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Operation Ewigkeit

Bei einem Artikel mit diesem Titel in „Hohe Luft“ 1/2015 habe ich mich an zwei verblüffende Gegenargumente in einer Diskussion erinnert, wieso wir uns heute eigentlich um die Probleme zukünftiger Generationen scheren sollen:

  1. Es entspricht gewiss mehr unserem Sinn für Gerechtigkeit, wenn wir fordern, dass der Reichere dem Ärmeren etwas abgibt, als wenn der Ärmere zugunsten des Reicheren auf etwas verzichten soll. Nun ist es aber so, dass es in der Tendenz der menschlichen Entwicklung liegt, dass der Reichtum im Laufe der Zeit ständig zunimmt. Die Menschen in der Zukunft sollten also reicher sein und über mehr Mittel und Möglichkeiten als wir verfügen. Warum sollen wir ihnen zuliebe heute auf etwas verzichten?

  2. Wenn wir heute gewaltigen Raubbau an allen Ressourcen betreiben, dann wird es vielleicht in Zukunft keine Menschen mehr auf der Erde geben. Da man einem Nichtexistenten keinen Schaden oder Leid zufügen kann, muss unser heutiges Verhalten keine Rücksicht auf eventuelles menschliches Leben in der Zukunft auf der Erde nehmen.

Es liegt in der Natur dieser Argumente, dass nur eins von beiden überhaupt zutreffen könnte. Entweder es gibt in der Zukunft noch Menschen, die dann reicher sein können als wir, oder es gibt keine mehr. Aber merkwürdig sind beide, denn sie widersprechen unserer Intuition. Genau dieses Thema wird in dem Artikel in „Hohe Luft“ aufgegriffen:

Die Frage, weshalb wir die Natur und die Ressourcen der Welt schützen sollten, erscheint den meisten von uns obsolet. Weil wir es den Generationen nach uns schuldig sind – ist doch klar! Aber warum eigentlich? … Was spricht dagegen, sich frei nach dem Motto »Nach mir die Sintflut« unverantwortlich zu fühlen für das Leben von Menschen, die es noch gar nicht gibt? Erstens übernehmen künftige Generationen auch keine Verantwortung für uns, und zweitens nimmt keine konkrete Person unmittelbaren Schaden an unseren heutigen Handlungen – da sie ja nicht existiert.

Im Artikel wird zunächst auf Kant zurückgegegriffen, man ist für seine Handlungen verantwortlich und man sollte so handeln, dass die eigenen Handlungen als Vorbild für ein allgemeines Gesetz menschlichen Handelns gelten können. Die Verantwortlichkeit für die eigenen Handlungen ist auch die Grundlage unseres Rechtssystems.

Seit dem Jahr 1979, als der Philosoph Hans Jonas (1903-1993) den Entwurf einer »Ethik für die technologische Zivilisation« verfasste, gehört die Frage, wieso nicht nur ökonomische, sondern auch moralische Gründe für eine nachhaltige Lebensweise sprechen, zu den wichtigsten Themen der zeitgenössischen Ethik. Laut Jonas basiert unsere Verantwortung für die Zukunft darauf, dass wir heute zu Handlungen fähig sind, deren Folgen zeitlich und räumlich weiter reichen als bis zu unseren unmittelbaren Mitmenschen…

Wir sollten die Natur als »Gemeineigentum der Menschheit« ansehen: »Sie verhält sich wie ein Kapital, von dessen Zinsen jede Generation leben darf, ohne das Kapital selbst anzutasten«, sagt der Tübinger Philosoph Otfried Hoffe, der aus gerechtigkeitstheoretischer Perspektive argumentiert. Wer sich dennoch etwas vom natürlichen Kapital nimmt, müsse für Ausgleich sorgen und »Gleichwertiges zurückgeben«…

Hans Jonas schlägt einen ökologischen Imperativ vor, an dem sich die moderne Gesellschaft messen sollte: »Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.« Dabei bleiben natürlich immer noch Fragen offen, etwa: Wo hört die individuelle Verantwortung auf? Wie viele Einschränkungen muss der Einzelne für die Zukunft in Kauf nehmen? Aber klar ist auch: Ohne ein Konzept der Zukunftsverantwortung ist dem »Raubbau« an der Natur kein Riegel vorgeschoben…

Doch seit Kant sind die dringenden ethischen Fragen weitaus unübersichtlicher geworden: Soll das Naturschutzgebiet der Fabrik weichen? Das Naturschutzgebiet ist der Lebensraum zahlreicher Arten, die irgendwann verschwinden würden, würde überall gebaut werden. Aber die Fabrik schafft Arbeitsplätze und erhöht so vielleicht die Lebensqualität der Anwohner. Gründe lassen sich für den Erhalt des Naturschutzgebietes genauso finden wie für den Bau der Fabrik. Welcher Anspruch überwiegt nun? Kann ich wollen, dass eines von beiden – Industrie oder Natur – immer vorgeht? Und vor allem: Wer ist verantwortlich, wenn das eine oder das andere durchgesetzt wird?

An solche Probleme denke ich, wenn z.B. über die Chinesen geschimpft wird, wenn sie „Raubbau“ an der Natur verüben und sich weniger als wir um den „Umweltschutz“ scheren. Denn zunächst mal sind ihre heutigen Führer den jetzt gerade lebenden Menschen gegenüber verantwortlich, nicht anders als das auch in Deutschland so ist.

Auch nach diesem Artikel bin ich immer noch nicht überzeugt, dass man logisch oder ethisch begründen kann, warum man die Umwelt so erhalten muss, dass auch zukünftige Generationen gut leben können. Die plausibelste Begründung bleibt für mich die bio-logische: Wir haben ein unmittelbares Interesse an einem guten Leben für unsere Kinder und Enkel, und diese leben bereits. Und zusätzlich gehen wir davon aus – weil das schon immer so gewesen ist – dass diese wiederum dasselbe Interesse für ihre Kinder und Enkel haben werden. Und genau das nimmt uns dann rekursiv in die Pflicht für alle künftigen Generationen.

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