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Naturwissenschaft und Glauben

Es gibt bestimmte Anschauungen, über die ich mich außerordentlich ärgern kann. Das Folgende gibt eine solche wieder. Gefunden habe ich sie ausgerechnet im MindMag, dem Mitgliedermagazin von Mensa. Der folgende Link führt zum Heft mit dem ärgerlichen Text: MinMag 96, Seite 17ff. Zunächst werden darin Experimente aus der Schule geschildert, so wie sie im naturwissenschaftlichen Unterricht durchgeführt werden. Das folgende ist das letzte von dreien:

Physik-Unterricht, 11. Klasse Grundkurs, Thema: Schwingungen und Wellen

Der Rubinlaser kommt zum Einsatz. Der Raum wird verdunkelt, nur der Laser verbreitet ein angenehmes rotes Licht. Dann schiebt die Lehrkraft einen Vorsatz vor die Austrittsöffnung des Laserstrahls. Plötzlich breitet sich das Licht nicht mehr gleichförmig aus, sondern über den gesamten Unterrichtsraum verteilt schweben rote Punkte in der Luft, dazwischen ist es dunkel. Deutung: Licht verbreitet sich in Wellen, durch das Gitter entstehen Interferenzen, die das Punktmuster hervorrufen. Ein Beweis für die Welleneigenschaften des Lichts! Warum sollen die Schüler das nicht glauben?

Die beiden anderen Beispiele entstammen dem Biologieunterricht der fünften und dem Chemieunterricht der achten Klasse. Danach folgt das Fazit der Autorin:

Glaubensfrage

Die drei Beispiele zeigen, was naturwissenschaftlicher Unterricht wirklich ist: Erziehung zum Glauben an die Naturwissenschaften. Priester sind die Lehrer der Naturwissenschaften, Päpste und Heilige die winzig kleine Gruppe, die behauptet, die dargestellten Zusammenhänge tatsächlich beweisen zu können. Nur kann das außerhalb dieser Gruppe niemand nachprüfen, weil die Beweisführungen so komplex sind, dass sie nur von diesen wenigen Eingeweihten verstanden werden. Und ob es Fehler in den oft hochtheoretischen Beweisführungen gibt, kann niemand außer gerade denselben Wenigen nachprüfen … wenn überhaupt.

Bereits das ist falsch. Grundlage für die Annahme, dass Schülern etwas Vernünftiges beigebracht wird, ist nicht der Glauben an die Naturwissenschaften, sondern Vertrauen in die Nützlichkeit menschlicher Arbeitsteilung. So wie ich meinem Bäcker vertrauen muss, dass er mir nicht Gift in die Brötchen mengt und dem Automechaniker, dass er die Radmuttern fest anzieht, so vertraue ich dem Wissenschaftler, dass er methodisch sauber arbeitet.

Aber jetzt wird es im Text erst richtig krude:

Die vielgerühmte Beweisbarkeit naturwissenschaftlicher Erkenntnisse beruht daher für 99 Prozent der Menschheit auf Glauben. Damit sind die Naturwissenschaften vergleichbare Glaubenssysteme, wie es zum Beispiel der katholische Glaube im Mittelalter war. Der Glaube an die Naturwissenschaften sorgt heutzutage für technischen Fortschritt – von Computer über Waschmaschine und Giftgas bis zu elektronischen Waffensystemen. Der Glaube an die katholische Kirche sorgte damals für die Versorgung von Kranken und Armen und für den sozialen Kitt, der die Gesellschaft zusammenhielt, sowie die Unterordnung unter die herrschende Obrigkeit. |

Es ist völlig egal, wie komplex die theoretischen Überlegungen der Wissenschaftler sind, und es ist auch völlig gleichgültig, ob sie jeder Mensch jederzeit nachvollziehen kann. Es kommt nämlich nicht darauf an, die Wahrheit von etwas zu beweisen, sondern es kommt in den Naturwissenschaften darauf an, auf der Grundlage der Theorien Vorhersagen für praktische Beobachtungen und Vorschläge für Experimente zu machen.

Der Nichtwissenschaftler muss den Wissenschaftlern nicht ihre theoretischen Ergüsse „glauben“, sondern er kann die Übereinstimmung der praktischen Ergebnisse mit den theoretischen Vorhersagen „prüfen“. Bei vielen aktuellen Theorien in den Naturwissenschaften sind die notwendigen Experimente außerordentlich kompliziert, hier findet der Prüfungsprozess innerhalb der wissenschaftlichen Community statt – was aber am Prinzip nichts ändert. Für den Nichtwissenschaftler besteht die Prüfung indirekt darin, dass die auf der Grundlage der wissenschaftlichen Erkenntnisse gebauten Geräte funktionieren – Computer, Handys, Navigationsgeräte, etc.

Der Titel des von mir kritisierten Artikels lautet: „Ketzerei in der Wissenschaft. Über die Beweisbarkeit naturwissenschaftlicher Erkenntnisse“. Naturwissenschaften versuchen überhaupt nichts zu beweisen und sie erheben auch keinen Wahrheitsanspruch. Wenn sich eine Theorie nicht bewährt, weil sie nachweisbar falsche Vorhersagen gemacht hat, dann wird sie verworfen. Glaubenssysteme immunisieren sich gegen solche Prüfungen. Welche praktisch prüfbaren Vorhersagen machen Religionen und was passiert mit Religionen, wenn ihre Vorhersagen nicht eintreffen?

KategorienPhilosophie, Religion Tags:
  1. 17. November 2013, 13:06 | #1

    Einen interessanten Beitrag von Josef Honerkamp findet man hier.

  2. Jalella
    18. November 2013, 08:57 | #2

    Schon die Textauszüge zeigen, wes Geistes Kind der Schreiber ist. Alleine die Gegenüberstellung, was aus dem Glauben an Naturwissenschaft folgt (nämlich nur schlechtes) und was aus den Leeren der katholischen Kirche folgt (nämlich die Seligmachung aller Menschen). Aber eine bestürzende Vorstellung, dass so etwas im MindMag veröffentlicht wird. Wenn Intelligenz schon nicht sicherstellen kann, dass jemand sachlich argumentiert, so sollte sie doch wenigstens eine etwas schlauere und weniger durchsichtige Form der Demagogie bewirken können.

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