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Komische Dinge lassen die Leute auf der Straße liegen

Tante Siggi stand am Herd und rührte ihre Suppe. Sie war in Eile, denn erst am Morgen hatte sie bemerkt, dass ihr die Kartoffeln ausgegangen waren und sie deshalb nochmals schnell auf den Markt gehen musste. Jeden Moment konnte ihr Neffe Max von der Uni zurück sein, und auch Horst hatte sein Kommen angekündigt. Um ihre Füße strich Balthasar, der Kater. Natürlich war dieser wenig an den Kartoffeln in der Suppe interessiert, aber vielleicht würde Sigrid ja eines der Fleischstückchen fallen lassen, die sie vorhin kleingeschnitten hatte, und die jetzt auf einem Brettchen neben dem Herd auf ihren Einsatz in der Suppe warteten?

Siggi schöpfte mit dem Löffel etwas Suppe aus dem Topf, um diese noch besser abzuschmecken. Gerade als sie den Mund öffnete, um etwas Suppe zu schlürfen, lösten sich ihre dritten Zähne vom Gaumen, sausten am Löffel vorbei und platschten direkt in die Suppe. Verdammt! Dass ihre Zähne so schlecht hielten, hatte sich Siggi selbst zuzuschreiben. Jahrelang hatte sie alleine in ihrer kleinen Mansardenwohnung gelebt und ihre Zähne nur selten in den Mund genommen. Und als zu Beginn des Semesters ihr Neffe Max bei ihr eingezogen war, musste sie feststellen, dass ihre Dritten nicht mehr so gut passten wie noch vor einigen Jahren.

Der Kater hatte offenbar einen Spritzer der heißen Suppe abbekommen, er fauchte und sah sehr missmutig aus. Auch der Rabe Melchior mit dem lahmen Flügel, den Max vor einigen Tagen auf der Straße aufgelesen und sehr zum Missfallen von Siggi mitgebracht hatte, äugte aufmerksam von seinem erhöhten Sitzplatz herüber. Ungehalten beugte sich Siggi etwas weiter vor, ließ die Suppe vom Löffel direkt wieder in den Topf fließen und begann in der Suppe mit dem Löffel nach ihren Zähnen zu angeln. Aber entweder hatte sie sich dabei etwas zu weit nach vorn gebeugt oder ihre Frisur war durch das Malheur mit den Zähnen verrutscht, jedenfalls fingen ihre Haare in der Nähe der heißen Gasflamme zu sengen an.

Das war zu viel für den Kater, erschrocken sprang er davon. Dabei riss er auch Tante Siggi von den Beinen. Sie versuchte sich festzuhalten und stieß dabei den Topf um, die Gasflamme erlosch zischend. Und dann griff sie im Fallen reflexhaft nach dem Hahn ihres Herdes und hatte ihn noch in der Hand, als sie mit dem Hinterkopf auf den Boden schlug. “Das ist nicht mein Tag heute”, dachte sie noch, bevor sie für kurze Zeit das Bewusstsein verlor. Sie bemerkte nicht mehr, dass sie sogar noch ein bisschen Glück gehabt hatte, denn der wegspringende Kater hatte zu allem Unglück auch noch den Besen umgeworfen, der knallend neben Tante Siggi zu liegen kam und sie dabei nur knapp verfehlte.

Etwa um die gleiche Zeit war außer Max auch noch Horst, Max’ Vater auf dem Weg in die Schwanengasse 7, wo er mit seiner Schwester und seinem Sohn den Silvesterabend verbringen wollte. Max hatte den letzten Vormittag des Jahres dazu genutzt, einem Professor die längst überfällige Hausarbeit persönlich vorbeizubringen. Als er zu Fuß in die Schwanengasse einbog, schlug die Turmuhr zwölf Uhr Mittag. Er dachte, “jetzt muss ich mich aber wirklich beeilen, wenn ich pünktlich sein will”. Horst, sein Vater, saß derweil noch im Auto, hatte soeben die Autobahn verlassen und konnte bereits das Ortseingangsschild sehen.

Siggi kam langsam wieder zu sich, ihr Kopf schmerzte heftig und sie brauchte eine Weile, um ihre Situation zu begreifen. Sie lag auf dem Fußboden, neben ihr merkwürdigerweise der Besen. Der Kater beäugte sie misstrauisch aus einiger Entfernung. Der Rabe saß nach wie vor auf der Anrichte, von der er den besten Ausblick hatte. Noch benommen tastete Siggi nach der Zigarettenschachtel, die sie für Notfälle immer in ihrer Schürze bereit hielt. Erst als sie das Feuerzeug schon in der Hand hatte und schnappen lassen wollte, bemerkte sie das leise Zischen im Raum. “Um Gottes Willen, da strömt ja noch das Gas aus!” Äußerst leise und behutsam, so als ob sie glaubte, dass sich das Gas auch durch ein Geräusch entzünden könnte, zog sie sich am Herd nach oben, wankte zum Fenster und hatte schon den Griff in der Hand um es zu öffnen, als die Turmuhr schlug.

Am Fenster der Wohnung auf der gegenüberliegenden Seite der Straße legte Opa Friedrich das Fernglas zur Seite. Er war ein heimlicher Verehrer von Siggi und beobachtete sie gern bei den verschiedensten Tätigkeiten. “Puh, das scheint ja nochmal gut gegangen zu sein”, dachte er, als er sie am Fenster sah. Dann machte es in der Wohnung von Siggi leise “Klick”.

Max, der Student, war sehr stolz darauf, seiner Tante eine Freude machen zu können und hatte die Beleuchtung ihres Christbaums mit einer Zeitschaltuhr versehen. Genau um zwölf Uhr, etwa immer wenn die Kirchturmuhr schlug, schaltete diese Uhr die Beleuchtung ein. Wahrscheinlich hatte es dabei einen kleinen Funken gegeben und ganz offensichtlich waren in den wenigen Minuten, in denen Siggi auf dem Boden lag, einige Gasmoleküle in das Innere der Uhr gelangt. Jedenfalls schaffte es Siggi nicht mehr, das Fenster zu öffnen, als sich Balthasar und Melchior bereits auf dem Weg dorthin befanden, dicht gefolgt von dem Besen und Siggis Gebiss, das die Druckwelle auf der Suche nach einem Weg ins Freie mitgerissen hatte.

Max, der den gewaltigen Knall hörte, riss unwillkürlich den Kopf nach oben. War das wirklich seine Tante, die da auf einem Besen durch die Luft ritt, dicht gefolgt von Melchior und Balthasar? Aus dieser Entfernung bemerkte er den dritten Begleiter seiner Tante, das Gebiss, nicht. Horst Köppnick, der zur gleichen Zeit den Ortseingang passierte, ahnte nichts von der Ursache, er vernahm nur den lauten Knall und sah einige hell leuchtende Gegenstände durch die Luft fliegen. “Das ist ja genauso wie bei uns in der Großstadt”, dachte er, “man sollte die Raketen zu Silvester besser ganz verbieten.”

Das Gebiss der alten Dame segelte nicht so gut wie Melchior und Balthasar. Es fiel in einem steilen Bogen nur bis zu dem kleinen Gebüsch auf der anderen Seite der Straße hinunter. Da es zuvor eine ganze Weile in der heißen Suppe gelegen hatte, versank es sofort in dem Schneehaufen, mit dem der Strauch bedeckt war. Erst im Frühjahr, als der Schnee taute, wurde es von einem Passanten gefunden. “Komische Dinge lassen die Leute auf der Straße liegen”, dachte er und ging kopfschüttelnd weiter. Zu dieser Zeit waren sich Opa Friedrich und Tante Siggi schon viel näher gekommen, als sie es im Leben je geschafft hatten.

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