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Nicole Schuster: Ein guter Tag ist ein Tag mit Wirsing

wirsing

  • Frühstück (von Viertel nach acht bis neun Uhr):
    ein selbstgebackenes Körner-Vollkornbrötchen, dessen untere Hälfte flach abgetrennt und mit einer hauchdünnen Schicht Teewurst bestrichen ist, dazu Apfelspalten
  • Zwischenmahlzeit (von halb elf bis halb zwölf):
    250 Gramm Magerquark mit Milch und Zucker angerührt, 1 Schale Grießbrei oder Haferflockenbrei im täglichen Wechsel, restliche Apfelspalten vom Frühstück
  • Mittagessen (von Viertel vor eins bis eins):
    Ein halber Kopf Wirsing in Tomaten-Knoblauch-Sauce, dazu Kartoffeln
  • Nachmittags (von drei bis halb vier):
    1 kleineres selbstgebackenes Brötchen, zubereitet wie zum Frühstück, dazu Apfelspalten
  • Zwischenmahlzeit (halb fünf bis fünf):
    1 Grießbrei aus der Tüte zum Anrühren mit Wasser, eine Banane
  • Abendbrot (von Viertel nach acht bis Viertel nach neun):
    1 Scheibe selbstgebackenes Dinkelbrot, 1 Stück selbstgebackenes Schwarzbrot, 1 Schale Blumenkohlsalat, 1 Tomate, 2 Äpfel


„Ein guter Tag ist ein Tag mit Wirsing“ ist ein Buch über verschiedene Aspekte des Asperger-Syndroms bzw. den hochfunktionalen Autismus. Das Ungewöhnliche an diesem Buch ist, dass bei der Autorin Nicole Schuster selbst das Asperger-Syndrom diagnostiziert wurde, sie also nicht nur ihre theoretischen Recherchen zu Papier gebracht hat, sondern zugleich ihre Beobachtungen an sich selbst. An dem oben angegebenen Speiseplan wäre nichts Besonderes, wenn es nicht die Speisen wären, die Nicole ausnahmslos an jedem Tag isst, den sie zu Hause verbringt, an jedem Tag. Auch das ist eines der Phänomene, die für Autisten charakteristisch sind, das Festhalten an stereotypen Wiederholungen.

Das Vorwort im Buch ist von Kai Vogelay geschrieben worden, Professor in Köln, danach beginnt Nicole Schuster ohne jede weitere Einleitung, es folgen 5 Kapitel über Wahrnehmungsbesonderheiten, soziale Interaktion, Kommunikation, repetitive Verhaltensmuster und die Motorik von Autisten und Aspis („Aspis“ ist nicht negativ gemeint, so bezeichnen sich die Betroffenen selbst). Auch wenn man ganze Bücher über Autismus füllen kann, gibt es doch einige gemeinsame Merkmale, die sich häufiger finden lassen, und aus denen heraus vielleicht auch viele andere Beobachtungen erklärt werden können. Für mich nach Lektüre des Buches die zwei wesentlichen:

  • Eine andere Sinneswahrnehmung. Eintreffende Sinnesreize werden nicht so verarbeitet wie bei „normalen“ Menschen, insbesondere erfolgt keine Verdichtung und Konzentration auf das Wesentliche. Das kann zum Beispiel zur Reizüberflutung führen, zu Angst vor Neuem und Ungewohntem, vor Licht, Lärm, etc. Die Wahrnehmung des eigenen Körpers kann verändert sein, was sich in gestörter Motorik oder einem veränderten Schmerzempfinden zeigen kann, usw.
  • Eine fehlende oder unterentwickelte „Theory of mind“. Damit ist nicht, wie man vermuten könnte, eine wissenschaftliche Theorie über die Funktionsweise des Bewusstseins gemeint, sondern das Hineinversetzen in andere Menschen, die Interpretation von deren Emotionen und ihres Verhaltens, Empathie, usw. Andere Menschen werden eher als Gegenstände wahrgenommen, denn als intentionale Wesen.

Dieser zweite Punkt hat katastrophale Auswirkungen auf die Entwicklung der Betroffenen – weil Lernen in der frühen Kindheit ja fast ausschließlich über die direkte Interaktion mit anderen Menschen erfolgt. Babys und Kinder lernen fast alles durch das Nachahmen der Dinge, die sie von ihren unmittelbaren Bezugspersonen abgeschaut haben bzw. die ihnen von diesen beigebracht werden. Das alles können Autisten nicht.

Das Asperger-Syndrom gilt als leichte Form des Autismus. Hier gibt es zudem, wie z.B. bei der Autorin, den seltenen Fall der Kombination einer Hochbegabung (IQ>130) mit Autismus. Nicole Schuster hatte als Kind große Schwierigkeiten mit dem Sprachverständnis (verstehendes Hören und später Sprechen) und hat aus diesem Grund intensiven Sprechunterricht bei einer Therapeutin erhalten. Sie ist dann aber ganz normal zur Schule gegangen, hat dort aufgrund ihrer Hochbegabung eine Klasse übersprungen und das Abitur mit Bravur absolviert (als Klassenbeste). Aufgrund ihres Andersseins wurde sie aber ständig gemobbt und musste sogar einmal die Schule wechseln.

Die Diagnose (Asperger + Hochbegabung) wurde erst gestellt, als sie 18 war. Seitdem hat sie sich intensiv mit dem Thema „Autismus“ beschäftigt, was sich unter anderem, aber eben nicht nur, in dem vorliegenden Buch zeigt. Man kann auch auf ihrer Homepage sehen, womit sie sich derzeit beschäftigt: Studium der Germanistik und Pharmakologie, zusätzlich ist sie an der Fernuniversität Hagen in Kulturwissenschaften eingeschrieben. Wenn man sich an ihre Sprachschwierigkeiten in der frühen Kindheit erinnert, dann ist die Kenntnis von Englisch, Französisch, Holländisch, Lateinisch und Altgriechisch umso bemerkenswerter.

Ich bin auf Nicole Schuster am 24.7.2007 in einem Beitrag der Reihe „37 Grad“ aufmerksam geworden, in der sie unter anderem über ihr Buch gesprochen hat. Wer mehr über sie bzw. von ihr lesen will, kann auch auf die Homepage von Mensa gehen. Rechts unten findet man dort einen Link auf die aktuelle Ausgabe der Vereinszeitschrift. Im aktuellen Heft Nr. 63 ist kein Beitrag von ihr, aber wenn man in dem dort angegebenen Link die „63“ durch eine „62“ ersetzt, dann gelangt man zur Februarausgabe. Im Februarheft sind die Seiten 39 bis 41 für Kinder von ihr gestaltet.

In ihrem Buch berichtet sie nicht nur von sich selbst, sondern zitiert zum Beispiel Birger Sellin und Temple Grandin. Auch diese sind faszinierende Personen mit ganz außergewöhnlichen Eigenschaften. Ihr Buch schließt Nicole Schuster ab mit:

Ein Leben ohne Autismus kann ich mir nicht vorstellen. Es wäre nicht mehr mein Leben. Ich habe mir viel erkämpfen können und habe große Pläne für die Zukunft. Mein Leben soll erfüllt sein, sowohl im privaten, beruflichen als auch im gesellschaftlichen Bereich.

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