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K. Passig, A. Scholz: Lexikon des Unwissens

Sucht man nach einem Bild für unser Wissen und unser Unwissen, dann drängt sich der Vergleich mit einer Insel und dem sie umgebenden Ozean auf. Wenn man bestehende Fragen beantwortet, also gewissermaßen die bekannte Landfläche vergrößert, dann wird auch die Küstenlinie immer länger. In der Einleitung des Buchs wird dieses Bild schöner und ausführlicher expliziert:

Stellt man sich den Erkenntnisstand der Menschheit als eine große Landkarte vor, so bildet das gesammelte Wissen die Landmassen dieser imaginären Welt. Das Unwissen verbirgt sich in den Meeren und Seen. Aufgabe der Wissenschaft ist es, die nassen Stellen auf der Landkarte zurückzudrängen. Das ist nicht einfach, manchmal tauchen an Stellen, die man schon lange trockengelegt glaubte, wieder neue Pfützen auf.

Das Unwissen, mit dem wir uns hier beschäftigen, muss drei Kriterien erfüllen: Es darf keine vorherrschende, von großen Teilen der Fachwelt akzeptierte Lösung des Problems geben, die nur noch in Detailfragen Nacharbeit erfordert. Das Problem muss aber zumindest so gründlich bearbeitet sein, dass es entlang seiner Ränder klar beschreibbar ist. Und es sollte sich um ein grundsätzlich lösbares Problem handeln. Viele offenen Fragen aus der Geschichte werden wir – wenn nicht doch noch jemand eine Zeitmaschine erfindet – nicht mehr beantworten können.

Demnach lässt sich Unwissen in zwei Kategorien einteilen, Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie nicht wissen, und Dinge, von denen wir nicht einmal wissen, dass wir sie nicht wissen.

Zu diesem entscheidenden Unterschied wird Donald Rumsfeld zitiert:

There are known knows:
There are things we know that we know.
There are known unknowns: That is to say
there are things that we know we don’t know.
But there are also unknown unknowns:
There are things we do not know we don’t know.

Ich kannte dieses Zitat schon, es ist verbürgt und hat Rumsfeld sogar „Preise“ eingebracht, siehe Google. Aber dieses wirr klingende Zitat, über das seinerzeit viele gelacht haben, beschreibt einen Sachverhalt der Wirklichkeit vollkommen richtig.

Man findet im Buch die verschiedensten offenen Fragen. Hier nur eine kleine Auswahl derjenigen, die ich am interessantesten fand, entweder weil sie mich schon länger beschäftigen oder weil sie mir neu waren:

Einemsen

Als ob es nicht schlimm genug wäre, dass Tiere häufig so absurd aussehen, dass man den ganzen Tag vor ihrem Gehege stehen und mit dem Finger auf sie deuten möchte, legen sie dazu auch noch abwegige Verhaltensweisen an den Tag.

An über 250 Vogelarten lässt sich beispielsweise eine der rätselhafteren tierischen Angewohnheiten beobachten: das sogenannte Einemsen. … beschreibt das Einreiben des Gefieders mit Ameisen, anderen Insekten, aber auch aromatischen Substanzen wie Mottenkugeln, rohen Zwiebeln, Seifenwasser, Apfelstücken, Essig, Zigarettenkippen und Zitrusfrüchten.

Aber nicht nur Vögel betreiben diesen albernen Sport, auch bei Eichhörnchen und insbesondere Igeln ist das Einemsen belegt. Kommt ein Igel mit bestimmten, charakteristisch schmeckenden oder riechenden Stoffen, und besonders solchen, die ihm neu und ungewohnt sind, in Berührung, beginnt er, lebhaft interessiert, sie zu belecken und im gegebenen Fall mit dem Maul aufzunehmen und durchzukauen. Er steigert sich dabei in einen Erregungszustand und sondert reichlich Speichel ab, den er durch Kaubewegungen in eine schaumige Masse verwandelt. Nach geraumer Zeit wendet das Tier seinen Kopf unter eigenartigen Verrenkungen nach hinten und spuckt oder besser schleudert mit der lang herausschnellenden Zunge den Speichel auf sein Stachelkleid. … Im Experiment ließen sich die Igel durch Leim, Tabak, Schweiß, Hyazinthen, Parfüm, Seife, Druckerschwärze, Baldriantinktur, faulende tierische Stoffe, Krötenhaut, andere Igel, Zigarrenrauch und Lackgeruch zum Einemsen verleiten. … Igel wie Vögel wirken dabei auf den Beobachter geradezu ekstatisch und kippen mitunter um vor Freude.

Rattenkönig

Als Rattenkönig bezeichnet man ein Rudel Ratten, das an den Schwänzen zusammengeknotet ist. Es klingt wie ein grausamer Scherz, aber nach allem, was heute bekannt ist, haben sich die Ratten dieses Schicksal selbst zuzuschreiben.

Im 16. Jahrhundert tauchen die ersten Berichte über das Phänomen auf, das in den darauffolgenden 200 Jahren an Häufigkeit zunahm und schließlich im 20. Jahrhundert wieder in der Bedeutungslosigkeit verschwand. Insgesamt 30 bis 60 Rattenkönige sind innerhalb der letzten 500 Jahre bekannt geworden; aus unerfindlichen Gründen stammen die meisten aus Deutschland. Man entdeckte sie in alten Kaminen, in Heuhaufen, in Kellern und auf Jahrmärkten.

Etwa zehn Museen in Mitteleuropa sind in der glücklichen Lage, einen Rattenkönig vorzeigen zu können. Der größte darunter, ein ungeordneter Klumpen aus 32 Tieren, wurde im Jahre 1828 entdeckt und liegt heute im Mauritanum in Altenburg, einer Kleinstadt in Thüringen; es ist zudem das einzige Exemplar, das mumifiziert erhalten ist. Letzte Nachrichten über brandneue Rattenkönige stammen aus Holland (1963), Frankreich (1986) und Estland (2005).

Voynich-Manuskript

Das Voynich-Manuskript wurde vor mindestens 400 Jahren von einem anonymen Autor handschriftlich in einem unbekannten Alphabet und einer rätselhaften Sprache – nein, nicht Französisch – abgefasst.

Heerscharen von Linguisten, Kryptologen, Mittelalterforschern, Mathematikern und Literaturwissenschaftlern versuchen sich seitdem erfolglos an der Entschlüsslung des Textes, gegen den Niklas Luhmanns Werke geradezu verständlich wirken.

Es ist in Abschnitte gegliedert, die sich – den reichen Illustrationen zufolge – wahrscheinlich mit Pflanzen, Astronomie, Biologie, Kosmologie und Heilkunde befassen. Dazu kommt ein Abschnitt mit kleinen, nicht bebilderten Absätzen, die als „Rezepte“ bezeichnet werden, aber genauso gut Fahrplanauskünfte oder vermischte Nachrichten enthalten könnten.

Im ersten Teil des Voynich-Manuskripts sind bisher größtenteils unidentifizierte Pflanzen detailreich abgebildet. Der Abschnitt über Astronomie enthält offenbar bekannte Tierkreiszeichen und Darstellungen der Jahreszeiten, und zumindest hier ist klar, dass die Abbildungen auf den Bewegungen der Sterne und Planten beruhen. Unter anderem aus der Kleidung und den Frisuren – bei den meisten Figuren handelt es sich um nackte Frauen) schloss man, dass das Manuskript in einem europäischen Land irgendwann zwischen 1450 und 1520 entstanden ist. Frühester Beleg für die Existenz des Textes ist allerdings ein Brief von 1639, in dem der Prager Alchemist Georg Baresch den Jesuiten Athanasius Kircher um Hilfe bei der Entschlüsslung bittet. Dieser erst in den 1970er Jahren veröffentlichte Brief befreite Voynich von dem hin und wieder geäußerten Verdacht, er habe das Manuskript selbst produziert.

Das Manuskript wurde mittlerweile mit allen Mitteln der modernen Computerlinguistik analysiert. Das Ergebnis: Offenbar folgt es statistischen Grundregeln natürlicher Sprachen, die erst im 20. Jahrhundert wissenschaftlich beschrieben wurden – unwahrscheinlich, dass Fälscher im 16. Jahrhundert derart vorausschauend dachten. Andererseits enthält der Text kaum Wörter, die regelmäßig in derselben Gruppierung auftauchen, und er weist für natürliche Sprachen untypische Wortwiederholungen auf. Insgesamt ist der Wortschatz des Textes ungewöhnlich klein – aber auch das sollte noch keinen Anlass zum Misstrauen geben, sonst müssten viele zeitgenössische Bestseller als Fälschungen gelten.

Weitere, mich interessierende Abschnitte sind über den Aal, Anästhesie, Geld, Gähnen, die weibliche Ejakulation, Klebeband, Kugelblitze, die Laffer-Kurve, usw. Sehr wichtig auch der Abschnitt über Wasser. Wasser ist eine der rätselhaftesten Stoffe im Universum. Wer glaubt, dass mit der Kenntnis der Strukturformel und der drei Aggregatzustände alles Wesentliche schon gesagt ist, irrt sich gründlich. (Vielleicht lohnt sich, um meine Begeisterung zu verstehen, auch ein Blick in das Video von Harald Lesch aus der Fernsehserie „Alpha Centauri“: Ist Wasser magisch?)

Im Abschnitt über Elementarteilchen wird über die verschiedenen Theorien zur Zerlegung und Erklärung von Materie berichtet. Dort habe ich auch die beste Zusammenfassung des Buchinhalts gefunden:

Vielleicht sind offene Fragen einfach die Grundbausteine der Materie.

So wird es wohl sein. Solange wir schön neugierig auf den Zuschauerrängen sitzen bleiben, knipst Gott das Licht im Universum nicht aus.

Kommentare

Reh Volution 03/26/2008 00:40:29 PM

toll- endlich weiß ich worum es hier :
http://jequetepeque.twoday.net/stories/4792659/
geht 🙂

Köppnick 03/26/2008 01:05:16 PM

Dem Link gefolgt: Die Schildkröte spricht in Bretzeln. Dass ich sterben werde, habe ich inzwischen auch bemerkt, ich schreibe täglich dagegen an.

Über das Voynich-Manuskript war ich schon anderweitig gestolpert. Da die Datierung nicht bezweifelt werden kann, muss es eine Bedeutung haben. Für einen Joke sind der zur Herstellung notwendige Aufwand und die im Text offenbarten Kenntnisse des Autors zu groß.

tinius 03/26/2008 01:15:36 PM

Richtig spannend finde ich ja persönlich die Kategorie des „vorläufigen Wissens“ : So ist man phasenweise immer wieder überzeugt, die Entstehung des Universums, eine damit einhergehende Grundformel oder auch die Entwicklung des Menschen enträtselt zu haben, um mit der Entdeckung eines Details das Gewußte recht bald revidieren zu müssen und eine neue Suche zu beginnen. Erinnert sich jemand noch an Urmutter „Lucy“, der man nun ein vermutliches Aussterben in einer unbedeutenden Nebenlinie bescheinigen zu müssen glaubt und stattdessen eine Art unbekanntes „missing link“ entgegenzusetzen sich gezwungen sieht ?

Köppnick 03/26/2008 04:25:05 PM

Formal betrachtet ist jegliches Wissen, das über das reine Rapportieren von Fakten hinausgeht, vorläufig. Bei Fakten (zum Zeitpunkt A schlug Person B am Ort C Person D den Schädel ein) kann man wenigstens auf Wahr- oder Falschheit prüfen. Aber alle Ableitungen aus den Fakten bleiben immer unvollständig und vorläufig. Wenn wir aus mehreren Beobachtungen induktiv ein Gesetz ableiten, können wir nicht wissen, ob dieses Gesetz auch für alle noch nicht gemachten Beobachtungen zutreffen wird. Und deduktive Ableitungen aus einem a priori feststehenden Gesetz sind noch problematischer, denn woher sollte das Wissen eines allgemeinen Gesetzes über uns gekommen sein?

Und was Lucy betrifft: In nahezu jedem reflektierenden Buch über die Menschheitsgeschichte findet man den Hinweis, dass alle humanoiden Artefakte, die bekannt sind, auf einen einzigen LKW passen würden. Da ist viel Raum für Interpretation und Phantasie. Finde ich aber nicht schlimm – wenn man sich der Vorläufigkeit und Begrenztheit unseres Wissens immer bewusst ist.

steppenhund 04/09/2008 05:21:10 PM

Ich bekam das Buch zu Weihnachten geschenkt. Ich geniesse es sehr und blättere immer wieder darin.
Der Rattenkönig hat mich auch fasziniert. Es gibt auch eine technische Entsprechung dazu. Netzkabel (2 Teile) und Mauskabel verhaken sich in der Seitentasche der Computertasche innerhalb von Sekundenbruchteilen.
Wenn etwas ordentlich aufgewickelt wird, scheint es unmöglich, es wieder ordentlich abzuwickeln.
Die Beschreibung des P/NP-Problems fand ich sehr gut.
Beim Voynich-Manuskript dachte ich, jetzt hat der Geisterraum unser reales Universum erreicht.
Weil es mir jetzt gerade dazu einfällt: hast Du schon Kulturgeschichte der Physik, Von den Anfängen bis 2000 von Karoly Simonyi gelesen?

Köppnick 04/09/2008 07:56:46 PM

Ich habe es noch nicht gelesen, aber es steht schon auf der Liste, allerdings ganz unten.

Das Voynich-Manuskript ist tatsächlich faszinierend, vor allem in philosophischer Sicht. Die Welt war spannend auch für die Menschen, die schon gestorben sind, und sie wird auch für die Menschen spannend sein, die nach uns leben werden. Aber alles, was nicht tradiert wird, ist gewissermaßen nie geschehen. Und dieses Manuskript markiert die Grenze. Physisch ist es vorhanden, aber sein Sinn erschließt sich uns nicht mehr. Das Paralleluniversum ist praktisch überall.

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