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Ist die Theorie von Karl Marx noch anwendbar?

„Die Theorie“ von Marx gibt es gar nicht. Die verschiedenen Teile seiner Arbeit können durchaus verschieden beurteilt werden.

Die Verbrechen, die später im Namen des „Marxismus“ begangen worden sind, haben eine einfache Ursache, die man auch bei anderen Gelegenheiten findet und die immer Probleme verursacht: Im Ergebnis seiner ökonomischen Analyse hat Marx die Gesellschaft in zwei Hauptklassen unterteilt, die der Kapitalisten und die der Arbeiter. Während Marx hier sicher der Ansicht war, dass die Klasse der Kapitalisten beseitigt werden soll, indem das Privateigentum an Produktionsmitteln beseitigt wird, haben die sogenannten „Marxisten“ die Menschen verfolgt, die der Kapitalistenklasse angehören. Marx hätte das sicher nicht so gewollt, sein bester Freund war Friedrich Engels, ein Kapitalist.

Dasselbe Schema findet man auch wieder, wenn „die Juden“, „die Ausländer“ oder wer auch immer als Ursache für ein Problem ausgemacht werden. Menschen sind aber zuerst Individuen und nicht Angehöriger einer Gruppe. Dieses Grundprinzip liegt der Rechtsordnung jedes beliebigen zivilisierten Landes zugrunde: Es zählen individuelle Taten, die der Einzelne auch zu verantworten hat.

Ökonomie: Menschliche Gesellschaft funktioniert zunächst auch ohne jede Theorie ganz gut, trotzdem versuchen wir, uns auf bestimmte Vorgänge einen Reim zu machen. Bezüglich der Ökonomie des Kapitalismus gibt es nun zwei konkurrierende Erklärungsversuche:

  • Marx hält menschliche Arbeit für die einzige Komponente, die neue Werte schafft. Wenn also ein neues Produkt entsteht, dann werden Rohstoffe verbraucht, Kapital eingesetzt und menschliche Arbeit geleistet. Alle drei Komponenten gehen in den Wert des neuen Produkts ein. Aber den Wert der Rohstoffe und des Kapitals sieht Marx darin, dass für ihre Produktion in der Vergangenheit ebenfalls Arbeit geleistet wurde, das ist für ihn die „vergegenständlichte Arbeit“. Damit ist Wert ausschließlich in der Menge der verbrauchten Arbeit begründet.

  • Die bürgerliche Volkswirtschaftslehre hingegen unterscheidet drei Produktionsfaktoren, den Boden, das Kapital und die Arbeit. Der Einsatz aller drei muss sich im Wert und im Preis der neu geschaffenen Ware wiederfinden, als Bodenrente, Kapitalertrag und Arbeitslohn.

Diese unterschiedlichen Erklärungen der Wertschöpfung führen sofort zu einer unterschiedlichen moralischen Bewertung:

  • Aus der Sicht des Marxismus: Wenn sich sehr viel Kapital in der Hand weniger Menschen befindet, wie kommt es dorthin, wenn sein Wert viel größer ist, als diese „Kapitalisten“ selbst erarbeiten konnten? Marx‘ Antwort: Sie haben sich einen Teil des Werts der Arbeit ihrer Angestellten angeeignet, sie haben diese ausgebeutet.

  • Aus der Sicht der Volkswirtschaftslehre: Das Kapital muss verzinst werden, weil die Kapitalisten durch Zurverfügungstellung des Kapitals „Konsumverzicht“ geübt haben, sie haben ihr Geld nicht verprasst, sondern zinsgünstig eingesetzt.

Richtig prognostiziert hat Marx die Automatisierung und die Globalisierung. Aber seit dem 19. Jahrhundert hat sich in der Wirtschaft auch eine Menge geändert. Unter anderem ist der Anteil an Dienstleistungen im Vergleich zur Güterproduktion drastisch gestiegen und aktuell wird ein immer größerer Teil der Wertschöpfung durch Informationsnutzung erbracht.

Marx bleibt trotzdem aktuell: Man kann zwar mit gutem Recht behaupten, ein kleiner Unternehmer leistet „Konsumverzicht“, indem er einige wenige private Millionen in sein Unternehmen steckt und selbst von früh bis spät arbeitet, aber für den Milliardär gilt das nicht mehr. Auf was verzichtet dieser denn? Die vielen Milliarden kann er gar nicht selbst erarbeitet haben, sondern sie sind ihm zugefallen aufgrund der Arbeit vieler tausend seiner Angestellten.

Das Problem ist dabei nicht der private Konsum des (Super)Reichen. Der Systemfehler besteht vielmehr darin, dass dem Einzelnen eine Macht zugestanden wird, die der Gesellschaft als Ganzem nicht gut tut, und das private Geld an anderen Stellen fehlt, wo es der Allgemeinheit zugute kommt. Die Allgemeinheit kann nicht so über das Geld verfügen, wie es für alle am besten wäre, weil es sich in privatem Besitz befindet. Marx wird also immer dann wieder aktuell und lebendig, wenn die Gegensätze zwischen arm und reich in einer Gesellschaft aus dem Ruder laufen.

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