten im Besitz seiner Familie ist.

Während bei Wells die Kausalität von Zeitreisen kein Problem darstellt, da Veränderungen, die durch die Reise in der Zukunft passieren, keine Auswirkungen auf die Gegenwart haben, muss Levett natürlich dafür eine Lösung finden. Der Autor entscheidet sich für die naheliegenste Version, die ich hier ganz am Schluss meines Textes erwähnt habe:

In der Vergangenheit können nur Veränderungen durchgeführt werden, die zu keinen (wesentlichen) Änderungen der Gegenwart führen bzw. man führt genau die Änderungen durch, die zur aktuellen Gegenwart passen.

Trotz seiner überlegenen technischen Fähigkeiten kann der Zeitreisende also nicht in den Verlauf des Dreißigjährigen Krieges eingreifen und landet schnell als mit dem Teufel im Bund im Kerker, wo er vor seiner Hinrichtung noch den Bericht schreiben kann, den der Forscher zu Beginn des 20. Jahrhunderts findet.

Gegen Ende des Buchs präsentiert der immer noch an der Zeitreise zweifelnde Forscher eine alternative Version der Geschichte:

Diesen rätselhaften Widersprüchen und widerspruchsvollen Rätseln entrinnen wir, wenn wir nach einer anderen Deutung der Handschrift suchen, einer Deutung, welche den Bericht der Handschrift aus dem Bereich der Wirklichkeit verweist.

Freilich — um es vorwegzunehmen — bleibt auch bei dieser Deutung manches unaufgeklärt: der Fundort der Handschrift in dem vermauerten Gefängnistrakt, das Verschwinden der Maschine, das Verschollensein Erasmus‘. Aber all dies sind Tatsachen, die zwar unaufgeklärt, doch nicht unerklärlich sind, für die sich Erklärungen finden lassen, die zwar nicht völlig befriedigen, aber doch nicht den Denkgesetzen widersprechen.

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Die Kerkerzelle im Turme — wo die Handschrift gefunden wurde — war zu Lebzeiten Erasmus Büttgemeisters wohl nicht vom Gerichtsgebäude aus, aber von außen her für jeden halbwegs geübten Kletterer ohne weiteres zugänglich.


Die Maschine war zwar nach der Schätzung von Erasmus‘ Mutter so groß, »daß sie nicht einmal durchs Haustor, geschweige durch die Zimmertüre oder gar durchs Fenster zu schaffen war«. Aber Frau Büttgemeister hatte die Maschine nur in ihrem anfänglichen, unfertigen Zustand gesehen. Späterhin verwehrte ihr Erasmus bekanntlich auch den bloßen Anblick der Maschine, indem er das Schlüsselloch verhängte. Es ist nun durchaus möglich, daß die fertige Maschine weitaus kleinere Dimensionen hatte, und wenn sie eine Art Flugzeug war — im Jahre 1906, als Erasmus verschwand, überflog Bleriot bereits den Ärmelkanal —, so ist es zumindest nicht undenkbar, daß die Maschine durchs Fenster entschwand und Erasmus mit ihr. Und wenn Erasmus mitsamt seiner Maschine fortan verschollen blieb, so teilte er dieses Schicksal mit gar manchem Flieger.

Für eine Deutung, welche die Wahrheit des von mir vorgelegten Berichtes negiert, finden sich Anhaltspunkte genug.

Warum wurde nun H. G. Wells mit seinem Roman weltberühmt, Oswald Levett aber fast vergessen? Außer der Tatsache, dass Wells seinen Roman fast 40 Jahre vorher geschrieben und zum Thema „Zeitmaschine“ eine Marke gesetzt hat, muss man vor allem beachten, dass Oswald Levett ein österreichischer Jude war, der 1942 beim Transport in ein Vernichtungslager umgekommen ist. Das Thema Judentum spielt auch im Buch eine Rolle. Erasmus Büttgemeister, der Zeitreisende, berichtet von seinem Aufenthalt im 17. Jahrhundert, wie er dort Zeuge der Hinrichtung dreier unschuldiger Juden wird. Der Antisemitismus war bereits im Mittelalter sehr weit verbreitet.

Besonders merkwürdig fällt die Begnung des Zeitreisenden mit dem ewigen Juden aus, in dem er genauso wie in sich selbst einen aus der Zeit geworfenen Wanderer zwischen den Welten erkennt. Levett lässt den Forscher Folgendes überlegen:

Denn wenn wir Büttgemeister seine Erfindung glauben — an deren Einzelheiten er sich gar nicht besinnt —, dann müssen wir ihm auch den Ewigen Juden Ahasverus glauben, den er auf das bestimmteste erkennt. Hier kann es sich nicht um eine verwirrende Ähnlichkeit handeln, wie bei Agathe, hier schließt die Handschrift mit vollem Nachdruck jede Täuschung aus. Auch ist die Erscheinung jenes Mannes — dem Erasmus im siebzehnten und im zwanzigsten Jahrhundert begegnet —, sind seine Worte und sein Handeln derart, daß sie folgerichtig nur dem Ewigen Juden zugeschrieben werden können.

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Sowie er von Erasmus‘ Erfindung erfährt, fördert er die stockende Arbeit, betreibt mit fieberhaftem Eifer ihre Vollendung, zu keinem anderen Zweck, als um sich der Wundermaschine zu bemächtigen und sich mit ihrer Hilfe von dem Fluche der Unsterblichkeit zu erlösen. »Ach, wenn ich es erst hätte, dies Ding, dies Unding! Dann fort, fort bis ans Ende aller Zeiten!« Und da er sich von Erasmus um sein Ziel betrogen glaubt, flucht er ihm mit den Worten: »>Ich werde ruhn, doch du wirst gehn.< Das waren auch die Worte eines anderen, der mich verfluchte. So sei verdammt wie ich. So soll dich Gott mit deinem eigenen vermeßnen Werke strafen. Wie ich im Räume friedlos irre, so mögest du dich in der Wüstenei der Zeit verirren, heimatlos und hoffnungslos.«

Diese Worte, die im Munde jedes anderen Menschen irres Gefasel wären, sie gewinnen, von Ahasverus gesprochen, erhabne, furchterregende Bedeutung. Denn tatsächlich — so ist es überliefert — sprach Jesus Christus, als er auf dem Wege nach Golgatha vor dem Hause des Ahasverus ruhen wollte und dieser ihn davontrieb, zu Ahasver: »Ich werde ruhen, du aber sollst gehen, bis ich wiederkomme!«

Wie lösen wir nun jenes zweite Rätsel? Wenn je ein Menschenwerk den Glauben an das Dasein Gottes erschüttern könnte, so wäre es die zeitüberwindende Maschine. Und doch berichtet uns der Schöpfer jenes gottesleugnerischen Werkes ein sichtbares Wunder Gottes!

Eine andere Rezension des Buchs, in der ebenfalls auf den ewigen Juden eingegangen wird, findet man hier. Vielleicht sind es ja diese aus heutiger Sicht sehr fremd anmutenden Bezüge zum Judentum und das unmittelbar folgende furchtbare Jahrzehnt des Zweiten Weltkriegs und der Judenverfolgung, die dieses Buch fast in die Vergessenheit geraten haben lassen!?

KategorienGesellschaft, Religion, Rezensionen Tags:
  1. su
    21. März 2014, 00:03 | #1

    Ich finde eben dieses Buch so fantastisch,weil es so im Irrsinn schwimmt. Man macht sich noch lange nach dem Lesen Gedanken darüber. Komische Gedanken…

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