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Intelligenztest bei SPON

Der Spiegel bewirbt eine neue Heftreihe „Spiegel Job“ und veröffentlicht peu a peu, weil sich das erste Heft wohl um den „IQ“ dreht, eine Reihe von Beiträgen zu diesem Thema. Den Anfang hat der Artikel Willkommen zum Intelligenztest! gemacht. Im Teaser liest man:

Den beruflichen Erfolg beeinflussen viele Faktoren, aber in erster Linie punktet man mit Grips. Die Wissenschaft weiß: Je höher der IQ, desto steiler die Karriere. Und wie clever sind Sie? Hier können Sie Ihre Intelligenz überprüfen – machen Sie mit beim großen Test!

Naja, so einfach sind die Zusammenhänge wohl nicht, etwas differenzierter zum selben Thema äußert sich Tanja Gabriele Baudson in den SciLogs in ihrem Artikel Wie sind Hochbegabte?:

Darüber, dass Intelligenz das Merkmal ist, welches für sich genommen späteren Erfolg (also etwa das Bildungsniveau, das spätere Einkommen etc.) am besten vorhersagt, besteht weitgehender Konsens. Und im Durchschnitt ist es in der Tat so, dass Hochbegabte höhere Leistungen erbringen.

Der Knackpunkt liegt allerdings „im Durchschnitt“: Denn der Zusammenhang ist keineswegs perfekt – denn sonst gäbe es beispielsweise keine Underachiever. Und die gibt es ja anscheinend, wie die Artikel des Kollegen Müller immer wieder zeigen. Das illustriert, dass man von einem statistischen Zusammenhang nur sehr bedingt auf den Einzelfall rückschließen kann: Mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit ist es so – aber im Einzelfall muss die Frage sozusagen binär gelöst werden: Leistet das Kind gemäß seinem Potenzial oder nicht? Umgekehrt heißt das aber auch, dass man aus dem Einzelfall keine allgemeingültigen Gesetzmäßigkeiten ableiten kann…

Baudson lehrt und forscht auf den Gebieten Hochbegabung und Kreativität. Alle ihre Texte und die ihres Kollegen Götz Müller in ihrem Blog fand ich bisher informativ.

Auf den SPON-Artikel bin ich aufmerksam geworden, weil in einem Forum über ihn diskutiert wurde. Insbesondere an den im Test enthaltenen Anagrammen hat man sich gestört. Beispiele solcher Anagramme:

Je nach Spalte sind 4, 5 oder 6 Buchstaben so umzuordnen, dass sich sinnvolle Wörter ergeben. Die zwei oder drei Anagramme im SPON-Test waren etwas schwerer, aber wiederum nicht so schwer wie die im Buch „Intelligenztest“ von H.J. Eysenck:

Beim Lösen von Anagrammen bin ich richtig schlecht und da es anderen offenbar genauso geht, entzündete sich im Forum ein Streit darüber, ob hier nicht zu viel Wissen vorausgesetzt wird, Intelligenztests sollen ja gerade kein Wissen abfragen. Ich denke nicht, dass Anagramme diesbezüglich problematisch sind, z.B. werden im ersten Bild oben ja nur einfache Wörter gesucht. Die Schwierigkeit besteht mehr in der recht knappen Zeitbegrenzung, immerhin sind nur 4 Minuten für 30 Begriffe vorgesehen. Und Intelligenz bedeutet ja unter anderem, Zusammenhänge sofort zu sehen und nicht erst systematisch nach ihnen suchen zu müssen.

Die Werbeaktion bei Spiegel Online geht weiter, inzwischen ist auch ein Interview mit Detlef Rost Gehirnjogging ist Humbug erschienen. Rost ist in der Branche der Intelligenzforscher spätestens seit der Marburger Hochbegabtenstudie ein bekannter Mann und, so wie sich der Artikel liest, ein Freund deutlicher Worte. Er bestätigt eine meiner Thesen:

„Feministinnen und viele Sozialwissenschaftler hören es nicht gerne, aber zahlreiche Studien belegen: Es gibt Unterschiede zwischen Männern und Frauen in der kognitiven Leistungsfähigkeit – und bei einigen Subfacetten der Intelligenz sogar dramatische Unterschiede. Das gilt insbesondere für die räumliche Orientierung, also für die Fähigkeit, sich gedanklich in zwei- oder dreidimensionalen Räumen zu bewegen. Das ist unter anderem in vielen naturwissenschaftlichen Berufen gefragt. Da sind Männer deutlich besser als Frauen. Diese Unterschiede haben vermutlich auch nicht nur etwas mit der Sozialisation zu tun, lassen sich also nicht einfach wegtrainieren. Umgekehrt schneiden Frauen bei anderen Subfacetten besser ab, etwa bei der Wahrnehmungsgeschwindigkeit oder den verbalen Fähigkeiten. Die meisten Intelligenztests sind aus ideologischen Gründen – Political Correctness – so konstruiert, dass die Geschlechterunterschiede minimiert werden.“

Also wenn Männer auf bestimmten Gebieten besser sind, Frauen auf anderen, dann kann man sowohl Tests konstruieren, in denen Männer besser abschneiden, als auch solche mit besseren Werten für Frauen, als auch solche mit im Mittel gleichen Werten. Man muss einfach nur die Zahl der Aufgaben eines Typs mit der eines anderen ausbalancieren. Allerdings lässt sich so ein anderer Unterschied zwischen den Geschlechtern nicht wegdefinieren. Rost dazu:

„Die Verteilung der Intelligenz ist in beiden Geschlechter etwas unterschiedlich, die Varianz bei den Männer größer. Das führt dazu, dass in den Extrembereichen die Männer stärker vertreten sind: Unter den besonderes dummen Menschen finden sich mehr Männer als Frauen – und unter den besonders intelligenten auch.“

Das heißt, auch in Zukunft wird es einerseits immer noch mehr Nobelpreisträger als Nobelpreisträgerinnen geben, andererseits mehr männliche Sonderschüler und Insassen von Gefängnissen (denn Verbrechen lohnen sich ja nicht, wie man durch Denken herausfinden kann 😉 ).

In der Intelligenzforschung gibt es allerdings auf kaum einem Teilgebiet wirklichen Konsens. So verwundert es kaum, dass man ebenfalls in Spiegel Online einen Artikel über Erkenntnisse von James Flynn findet: IQ-Forscher: Frauen sind schlauer als Männer.

Und nun das: Dieses Jahr liegen die Frauen erstmals vorn – ihr IQ ist im Durchschnitt höher als der von Männern. Das schreibt die britische „Sunday Times“. Die Tendenz habe sich schon in den vergangenen Jahren angedeutet – der Unterschied zwischen den Werten der Geschlechter habe sich zuletzt immer weiter verkleinert.

Die Zeitung beruft sich in ihrem Bericht auf den neuseeländischen Wissenschaftler James Flynn, der sich bereits seit Jahrzehnten mit Intelligenztests befasst.

Flynn hat in der Tat in der Vergangenheit schon einiges Erstaunliches herausgefunden, nach ihm ist zum Beispiel der Flynn-Effekt benannt. Aber zurück zum Interview mit Detlef Rost. am interessantesten fand ich die folgende Passage:

„Ob es Unterschiede zwischen Ethnien gibt, ist ein weithin erforschtes Feld. Aber ich werde hier nicht einmal fremde Ergebnisse wiedergeben, geschweige denn meine Meinung sagen. Sonst müsste ich fürchten, dass ich in der Vorlesung mit Eiern beworfen werde. Leider ist es nicht möglich, darüber vernünftig zu diskutieren.“

Rost betont hier zwar, dass er keine eigene Meinung äußert, aber wenn er sagt, dass er beim Aussprechen seiner Meinung befürchtet, im Hörsaal mit Eiern beworfen zu werden, dann kann man zwei und zwei zusammenzählen: Er ist der Meinung, dass es auch nach Beseitigung von Benachteiligungen in Erziehung und Ausbildung intellektuelle Unterschiede zwischen den verschiedenen Ethnien geben wird. Ich persönlich halte (kleine) Unterschiede ebenfalls für plausibel, denn wenn es z.B. Unterschiede im Muskelaufbau, im Fettanteil und im Körperbau gibt, und diese Unterschiede nicht Umwelt-, sondern vor allem genetische Gründe haben, warum sollte es dann im intellektuellen Bereich anders sein? Natürlich bleibt das ein heikles Thema.

In dem Forum, in dem ich den Hinweis auf den Test gefunden habe, haben diesen inzwischen alle absolviert und danach auch ihre Ergebnisse verraten. Die meisten lagen zwischen 35 und 40 Punkten, die Beste hatte 43 von 45 Punkten. Bei mir waren es 39. Einen richtigen „IQ“ erfährt man nach dem Lösen der Aufgaben nicht, ich vermute, dass der Test gar nicht richtig kalibriert wurde, er soll eben nur ein Appetizer für das neue Spiegel-Heft sein. Aus den Testergebnissen im Forum und meiner Einschätzung der Teilnehmer dort würde ich vermuten, dass eine Punktzahl von 30 Punkten (oder etwas mehr) schon ein sehr gutes Ergebnis darstellt.

Ende Juni sollen alle Teilnehmer, die (so verrückt waren und) ihre Mailadresse hinterlassen haben, eine ausführliche Auswertung erhalten. Vielleicht gibt es dann ja auch wieder so eine nette Urkunde: