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Intelligenz, Kreativität – und Wissen

In Hohe Luft Nr. 6/2013 philosophiert Jörg Friedrich im Artikel „Gibt es intelligente Maschinen? Oder Kreative?“ über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Begriffe „Intelligenz“ und „Kreativität“. Im Alltagsgebrauch verwendet man sie manchmal synonym, bei genauerem Nachdenken erscheinen sie einem aber unterschiedlich.

Begriffe wie Intelligenz und Kreativität können wir im Alltag sicher verwenden, aber wenn wir über sie nachdenken, werden wir schnell unsicher, was sie eigentlich bedeuten. Das fällt meist dann auf, wenn sie zum ersten Mal in ungewohntem Zusammenhang auftauchen, etwa wenn von künstlicher Intelligenz die Rede ist oder von der Intelligenz des Schwarms, oder wenn das Verhalten von Raben, die sich an Straßenkreuzungen von Autos Nüsse knacken lassen, als kreativ bezeichnet wird. Ist damit die gleiche Qualität gemeint, wie wenn wir vom intelligenten Schüler oder vom kreativen Künstler sprechen?

Die Sachverhalte, die wir mit den Begriffen Intelligenz und Kreativität bezeichnen, überlappen einander, und in der Alltagssprache müssen wir es damit auch nicht ganz so genau nehmen. Wir bringen mit der Rede über besonders intelligente Lösungen und besonders kreative Ideen unsere Hochachtung für Leistungen des menschlichen Geistes zum Ausdruck, die uns überraschen und die uns Bewunderung abverlangen.

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Aber beim genauen Hinsehen gibt es Unterschiede zwischen solchen Ideen und Taten, und es ist sinnvoll, dann zu differenzieren und die Begriffe zu schärfen. Von besonderer Intelligenz sprechen wir zumeist, wenn wir, um ein Ziel zu erreichen, ein Problem auf überraschende Weise gelöst haben. Der Psychologe James R. Flynn hat Intelligenz als die Fähigkeit bestimmt, Lösungen für Probleme zu haben, die uns nie zuvor begegnet sind.


Kreativität hingegen wird oft als Fähigkeit bestimmt, etwas völlig Neues zu schaffen. Der Philosoph Günter Abel meint, radikale Kreativität erkenne man daran, dass sie bestehende Regeln durchbricht und selbst stil- oder regelbildend wirkt. Maler wie Pablo Picasso und Salvador Dali, Musiker wie Arnold Schönberg, die sich aus den bestehenden Regeln der Kunst befreit haben und neue Regeln schufen, bezeichnen wir als kreativ.

Später im Artikel wird dann der Unterschied zwischen den beiden Begriffen so herausgearbeitet:

… ob nicht jede intelligente Lösung eines Problems, wenn sie doch überraschend und damit auch neuartig ist, auch als kreativ bezeichnet werden muss, aber dann wären Kreativität und Intelligenz doch das Gleiche. Doch wenn wir Kunstwerke oder wissenschaftliche Theorien, die wir als kreativ bezeichnen, genauer ansehen, fällt eine Differenz zu intelligenten Problemlösungen auf: Oft ist, wenn der Künstler oder die Wissenschaftlerin sich mit einem Thema beschäftigt, das Problem gar nicht klar benennbar, das Ziel, zu dem man gelangen will, noch nicht bekannt. Es ist kein Problem, es ist nur ein Unbehagen über die bestehende Situation. Kreative Menschen finden Lösungen für Probleme, die erst mit der Lösung überhaupt benannt werden können -wenn überhaupt.

Das ist nicht der Punkt, der mich hier am meisten interessiert. Bei der Betrachtung der beiden Begriffe fehlt meiner Meinung nach ein dritter: Wissen. Wenn ich meine Definition aller drei Begriffe jeweils in einem Satz formulieren müsste, dann vielleicht so:

  • Intelligenz ist die Fähigkeit, ein Problem schnell und richtig zu lösen.
  • Kreativität ist die Fähigkeit, ein Problem als solches zu entdecken (und zu lösen).
  • Wissen ist die Fähigkeit, Probleme und deren Lösung zu kennen.

Ein-Satz-Definitionen haben ihre Schwierigkeiten, vor allem wenn damit sehr komplexe Sachverhalte charakterisiert werden sollen. Das ist hier nicht anders. Man erkennt aber bereits daran, wie die Bedeutungen der Begriffe ineinander übergehen: Wenn zum Beispiel in einem Test die Intelligenz gemessen werden soll, dann darf dem Teilnehmenden das Problem, das er lösen soll, noch nicht bekannt gewesen sein. Der Versuchsleiter aber muss aber die Lösung wissen, um deren Richtigkeit bewerten zu können. Andererseits kommt aber auch der Teilnehmer nicht ohne Wissen aus, zum Beispiel über verschiedene Lösungsstrategien.

Weiterhin hat die Psychologie inzwischen herausgefunden, dass eine hohe Korrelation zwischen Intelligenz, Kreativität und Wissen besteht: Wer intelligenter ist, kann auch schnell bereits vorhandene Lösungen von Problemen verstehen, sich also besser Wissen aneignen. Außerdem ist er auch schneller beim Erkennen, wenn an einer Stelle ein neues und ungelöstes Problem besteht.

Am Ende des Artikels wird die Behauptung aufgestellt, darauf bezog sich ja auch die Überschrift, dass Maschinen intelligent, aber nicht kreativ sein können:

Wenn wir diese Differenzierung zwischen Intelligenz und Kreativität akzeptieren, dann können wir auch sagen, dass intelligente Maschinen durchaus denkbar sind. Warum soll es keine technischen Verfahren geben, die neue Wege für die Lösung bestehender Probleme finden? Aber die Kreativität bleibt den Menschen vorbehalten -solange das Unbehagen über die Welt, wie sie ist, den Maschinen fremd bleibt.

Ich bezweifle das, denn wenn wir schon begrifflich kaum zwischen Wissen, Intelligenz und Kreativität unterscheiden können und es sicher auch in unserem Gehirn keine klar umrissenen Zonen gibt, die entweder für Intelligenz oder Kreativität oder Wissen verantwortlich sind, wo sollte dann diese Grenze in Maschinen verlaufen?

Am Beispiel heutiger tumber Schachprogramme: Sie haben in manchen Stellungen Züge gefunden, die wir bei einem Menschen als Ausdruck von dessen Intelligenz oder Kreativität ansehen würden. Worin aber besteht der Unterschied, wenn in beiden Fällen derselbe Input (die betreffende Stellung) und derselbe Output (der gefundene Zug) vorliegt? Freilich können wir uns heute noch damit herausreden, dass ja Menschen die Programme geschrieben haben, die auf den Maschinen laufen. In gewisser Hinsicht gilt das aber für den Menschen auch: Die „Hard-“ und „Software“ der Großmeister wurde von ihren Eltern, den Trainern und ihren Kollegen „geschrieben“. Ich sehe in dieser Richtung keinen qualitativen Unterschied.

Den letzten Satz in dem Artikel finde ich besonders merkwürdig:

Aber die Kreativität bleibt den Menschen vorbehalten -solange das Unbehagen über die Welt, wie sie ist, den Maschinen fremd bleibt.

Das ist eine neue Definition von Kreativität. Sollte nur der kreativ sein können, der sich „unbehaglich“ fühlt?

  1. 21. Oktober 2013, 19:08 | #1

    Ich würde den Unterschied wie folgt benennen: Eine kreative Leistung ist eine, die nicht auf logisch-systematischen Weg entstanden ist, etwas wie ein Einfall, eine Idee, die plötzlich da ist: Das bedeutet freilich nicht, dass Logik und Systematik für die Ausführung ohne Bedeutung wären, aber der Entstehungsweg hat mehr mit Dezentrierung, mit träumen und Vermischung als Klarheit zu tun.

  2. Jalella
    22. Oktober 2013, 08:51 | #2

    Ich würde sagen Kreativität ist etwas, das keine Reaktion auf etwas darstellt, sondern aus der Person selbst ensteht. Das ist natürlich auch nicht eindeutig auf jeden Fall anwendbar, insbesondere nicht auf das Thema Lösungsfindung bei Problemen. Ich denke dabei vor allem an Kunstwerke oder auch die kreative Leistung, sich ohne sich auf ein bestehendes Problem zu beziehen, ein generelles Bild von der Welt zu schaffen. Also z.B. in Bezug auf die Naturwissenschaften: Grundlagenforschung. Hier wird aus eigenem Antrieb heraus versucht, „die Welt zu erklären“. Ich würde das eher als kreativ bezeichnen, als den Versuch ein Problem zu lösen, dass sich mir im Alltag stellt. Auch wenn dort eine sehr außergewöhnliche Idee ebenfalls als kreativ bezeichnet wird. Dort wäre es dann eben wieder das „selbst“ Denken, die eigene Idee, statt das Problem nach „Schema F“ anzugehen. Gewissermaßen Kreativität eine Stufe niedriger.

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