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Maurice Maeterlinck: Das Leben der Ameisen

Als ich vor Kurzem das Buch von Maurice Maeterlinck Das Leben der Termiten gelesen habe, war ich mir noch nicht sicher, ob ich auch etwas über sein anderes Werk „Das Leben der Ameisen“ schreiben will, das sich zusammen mit dem über die Termiten in einem Band befindet. Das „Ameisenbuch“ ist 1930, vier Jahre nach dem „Termitenbuch“, erschienen.


Eine Ameise, die eine Blattlaus melkt (Bild aus der Wikipedia)

Was in diesem jüngeren Werk noch deutlicher zu Tage tritt, ist Maeterlincks Hang zur Anthromorphisierung der Tiere und ihres Lebens. Heute wird man dergleichen in einem aktuellen (populär)wissenschaftlichen Buch nicht mehr finden. Aus wissenschaftlicher Sicht sind Maeterlincks Ideen überholt, aber literarisch sind sie recht reizvoll. Er beginnt unverfänglich:

Nach der Auffassung einiger Ameisenforscher allerdings, vor allem Wheelers, kann man eine sehr einleuchtende Entwicklung von Art zu Art verfolgen. Danach wären die Ameisen, durch verschiedene Umstände dazu gedrängt, von Erdbewohnern, die sie ursprünglich waren, zu Baumbewohnern geworden, hätten sich der insekten-, also fleischfressenden Lebensweise, wobei sie auf Raub ausgehen mußten, entwöhnt und wären zur Milch der Blattläuse übergegangen, das heißt zum Hirtenleben und später zur Pilzzüchtung, mit anderen Worten: zum Ackerbau und zur Pflanzenkost. Diese übrigens nicht unbestrittene Entwicklung, deren sämtliche Stufen heute nebeneinander bestehen, gemahnt merkwürdig an die Entwicklung des Menschen; denn auch er ist nacheinander Jäger, Hirte und Ackerbauer gewesen. … Sicherlich herrscht da eine merkwürdige Übereinstimmung.

Im Weiteren beschreibt Maeterlinck nicht bloß eigene Beobachtungen, sondern zitiert auch bekannte Forscher seiner Zeit:

Ich kann dem Vergnügen nicht widerstehen, hier die Sätze, die er [der Ameisenforscher Huber] diesem Gegenstand widmet, wiederzugeben. Denn ich möchte gern, daß der Leser wieder einmal den verehrungswürdigen Vater der Ameisenkunde selbst in seiner behaglich ruhigen Breite vernimmt:

Eines schönen Tages näherte ich mich den Ameisennestern, die in der Sonne lagen und an der Nordseite geschützt waren. Die Ameisen waren heute besonders zahlreich da und erfreuten sich anscheinend der Temperatur, die sie an der Oberfläche des Nestes fanden. Keine einzige arbeitete. Diese Ansammlung von Insekten sah wie eine brodelnde Flüssigkeit aus, an die sich das Auge erst gar nicht gewöhnen konnte. Aber als ich mich bemühte, jede Ameise einzeln zu verfolgen, sah ich, wie sie sich einander näherten und dabei ihre Fühler mit erstaunlicher Behendigkeit spielen ließen. Ihre Vorderbeine streichelten die seitlichen Kopfteile der anderen Ameisen zärtlich: nach diesen ersten, gleichsam liebkosenden Gebärden, sah man sie sich zu zweit auf den Hinterbeinen hochrichten, miteinander kämpfen, sich an Kiefer, Bein, Fühler packen und sogleich wieder loslassen, um sich abermals anzugreifen; sie klammerten sich gegenseitig an ihren Brustschild oder ihren Hinterleib, umfaßten sich, warfen sich um, standen wieder auf und siegten abwechselnd. Anscheinend taten sie sich nicht weh. Sie verspritzten kein Gift, wie sie es bei ihren wirklichen Kämpfen tun, und hielten ihren Gegner nicht mit der Hartnäckigkeit fest, die wir bei ihren ernsthaften Streitigkeiten beobachtet haben. Hatten sie ihre Spielgefährten gepackt, ließen sie sie alsbald wieder los und versuchten andere zu erhäschen. Ich habe Ameisen gesehen, die so eifrig bei diesen Übungen waren, daß sie nacheinander mehrere Kameraden verfolgten und sekundenlang mit ihnen kämpften, bis es den weniger hitzigen gelang, ihren Gegner zu werfen, zu entkommen und sich in irgendeinem Gang zu verstecken. Ich kehrte oft zu dem Ameisennest zurück, und fast immer bot sich mir das gleiche Schauspiel. Manchmal war das Spiel allgemein: überall bildeten sich Gruppen kämpfender Ameisen. Aber ich habe keine gesehen, die verwundet oder verstümmelt aus diesen Kämpfen hervorgegangen wäre.

Für mich wäre es hier interessant zu erfahren,

  1. ob heutige Forscher diese Beobachtungen bestätigen können
  2. und wie sie das Verhalten der Ameisen interpretieren.

Höhere Tiere spielen zweifellos, bei Säugetierkindern kann man das selbst beobachten. Hier geht man im Allgemeinen davon aus, dass sie damit wichtige Verhaltensweisen für das Leben einüben. Das Spielen (=offensichtlich zweckfreies Tun) von erwachsenen Tieren ist viel seltener. Erwachsene Tiere, die spielen, werden wohl eine „Theory of mind“ besitzen, d.h. sie wissen, dass sie Lebewesen sind und sie können sich auch zu einem Teil in andere Lebewesen hineinversetzen. Mein Lieblingsbeispiel ist das der rodelnden Raben:

Später in Maeterlincks Text findet man die folgende, sehr stark anthromorphisierende Passage:

Man kann wohl ohne zu große Kühnheit behaupten, daß der Urmensch, der viele tausend oder hunderttausend Jahre vor jenem gelebt hat, dessen Spuren wir in den Höhlen wiederfinden, keine Haustiere hielt. Er lebte nur von Wurzeln, wilden Früchten, Weichtieren und der Jagdbeute. Ganz allmählich, nach vielen Jahrtausenden, gelang es ihm, durch zahllose willkürliche Versuche und schwerfällig unklare Gedankengänge, wehrlose Tiere anzulocken, zu zähmen, einzuzäunen, aufzuziehen und zu züchten. Sie lieferten ihm ihre Milch, ihr Fell, ihr eigenes Fleisch und das ihrer Jungen. Von da ab wurde sein Dasein etwas sicherer und ruhiger. Es gab eine Schranke, eine Art Schutzwall zwischen dem Leben und der unerträglichen, immerwährenden Todesdrohung. Dem mühseligen Zeitalter der Jagd, des Fischfangs, des Hungers ohne Gnade folgte das des Hirtenlebens.

Eine ähnliche Stufenfolge ist in der Entwicklung gewisser Ameisenarten wiederzuerkennen. Waren es die intelligenteren unter der großen Menge, die Krieger, Jäger, Plünderer, Räuber, Schnitter blieben und ihren Unterhalt aus der Zufallsbeute des Tages bestritten? Oder verdankten sie ihren Fortschritt lediglich einem freundlichen Geschick, das ihre Aufmerksamkeit auf einen Punkt lenkte, der den anderen entgangen war? Wann kam ihnen zum erstenmal jener Gedanke? Darüber wissen wir nichts. Wir kennen ja unsere eigene Geschichte ebensowenig wie die ihrige. Etliche Exemplare dieser Hirtenrassen, vor allem fast alle unsere Lasius mit ihren Blattläusen, finden wir bereits im fossilen Bernstein.

Kann die einzelne Ameise denken (verfügt sie über ein Bewusstsein), so wie Maeterlinck glaubt? Diese Hypothese war bereits zu seiner Zeit umstritten, er schreibt dazu:

Verschiedene Ameisenforscher behaupten, das alles sei nur dem Zufall zuzuschreiben, dem glücklichen Zusammentreffen mancherlei Umstände, woraus sich nach und nach Gewohnheiten entwickelt hätten. Eine Kundschafterin, auf der Suche nach Beute, begegnet einer Blattlaus: zudringlich stöbernd, vom Zuckergeruch angelockt, betastet sie sie, kostet, es schmeckt ihr, sie findet zufällig den Mechanismus des Melkens. Immer wieder kehrt sie zu ihr zurück; andere folgen, machen es ihr nach, der Brauch breitet sich aus, faßt Wurzel, wird zur Gewohnheit, schließlich zum Instinkt. Eine derartige Ansicht läßt sich wohl vertreten, da man im Gebiet des Unbekannten jede Hypothese wagen darf. Aber welche menschliche Erfindung würde wohl einer solchen Auslegung standhalten.

Überlieferung, instinktive Fertigkeit, wendet man dagegen ein. Ich glaube nicht, daß man sich in diesem Fall, wie so oft, damit zufrieden geben darf. Wenn Routine oder Überlieferung vorliegt, so muß sie doch wohl eines Tages, genau wie bei uns, durch eine bewußte Handlung begonnen und sich nach und nach herausgebildet haben. Die Erfindung des Düngens zum Beispiel, die Feststellung, es fördere das Wachstum, ist sicherlich nicht angeboren, bei ihr so wenig wie bei uns. Man wird behaupten, die Ameisen lagern ihre Ausscheidungen irgendwo ab, und ihre Kulturen ziehen zufällig Nutzen daraus. Das ist nicht richtig. Die Pilzameisen und alle anderen Arten sind sorgfältig darauf bedacht, nicht verwendbare Abfälle, Überreste und Rückstände aus dem Nest zu schaffen. Nichts kann sauberer, reinlicher, besser gehalten sein als ihre unterirdischen Städte. Was sie hier tun, geschieht mit Vorbedacht. Die von Dr. Jacob Huber in freier Natur gemachten photographischen Aufnahmen zeigen uns deutlich eine Atta, die mit ihren Vorderbeinen ein Stückchen Mycel ergreift, es an das Ende ihres vorher umgebogenen Hinterleibs führt, einen Tropfen von sich gibt, den der Pilzkeim sofort aufsaugt. Jacob Huber sah, wie sie das ein- bis zweimal stündlich wiederholte.

Welche Konsequenzen eine solche Zuschreibung hätte, dazu wieder Maeterlinck:

In Wahrheit – und die gleiche Bemerkung trifft auf manche ihrer Handlungen zu – sträuben wir uns dagegen, zuzugeben, daß es auf der Erde noch Wesen gibt, die gleich uns durch ihre Intelligenz oder ihre sittlichen Eigenschaften denselben Anspruch auf geistige Geltung, auf man weiß nicht welche ungewöhnliche Rolle im Weltall, welche Unsterblichkeit und unbestimmte und große Hoffnung erheben könnten. Der Gedanke, sie könnten ein von uns für einmalig angesehenes Vorrecht in dieser Welt mit uns teilen, erschüttert unsere tausendjährigen Illusionen, demütigt, entmutigt uns. Wir sehen, wie sie entstehen, wie sie leben, ihren bescheidenen Pflichten nachkommen und zu Hunderten von Milliarden sterben, ohne eine Spur zu hinterlassen, ohne daß irgend etwas, irgend jemand sich darum kümmerte und sie je ein anderes Ziel erreicht hätten als den Tod. Wir wollen uns nicht eingestehen, daß es mit uns genau so sein muß. Wir empfänden es angenehmer, wenn bei ihnen alles Torheit, Instinkt, Unbewußtheit, Verantwortungslosigkeit wäre. Eines Tages werden auch wir lernen, wie alles auf diesem Erdball es bereits gelernt hat, uns damit zufrieden zu geben, daß wir leben. Es wird unser letztes Ideal sein, das alle anderen Ideale in sich aufgenommen hat. Und wissen wir uns damit abzufinden, dann fühlen wir vielleicht, daß es genügt und jedenfalls ebenso erhaben und nicht so hoffnungslos ist, wie die meisten anderen Idole.

Passend und abschließend zu diesem Thema Zitate über Gott, Metaphysik und Weltschmerz:

Hat der Unerforschliche, der uns lenkt, da er selber nicht genau wußte, wo er hinaus wollte, mit den Termiten, den Ameisen und den Bienen drei Versuche beabsichtigt, ehe er den Menschen, seinen letzten Gedanken, den Zuletztgekommenen der Tierwelt, in die Zeit oder in die Ewigkeit entsandte? Sollten wir der vierte und wahrscheinlich der letzte mißlungene Versuch sein? Läßt sich aus den drei früheren irgendeine Schlußfolgerung für unsere eigene Zukunft ziehen?

Jemand öffnet die Augen in der Nacht, erblickt ein Stück Erde oder etwas mehr, ein paar Sterne, ein menschliches Antlitz, und schließt sie dann für immer. Worüber sollte er sich beklagen? Wird es uns dermaleinst anders ergehen? Ist nicht alles – und währte es nur eine Sekunde – doch besser, als nie gewesen zu sein?

Wozu sind wohl die Ameisen nütze gewesen, wozu wir selber, wenn wir den Scheitelpunkt der Kurve erreicht haben? Zu nichts anderem als einigen physikalischen Vorgängen, die wir geistig nennen, wenn sie sich in unserem Hirn abspielen, die Möglichkeit zu geben, sich unendlich viele Male zu wiederholen, zur Not ein paar andere Verbindungen zu finden, deren keine endgültig sein wird, und nichts zu gestalten, was nicht schon da war.

Wie eingangs schon geschrieben, wissenschaftlich sind Maeterlincks Thesen sicherlich heute überholt, aber literarisch ist es schon großartig, was er über die Ameisen schreibt, welche Bilder er findet und welche Vergleiche er zieht.

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