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Limburger Paradoxa

Ein Artikel von Jacob Augstein in Spiegel Online „Von Limburg nach Lampedusa“ hat meine Aufmerksamkeit auf einige interessante Paradoxa gelenkt, die mir sonst wahrscheinlich entgangen wären. Augstein schreibt:

Eines der besten deutschen Neubauvorhaben seiner Art

Die Kosten mögen zu hoch sein. Aber sie sind gut investiert. „Das Diözesane Zentrum ist exzellente Baukunst, eines der besten deutschen Neubauvorhaben seiner Art aus den letzten Jahren“, hat Rainer Haubrich in der „Welt“ geschrieben und das glaubt man mit Blick auf die Bilder sofort. Ein „Protz-Bischof“, wie er auf dem Boulevard beschimpft wird, ist dieser Tebartz-van Elst gerade nicht, sondern ganz im Gegenteil ein geschmackvoller Mann, dem man allerdings ein solches Bauvorhaben nicht anvertrauen sollte. Aber für solche Differenzierung ist nur wenig Raum im Strudel all der Empörung.

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Das Keifen der Menge ist übrigens in der Architektur des öffentlichen Raumes kein guter Maßstab. „Wird die Stadt Paris sich wirklich den (…) geschäftstüchtigen Phantastereien einer Maschinenkonstruktion anschließen, um sich für immer zu schänden und zu entehren?“, hieß es seinerzeit in einem Manifest gegen den Eiffelturm. Und man sollte auch daran erinnern, dass demokratische Legitimierung und saubere Rechnungslegung gerade bei den großen kirchlichen Bau- und Kunstwerken historisch eher die Ausnahme waren.

Der Mann, dem wir den Neubau des Petersdoms verdanken, hieß im wahren Leben Giuliano della Rovere, war nicht nur Feldherr und Vater von drei Töchtern, sondern auch Papst, Beiname: „der Schreckliche“. Ohne ihn gäbe es Michelangelos Fresken in der Sixtinischen Kapelle nicht. Aber wie wollte man das heute bei Günther Jauch erklären?

Das stimmt. Schaut man sich die Bilder an, die jetzt vom Limburger Bistum überall zu sehen sind, dann kann man schon neidisch auf den Bischof werden, der dort residieren darf:

Was sind nun die Paradoxa, die mir aufgefallen sind?

  1. Wenn der Papst den Bischof Tebartz-van Elst entlässt oder dieser freiwillig die Segel streicht, dann wird sein Nachfolger in den Genuss der neuen, prachtvollen Residenz kommen, denn ein Rückbau würde die Baukosten ja weiter erhöhen. Höchstens die angeblich 15.000 Euro teure Badewanne kann man durch eine weniger protzige ersetzen und verkaufen, was aber Peanuts angesichts der Gesamtbausumme sind. Das Baugeld ist ja bereits ausgegeben.

  2. Das von der Kirche ausgegebene (und vom Staat (sic!) und den Gläubigen aufgebrachte) Geld hat Arbeitsplätze erhalten. Die Baufirmen haben gut verdient und sicher auch der Architekt. – Arbeitsplätze, das ist doch stets ein hübsches Standardargument in unserer Gesellschaft, gelle?

  3. Als Tourist fährt man gern an Orte, an denen für mehr oder weniger sinnlose Dinge Geld verschwendet wurde, z.B. zu den Pyramiden, zu alten Maya- und Inkastätten, zu Kirchen des Mittelalters. (Augstein hatte ja den Petersdom in Rom in seinem Artikel schon erwähnt.) Der Unterschied zum jetzigen Prunkbau ist nur, dass die heute Lebenden betroffen sind und nicht die alten Ägypter, Maya, Inka oder die Menschen des Mittelalters. Da haben andere gelitten und wahrscheinlich viele sogar mit ihrem Leben bezahlt.

Ein sehr schönes Beispiel ist auch das Kolosseum in Rom. In diesem sind zur Römerzeit sehr viele Menschen umgekommen, zur Belustigung der Kaiser, des Adels und auch des einfachen Volkes. Was Touristen heute am Kolosseum stört, ist unter anderem, dass eine Seite des Ovals fast fehlt. Die ursprünglich dort verbauten Steine wurden im Mittelalter abgetragen, weil die damals lebenden Menschen sie in ihre eigenen Häuser integriert haben – es war preiswerter, die Steine von dort zu holen, als aus einem Steinbruch.

Was wird von unserer Zeit über eine längere Zeit erhalten bleiben? Wahrscheinlich genau die Protzwerke, über deren exorbitante Kosten wir uns heute aufregen: Die Hamburger Philharmonie, der Berliner Flughafen, der Stuttgarter Tiefbahnhof – und die Limburger Residenz. Was über die Gegenwart hinaus erhalten bleiben soll, geht auf Kosten genau der Gegenwärtigen. Die heutigen preiswerten Einfamilienhäuschen von der Stange sind den Touristen der Zukunft sicher keine Reise wert. So ändert sich der Blickwinkel, wenn es ums eigene Geld geht. 😉

  1. 15. Oktober 2013, 09:48 | #1

    Ein weiteres Beispiel für das hier beschriebene Phänomen sind die Märchenschlösser Ludwigs II. von Bayern. Man hat den Mann wegen seiner Verschwendungssucht für wahnsinnig erklärt, entmündigt und vom Thron gestürzt. Heute sind die Schlösser Touristenmagneten, die Unsummen in die bayrische Staatskasse spielen, und der „Kini“ wird vom Volk verehrt wie kein anderer bayrischer König.

  2. 15. Oktober 2013, 10:20 | #2

    Auch der Postillon berichtete mehrmals fair und seriös über Limburg. Hier die beiden Hauptartikel:

    1. Limburger Bischof lässt Beichtstuhl für 5 Millionen Euro bauen, um dort seine Fehler einzuräumen. Anbei das schöne Bild des neuen Beichtstuhls:

    2. Tebartz-van Elst reagiert auf Kritik und lässt überteuerte Bischofsresidenz wieder abreißen. Auch hier ein schönes Bild von den Abrissarbeiten:

  3. Jalella
    16. Oktober 2013, 15:43 | #3

    Ich denke, der spanndende Punkt ist nicht, dass der Bau soviel kostet, sondern dass

    1. er viel weniger hätte kosten sollen
    2. die für die Kontrolle zuständigen Gremien gepennt haben und den Bischof einfach haben machen lassen.

    Wenn ein absoluter Herrscher beliebig viel Geld für einen Prachtbau verprasst, der dann toll aussieht, der Nachwelt erhalten bleibt, und später sogar als sehenswert weiter erhalten werden soll, dann ist das ja völlig in Ordnung (von einer möglicherweise gleichzeitig hungernden Bevölkerung, auf deren Rücken das Ganze ausgetragen wurde mal abgesehen vielleicht).

    Ich weiß nicht, ob es überhaupt großes Aufsehen gegeben hätte, wenn der Bau einfach gleich für 30Mio € veranschlagt worden wäre. Und die Zahl schreckt ja in heutiger Zeit nicht mehr weiter, wo wir das Tausendfache mühelos jeder bankrotten Bank in den Rachen werfen und kaum noch gähnen dabei (wobei wir uns das Werfen ja schon spannender gestaltet haben, indem wir nicht mehr direkt werfen, sondern gewissermaßen „über Bande“; also erst nach Griechenland und von dort dann über Umwege den Banken in den Rachen).

    Ansonsten reiht sich das Ganze ja nur nahtlos in ähnliche Bausünden ein, die wir hinreichend alle kennen (Stuttgart 21, Berliner Flughafen etc.) und bei denen es um noch ganz andere Summen geht. Besonders ist vielleicht, dass es in diesem Fall nicht der Staat ist, der Mist dieser Art gebaut hat, sondern ein Vertreter der Kirche. Ich glaube auch, dass das der Hauptgrund ist, warum die Presse sich so außerordentlich auf das Thema stürzt. Vielleicht sind die Themen Griechenland, Euro, Finanzkrise inzwischen einfach auch zu langweilig geworden. Da beschäftigt man sicher gerne zur Abwechslung mal mit kleineren Brötchen.

  4. 16. Oktober 2013, 16:53 | #4

    @Jalella
    Sicher. Was mich umtreibt, ist die Frage, was aus unserer Zeit übrig bleiben wird. Die Pyramiden haben 5000 Jahre geschafft, das Kolosseum knapp 2000. Dann gibt es noch einen Haufen Kirchen, von denen die ältesten ein Jahrtausend alt sind.

    Ähnlich wie mit unseren Bauten gilt das für jedwede Erinnerung an unsere Zeiten. Wenn sich alle 8 Jahre (inzwischen ist die Zeitspanne ja sicher noch kürzer) das Wissen verdoppelt, dann ist die Menge unseres Wissens im Vergleich zu der in 1000 Jahren = 1 / (1000 / 8)^2 = 2,3 * 10^-38. In Worten: Nichts.

  5. 20. Oktober 2013, 17:23 | #5

    Einmal abgesehen von falschen eidesstattlichen Erklärungen und anderen Täuschungen: Es sollte aufgeschlüsselt werden, wofür welche Gelder verwendet wurden, dann zeigt sich wo tatsächlich persönliche Bereicherung statt gefunden hat und wo zumindest ein gewisser „Nutzen“ für die Allgemeinheit oder zumindest die Gläubigen besteht (Architektur).

  6. Jalella
    21. Oktober 2013, 10:34 | #6

    @Köppnick
    Ich glaube „was bleibt?“ ist vor allem eine Frage unserer immer mehr und stärker zunehmenden Überbevölkerung. Schon im heutigen Rom sind viele Kirchen und andere Bauten über die einstmal antiken Bauten der alten Römer gebaut worden. Oft wurden in der Vergangenheit auch alte Bauwerke als Steinbrüche für neuere benutzt. Wenn es immer mehr Menschen gibt, wird es immer seltener die Chance geben, altes zu erhalten, da Platz für Neues gebraucht wird. Das wird auch die Antwort auf die Frage, ob etwas erhaltenswert ist, beeinflussen.

    Was die Menge des Wissens angeht, bin ich nicht sicher, ob man das exponentielle Wachstum beliebig in die Zukunft extrapolieren darf. Was rein geschichtliches Wissen angeht, ist der Zuwachs zumindest annähernd linear: nach 100 Jahren muss ich mich an die Ereignisse von 100 Jahren zusätzlich erinnern. Zugegeben: ich muss mich an viel mehr Menschen erinnern, da deren Zahl ja noch exponentiell wächst.

    An den Limburger Bischhofssitz wird man sich in 100 Jahren vielleicht noch erinnern, vielleicht steht er dann sogar noch, aber das Wissen um das hin und her der Kosten wird in der Menge der (hoffentlich) interessanteren Dinge untergegangen sein.

  7. 21. Oktober 2013, 10:50 | #7

    @Jalella
    Als Kuriosum am Rand, ich habe es bei Jauch gestern Abend gehört: Bei einer bestimmten Serie der DM-Scheine ziert der Limburger Dom den Schein des 1000er, d.h. des größten.

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