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Obamas Rede in Berlin

Ich habe sie mitgeschnitten. Hintergedanke des Mitschneidens war, sie mit seinen späteren Reden und Handlungen vergleichen zu können.

Es gibt inzwischen eine Menge Analysen der Rede, was er gesagt hat, wie er es tat, und was er nicht gesagt hat. Interessant z.B. die Information, dass die 60 Journalisten auf der Pressetribüne alles Amerikaner waren, kein einziger Europäer. Es befremdet mich immer noch, dass die Amerikaner zwischen Show und Politik nicht unterscheiden, alles ist eins. Und ich hätte bei solcher Information vorab als Zuhörer an der Siegessäule das unangenehme Gefühl gehabt, als Staffage missbraucht zu werden. Merkel, von der ich politisch wenig halte, ist da vollkommen anders. Ihren Vater, in der DDR als Pfarrer Opposition par excellence, hat sie niemals instrumentalisiert, und auch ihr Mann ist in der Öffentlichkeit praktisch nicht präsent.

Vor der Liveübertragung lief ein Bericht, in dem Obama vorgestellt wurde. U.a. war er vor zwei Jahren mehrere Tage in Afrika und hat dort auch seine Großmutter besucht. Für diesen Besuch waren eine oder zwei Stunden vorgesehen, die Presse war immer dabei. Die alte schwarze Frau wurde von ihm an die Brust gedrückt, er redete englisch, sie verstand sicher kein Wort davon und versuchte mühsam zu lächeln.

In dem Vorbericht war auch eine kurze Szene mit seinem Expfarrer und von einem Gottesdienst in dessen Kirche. Die dort gezeigte (schwarze) „Basisemotionalität“ muss man sicher bei allen Obama-Reden subtrahieren, um einen Eindruck vom tatsächlichen Gefühlslevel zu haben. Merkwürdigerweise gefällt gerade diese Leidenschaft uns Europäern so gut, obwohl wir selbst im Vergleich dazu unterkühlt sind. Die amerikanischen Kommentatoren waren denn auch eher belustigt bis befremdet über die deutsche Aufgewühltheit.

Wenn man diese Emotionalität und die Bezüge zu seinem eigenen Leben und zur deutschen Geschichte in seiner Rede abzieht, dann bleibt, dass er ein paar der gravierenden Probleme der heutigen Zeit aufgezählt hat: Atomwaffen, Klimawandel, Aids. Das zeigt wenigstens, dass es auch in den USA noch Leute gibt, die nicht nur den eher weniger wichtigen Terrorismus als globale Gefahr sehen und vielleicht neben den nationalen Schwierigkeiten auch noch an der Lösung dieser globalen Probleme mitarbeiten wollen.

Kommentare

Gregor Keuschnig 07/26/2008 09:44:12 AM

Einiges, was er gesagt hat, hätte auch Bush sagen können – und dann wäre es natürlich nicht mit dieser Emphase aufgenommen worden.

Auch Obama spricht von einer „New Order“; auch er malt Atomwaffen auf Paris aus (Anspielung auf den Iran – aber ähnliches hatte man damals von S. H. und den irakischen Atomwaffen gesagt, die es gar nicht mehr gab). Er will Mauern einreissen – okay, aber hat er das auch zwei Tage vorher in Israel gesagt? Dort steht ja eine, die erst vor wenigen Jahren errichtet wurde.

Atomwaffen eindämmen ist auch schön – aber was hat er zu den amerikanischen Atomwaffen gesagt? Wie sieht es mit den Abrüstungsverträgen aus? – Alles Punkte, die er natürlich nicht anspricht, da sie viel zu konkret wären und ihn im Wahlkampf angreifen würden. Aber dann sollte man nicht in Obamania verfallen (ich sage das nicht zu Dir, sondern allgemein).

Mit Obama gäbe es einen neuen Stil, aber kaum grosse Unterschiede in der Aussenpolitik. (siehe auch hier.)

Köppnick 07/27/2008 04:50:06 PM

Einiges, was er gesagt hat, hätte auch Bush sagen können – und dann wäre es natürlich nicht mit dieser Emphase aufgenommen worden.

Du hast mit dieser Aussage den heutigen Presseclub vorweggenommen. Für mich erstaunlich war in diesem Presseclub die Amerikanerin, die bei der Deutschen Welle arbeitet. Die war regelrecht entsetzt von der Euphorie, die die Deutschen Obama entgegenbringen, und sie war der Meinung, dass die Wahl noch keineswegs entschieden ist.

Dieses Mal verfolge ich den amerikanischen Wahlkampf (und wahrscheinlich auch die folgende Präsidentschaft) mit bedeutend größerer Aufmerksamkeit als jemals zuvor, weil Bush ja eins gezeigt hat: Welchen immensen Schaden ein einzelner Mann anrichten kann, wenn er von einer Clique auf den Schild gehoben wird, die ihre eigenen und im Vergleich zum übergroßen Rest der Menschheit egoistischen und kurzsichtigen Ziele auf diese Weise durchsetzen wollen.

Gregor Keuschnig 07/28/2008 02:01:04 PM

Mir persönlich war die Attitüde von Heather Delisle ein bisschen zu polarisierend. Mir schien, sie war ein bisschen auf Krawall gebürstet. Die dort anwesenden Zuschauer als „Zombies“ zu bezeichnen, war ziemlich unqualifiziert. Das erinnert an McCains Sprecher, der die Deutschen als „kriechend“ bezeichnete.

Köppnick 07/28/2008 07:46:38 PM

Dein zweiter Link ist ja interessant (polemisch), aber in einem hatte Heather Delisle sicher Recht: Anders als die Deutschen denken, ist der Ausgang der Präsidentschaftswahl in Amerika und für die Amerikaner noch keinesfalls sicher.Sie war in der Runde in der Minderheit und ist damit nicht gut zurechtgekommen. Aber das Messianische in Obamas Rede macht mir inzwischen auch Sorgen. Ein US-Präsident hat vielleicht mehr Macht als eine deutsche Kanzlerin, doch in ein Netzwerk eingebunden, bei dem viele Teilnehmer in verschiedene Richtungen ziehen, ist er genauso.

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