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Islam und Islamismus

In den letzten Tagen haben Islamisten grausame Anschläge in Frankreich verübt. Zwei der Islamisten bekannten sich zu ihrer Zugehörigkeit zu Al Kaida, einer zum Islamischen Staat. Die beiden Brüder und der Einzeltäter sollen sich gekannt haben und in Telefonaten während ihrer Taten selbst ihre Bekanntschaft und die Beauftragung durch Al Kaida und IS zugegeben haben. Muslime in der ganzen Welt und muslimische Organisationen haben die Taten verurteilt und einhellig davon gesprochen, dass die Täter sich nicht auf den Islam berufen dürfen, das wäre mit diesem nicht vereinbar.

Al Kaida ist im Westen spätestens seit 2001 als Terrororganisation bekannt, als sie in New York die Anschläge auf die beiden Türme des World Trade Center mit über dreitausend Toten verübt haben. Der Islamische Staat ist mindestens seit letztem Jahr für grausame Verbrechen in Syrien, Irak, im Grenzgebiet zur Türkei und in benachbarten Staaten verantwortlich. Beide Organisationen berufen sich auf den Islam und bezeichnen ihre Aktionen überwiegend als Vergeltung für Taten des Westens und für eine Unterdrückung des Islams durch diesen. Konflikte gibt es aber nicht nur zwischen diesen islamistischen Gruppen und dem Westen, sondern auch innerhalb des Islams, z.B. zwischen Sunniten und Schiiten.

Mir ist in den letzten Tagen ein interessanter Widerspruch aufgefallen. Deutsche haben hierzulande vor etwa 70 bis 80 Jahren furchtbare Verbrechen an den Juden begangen. Es ist noch immer deutsche Tradition, eine besondere Verantwortung Deutschlands gegenüber den Juden und gegenüber Israel zu betonen, obwohl doch die meisten Deutschen, die heute leben, und auch die, die in politischer Verantwortung stehen, nicht an diesen Verbrechen beteiligt waren. Der Widerspruch: Warum sollen Deutsche, die keine Verbrechen gegenüber Juden begangen haben, eine besondere Verantwortung diesen gegenüber haben? Warum andererseits tragen Muslime gegenüber anderen Muslimen keine besondere Verantwortung, wenn im Namen ihrer Religion gemordet wird?

In Spiegel Online gab es am 9.1.2015 einen Artikel des Leiters der Wissenschaftsredaktion, Markus Becker, der die Sache auf den Punkt gebracht hat Warum Blasphemie dazugehört:

Wenn diese Tragödie eines zeigt, dann dieses: Eine freiheitliche Demokratie braucht Blasphemie. Denn Blasphemie stellt Dogmen infrage. Und Dogmen – seien es religiöse oder politische – sind mit ihrem absoluten Wahrheitsanspruch der natürliche Feind des kritischen Denkens.

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Zur Erinnerung: Wenn von westlichen Werten die Rede ist, spielen sich die christlichen Kirchen gern als deren Geburtshelfer auf. Doch das Gegenteil ist der Fall. Jene Werte der Aufklärung, auf die sich auch Deutsche heute gern berufen – Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit, Gleichberechtigung – wurden nicht von den Kirchen, sondern meist gegen sie durchgesetzt.

Das zentrale Merkmal der Aufklärung ist, alles hinterfragen zu dürfen. Das Licht der Vernunft soll in jeden Winkel scheinen, um Unterdrückung, Aberglaube, Intoleranz und Vorurteile zu überwinden. Und das stört all jene, die manche Bereiche lieber im Dunkeln lassen wollen.

Eines der meistbenutzten Instrumente dieser Dogmen-Verteidiger ist das religiöse Gefühl. Wer den Schutz religiöser Gefühle für sich markiert, erhebt seine persönliche Weltanschauung über den kritischen Diskurs, er erklärt Teile seines Glaubenssystems für heilig, ihr Hinterfragen zum Affront. „Das verletzt meine religiösen Gefühle“ ist ein Satz, der jede Debatte beenden kann.

Der Islam hat ein strukturelles Problem. Während die christlichen Kirchen – gewiss nicht freiwillig – aus dem Zentrum der Macht (der Demokratie) verdrängt wurden, kennt der Islam in seiner Grundlage die Trennung zwischen Gesellschaft und Religion nicht. Mohammed war eben nicht nur ein Religionsstifter, sondern er war Feldherr und hat die von ihm begründete Religion für die Erreichung seiner politischen und militärischen Ziele instrumentalisiert. Wie man eine Anpassung des Islam an die Moderne mit einer Trennung zwischen religiösen auf der einen und politischen und gesellschaftlichen Aspekten auf der anderen Seite erreichen will, ist mir unklar.

In Deutschland ist in den letzten Wochen eine neue politische Bewegung, Pegida, entstanden, die sich überwiegend in öffentlichen Demonstrationen „gegen die Islamisierung der Gesellschaft“ zeigt. Ganz sicher sind hier eine Menge Trittbrettfahrer unterwegs, die latente Ängste vieler Menschen für ihre eigenen Zwecke ausnutzen wollen. Und sicherlich kann man vielen Menschen, die sich hier auf die Straße begeben, auch vorwerfen, dass es für ihre Ängste gegenüber den Muslimen keine praktische Grundlage gibt – weil sie bisher überhaupt keine Muslime persönlich kennengelernt haben. Und ganz sicher ist auch die Statistik richtig, die berechnet hat, dass Einwanderer in Deutschland mehr zum Sozialsystem beitragen, als sie kosten.

Wir alle tun aber gut daran, ein paar (durchaus unangenehme?) Überlegungen nicht zu verdrängen:

1. Wenn die Politik auf die Straße getragen wird, dann, weil die Betreffenden zu der Ansicht gelangt sind, dass ihre Ansichten im Parlament nicht genügend beachtet werden. So ist seinerzeit zum Beispiel die grüne Bewegung entstanden. Marie Le Pen wird mit Sicherheit von den Terroranschlägen in Frankreich profitieren, weil viele Franzosen ihre Meinung bestätigt sehen, dass die gegenwärtig herrschenden Politiker zu wenig für ihre Sicherheit tun.

2. Politiker sind in erster Linie ihren eigenen Wählern verantwortlich. – Es gibt tatsächlich eine Ungleichheit der Rechte der in einem Land lebenden Menschen. Nicht alle Menschen dürfen wählen und Politiker vertreten überwiegend die Interessen der Menschen, von denen sie gewählt worden sind. Zum Beispiel haben einige Volksabstimmungen in der Schweiz Resultate gezeitigt, die im Ausland mit einigem Befremden aufgenommen worden sind. Aber so ist Demokratie eben: Die Mehrheit kann auch zu Meinungen gelangen, die einem selbst (oder der politischen oder der intellektuellen Elite) nicht gefallen.

3. Häufig wird von Menschen, die den zu uns kommenden Fremden wohlgesonnen sind, die Meinung vertreten, die religiösen Konflikte in deren Heimatländern wären überwiegend sozialökonomische. Es ist ja derzeit so, dass die meisten terroristischen Aktionen islamistisch motiviert sind. Aber es ist keinesfalls klar, was hier Ursache und was Wirkung ist. Was, wenn in den betreffenden Ländern der Islam als vorherrschende Religion die Ursache (oder eine der wesentlichen Ursachen) der Rückständigkeit der betreffenden Länder ist?

4. Man sollte die Ablehnung von Fremden durch das „einfache“ Volk nicht mit dem Verweis auf die oben erwähnte Sozialstatistik abtun. Es ist völlig klar, dass der ausländische Arzt im Krankenhaus oder der Besitzer eines Restaurants einen positiven Beitrag für Deutschlands Gegenwart und Zukunft liefern. Was aber, wenn die unteren Bevölkerungsschichten die Ausländer tatsächlich überwiegend als Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt, als Drogendealer, Zuhälter, Einbrecher und Angehörige von Jugendgangs erleben?

5. Was mir am meisten Sorge bereitet: Was, wenn die Integrationsbekundungen der hier lebenden Ausländer (Muslime) nur ein Ausdruck ihrer (selbst so empfundenen) schwachen gesellschaftlichen Position sind? Man sieht ja in vielen islamischen Ländern, dass Andersdenkende verfolgt und unterdrückt werden. Wie weiter oben schon geschrieben – ich weiß nicht, wie der Islam sein strukturelles Problem lösen will – die mangelnde Trennung zwischen Religion und Gesellschaft bzw. Politik.

KategorienGesellschaft, Politik, Religion Tags:
  1. 11. Januar 2015, 17:17 | #1

    Interessanter Text.

    Die Pegida-Demonstrationen sind in den letzten Wochen in den Medien mit zum Teil hysterischen Schlagzeilen kommentiert worden. Pauschal wurden alle Teilnehmer als Nazis und Rassisten diffamiert, was man auch damit begründete, das einer der Initiatoren vorbestraft war. Wenn man dies in einem anderen Zusammenhang mit der Diffamierung einer Person begründen würde, wäre der Aufschrei gross. Diese Hysterien haben der Bewegung sicherlich einen gewissen Zustrom gegeben. Es waren am Montag (vor den Paris Anschlägen) aber immer noch nur rd. 18.000 Leute. Dazu (bzw.: dagegen) kommen etliche Gegendemonstranten. Dass eine angeblich gefestigte Gesellschaft wie Deutschland von 18.000 Menschen bedroht werden soll, vermag ich nicht zu erkennen.

    Wer das Internet ein bisschen verfolgt hat sich gewundert, dass eine ähnliche Bewegung nicht schon vorher aktiv war. Die islamophobe Webseite Politically Incorrect hat ja immer noch Besucherzahlen, von denen wir mit unseren seriösen Blogs Lichtjahre entfernt sind. Dass sich eine solche Masse irgendwann über die „normalen“ Medien Gehör verschafft, ist logisch.

    Die Anschläge in Paris dürften noch einmal Zulauf geben. Man darf aber die Lage in Frankreich nicht mit der in Deutschland vergleichen. Zum einen hat Deutschland fast überwiegend türkische Muslime, die per se liberaler sind als bspw. nordafrikanische, die in Frankreich die Mehrheit stellen. Auch ist die Teilhabe der Muslime in Deutschland deutlich besser, was sich in einer Loyalität zum deutschen Staat zeigt (Ausnahmen gibt es auch hier, aber das ist nicht vergleichbar mit Frankreich). 2005 bezeichnete ein französischer Innenminister anlässlich der Unruhen in den Pariser Vororten die dort randalierenden, größtenteils muslimischen Jugendlichen als „Abschaum“. Dieser Innenminister wurde einige Jahre später französischer Präsident und hieß Nicolas Sarkozy. Eine ähnliche Aussage auch nur eines deutschen stellvertretenden Bürgermeisters würde zuverlässig dessen politisches Aus bedeuten.

    Die französische Gesellschaft ist in einer veritablen Krise. Die politischen Posten werden in Netzwerken ausgeklüngelt (ausgerechnet Sarkozy war hier die Ausnahme). Einwanderer selbst in der 3. oder 4. Generation, also Franzosen per Geburt, sind nicht integriert. Sie suchen auch ihren Sinn in der Religion. Wenn man dann Mohammed nackt mit einem Stern am Anus karikiert oder in ähnlicher Weise angeht, verstehen sie dies nicht. Es ist für sie respektlos. Dass man dies mit den christlichen und auch jüdischen Symbolen ähnlich macht (mit den jüdischen wohl eher nicht) und das das Kunst sein soll, verstehen sich auch nicht. Nicht weil sie dumm sind, sondern weil sie nicht die entsprechende Sozialisation durchlaufen haben.

    Der politische Islam, der sich fundamentalistisch zeigt, ist für mich die grösste Bedrohung des westlichen Lebensstils, weil er sich nicht auf seine Regionen beschränkt, sondern aggressiv missionieren will. Das Dilemma der linksliberalen ist nun, dass sie einerseits die Muslime glaubt in Schutz nehmen zu müssen und dabei andererseits nicht innerhalb der Muslime differenziert. Denn hier liegt das grösste Problem: Der Islam ist nicht homogen. Wenn man also die Freiheiten der Muslime pauschal verteidigt, dann beispielsweise auch die Verschleierung der Frau (ich meine damit nicht das Kopftuch). Dass damit andere Rechte kollidieren, wird in Kauf genommen bzw. nicht bedacht. Hier beißt sich die Liberalität selber in den Schwanz.

    Zu 5.: Ich zweifle, ob „der Islam“ dieses Problem lösen muss. Er braucht es nicht. Es bedarf nur der Übereinstimmung, dass Menschen islamischen Glaubens, die hier leben, sich den Grundrechten unterordnen, d. h. – um auf Deinen Punkt zu kommen – zwischen Religion und Gesellschaft trennen bzw. Religion als Privatsache betrachten, die gesellschaftliche Normen nicht außer Kraft setzt. Wie der Islam in seinem Herrschaftsbereich dies hält, mag uns nicht interessieren, solange wir davon nicht geopolitisch betroffen sind (auch wir sollten verhindern, unsere Werte zu „exportieren“ und zu oktroyieren). Der Islam in Deutschland bzw. die islamischen Religionsgemeinschaften in Deutschland müssen „lediglich“ die hier herrschenden Normen akzeptieren (was m. E. nach auch mind. 90% der Muslime in Deutschland tun).

  2. 12. Januar 2015, 20:38 | #2

    @Gregor Keuschnig

    Es stimmt, der Islam ist nicht homogen und es gibt auch keine zentrale Instanz, die für alle Muslime sprechen könnte. Das Problem kennt das Judentum aber auch und es ist dort vergleichsweise gut gelöst, zumindest was Deutschland betrifft. Als die Bundesregierung die muslimischen Verbände zum Gespräch geladen hat, gerieten sich diese erst einmal untereinander in die Wolle.

    Danke auch für den Hinweis auf die Unterschiede zwischen Muslimen in Deutschland und in Frankreich.

    Was ich mit dem „strukturellen Problem“ meinte, ist Folgendes: Im Unterschied zum Christentum, das als eine herrschaftsferne Religion der Unterdrückten begann, war der Islam von Anfang an eine Religion, die Vorschriften für das politische System und das gesellschaftliche Leben gemacht hat. Jeder Muslim hat deshalb die Wahl, ob er diese Teile seiner Religion eher als Folklore sieht, womit er in den Augen Strenggläubiger zum Häretiker wird, oder ob er alle religiösen Vorschriften buchstabengetreu erfüllt, womit er in modernen westlichen Staaten in Konflikt mit dem Gesetz gerät. Da reicht schon ein vergleichsweise harmloses Beispiel: Schwimmunterricht für Mädchen zusammen mit den Jungs.

  3. 13. Januar 2015, 12:28 | #3

    @Köppnick
    Das Judentum ist von allen monotheistischen Religionen immer die homogenste gewesen. Im Gegensatz zum Islam und zu Christentum hat das Judentum aber niemals versucht, Andersgläubige zu bekehren; es existiert kein Missionsgedanke. Man blieb unter sich. Dadurch bleiben eventuelle Konflikte für Nichtjuden nahezu unsichtbar.

    Der deutsch-ägyptische Politologe Hamed Adel-Samad hat einen anderen Unterschied zwischen dem Christentum und dem Islam herausgefunden. Sinngemäss hat er gesagt, dass der Islam von Anfang an eine kriegerische Verbreitung seiner Religion betrieben hat. Mohammed war auch Feldherr; er verlangte bedingungslose Unterwerfung. Der Islam expandierte von Anfang an militärisch. Das Christentum war zunächst einige hundert Jahre unterdrückt. Diese Erfahrung fehlt dem Islam. Beiden Religionen ist gemein dass sie, als sie Staatsreligionen waren, politischen Einfluss reklamierten. Da wurde auch das Christentum zur missionarischen Religion, da es plötzlich eine „Belohnung“ in Jenseits gab.

    Die von Dir angesprochene Wahl des Muslim wird ihm von Kräften verwehrt, die den Koran fundamentalistisch interpretieren. Interessanter als die Frage, wie man mit fundamentalistischen Predigern im Westen umgeht ist die nach der Attraktivität dieser Leute innerhalb der Muslime. Meine Erklärung geht dahin, dass die Komplexität der Moderne (nebst Globalisierung) eine Sehnsucht nach festen, unabänderlichen Werten aufkommen lässt. Dies würde auch den Aufstieg der evangelikalen Christen in den USA erklären. Auch hier zeigt sich der Drang nach einfachen Lösungen.

    Die türkischen Gastarbeiter der 1. und 2. Generation waren an religiösem Fundamentalismus nicht interessiert. Erst als in der Türkei durch die AKP der Laizismus aufgeweicht und das Bekenntnis zum Islam wieder privilegiert und mit einem aggressiven Nationalismus verknüpft wurde, verändert dies auch die Sicht einiger jungen Türken in Deutschland.

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