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Kurioses zum Jahresbeginn

Natürlich kann man nicht erwarten, dass mit dem Ausbleiben der vorhergesagten Weltuntergangskatastrophe (erinnert sich noch jemand an den 21.12.2012?) die Welt jetzt vernünftiger geworden wäre. Nein, das neue Jahr beginnt so, wie das alte geendet hat. Hier meine drei Lieblingskuriosa der letzten Woche:

1. Die Eine-Billion-Dollar-Münze
In einem Spiegelartikel habe ich von dem Vorschlag erfahren, den Haushaltstreit in den USA durch das Prägen einer Eine-Billion-Dollar-Münze zu beenden. Der Spiegelartikel ist hinreichend unverständlich formuliert, jedenfalls hatte ich nach dem Lesen dieses Textes nicht begriffen, wie das Procedere funktionieren soll. In einem Artikel in der Süddeutschen wird es besser erklärt.

Meine Kurzfassung: Die USA haben ihre Schulden bei der Fed, also ihrer Zentralbank. Es gibt eine Schuldenobergrenze, die vom Parlament festgelegt wird und um deren Höhe es zwischen den Demokraten und Republikanern regelmäßig Streit gibt. Das Rückzahlen der Schulden der USA, indem die Regierung einfach neues Geld emittiert (umgangssprachlich: „Geld drucken lässt“), ist ebenfalls gesetzlich verboten. Das einzige Geld, das die Regierung selbst herausgeben darf, sind Gedenkmünzen aus Platin. Deshalb wird seit einiger Zeit der Vorschlag diskutiert, eine Münze aus Platin mit einem Nennwert von einer Billion Dollar zu prägen und damit durch die Übergabe an die Fed Schulden in Höhe von einer Billion Dollar zu tilgen. So hätte man bis zur gerade erreichten Schuldenobergrenze von 16 Billionen wieder eine Billion Luft und könnte folglich wieder eine Billion neue Schulden machen.

Während diese Idee lange Zeit ein Schattendasein in obskuren Foren geführt hat, wurde sie jetzt durch den Ökonomie-Nobelpreisträger Paul Krugman erneut vorgeschlagen. Das Risiko einer Inflation sieht er nicht – was übrigens auch für die Diskussion der europäischen Schuldenkrise bemerkenswert ist, weil es die sehr seltsamen Zusammenhänge zwischen Geldwirtschaft und Realwirtschaft illustriert. Und übermäßig viel Platin muss die Münze auch nicht enthalten. Es ist zwar meistens üblich, dass der Metallwert und der Nennwert einer solchen Münze zumindestens zum Zeitpunkt der Emmission in einem vernünftigen Verhältnis steht, aber zwingend ist das nicht – beim Papiergeld ist das ja auch nicht der Fall.

Juristisch ist der Vorschlag offenbar korrekt, aber dennoch kurios. Besonders lustig finde ich zwei zusätzliche Ideen, die man in dem Artikel findet: Als Konterfei auf der Münze könnte man, um die Republikaner über diesen Finanztrick noch mehr zu ärgern, ein Bild von Ronald Reagan nehmen, eine der Ikonen der Republikaner. An dessen Leben ist bemerkenswert, dass er sich als Alzheimerpatient am Ende seines Lebens nicht mehr daran erinnern konnte, jemals Präsident der Vereinigten Staaten gewesen zu sein. Das zweite Kuriosum besteht in der Frage, warum man nicht gleich eine Sechzehn-Billionen-Dollar-Münze prägen lässt und damit alle Staatsschulden auf einmal zurückzahlt. Die Idee hat etwas für sich, man sollte in Europa nach einer vergleichbaren Gesetzeslücke suchen!

2. Temperaturen, niedriger als null Kelvin
In einem Artikel in Spektrum habe ich gelesen, dass es Physikern gelungen ist, unter bestimmten Bedingungen Temperaturen von weniger als null Kelvin zu erreichen. Dieser Artikel ist hinreichend unverständlich und auch einige weitere, z.B. dieser oder dieser sind nahezu wörtliche Wiederholungen. Erst ein Artikel von Lars Fischer Kann etwas kälter werden als der absolute Nullpunkt? brachte Licht in meinen etwas verwirrten Verstand. Dieser Artikel ist übrigens bereits aus dem Jahr 2010.

In eigenen Worten: Bei einer Temperatur von null Kelvin bewegen sich die Atome nicht mehr. Aber innerhalb der Atome gibt es doch noch Bewegungen und Energien, die z.B. (salopp formuliert) die Elektronen um die Kerne kreisen lassen. Wenn sich viele Elektronen im Grundniveau befinden und nur wenige in einem angeregten Zustand, dann ist die Entropie in diesem Zustand größer als wenn sich die Teilchen gleichmäßiger über die verschiedenen Niveaus verteilen. Um solche Zustände zu erreichen, braucht man die experimentellen Anordnungen, die in den ersten drei Links beschrieben wurden: Die Atome bewegen sich nicht, aber mehr von ihnen befinden sich nicht im Grundzustand – damit ist die Entropie niedriger als bei denselben Atomen im Grundzustand bei null Kelvin. Und, et voilà, rechnerisch ist diesem Quantenzustand eine Temperatur zugeordnet, die niedriger als der absolute Nullpunkt ist. Ob dieser Effekt aber tatsächlich zur Erklärung der Dunklen Energie beiträgt? Ich weiß es nicht.

3. Jugendliche beneiden Rentner
Das dritte Kuriosum stammt von der Satireseite Der Postillon, auf die ich vor einigen Wochen gestoßen bin, zuerst durch den Artikel Studie: Vier von fünf Killerspiele-Spielern zu fett für Amoklauf. Ich wollte damals schon etwas über diese Seite schreiben, aber just an diesem Tag war der Amoklauf in den USA und ich habe es gelassen. Ein bisschen hat es mich an das zufällige Zusammentreffen des Liedes Die perfekte Welle mit dem Tsunami am 26.12.2004 erinnert, siehe auch hier. Das heutige Beispiel von Postillon ist da etwas harmloser: Teenager neidisch, weil Rentner „immer Zeit zum Zocken und für Facebook“ haben. Zwei Zitate:

„Boah, Rentner haben es voll gut“, ist etwa Dennis S. (18) aus Bremen überzeugt. „Die müssen nicht in die Schule und die müssen auch nicht arbeiten. Die hängen bestimmt den ganzen Tag auf WoW rum und leveln sich derbe hoch. So stelle ich mir den Himmel vor.“

Der 15-jährige Kevin T. aus Iserlohn schätzt daran neben der Möglichkeit, „alles zu bekommen, was ab 18 ist“ vor allem finanzielle Aspekte: „Ich hab gehört, die Alten kriegen mindestens 359 Euro Rente. Im Monat!

Dennis und Kevin sind immer und überall für gehaltvolle Beiträge bekannt. Dem Postillon verdanke ich auch weitere wertvolle Erkenntnisse wie

99,8 Prozent aller Deutschen leiden unter krankhafter Ess- und Trinksucht

Laut einer Untersuchung der Drogenbeauftragten der Bundesregierung leidet eine erschreckende Anzahl an Menschen in Deutschland unter krankhafter Ess- und Trinksucht. So sollen 99,8 Prozent der Deutschen regelmäßig Nahrungsmittel und Getränke konsumieren; die meisten können sich ein Leben ohne die orale Aufnahme kalorien- und flüssigkeitshaltiger Substanzen nicht mehr vorstellen.

oder

Volkskrankheit Leophobie: 99 Prozent aller Deutschen haben panische Angst vor Löwen

Dass viele Menschen irrationale Angst vor offenen Plätzen, Menschenmengen oder Spinnen haben, ist lange bekannt. Neu hingegen ist, dass offenbar die überwältigende Mehrheit der Deutschen unter einer sogenannten Leophobie leidet.

Für die Studie wurden 300 Freiwillige nacheinander in einen Raum geführt, an dessen anderem Ende sich – durch eine kaum erkennbare Glasscheibe getrennt – ein ausgewachsener Löwe befand. Sobald die Probanden den Löwen erblickten, beschleunigte sich ihr Puls sprunghaft.

– und das obwohl keine dieser Personen je von einem Löwen angegriffen oder gar verletzt wurde.

Gespannt warte ich auch im neuen Jahr auf weitere Artikel des Postillon.

  1. Alex
    11. Januar 2013, 06:50 | #1

    Zuerst wird eine Lüge verbreitet – der sogenannte Weltuntergang – und wenn dieser dann ausbleibt, wird mit Spott und Hohn auf diese Lüge zurückgeblickt.

    Der Mayakalender hat in keiner Weise einen „Weltuntergang“ vorhergesagt, sondern das Ende der Zeit und der Beginn eines neuen Zeitalters. Aber egal was der Mayakalender – oder die Apokalypse oder ähnliches – postulieren, die Schwelle zum Positiven wurde überschritten. Was man jetzt noch wahrnimmt ist das Echo der „alten Zeit“. Das neue Zeitalter mit positiveren Energien ist nicht mehr aufzuhalten…

    Selbst Intellektuelle sollten erkennen lernen!

  2. Ananse
    13. Januar 2013, 19:06 | #2

    @Alex
    Selbst Intellektuelle sollten erkennen lernen.

    Die Intellektuellen, zu denen z.B. ich mich zähle, haben erkannt, dass diejenigen, die den Weltuntergang vorhergesagt haben, nicht dieselben sind, die diesem Szenario spöttisch gegenüber gestanden haben.

    Das neue Zeitalter mit positiveren Energien ist nicht mehr aufzuhalten…

    Danke für diesen Hinweis. Dann versuche ich das gar nicht erst, sondern widme mich gleich anderen Dingen.