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Helfen Regeln gegen Psychopathen?

In Gehirn & Geist 12/2014 hat Stefan Schleim einen interessanten Artikel über Psychopathen geschrieben. Sein einführendes Beispiel ist mir tagelang nicht aus dem Kopf gegangen, obwohl (oder weil?) es nur eine simple Alltagsbeobachtung ist:

An der Haltestelle für den Ersatzbus hatte sich bereits eine Traube Wartender gebildet. Als der Bus kam, bat uns der Fahrer, vorne einzusteigen, um den aussteigenden Fahrgästen hinten Platz zu lassen. Das ging so lange gut, bis die hintere Tür frei wurde. Nun brachen einige aus der Reihe aus, um dort einzusteigen. Sie wurden ein-, zweimal vom Fahrer zurückgerufen, doch als dieser nicht mehr hinschaute, probierten sie es erneut. Diesmal mit Erfolg! Dafür kamen andere Fahrgäste, die sich an die Regeln gehalten hatten, nicht mehr hinein. Ein anschauliches Beispiel für die »Weisheit der Psychopathen«, von der Dutton zuvor gesprochen hatte.

Stefan Schleim kam von einem Vortrag des britischen Psychologen Kevin Dutton zurück, als ihm dieses Erlebnis widerfuhr. Dieser hatte referiert über »was man von Heiligen, Anwälten und Serienmördern lernen kann«. In den letzten Jahren haben zahlreiche psychologische Studien herausgefunden, dass es in Führungspositionen in Politik und Wirtschaft einen überproportional hohen Anteil an Menschen gibt, denen man psycho- und soziopathische Charakterzüge bescheinigen muss. Offenbar sind einige Auswahlkritierien in Politik und Wirtschaft so gestaltet, dass es Menschen mit abweichendem Sozialverhalten begünstigt. Viele Psychologen sehen das kritisch, Dutton vertritt einen entgegengesetzten Standpunkt. Stefan Schleim schreibt über ihn:

Das nur wenige Jahre später erschienene Buch von Dutton stellt solche Bemühungen auf den Kopf. An Stelle von Schadensbegrenzung geht es bei ihm um reine Nutzenmaximierung. Dutton tut sich nicht schwer damit, den hingerichteten Diktator Saddam Hussein oder den Massenmörder Robert Maudsley, Vorlage der Romanfigur Hannibal Lecter, mit einem britischen Topchirurgen zu vergleichen: Sie alle hätten gelernt, ihre Gefühle zu beherrschen. Psychopathen seien furchtlos, selbstsicher, charismatisch, rücksichtslos und fokussiert. Sie seien jedoch nicht zwingend gewalttätig. Auf dem Weg zum Erfolg könnten wir von ihnen lernen.

Der Artikel von Stefan Schleim ist nicht übermäßig lang, am Ende kommt er aber nochmals auf das Bus-Beispiel zurück:

Hare und Babiak waren sich des Preises ungezügelten Nutzenmaximierens bewusst. Dutton will davon aber nichts mehr wissen. Dabei zeigen die genannten Experimente, dass die Spielregeln darüber entscheiden, welches Verhalten langfristig zum Erfolg führt. Es werden nicht immer furchtlose, risikofreudige und rücksichtslose Menschen belohnt. Der letzte Bankencrash verdeutlicht allerdings, wie die »Spielregeln« skrupellose Fondsmanager begünstigen: Sie werden für die Folgen ihrer riskanten und rücksichtslosen Entscheidungen in der Regel nicht zur Rechenschaft gezogen.

Wir können für die Änderung dieser Regeln eintreten. Die Gesetze der Börse und der Finanzwelt wurden von Menschen gemacht und können von ihnen modifiziert werden. Und im eingangs erwähnten Beispiel kann der Busfahrer die hintere Tür schließen, damit niemand jene übervorteilt, die sich in einer Reihe aufgestellt haben. Die Spielregeln einer ganzen Gesellschaft zu kontrollieren, ist freilich nicht so einfach wie im Labor – es ist aber auch nicht unmöglich. Kurzum, wir können gemeinsam entscheiden, ob das typische Verhalten von Psychopathen zum Erfolg führt oder nicht.

Meiner Meinung nach ist Schleim da übermäßig optimistisch. Ähnliche Beispiele wie das mit dem Bus findet man praktisch überall, z.B. wenn im Supermarkt eine weitere Kasse aufmacht, wenn es auf der Autobahn einen Stau gibt. Überall gibt es geschriebene und ungeschriebene Regeln und überall gibt es ein weites Spektrum von Verhaltensweisen. Man braucht nur müde oder genervt oder sonst wie nicht gut drauf zu sein, dann findet man sich selbst in der Gruppe der Menschen, die sich einen kleinen Vorteil auf Kosten anderer verschaffen.

Die Regeln der Finanzwelt oder der Wirtschaft oder der Politik sind heute nicht irgendwie zufällig, sondern sie sind selbst Ergebnis einer langen Evolution. Freilich kann man versuchen, sie zu verändern, aber ich würde mir nicht allzu viele Hoffnungen machen, dass die neuen Regeln besser als die alten sind. Auch mit neuen Regeln gibt es Menschen (vielleicht dann sogar andere als heute), die die Grenzen austesten oder sogar überschreiten werden.

Es gibt noch einen weiteren Aspekt, den Stefan Schleim meiner Meinung nach übersehen hat – die Durchsetzbarkeit von Regeln. Nehmen wir an, der Busfahrer versucht, die von ihm aufgestellte Regel „Einsteigen nur durch die Vordertür“ konsequent gegenüber seinen Fahrgästen durchzusetzen. Er geht also durch den vollen Bus und fordert diejenigen Personen, die regelwidrig eingestiegen sind, zum Verlassen des Bus auf. Was tut er, wenn sie sich einfach weigern? Wird er dann Gewalt anwenden? Psychopathisches Verhalten ist auch deshalb so erfolgreich, weil es andere Menschen nicht fertigbringen, mit einem vergleichbaren Verhalten gegenzuhalten. Daran wird sich nicht so einfach etwas ändern lassen.

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