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Können wir ohne Glauben leben?

Die Überschrift habe ich einem der beiden Artikel entlehnt, die ich hier kommentieren möchte. Die Frage, ob Religion einen Nutzen für die Menschen hat oder eher schädlich ist, wird bereits seit langem diskutiert. Im Übrigen lässt sich darüber streiten, ohne eine zweite Frage, die nach der Existenz Gottes zu thematisieren. Glauben/Nichtglauben setzt Existenz/Nichtexistenz nicht voraus.

Die Frage und mögliche Antworten sind ungeheuer komplex. Es fängt bereits bei dem Begriff „Nutzen“ an. Für einen Gläubigen bedeutet Nutzen etwas ganz anderes als für einen Atheisten, bzgl. seines Glaubens hat der Gläubige ja kaum eine Wahl. Der Atheist fokussiert auf die Qualität des diesseitigen Lebens, der Gläubige vielleicht auf das gute ewige Leben nach dem Tod. Da redet man schnell aneinander vorbei. Doch es können sich um die Frage auch die Atheisten sehr gut allein und unter sich streiten. Ich habe zwei Artikel am selben Tag gelesen:

  • In „Bild der Wissenschaft“ 1/2013 gibt es auf 18 Seiten eine ganze Reihe von Beiträgen, der zentrale stammt von Rüdiger Vaas, „Göttliche Gesellschaften“.
  • In „Zeit Wissen“ 1/2013 findet man eine Artikelserie mit 14 Seiten. Hier hat den Hauptartikel „Was wir von der Religion lernen können“ Ulrich Schnabel geschrieben.

Beide Autoren sind Wissenschaftsjournalisten. Der eine hat Biologie, Germanistik, Linguistik und Philosophie studiert, der andere Physik und Publizistik. Wie misst man nun den Nutzen oder den Schaden einer Religion? Zwei Fakten(?) waren mir bereits vor den beiden Artikeln im Gedächtnis haften geblieben: „Regelmäßige Gottesdienstbesucher leben länger“ und „je religiöser jemand ist, desto mehr Kinder hat er“. Rüdiger Vaas gehört zum wissenschaftlichen Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung, sein Fazit bzgl. Religion und religiösen Gesellschaften fällt negativ aus. In Form einiger Schlüsselsätze:

  1. Menschen in Ländern mit größeren Einkommensunterschieden und schwierigeren Lebensumständen sind religiöser.
  2. Demokratie, eine gerechte Einkommensverteilung und Sozialhilfe sind in Staaten, in denen mehr Atheisten leben, stärker ausgeprägt.
  3. Nicht die Glaubensinhalte fördern das Wohlbefinden, sondern die Gemeinschaft.

Bei dem ersten Punkt ist die Frage, was hier Ursache und was Wirkung ist, denn die Korrelation ist wohl unstrittig. Vaas zitiert in seinem Artikel einige Studien, die belegen sollen, dass Religion sich hinderlich auf die gesellschaftliche Entwicklung auswirkt. Überraschend die Erkenntnisse zum zweiten Punkt:

Wo mehr gebetet wird, sind die staatlichen Hilfen für Arbeitslose beispielsweise geringer. Mehreren neuen Studien zufolge keineswegs zufällig. Vielmehr scheint es eine Wechselwirkung zu geben, die sich womöglich sogar verstärkt.

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Erwiesenermaßen tragen Religionen zur sozialen Ungleichheit bei. Das geht beispielsweise aus einer Studie von Ceyhun Elgin hervor, der an der Bogazici-Universität in Istanbul forscht. Sein Resultat: Entscheidend ist die Einstellung zur Besteuerung. Jeder möchte weniger Steuern zahlen, aber Religiöse besonders, weil sie mehr auf Spenden zur Unterstützung Bedürftiger setzen und weniger auf staatliche Wohlfahrtsausgaben. Ein niedrigerer Steuersatz führt aber zu größeren Einkommensunterschieden. Atheisten sind höheren Steuern gegenüber im Schnitt weniger ablehnend eingestellt.

Fest steht: Höhere Steuern verringern in demokratischen Gesellschaften das Auseinanderklaffen der Einkommensschere und die „Ausbeutung“ öffentlicher Mittel. In Ländern mit mehr religiösen Menschen sind die Einkommensunterschiede in der Regel größer, die Steuersätze niedriger und die staatlichen Sozialausgaben geringer.

Aber warum geben Länder mit einer religiöseren Bevölkerung weniger für die soziale Wohlfahrt aus? Die Antwort klingt überraschend: Weil es eine Mehrheit der Gläubigen so will. Denn nichtreligiöse Menschen befürworten staatliche Wohlfahrt meist stärker als religiöse. Das ergaben unter anderem Untersuchungen von David Stasavage, Politikwissenschaftler an der New York University.

Zum dritten Punkt zitiert Vaas u.a. Studien, die die von mir bereits erwähnte positive Korrelation zwischen Lebenserwartung und Gottesdienstbesuch zum Thema hatten. Es profitieren diejenigen Gläubigen am stärksten, die während ihrer Kirchenbesuche auch ihre Sozialkontakte pflegen konnten. Einsames Hocken auf der Kirchbank hat keine messbaren Erfolge.

Die ganze Problematik der Argumentation von Vaas zeigt die folgende Grafik und ihre Erklärung:

Der Text zu dieser Grafik:

Statistisch hängt die Lebenserwartung auch von der Religionszugehörigkeit ab.

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Dies geht aus den Daten der Health and Retirement Study hervor. Die Studie verfolgt seit 1992 das Schicksal von 18000 US-Amerikanern. Seither sind mehr als 14000 von ihnen gestorben. Hochgerechnet fällt die Zahl der verbleibenden Lebensjahre ganz unterschiedlich aus. Das hängt aber nicht von der religiösen Einstellung Einbindung – eifrige Kirchgänger sind sozial häufig besser integriert. Einer der Hauptfaktoren ist der Familienstatus. Wer geschieden oder getrennt lebt, dessen jährliches Sterberisiko erhöht sich um 60 Prozent, bei nie Verheirateten um 45 Prozent. Nichtreligiöse sind etwa 50 Prozent wahrscheinlicher geschieden, getrennt oder unverheiratet – und das erklärt den Großteil der unterschiedlichen Lebenserwartung, wie Allison Sullivan vorn Population Studies Center der University of Pennsylvania herausgefunden hat.

Eine Antwort dazu gibt es in dem Artikel von Rüdiger Vaas allerdings nicht: Wenn es nicht die Zugehörigkeit zu einer Religion ist, die die Lebenserwartung vergrößert, sondern das sich Nicht-Scheiden-Lassen, wie bringt man dann Atheisten zu einem ähnlichen, lebensverlängernden Verhalten?

Beim Lesen des zweiten Artikels von Ulrich Schnabel stößt man auf die Aussagen anderer Studien, die Gegensätzliches aussagen, z.B.:

Wer mit religiösen Begriffen konfrontiert wird, handelt großzügiger, stellten Forscher 2007 fest. Von 50 Freiwilligen wurden 25 in einem Spiel beiläufig mit Wörtern wie »Gott« und »heilig« konfrontiert, die anderen mit nicht religiösen Begriffen. Die erste Gruppe schenkte anschließend im Schnitt 4,22 von 10 Dollar einem Fremden, die zweite Gruppe gab nur 1,84 Dollar. Das Priming zeigte auch bei Atheisten Wirkung.

Überhaupt muss man sich doch die Frage stellen, warum sich überhaupt religiöses Denken entwickelt hat. Richard Dawkins hat es sich im Gotteswahn sehr einfach gemacht: Religiosität ist ein Abfallprodukt von etwas anderem, schlecht und schädlich, und deshalb heute unerwünscht. Ich halte das für unplausibel, alle Strategien, die zusätzliche Energien verschwenden, wären evolutionär weniger erfolgreich und würden im Verlauf mehrerer Generationen von selbst verschwinden.

Das beginnt schon mit der Frage, wie religiöse Vorstellungen überhaupt entstehen und warum nicht alle Menschen die Welt rational-nüchtern sehen. Antwort: Weil »Religion natürlich ist und Wissenschaft nicht«, wie es der Philosoph und Religionspsychologe Robert McCauley kurz und bündig formuliert.

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In seinem Buch „Why Religion is Natural and Science is Not“ beschreibt McCauley, dass uns der religiöse Glaube viel leichter fällt als das (oft anstrengende) wissenschaftliche Denken. Denn die meisten Denk- und Gefühlsreflexe, die sich im Laufe der menschlichen Evolutionsgeschichte herausgebildet haben, kommen dem religiösen Denken natürlicherweise entgegen: Wir tendieren etwa dazu, hinter jeder Wirkung eine Ursache zu vermuten (»Keine Schöpfung ohne Schöpfer«), entdecken selbst in zufälligen Strukturen gerne Muster, haben eine natürliche Neigung, auch tote Gegenstände als belebt wahrzunehmen (weshalb wir dem Auto oder dem Computer gut zureden), und sehnen uns alle insgeheim nach allwissenden Autoritäten, denen wir uns guten Gewissens unterwerfen können.

Gegen Ende des Artikels gibt es dann das folgende Fazit:

Fehlt uns heute in unseren kalten, kapitalistischen Gesellschaften gerade diese Art von »Klebstoff«, wie es zum Beispiel Alain de Botton in seinem Buch beklagt? Ist etwa der Arbeitswahn von modernen Workaholics auch dadurch zu erklären, dass sie im Büro jene Art von Gemeinschaftserlebnis suchen, für das früher die Religionen zuständig waren? Mit anderen Worten: Fehlt uns ohne irgendeine Art von Religion etwas Entscheidendes im Leben?

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Norenzayan sieht das differenziert. Zur Aufrechterhaltung der Moral brauche man Religion heute nicht mehr unbedingt. Schließlich hätten moderne Gesellschaften inzwischen Ersatz für die einstigen religiösen Moralhüter geschaffen: Gerichte, Polizei und weltliche Gesetze wachen nun in säkularen Staaten darüber, dass niemand den anderen übers Ohr haut. Und in solchen Nationen gehe es keinesfalls unmoralischer oder chaotischer zu, bilanziert Norenzayan. Tm Gegenteil, »einige der kooperativsten, friedlichsten und prosperierendsten Gesellschaften der Welt« hätten heute eine atheistische Mehrheit. Solche Staaten seien gewissermaßen »die Leiter der Religion hochgeklettert und haben sie dann weggekickt«.

Doch die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung ist nicht alles. Für Alain de Botton gibt es auch noch die »weicheren“ Qualitäten unseres Zusammenlebens, die in Begriffen wie Nächstenliebe oder Demut zum Ausdruck kommen. Und für diese fehle unseren Gesellschaften häufig das Gespür. »So sind wir etwa vom finanziellen Standpunkt aus deutlich großzügiger als unsere Vorfahren«, schreibt der Philosoph. »Wir geben rund die Hälfte unseres Einkommens an das Gemeinwesen ab. Aber wir tun dies, fast ohne es zu realisieren, nämlich durch die anonymen Mechanismen unseres Steuersystems.« Und wir fühlten uns schon gar nicht mit jenen verbunden, für die unsere Steuern »saubere Wäsche, Suppe, ein Dach über dem Kopf oder die tägliche Dosis Insulin« finanzieren. Denn Steuern förderten weniger den Zusammenhalt als eher das egoistische Denken.

Hm, und das ist nun das genaue Gegenteil der Aussagen aus dem ersten Artikel. Was ist nun mein Fazit? Man kann sicherlich zeigen, dass die Vorteile des Glaubens für den Einzelnen und die Gemeinschaft sich auf soziologische Aspekte zurückführen lassen (Rüdiger Vaas). Und man kann auch versuchen, bestimmte Verhaltensweisen von den Religionen zu lernen (Ulrich Schnabel). Aber bedeutet das, dass man den Einfluss der Religionen verringern kann? Hier mal eine Grafik, die ich von einer christlichen Seite (Die Religionen der Welt) kopiert habe:

Gut finde ich an der Grafik, dass zwischen Nichtreligiösen und Atheisten unterschieden wird, denn zwischen beiden Gruppen besteht ein gewaltiger Unterschied. Die Ursprung der Quelle der verwendeten Zahlen wird oben auf der verlinkten Seite genannt, sie werden wohl stimmen. Folgt man der Aussage dieser Zahlen, dann wird der Anteil der Nichtreligiösen und der Atheisten eher fallen – weil sie in Ländern mit stagnierender oder sinkender Bevölkerungszahl leben – während das Christentum in Afrika und Asien gerade gewaltig zulegt.

Man kann in Studien sicher auch hier bestätigen, dass die Lebensqualität in diesen stärker religiösen Staaten schlechter als bei uns ist. Trotzdem sind diese Gesellschaften evolutionstechnisch gesehen erfolgreich – sie vergrößern ihre Population, wir nicht. Evolutionär gesehen ist nicht das Wohlbefinden des Einzelnen (auch nicht seine Lebenserwartung) das Kriterium, sondern das Überleben der Population. Und wenn man es mal ein wenig dystopisch sehen möchte: Die atheistischen Wissenschaftler sorgen dafür, dass überhaupt so viele Menschen auf der Erde leben können. Aber zumindestens die fundamentalistischen Gläubigen werden es ihnen nicht danken.

  1. Edgar
    22. März 2013, 05:32 | #1

    Und was ist mit den nicht-atheistischen Wissenschaftlern?

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