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Menschen und Maschinen

Den Zeitgeist lass‘ getrost geschehen
und die Erkenntnis in Dir reifen:
Du brauchst nicht mit der Zeit zu gehen
es ist nur klug, sie zu begreifen.

(Liedtext von Schillers „Zeitgeist“)

Ein sehr guter Freund hat seinen Geburtstag im Ausland gefeiert. Ich habe ihm eine SMS geschickt, um ihm wenigstens so zu gratulieren. Eine Antwort habe ich nicht erwartet, denn er steht Handys ganz allgemein recht reserviert gegenüber. Am Tag seiner vermuteten Rückkehr rief ich in seiner Firma an. Das Telefon läutete, aber er nahm nicht ab. Auch Abends zu Hause meldete sich niemand. Auch am zweiten Tag nicht. Ich probierte es bei seiner Frau im Büro, dto. Erst Tage später stellte sich heraus, dass die beiden einfach länger im Urlaub waren, als ich es gedacht hatte. Aber da hatte ich mir schon Sorgen gemacht.

In den achtziger Jahren bin ich oft wochenlang im Gebirge gewandert. Am längsten vor über zwanzig Jahren, als ich sieben Wochen in Ecuador unterwegs war. Von dort habe ich eine einzige Postkarte nach Hause geschickt. Niemand daheim wusste, wann ich in diesen Wochen wo genau war. Ein Schlüsselerlebnis hatte ich, als in zwei aufeinanderfolgenden Jahren die Eltern eines Bekannten starben, während er im Urlaub war. Seine Verwandten wussten nicht, wie sie ihn erreichen konnten, wir telefonierten ihm hinterher. Seitdem melde ich mich im Urlaub täglich oder wenigstens bei jedem Ortswechsel zu Hause und gebe auch an, wie ich zu erreichen bin.

Auch die Anschaffung meines ersten Handys geht auf so ein einschneidendes Ereignis zurück. Ich war mit dem Mountainbike unterwegs und hatte mitten im Wald einen Platten. Werkzeug hatte ich natürlich keins mit. Volle drei Stunden habe ich das Bike nach Hause schieben müssen. Mit einem Handy hätte ich einfach einen Bekannten mit dem Auto an eine gut erreichbare Stelle gelotst und das Problem wäre erledigt gewesen.

Als die ersten Smartphones die Massen erreichten, dachte ich, „so ein Teil brauchst du nicht“. Meine Bekannten tillerten irgendwelche Spielchen auf den Kästen oder hörten damit Musik. Ein ziemlich absonderliches und abstoßendes Sozialgebaren für Zuschauer.

Dann bekam ich ein Smartphone von meiner Firma. Die ersten paar Tage änderte sich mein Verhalten nicht, meine Skepsis blieb. Na gut, ein Schachprogramm habe ich installiert und eine App, um meine Mails vernünftig zu verwalten. Meine Homepage habe ich mir im Browser angesehen, dann ein Wörterbuch installiert. Stück für Stück ging es weiter: Eine bessere Kalender-App, um Termine zu verwalten, ein Wörterbuch, einen Routenplaner, Whatsapp, um Bilder von der Enkelin anzusehen, usw.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt fing ich innerlich an zu grinsen, wenn Nicht-Smartphone-Besitzer darüber sprachen, warum sie so ein Teil nicht brauchen. Es waren genau die Einwände, die ich früher auch hatte. Es bedarf eines unschlagbaren Grunds, wenn ein Skeptiker so ein Gerät anschaffen soll. Aber wenn es dann vorhanden ist, erobern sich weitere Anwendungen Stück für Stück ihren Platz und man lernt sie zu schätzen.

Argumente, mit denen diese Geräte abgelehnt werden, sind, dass sie erstens zur Beschleunigung des Lebens beitragen und damit zum Gefühl des Gehetzt Seins, und zweitens, dass sie nur wegen geschickter Vermarktung gekauft werden. Stimmt das?

Wenn man sich im Haushalt umschaut, findet man eine Reihe von Geräten, wie Waschmaschine, Geschirrspüler, Kühlschrank und Fernseher. Bei der Waschmaschine wird jeder zustimmen, wenn man behauptet, dass sie erstens Zeit spart und zweitens unangenehme Arbeit abnimmt. Beim Geschirrspüler ist zumindest das zweite Argument auch richtig. Aber auch der Kühlschrank spart Zeit, denn man muss seltener einkaufen, weil die Lebensmittel länger halten. Und er trägt zur Verbesserung der Gesundheit bei, was wiederum zur Lebensverlängerung führt und dadurch zusätzliche Zeit für anderes schafft.

Beim Fernseher ist die Bilanz nicht so klar, hier könnte man den Eindruck gewinnen, er verbraucht Zeit. Aber was haben die Leute eigentlich vor der Erfindung des Fernsehers in ihrer Freizeit gemacht? Meine Vermutung: Sie hatten gar keine Zeit fernzusehen, weil das Fehlen der anderen Haushaltgeräte ihnen diese freie Zeit nicht gab. Jedenfalls hätten diejenigen, die heute ihre Zeit vor dem Fernseher verdämmern, auch damals bestimmt keine Werke der Hochkultur konsumiert.

Was das Gefühl der Hetze betrifft: Die Geräte und ihre Anwendung schaffen freie Zeit, weil sie die notwendigen Arbeiten in kürzerer Zeit erledigen lassen. Die gewonnene Zeit wird aber nicht auf dem Sofa liegend und nichts tuend verbracht, sondern mit Hilfe derselben oder anderer Geräte neue Aufgaben oder Ereignisse in die freie Zeit gepresst. Das Einzelerlebnis wird so kürzer. Dazu kommt, völlig unabhängig von diesen Geräten, dass man, wenn man älter wird, das Gefühl hat, die Zeit würde schneller vergehen.

Handys und jetzt Smartphones stellen gegenüber den bereits erwähnten elektrischen und elektronischen Geräten eine andere Qualität dar, weil sie ein genuin menschliches Bedürfnis befriedigen, das nach Kommunikation. Das Wesen des Menschen besteht in der Kommunikation mit anderen. Früher war das nur im unmittelbaren persönlichen Kontakt möglich, dann durch Zeitungen, Radio und Fernsehen nur in eine Richtung.

Handys heben die räumlichen Grenzen der vis-a-vis Kommunikation auf. Und Smartphones erlauben Dienste wie Facebook, Twitter, Skype und Whatsapp. Diese Programme sind nicht durch gutes Marketing erfolgreich, sondern weil sie tatsächlich vorhandene Bedürfnisse befriedigen. Marketing von Überflüssigem ist nicht beliebig lange erfolgreich, irgendwann bemerkt jeder den Bluff.

Wie sieht es mit den Nachteilen aus? Wer mit einem eingeschalteten Handy herumläuft, von dem kann zum Beispiel ein Bewegungsprofil erstellt werden. Wenn das Gerät nachts längere Zeit an einem Ort verweilt, kennt man den Wohnort seines Besitzers, am Tag seinen Arbeitsort. Dazu seine üblichen Alltagswege. Aber das Gerät erzeugt diese Daten nicht, denn man könnte sie auch durch menschliche Observation gewinnen. Wiederum spart das Gerät nur Zeit, in diesem Fall vielleicht bei den Geheimdiensten.

Die Janusköpfigkeit der neuen Geräte ist nichts prinzipiell Neues. Mit einem Messer kann man Gemüse schneiden oder einen Menschen umbringen. Das Gerät ist wertfrei. Der Prozess der technischen Entwicklung wird weitergehen. Am Ende könnten alle diese Geräte – Smartphones, Smartwatches und Datenbrillen für eine augmented reality – in einem Chip kulminieren, den man sich implementieren lassen kann. So ein Chip könnte Zugriff auf die Bilder haben, die sein Träger sieht, könnte Fragen beantwortet, die er denkt, und könnte mit denjenigen kommunizieren, mit denen er das will. Muss man einen solchen Chip fürchten – der ja als Vision stellvertretend für die Richtung unserer Entwicklung und unsere heutigen Geräte steht?

Kommunikation hat nur dann einen Sinn, wenn die Beteiligten unterschiedliche Kenntnisse haben, einiges Wissen wollen sie für sich behalten, anderes mitteilen. Man ist nur dann ein Individuum, wenn man Geheimnisse hat. Ich glaube nicht an die Existenz telepathischer Gesellschaften, die sich gegenseitig alle Gedanken lesen können, so wie sie in einigen Science-Fiction-Werken – als Utopien oder Dystopien – geschildert werden. Entweder es gibt Individuen, die kommunizieren (müssen), wozu auch das Verbergen von Gedanken, Erfahrungen und Meinungen gehört, oder es gibt nur einen Organismus – der dann nicht kommunizieren muss. Mit wem auch, mit sich selbst?

Ein Chip, der alles über seinen Träger verrät, zerstört die Gesellschaft, weil er die Individuen beseitigt, aus denen sich die Gesellschaft zusammensetzt. Unsere Art zu leben setzt aber voraus, dass es Individuen gibt. Gesellschaften, die mehr individuelle Freiheiten und Rechte gewähren, haben sich als (über)lebensfähiger erwiesen. Man muss deshalb den Chip (und seine heutigen Vorstufen) nicht fürchten, da die Vorteile die Nachteile immer übersteigen werden. Das ergibt sich aus der Natur der Sache selbst.

KategorienAlltag, Visionen Tags:
  1. Phorkyas
    5. Mai 2015, 07:17 | #1

    >> Diese Programme sind nicht durch gutes Marketing erfolgreich, sondern weil sie tatsächlich vorhandene Bedürfnisse befriedigen. Marketing von Überflüssigem ist nicht beliebig lange erfolgreich, irgendwann bemerkt jeder den Bluff.

    Ich glaube nicht, dass Facebook kein Marketing betrieben hat. Im Internet sah das nur vielleicht etwas anders aus. Heute nennen sie es ja „viral“,… aber das Problem ist vielleicht, dass es sich in der Größenordnung von Facebook (oder in Deutschland gab es ja auch mal StudiVz) schwer gelenkt einstellt; das sind meiner Meinung nach Massenphänomene, in der Hauptsache darin begründet, dass die Menschen immer dabei sein wollen, was die anderen Menschen machen, was gerade angesagt ist. (Um einen Internetmem zu produzieren mag es noch einfache Rezepte geben,.. um das neue Facebook zu werden, da wird es dann etwas schwieriger.) – Sonst ungefähre Zustimmung: Der Mensch ist ein soziales Tier und die nennen sich doch sogar auch „social network“.

    >>Mit einem Messer kann man Gemüse schneiden oder einen Menschen umbringen. Das Gerät ist wertfrei.

    Dazu gibt es auch ganz andere Positionen. Die Heideggerianische vom Gestell, das das Eigentliche des Seins verbirgt, glaube ich zwar auch nicht; aber die der völligen Wertfreiheit einer technischen Errungenschaft oder eines Werkzeugs auch nicht. Meiner Meinung nach liegt das meiste schon im Kontext: Technik verändert unsere Lebenswelt und von daher müsste man einfach schon mitnehmen, wie sie das tut, welche Folgen sie für die Individuen hat, die sie einsetzen.
    Auch bei dem Messerbeispiel könnte man schon einsetzen: Man sieht es dem Messer ja an, ob es ein kleines Küchenmesser zum Schneiden ist und für den Angriff eher ungeeignet oder beispielswiese ein Jagdmesser.

    >>Ein Chip, der alles über seinen Träger verrät, zerstört die Gesellschaft, weil er die Individuen beseitigt, aus denen sich die Gesellschaft zusammensetzt.

    Interessante These. Läuft das darauf hinaus, dass Privatheit einfach nötig ist für ein funktionierendes Gemeinwesen? (Ist aber Privatheit nicht eine westliche, bürgerliche Erfindung, gibt es nicht auch Gesellschaften, die ohne sie auskommen?)

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