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Osbamas Bilder

Am Montag vor knapp zwei Wochen kam ein Kollege mit den Worten ins Zimmer: „Hast du schon gehört, Obama wurde getötet!“ Ich wiederholte ungläubig: „Obama wurde getötet?“ Mein Kollege stutzte und korrigierte sich: „Osama. Osama bin Laden.“ In der Nacht vom Sonntag zum Montag waren amerikanische Soldaten mit mehreren Hubschraubern in pakistanisches Gebiet eingedrungen, hatten in einer Stadt ein Haus gestürmt und dort Osama bin Laden erschossen. Die Amerikaner verloren bei der Aktion einen der offenbar völlig neuartigen Hubschrauber, wurden auf dem Rückflug von pakistanischen Abfangjägern gestellt, konnten sich aber rechtzeitig über die Grenze retten.

Mit der offiziellen Begründung, den Märtyrerkult von Osamas Anhängern nicht noch weiter anzuheizen, wurde seine Leiche schnell im Meer versenkt und bis heute keine Bilder von ihm nach der Aktion veröffentlicht. Da unsere Medienwelt aber nach Bildern giert, kursierte danach vor allem ein Bild in verschiedensten Variationen durch das Netz.

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Mehrere Mitglieder der amerikanischen Regierung, darunter Barack Obama und Hillary Clinton, und an der Vorbereitung des Einsatzes beteiligte Militärs verfolgen hier live die Erstürmung des Hauses und die Erschießung Osama bin Ladens.

Die meisten der Kommentatoren aus der ganzen Welt begrüßten die Aktion, aus den USA wurden Fernsehbilder gezeigt, in denen vor dem Kapitol Menschen in Volksfeststimmung zusammen gekommen waren und „U-S-A, U-S-A“ skandierten. Auch Angela Merkel freute sich über den Tod Osamas. Die erste kritische Meinungsäußerung kam am frühen Montag aus dem Vatikan: Der Tod eines Menschen könne niemals ein Grund zu Freude sein. Nachdem sich die erste Überraschung gelegt hatte, wurden andere Aspekte diskutiert: Ist es rechtmäßig, auf dem Territorium anderer Staaten Menschen zu erschießen, die zudem niemals rechtskräftig verurteilt worden sind? Wieso konnte sich Osama so lange in einer Stadt in Pakistan verstecken? Usw.

Mir ist noch ein anderes Detail aufgefallen. In Medienberichten hieß es, dass die Aktion ursprünglich zwei Tage früher, also in der Nacht von Freitag auf Sonntag stattfinden sollte und wegen schlechtem Wetter verschoben wurde.

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An diesem Freitag war in London die Hochzeit von William und Kate, in der Nacht die Hochzeitsparty. Dieser Termin stand sicher schon länger fest als die Erstürmung von Osamas Haus. Was also hat die Planer im Weißen Haus dazu bewogen, genau diesen Tag auszuwählen? Auf dem Fakebild sieht man eines der Blumenmädchen, die man auf den Bildern aus London auf dem Balkon finden kann, auf dem sich die Frischvermählten den Massen gezeigt haben. (Übrigens: Es gibt keine Garantie dafür, dass nicht bereits das „offizielle“ Originalbild nicht manipuliert worden ist, z.B. die schwarzen Bildschirme der Laptops erscheinen unnatürlich.)

Noch ein anderes gefälschtes Bild ist erwähnenswert:

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So wurde das Bild in einer israelischen Zeitung der ultraorthodoxen Religiösen abgedruckt. Hier wurden die beiden Frauen, die auf dem offiziell veröffentlichten Bild zu sehen sind, entfernt, „weil sie die haditischen Männer sexuell erregen könnten“. Das ist eine ähnlich verquere Denkweise, wie sie auch die Islamisten zeigen, wie sie die Bildfälscher Stalins gezeigt haben und wie sie auch in Orwells „1984“ thematisiert wurde – Gedankenpolizei.

Jetzt wurden auch noch auf den erbeuteten Computern aus Osamas Haus Pornofilme gefunden. Jeder wird hier je nach Weltanschauung seine eigene Interpretation haben: Hat sich Osama des Nachts heimlich an den Rechner geschlichen oder zusammen mit seinen Ehefrauen gekuckt oder waren es Lehrfilme, die den Anhängern die Verderbtheit des Westens zeigen, oder haben es die Fahnder selbst auf die Festplatten gespielt?

Aber jedenfalls führt der Querbezug zu Israel zu einer fundamentalen Frage zurück, die beim Kampf gegen den Terror so langsam in Vergessenheit zu geraten droht: Warum werden die Westler und vor allem die Amerikaner im Nahen Osten so gehasst, dass man sogar vor Massenmorden an ihnen nicht zurückschreckt? Man vergleiche das nur mit der Politikmüdigkeit bei uns: Wer Frau, Kinder, Arbeit, Haus und Auto hat und regelmäßig in den Urlaub fahren kann, hat kein Interesse daran, sich für irgendeine Sache in einem fremden Land in die Luft zu sprengen.

Und noch ein weiterer Aspekt scheint mir wichtig: In den USA hat der Wahlkampf begonnen, da zählen große und entschlossene Gesten. (Eine interessante Frage ist, ob die Juroren in Stockholm mit dem heutigen Wissen Obama erneut den Friedensnobelpreis verleihen würden?) In Bezug auf gezeigte Entschlossenheit zeigt das Bild einen entscheidenden Mangel für Hillary Clinton: Warum hält sie sich die Hand vor den Mund, ist sie entsetzt von dem Geschehen, das sie mit ansehen muss und für das sie einen Teil der Verantwortung trägt? Sie selbst dementiert das, es wäre eine Allergie. Einen treffenden Kommentar dazu habe ich von Miriam Meckel gelesen: Angstallergie.

Es muss wohl tatsächlich eine allergische Reaktion gewesen sein, die Hillary Clinton befallen hat. Auf einem der offiziellen Fotos aus dem Situation Room des Weißen Hauses hält sie sich mit aufgerissenen Augen eine Hand vor den Mund, scheinbar erschrocken vor dem, was sie sieht. Was auch immer das war. Es kann gar nichts anderes gewesen sein. Ein Schnupfen, ein Husten, ein Beinbruch wenn notwendig, nur bloß kein Gefühl.

Das Schlimme an diesem nur der Ratio verpflichteten Entwurf politischer Macht liegt nicht nur darin, dass er viele Politiker – Männer wie Frauen – zu Verstellungskünstlern macht. Dass er sie langfristig zu Automaten des Machterhalts degenerieren lässt, die funktionieren – Operation ausgeführt, Ergebnis erzielt. Ihnen ist dann nicht einmal mehr befremdlich, lauthals „Freude“ über den Tod eines Menschen zu bekunden.

Befremdlich an dem Foto sind also nicht die Gefühle, die Hillary Clinton zeigt. Befremdlich sind die Reaktionen darauf. Die der Öffentlichkeit und die von Clinton selbst. „Irgendwie fürchte ich, dass mich mein allergischer Husten gepackt hatte. Den bekomme ich im Frühjahr manchmal. Die Geste hat also nicht so viel zu bedeuten“, sagte sie zur Erklärung des Fotos. Es muss die Angstallergie darauf sein, ein sichtbarer Moment wahren Empfindens könne die eigene Position gefährden.

Man kann es nicht oft genug wiederholen: Außer dem Ende des 2. Weltkriegs gibt es kein einziges Beispiel, wo ein ernsthaftes politisches Problem mit militärischen Mitteln gelöst werden konnte. Und weil das so ist, wird bei solchen Gelegenheiten immer mit dem Kampf gegen Hitler argumentiert, mit keinem anderen Beispiel.

Wenn irgendwann Al Qaida verschwunden sein wird, dann wird das nicht am Erfolg des militärischen Kampfes gegen den Terror gelegen haben, sondern entweder am Beseitigen der Ursachen des Terrors oder am Wechsel der Methoden und Strukturen der Terroristen.

Kommentare

Peter42 05/14/2011 01:34:57 PM

Sehr schnell nach den Anschlägen 2001 wurden Bilder von tanzenden Menschen in Palästina gezeigt, um die minderwertige, perfide Kultur zu demonstrieren. Später stellt sich heraus, dass diese Menschen bezahlte unwissende Statisten waren. Die Bilder vom Times Square zeigen, dass man sich mindestens auf Augenhöhe bewegt. Ich hoffe noch, dass derartige Kulturlosigkeit in Europa so nicht möglich ist. Aus England und Spanien habe ich zumindest solche Reaktionen nicht gesehen.

Anm.: Das manipulierte Bild stammt aus einer chassidischen Zeitung aus Brooklyn, NY. Es war nur die israelische Zeitung Jerusalem Post, die dies veröffentlicht hat.

Köppnick 05/14/2011 01:56:37 PM

Danke für die Korrektur, ich hatte das Bild von hier und nicht genau genug recherchiert.

bl 05/14/2011 06:46:33 PM

„…dass derartige Kulturlosigkeit in Europa so nicht möglich ist…“

„Ich freue mich, dass es gelungen ist, Osama Bin Laden zu töten“ Angela Merkel

Übrigens, Bin Laden starb mit hoher Wahrscheinlichkeit schon 2001. Das ist vielleicht der Grund, warum man ihn als den Bösewicht aller Bösewichter (allerdings nach Hitler) auserwählt hat. Die ganze Geschichte über die Hinrichtung Osamas ist erstunken und erlogen…

Wir sind die Terroristen. Ein simpler „bodycount“ zeigt es überdeutlich…

Köppnick 05/15/2011 09:11:10 AM

@bl
Wenn ObL bereits 2001 gestorben wäre, dann hätten die USA und Al Qaida jetzt nicht unisono seinen Tod bestätigt. Für einen großen Betrug der Öffentlichkeit waren zu viele Leute beteiligt. Und selbst einemVerschwörungstheoretiker müsste einleuchten, dass die USA und Al Qaida unterschiedliche Ziele verfolgen.

Was die unterschiedlich hohe Zahl der Opfer betrifft, da stimme ich zu. Einer der Hauptkritikpunkte am „Kampf gegen den Terror“ ist die Unverhältnismäßigkeit der Opferzahlen. Das gehört für mich zu der Aussage, dass man mit Krieg keine Konflikte löst.

Jalella 05/15/2011 06:18:56 PM

Zunächst mal wie so oft: Danke für den Artikel! Es kann gar nicht oft genug darauf hingewiesen werden, darüber nachzudenken, warum der „Westen“ so gehasst wird. Soweit ich weiß, handelt es sich nicht (ausschließlich) um hirnlosen islamischen Fundamentalismus, sondern es gibt auch handfeste Kritikpunkte, die die z.B. Ausbeutung der islamischen Welt durch den Westen zum Inhalt haben. Wenn „der Westen“ sich da mal an die eigene Nase fassen und nachdenken würde, fände man vielleicht ein paar Anhaltspunkte, wie man das Problem unmilitärisch angehen könnte…

Der erste Gedanke, der mir bei dem Bild aus dem Spiegel-Artikel kam, ist übrigens: „Wer hat da welchen Fotografen in das Zimmer gelassen, um Fotos davon zu schießen, während die US-Regierung dabei zuschaut, wie bin Laden ohne Verhandlung und Verteidigung hingerichtet wird?“. Als Quelle ist Reuters angegeben, aber wer hat fotografiert? Das kann doch kein Journalist gewesen sein, der sofort dabei war. Und damit würde ich mich auch nicht mehr fragen, was der Fotograf damit ausdrücken wollte, dass Frau Clinton gerade in der Pose ist, in der sie zu sehen ist. Jedenfalls sollte man über die Beweggründe von einer anderen Seite her nachdenken, meine ich.

Gregor Keuschnig 05/15/2011 07:35:41 PM

Man sollte unterscheiden, warum viele Muslime den Westen „hassen“ und warum OBL den Westen „gehasst“ hat. Die Differenz könnte m. E. nicht größer sein.

OBL hat mehrfach und immer wieder als einen entscheidenden Movens seiner Aktionen die amerikanischen Truppen in Saudi-Arabien genannt. Dies geschah in Vorbereitung auf die Aktion gegen Saddam Hussein 1991/92, als man ihn aus Kuwait vertreiben wollte. OBL sah hier eine Art Okkupation des Westens und eine Benetzung des Landes der heiligen Stätten durch Ungläubige. Interessanterweise machte er nicht die saudischen Machthaber dafür verantwortlich, denn die USA hatten die Saudis ja nicht besetzt.

Wenn man einige von OBLs Reden untersucht, so stellt man fest, dass er mehr oder weniger auf jegliche Okkupation islamischen Territoriums reagiert hat. Er nimmt immer wieder auf muslimische Minderheiten in anderen Ländern Bezug, bspw. die Uighuren in China. Daher hatte der Westen 2001 mit dem Krieg gegen Afghanistan und 2003 gegen den Irak exakt das gemacht, was ihm und AQ in die Karten gespielt hat.

AQ und OBL sind gerade keine Sozialrevolutionäre, die die „unterdrückten“ arabischen bzw. muslimischen Völker vom bösen Kapitalismus befreien wollen. Das ist ein großes Mißverständnis der Linken des Westens, die ihn für einen muslimischen Che Guevara hält. Nichts könnte falscher sein.

Köppnick 05/15/2011 07:48:59 PM

@Jalella
Den Namen des Fotografen findet man recht schnell, z.B. in der englischen Wikipedia gibt es zu dem Bild schon eine eigene Seite.

@Gregor
Ich habe gerade Andreas Eschbachs Ausgebrannt gelesen. Das ist zwar mehr ein Science Fiction Buch, aber Eschbach beginnt in seinen Büchern immer mit echten Fakten und spinnt sie dann weiter. Insofern denke ich, dass es das Treffen Roosevelts und des damaligen saudischen Königs nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und wenige Wochen vor Roosevelts Tod tatsächlich gegeben hat (oder genauso hätte geben können!?). Das markiert den Beginn des Erdölzeitalters.

Die Amerikaner sind damals zur Schutzmacht des Königshauses geworden und haben im Gegenzug den unbegrenzten Zugriff auf das Erdöl Saudi-Arabiens bekommen. Das hat die paradoxe Situation geschaffen, dass die Araber zwar ihren Reichtum den Petroldollars verdanken, aber trotzdem zutiefst über ihre Abhängigkeit vom und ihre Unterlegenheit gegenüber dem Westen gedemütigt sind. Und dann natürlich Israel und der Nahost-Konflikt, in dem die USA eindeutig Position bezogen haben.

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