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Kapitalanlage- versus Umlageverfahren II

Im Jahr 2005 war ich bei einem Vortrag von Bert Rürup, eine Zusammenfassung über diese Veranstaltung habe ich hier geschrieben: Die Rente ist sicher. Ein Jahr später habe ich meine Zweifel an einer kapitalgedeckten Rentenversicherung in einem weiteren Artikel formuliert: Kapitalanlage- versus Umlageverfahren. Anfang der Woche habe ich nun hier einen sehr schönen Vortrag gefunden, in der ein Wirtschaftswissenschaftler die beiden unterschiedlichen Methoden einmal sauber vergleicht: Alterssicherung und gesamtwirtschaftliche Entwicklung. Der Artikel ist nicht allzu lang, nur 12 Seiten, und er ist in einer sehr verständlichen Sprache abgefasst, sodass sich seine Lektüre wirklich lohnt. Die zentrale Eingangsthese in dem Artikel stammt von Gerhard Mackenroth und findet sich so auch in der Wikipedia:

Nun gilt der einfache und klare Satz, dass aller Sozialaufwand immer aus dem Volkseinkommen der laufenden Periode gedeckt werden muss. Es gibt keine andere Quelle und hat nie eineandere Quelle gegeben, aus der Sozialaufwand fließen könnte, es gibt keine Ansammlung von Fonds, keine Übertragung von Einkommensteilen von Periode zu Periode, kein ‚Sparen’ im privatwirtschaftlichen Sinne – es gibt gar nichts anderes als das laufende Volkseinkommen als Quelle für den Sozialaufwand.

Es ist egal, woher ein Rentner sein Geld bezieht. Wenn er für seine Rente ein Brötchen kauft und isst, kann dieses Brötchen kein anderer mehr kaufen und essen. Das gilt für alle Waren und Dienstleistungen, die ein Nichtarbeitender verbraucht, sie müssen zeitnah produziert bzw. zur Verfügung gestellt werden, und sie bedingen einen Konsumverzicht eines anderen zur selben Zeit. Beim Umlageverfahren wird das Geld zur selben Zeit von einem Arbeitenden zur Verfügung gestellt (er zahlt in die Rentenversicherung ein und diese überweist dieses Geld dem Rentner), beim Kapitalanlageverfahren hat der Rentner selbst vor vielen Jahren Konsumverzicht geleistet (er hat in irgendeine Kapitalanlage investiert) und erhält sein Geld jetzt verzinst zurück – zumindest sieht es auf den ersten Blick so aus.

Und eben um die genaue Analyse dieses scheinbar so einfachen Unterschiedes geht es in dem verlinkten Artikel. Da die Theorie dort sehr schön ausgebreitet ist, kann ich mich hier auf einige zusätzliche Anmerkungen beschränken.

Wenn jemand etwas spart und dieses Geld anlegt, dann kann er mit diesem Geld nicht selbst konsumieren. Derjenige, der auf der anderen Seite dieses Geld entgegennimmt, also Schulden macht, kann es entweder konsumieren oder investieren. In beiden Fällen verpflichtet sich diese Gegenseite zur Rückzahlung ihrer Schulden zu einem späteren Zeitpunkt, im allgemeinen mit Zinsen. Wenn diese Gegenseite das Geld verkonsumiert, dann muss sie zum Rückzahlungszeitpunkt einen höheren Konsumverzicht leisten, weil sie ja nicht nur das geborgte Geld, sondern auch die Zinsen zurückzahlen muss und die Rate der Zinsen höher liegt als die Inflationsrate. Der Gesamtkonsum fällt also gleich oder sogar niedriger aus, als wenn jeder sein Geld dann verbrauchen würde, wenn er es hat.

Investitionen im Inland, also in dem Land, in dem aktuell gespart wird, lohnen sich eigentlich zumindest für ein lokal produzierendes und auch dort verkaufendes Unternehmen im Mittelwert nicht, denn die Konsumtionsquote wird ja durch das Sparen in dem betreffenden Land gerade vermindert, weil die Binnenkaufkraft durch das Sparen sinkt. Es besteht also gar kein Interesse an einer erhöhten Produktion. Entweder werden also die Investitionen direkt im Ausland gemacht und stärken dort die Wirtschaft, oder die Produkte werden im Ausland verkauft. Das Musterbeispiel für diesen Vorgang stellt das Verhältnis zwischen den USA und China dar. Das mit seinen Außenhandelsüberschüssen eingenommene Geld stellt China den USA zur Verfügung, damit die Amerikaner chinesische Waren kaufen können. Die Chinesen produzieren und sparen wie verrückt, die Amerikaner kaufen und verschulden sich wie verrückt.

Nur ist dieses System nicht stabil, weil die Schuldner ihre Schulden ab einem gewissen Punkt nicht mehr zurückzahlen können – wenn die Zinsen über einen längeren Zeitraum höher als die Entwicklung der Produktion sind. Aber genau dieser positive Effekt wird einem beim Schmackhaftmachen des Kapitalanlageverfahrens versprochen – dass man durch das Sparen in der Zukunft mehr wird konsumieren können, als wenn man das Geld in der Gegenwart verbraucht.

Im 20. Jahrhundert ist das Geldsystem, das die Grundlage eines jeden Kapitalanlageverfahrens darstellt, zweimal kollabiert – in den beiden Weltkriegen. Es ist sicher kein Zufall, dass das Geldsystem jetzt um die Jahrtausendwende immer instabiler wurde und wird. (Entweder legt man den Beginn auf die Krise der japanischen Wirtschaft in den 90er Jahren oder auf das Platzen der Dotcom-Blase.) Es fehlt der große Reset, der das Zinseszinssystem wieder auf Null setzen würde. Stattdessen erfolgt das jetzt in kleinen Schrittchen, zum Beispiel in Form eines Schuldenschnittes für Griechenland oder von Staats- und Firmenpleiten. Wer glaubt eigentlich angesichts der jetzigen permanenten Finanzkrise daran, dass seine Ersparnisse für die Rente sicher sind?

Abschließend verbleibt eigentlich nur die Frage, wer das größte Interesse daran hatte, das deutsche Sozialsystem hin von Umlageverfahren auf kapitalgedeckte Formen zu lenken? Aber die Antwort darauf kann sich eigentlich jeder selbst geben.

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  1. 25. November 2011, 09:34 | #1

    Ich hatte gestern Abend ganz vergessen zu schreiben, warum das Kapitalanlageverfahren das deutsche Demographieproblem nicht löst. In dem von mir verlinkten Artikel ist das theoretisch beschrieben, aber man kann es auch ganz praktisch erklären:

    1. Die für das Geld produzierten Waren kann ein anderer als der Rentner nicht konsumieren, folglich leistet der Produzent Konsumverzicht.

    2. Ist mehr Geld vorhanden, steigen die Preise. Das frisst die Zinsgewinne wieder auf.

    3. Für bezahlte Dienstleistungen benötigt man (ausländische) Arbeitskräfte, sie verringern durch ihre reine Anwesenheit das Demographieproblem.

    Folglich landet man wieder bei der Mackenroth-These: Produktion und Konsumtion finden immer zeitgleich statt, genau das wird durch das Umlageverfahren am besten abgebildet.

  2. 25. November 2011, 10:31 | #2

    Beim Umlageverfahren wird das Geld zur selben Zeit von einem Arbeitenden zur Verfügung gestellt (er zahlt in die Rentenversicherung ein und diese überweist dieses Geld dem Rentner), beim Kapitalanlageverfahren hat der Rentner selbst vor vielen Jahren Konsumverzicht geleistet (er hat in irgendeine Kapitalanlage investiert) und erhält sein Geld jetzt verzinst zurück – zumindest sieht es auf den ersten Blick so aus.
    Der Konsumverzicht tritt in beiden Fällen auf. Ob der spätere Rentner nun in die Zwangsabgabe Rentenversicherung einzahlt oder das Geld selber spart – das Geld steht ihm nicht zur Verfügung. Der Beitrag, der heute von Arbeitgeber und mir aufgebracht wird, ist ein Konsumverzicht meinerseits. Es ist Bestandteil des Gehalts.

    Viele heutige Rentner glauben, dass das Geld, was sie heute als Rente bekommen, die Verzinsung ihrer Einzahlungen darstellt. Tatsächlich wird dies ja mit den Rentenbescheiden suggeriert: Wer viel eingezahlt hat, bekommt mehr. In Wirklichkeit ist dies nichts anderes als ein Belohnungseffekt. Die Beiträge, die ich heute bezahle, werden heute ausgegeben. Wer viel eingezahlt hat, soll später mehr bekommen. Das funktioniert nur, wenn genug Leute auch weiter einzahlen.

    Das Umlageverfahren versagt in dem Moment, wenn die Balance zwischen Empfänger und Einzahler aus dem Tritt kommt Dies ist in den letzten 30 Jahren geschehen. Hierfür gibt es drei Ursachen, von denen zwei vorhersehbar waren: Lange Zeit wurde der demographische Effekt, der mit der gestiegenen Lebenserwartung auf der anderen Seite einher ging, geleugnet bzw. nicht zur Kenntnis genommen. Der dritte Grund liegt in der Neuorganisation von Arbeit: Schlechter Qualifizierte bekamen keine Arbeit mehr und wurden arbeitslos. Statt einzuzahlen (auch wenn es nur kleine Beiträge waren), wurden sie alimentiert. Zum anderen schritt die Lohnentwicklung bei den Beschäftigten nicht voran. Theoretisch hätte man durch höhere Löhne (und Wegfall der Beitragsbemessungsgrenze) mehr Einnahmen generieren können. Löhne obliegen jedoch nicht in der Zuständigkeit der Politik. Mit der Beitragsbemessungsgrenze ging man nicht richtig voran. Auch die Beamten, die ihre Pensionen aus der Staatskasse bezahlen (hier schlummern übrigens riesige, ungedeckte Ausgaben), zahlen nicht ein. In der kleinen Schweiz, die eine ähnliche Ausgangssituation wie Deutschland hat, wurde das anders gelöst: Hier zahlen alle ohne jegliche Grenze.

    Ein noch größerer Unsicherheitsfaktor kommt hinzu: Wird es überhaupt für heute 40-50jährigen noch eine adäquate Rentenversorgung geben, wenn es zu einer lancierten Inflation oder gar Währungsreform kommt?

  3. 25. November 2011, 11:03 | #3

    @Gregor Keuschnig

    Der Grundfehler des Kapitalanlageverfahrens ist es, den Leuten damit zu suggerieren, mit gespartem Geld könne man das Demographieproblem lösen. Und das ist eben nicht so. Egal woher das Geld stammt, man braucht den Bäcker, die Frisörin und den Krankenpfleger vor Ort. Das Demographieproblem löst man nur dadurch, dass man Deutschland in seiner Gesamtheit am Laufen hält. Die fehlenden Kinder sind nicht die Ursache unserer Probleme, sondern ihre Folge.