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Michael Pauen: Illusion Freiheit?

Das Thema „Willensfreiheit“ interessiert mich spätestens seitdem ich von Benjamin Libets Experimenten gelesen habe. Michael Pauen ist Philosoph, er analysiert die mit dem Begriff der Willensfreiheit verbundenen Probleme unter verschiedenen Gesichtspunkten – die erste Hälfte des Buchs ist eine Auseinandersetzung mit unterschiedlichen philosophischen Ansätzen um das Problem zu lösen, in der zweiten Hälfte werden verschiedene Ergebnisse der Neurowissenschaften und deren Interpretationen kritisiert und diskutiert.

Wann kann eine Handlung nicht als frei betrachtet werden:

  • Wenn es keine Handlungsalternativen gibt, d.h. wenn eine Handlung erzwungen ist bzw. sich determiniert aus Ursachen ergibt.
  • Wenn die Auswahl zwischen verschiedenen Alternativen absolut zufällig erfolgt. Auch das entspricht nicht unserem Empfinden für eine frei getroffene Entscheidung.

Interessant ist, dass es zwei verschiedene Bereiche der Wissenschaften gibt, die beide verschiedene Aspekte derselben, nämlich unserer Welt beschreiben, die uns genau diese beiden Extrema als Erklärungen von Handlungen anbieten: Die Quantenphysik lehrt uns, dass es den echten Zufall gibt, die Neurowissenschaften, dass unsere Handlungen kausal von der Tätigkeit unserer Neuronen verursacht werden. Letzteres führt Neurowissenschaftler wie Peter Singer dazu, den freien Willen zu leugnen. Mit dem Verweis auf den Zufall in der Quantenphysik wollen wiederum Wissenschaftler wie Roger Penrose ihn „retten“.

Der philosophische Ansatz von Michael Pauen ist ein ganz anderer. Er ist der Meinung, dass es für das Problem der Willensfreiheit vollkommen irrelevant ist, ob wir in einer determinierten Welt leben oder nicht. Er fragt nach den Minimalbedingungen, bei deren Erfülltsein wir von Willensfreiheit der betreffenden Person ausgehen können. Es sind zwei:

  1. Wir müssen eine Handlung zweifelsfrei einer Person zuschreiben können (Urheberschaft).
  2. Die Person muss die Wahl zwischen verschiedenen Alternativen gehabt haben (Autonomie).

Sowohl erzwungene Handlungen als auch zufällige Ereignisse können nicht frei sein. Dieses Minimalkonzept ersetzt damit quasi den Begriff der Willensfreiheit durch den exakter fassbaren der Selbstbestimmtheit.

Andere Implikationen, die häufig mit dem Begriff der Willensfreiheit verbunden werden, führen dagegen in die Irre. Zum Beispiel muss nicht zutreffen, dass eine Person in derselben oder einer ähnlichen Situation eine andere Entscheidung treffen würde, denn das Handeln nach persönlichen Präferenzen ist ja ein Merkmal von Freiheit, nicht von Zwang. Andere Personen könnten aber in derselben Situation anders handeln. Diese mindestens theoretische Möglichkeit braucht man auch, um das Vorhandensein von Alternativen zu beweisen. Und offensichtlich muss eine Entscheidung nicht bewusst getroffen werden, also in einem bewussten Entscheidungsprozess. Persönliche Vorlieben für oder gegen etwas können in einem Menschen auch tief im Unterbewusstsein verankert sein, so dass die betreffende Person selbst nicht in der Lage ist, die von ihr getroffenen Entscheidungen zu begründen.

Was es mit dem Begriff der persönlichen Präferenzen auf sich hat, kann vielleicht ein kurzes Beispiel aus dem Buch erklären:

Ich habe in einem Supermarkt eingekauft und gehe nun mit einem gut gefüllten Einkaufskorb auf die Kasse zu. Die Kassiererin ist gerade weggegangen und auch der Ladendetektiv macht Pause – ich könnte die Waren also gefahrlos stehlen. Doch ich bin fest überzeugt, dass Ladendiebstahl verwerflich ist, und warte lieber auf die Kassiererin, um meine Waren zu bezahlen. Später frage ich mich: Hätte ich überhaupt anders handeln können, oder war es nicht vielmehr determiniert, dass alles so kommen würde?

Ich habe lange überlegt, ob seine Voraussetzung, das Vorliegen einer determinierten Welt als nicht wichtig für das Problem anzunehmen, akzeptabel ist. Und ich bin darauf gestoßen, dass wir die Frage, ob wir in einer determinierten Welt leben, gar nicht beantworten können: Angenommen, die Welt als Ganzes wäre determiniert. Da aber jeder Mensch als ein kleiner Teil der Welt ein offenes System darstellt, hängen seine Handlungen von seiner Wechselwirkung mit dem Außenwelt ab. Selbst wenn jedes Teilsystem determiniert wäre, könnten wir nicht alles über die äußere Welt erfahren.

Auch in Bezug auf die innere Welt gilt, dass jede Erfahrung und Handlung unseren inneren Zustand ändert. Wir können also niemals in eine identische Situation geraten und den Test auf eine dann folgende identische Handlung machen, weil wir selbst zu einem späteren Zeitpunkt – mindestens durch die Erfahrungen aus dem ersten Versuch – eine andere Person mit einem anderen inneren Zustand sind. Daraus folgt, dass man bei einer Verknüpfung des Problems der Willensfreiheit an eine Aussage über die Determination der Welt die Frage der Willensfreiheit unentscheidbar macht.

Im zweiten Teil des Buchs diskutiert er dann verschiedene Experimente der Neurowissenschaften. In Bezug auf Libet und andere, die gemessen haben, dass Versuchspersonen den Zeitpunkt, zu dem sie ihre willentliche Entscheidung getroffen haben, stets auf einen späteren Zeitpunkt datiert haben, als die erste neuronale Aktivität auftrat, merkt er lakonisch an, dass das ja gar nicht anders sein kann, wenn man Bewusstsein und Willensentscheidungen als mit Neuronenaktivität erklärbar ansieht. LIbets Problem wird zum Scheinproblem, wenn man auch unbewusste Entscheidungen als willentliche betrachtet, wie es sich zwanglos aus der Akzeptanz (unbewusster) persönlicher Präferenzen ergibt.

Hier möchte ich noch ergänzen, dass die Frage, welchen Zeitpunkt die Versuchspersonen ihrer Willensentscheidung zuordnen, (physikalisch) nicht objektiv sein kann. Es ist ja bekannt, dass die Inputs verschiedener Sinnesorgane im Gehirn unterschiedlich schnell verarbeitet werden können. Trotzdem präsentiert uns unser Bewusstsein ein kohärentes Umweltmodell. – Da ist es nur logisch, dass auch der Zeitpunkt einer willentlichen Entscheidungsfindung nichts mit der physikalisch gemessenen Zeit der Neuronentätigkeit zu tun haben muss, sondern vom Bewusstsein so gelegt wird, dass es in das gesamte Umweltmodel des „Ichs“ passt.

Für Leser, die sich mit dem Thema noch nicht beschäftigt haben, erklärt er die Relevanz des Themas eigentlich erst ganz am Schluss, im Bezug auf das Strafrecht:

Es gehört zu den fundamentalen Intuitionen in Bezug auf Gerechtigkeit, dass bei der Bemessung von Strafe nicht nur die Rechtsverletzung selbst eine Rolle spielen muss, sondern auch die persönliche Schuld, die der Täter auf sich geladen hat. Es macht einfach einen Unterschied, ob ich die körperliche Integrität eines anderen absichtlich, versehentlich oder gegen meinen Willen verletzt habe.

Die Bindung von Strafe an Schuld und damit an Freiheit ist in der höchsten deutschen Rechtssprechung immer wieder bestätigt worden; das Schuldprinzip gilt als verfassungsrechtlicher Grundsatz: „Die Strafrechtliche oder strafrechtsähnliche Ahndung einer Tat ohne Schuld des Täters ist demnach rechtsstaatswidrig und verletzt den Betroffenen in seinem Grundrecht aus Art. 2 Abs. 1 GG“, so das Bundesverfassungsgericht in einer Grundsatzentscheidung zum Prinzip „nulla poena sine culpa“ (keine Strafe ohne Schuld).

Oder mit anderen Worten: Wer in einer bestimmten Situation keine Wahl hatte, der kann nicht für seine Tat bestraft werden. Das ist nämlich die eigentliche Brisanz der Diskussion um die Willensfreiheit – wer sie leugnet, muss nach anderen Strategien zur Rechtfertigung von Schuld und Strafe suchen.

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