Karl Marx

Mit der Nummer 69 von Geo Epoche „Der Kapitalismus“ ist den Heftproduzenten wieder ein bemerkenswertes Heft gelungen. In Erinnerung werden mir sicherlich einige Kapitel bleiben:

Das Heft enthält auch einen sehr interessanten sechzehnseitigen Artikel über Karl Marx. Gegen Ende des Artikels liest man dort als Resümee:

… attestieren spätere Ökonomen Marx massive theoretische Versäumnisse. In mehreren Punkten wird das Marxsche Werk, obwohl durchaus anspruchsvoll konstruiert, in den folgenden Jahrzehnten wissenschaftlich widerlegt. So wird seine Einschätzung, dass sich der Wert und Preis einer Ware vor allem nach dem Maß der darin enthaltenen menschlichen Arbeit bemisst, verworfen zugunsten der Erkenntnis, dass sich ein Marktpreis vor allem durch die Nachfrage bildet.

Auch die für Marx zentrale Mehrwerttheorie stellen Ökonomen infrage. Sie gehört daher auch nicht zum wirtschaftswissenschaftlichen Kanon (wenngleich sie für viele Kapitalismuskritiker ein brauchbares Analysewerkzeug bleibt).

Hier wirkt der Artikel auf mich ein wenig schludrig, er vermengt die Begriffe „Wert“ und „Preis“, die neben dem Begriff „Gebrauchswert“ von Marx deutlich unterschieden werden. „Preis“ entspricht etwa dem Begriff „Tauschwert“. Ganz kurz zur Bedeutung dieser Begriffe (bei Marx):

  • Der Wert eines Produkts ist die für seine Produktion durchschnittlich aufzuwendende Arbeit. Hier muss noch unterschieden werden zwischen der lebendigen Arbeit und der vergegenständlichten Arbeit. Die lebendige Arbeit wird unmittelbar für die Produktion eines Guts aufgewendet. Die vergegenständlichte Arbeit steckt in den Rohstoffen und den Geräten, die für die Produktion notwendig sind. Erstere werden bei der Produktion verbraucht, letztere abgenutzt. Ihre Kosten werden gewissermaßen in das neue Produkt „eingepreist“.

  • Der Gebrauchswert ist die Nützlichkeit eines Produkts (oder einer Dienstleistung). Diese kann sich von Person zu Person oder von Gesellschaft zu Gesellschaft unterscheiden. Was der eine gern haben will, interessiert einen anderen unter Umständen überhaupt nicht.

  • Der Tauschwert ist vereinfacht gesprochen der Preis, auf den sich Käufer und Verkäufer letztlich einigen. Haben zwei Waren denselben Preis, haben sie denselben Tauschwert.

Stark vereinfacht zur oben angesprochenen Mehrwerttheorie: Der Produzierende erhält für seine Arbeit einen geringeren Lohn, als der von ihm durch seine Arbeit neu geschaffene Wert beträgt. Die Differenz zwischen diesem geringeren Lohn und dem höheren Verkaufspreis ist im Mittel der Mehrwert. Diesen Mehrwert eignet sich der Kapitalbesitzer an. Für den Marxismus definiert dieser Tatbestand die „Ausbeutung“, denn der Kapitalbesitzer, der nicht gearbeitet hat, hat deshalb auch nichts zur im Produkt steckenden Wertsteigerung beigetragen.

Die klassische (bürgerliche) Volkswirtschaftslehre beschreibt denselben Prozess der Ökonomie völlig anders. Es gibt dort die drei Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital und Boden. Und es ist ganz selbstverständlich, dass auch dem Kapital durch seine Mitwirkung an der Produktion ein angemessener Obolus zusteht, es muss verzinst werden.

Man muss sich an dieser Stelle klarmachen, dass hier zwei vollkommen verschiedene Theoriegebäude dieselben Vorgänge in der Wirtschaft beschreiben. Ökonomische Theorien sind aber nicht wertfrei, aus ihnen werden moralische Urteile abgeleitet. In der klassischen Volkswirtschaftslehre wird die Legitimität der Kapitalverzinsung durch den Konsumverzicht des Kapitalbesitzers begründet. Er hätte das Geld ja nicht in seine Fabrik stecken müssen, sondern es konsumieren können. Im Marxismus hingegen ist es die leistungslose Aneignung des vom Produzierenden geschaffenen Mehrwerts.

Ein einfaches Beispiel soll den Unterschied verdeutlichen: Jemand besitzt zufällig ein Stück Land. (Hier kommt damit der dritte Produktionsfaktor, der „Boden“, ins Spiel.) Unter diesem Stück Land wird Erdöl gefunden. Der Landbesitzer kauft ein paar Bohrtürme und stellt Personal zur Förderung ein. Der Preis, den er für eine Menge Erdöl verlangen kann, stellt sich auf dem Markt nach dem Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage ein, völlig unabhängig davon, welcher Aufwand an Arbeit für die Produktion notwendig ist. Für Marx ist das immer ungerecht, für die Volkswirtschaftslehre ist es immer gerecht, so wie jeder sich durch Angebot und Nachfrage einstellende Preis.

(Man muss hier noch anmerken, dass sich für Marx langfristig Preis und Wert einander nähern. Erzielt eine Ware einen höheren Preis, als ihre Produktion Kosten (Wert) verursacht, dann wird die Produktion vergrößert. Das Angebot steigt, die Nachfrage sinkt, der Preis fällt – in Richtung des niedrigeren Wertes (der niedrigeren Kosten). Erzielt eine Ware zu niedrige Preise, dann steigen Produzenten aus, weil ihre Kosten nicht gedeckt werden. Das Angebot verringert sich, die Preise steigen. Monopole und staatliche Eingriffe verhindern diese Regulierungsprozesse, gerade beim Erdöl.)

Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind seit den klassischen Zeiten von Smith, Recardo und Marx viel unübersichtlicher geworden. Zum ersten sind heute viele Angehörige der Mittelschicht sowohl Produzenten (nach Marx werden sie also ausgebeutet), als auch Besitzer z.B. von Aktien, Wertpapieren oder Lebensversicherungen, die sie gern verzinst hätten (hier fungieren sie als Ausbeuter). Zum zweiten berücksichtigen die beiden alternativen Beschreibungen mögliche Folgekosten heutiger Produktion und Waren nicht. Zum Beispiel setzt die Verbrennung von Erdöl CO2 frei, das in der Zukunft weitere Kosten verursachen wird, die weder die heutigen Produzenten noch die heutigen Konsumenten bezahlen.

Auch die These von der „langfristig fallenden Profitrate“, auf die Marx einen Großteil seines Untergangsszenarios gründet, bewahrheitet sich nicht.

Das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate ist eine der umstrittensten Schlussfolgerungen von Marx und wird im Marxismus selbst kontrovers (und kompliziert) diskutiert. Die Grundgedanken sind aber sehr einfach: Ein Kapitalist verschafft sich gegenüber einem anderen einen Vorteil, wenn er durch mehr Maschineneinsatz effektiver als ein anderer produzieren kann. Da das alle Konkurrenten ebenfalls tun, steigt im Laufe der Zeit der Automatisierungsgrad immer weiter an, bzw. der Anteil vergegenständlichter Arbeit im Vergleich zu lebendiger wächst. Quelle des Profits ist aber lediglich die Aneignung lebendiger Arbeit (=Ausbeutung), also sinkt tendenziell die Profitrate.

Warum die Profitrate in unserer heutigen Zeit praktisch nicht sinkt, kann man sich recht leicht selbst überlegen: Im Mittel beträgt die Produktivitätssteigerung etwa 2% im Jahr. D.h. für die Produktion derselben Produkte wird im darauffolgenden Jahr etwa 2% weniger Arbeitszeit (lebendige Arbeit) benötigt. Man kann also 2% der Arbeitskräfte entlassen, ihre Kaufkraft nimmt insgesamt um 2% ab. Als Unternehmer könnte man so entweder 2% weniger Produkte verkaufen oder müsste die Preise um 2% senken. – Das würde einem tatsächlichen Absinken der Profitrate entsprechen.

Um diesen Fall nicht eintreten zu lassen, wird Wirtschaftswachstum gefordert. Beträgt dieses im Mittel 2% im Jahr, wird die Steigerung der Produktivität damit kompensiert. Die entscheidende Frage ist, ob es in der Zukunft gelingt, ein nicht quantitatives, sondern qualitatives (und ökologisch nachhaltiges) Wachstum zu erreichen.

In der Zeit nach Marx ist das Wirtschaftswachstum weltweit größer gewesen als die Steigerung der Produktivität. Lakonisch wird dazu in dem Artikel vermerkt:

Zu beobachten ist lediglich, dass der Kapitalismus über weite Phasen die Schere zwischen Arm und Reich aufgehen lässt, nicht jedoch die Armut absolut verschlimmert.

Toll. Der Irrtum von Marx besteht also nicht darin, dass die Armen verhungert sind oder revoltiert haben, sondern, dass die Reichen heute reicher sind, als Marx sich das jemals vorstellen konnte.

Man kann eine ungerechte Gesellschaft übrigens auch mit einer Profitrate von null aufrecht erhalten: Wenn niemand mehr arbeiten muss, weil alles automatisiert abläuft, können sich die Besitzer der Fabriken mehr von den Produkten nehmen, als sie den anderen kostenlos abgeben.

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