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Hans Küng: Der Anfang aller Dinge

Besser als durch den Titel des Buches wird der Inhalt durch den Untertitel beschrieben: „Naturwissenschaft und Religion“. Hans Küng ist emeritierter Professor für Theologie und katholischer Priester. Bekannt geworden ist er durch seine Trilogie über die großen Weltreligionen, die Stiftung Weltethos und seinen Streit mit der katholischen Kirche auf mehreren Gebieten: Unfehlbarkeit des Papstes, Frauenordination, Empfängnisverhütung, Abtreibung und Zölibat. Dem Wikipedia-Artikel über ihn kann man entnehmen, dass er Josef Ratzinger seit langem kennt, sie sich später überworfen haben, es aber 2005 zu einem Treffen zwischen ihnen beiden kam (als Josef Ratzinger bereits zum Papst Benedikt XVI. gewählt wurde). Vielleicht deutet das ja darauf hin, dass manche Ansichten der katholischen Kirche nicht für immer in Stein gemeißelt sind?

Ich wollte schon seit langem etwas von ihm lesen. Das vorliegende Buch hat den Vorteil, dass es ein mich sehr stark interessierendes Themenspektrum umfasst – die Vereinbarkeit von Religion und Wissenschaft in unserer Zeit, Aspekte der Kosmologie, Evolutionstheorie und der Hirnforschung. Die Wikipedia schreibt über dieses Buch:

Im September 2005 erschien sein bisher letztes Werk, Der Anfang aller Dinge. Naturwissenschaft und Religion. Es enthält fünf Vorlesungen des Studium generale der Universität Tübingen aus dem Frühjahr 2005. Küng befasst sich darin mit der Frage, wie sich die modernen Naturwissenschaften die Entstehung des Weltalls, der Erde und der Menschheit erklären und wie die Religion (vor allem die christliche Theologie) dieser Herausforderung glaubwürdig begegnen kann.

Aus dem Inhalt:

Gerade die Absicht, die Mathematik zur Grund- und Universalwissenschaft zu machen, führte in die Krise.

Auch Kurt Gödels berühmter zweiter Unvollständigkeitssatz steht in einem historischen Kontext. Gödel bewies darin, dass man die Widerspruchsfreiheit eines hinreichend komplizierten Systems nicht mit Mitteln beweisen kann, die im System zur Verfügung stehen, sofern das System überhaupt widerspruchsfrei ist.

In seinem berühmten Buch „Aufzählbarkeit, Entscheidbarkeit, Berechenbarkeit“ von 1961 bemerkte der Mathematiker und Logiker Hans Hermes, es sei „im Hinblick auf die große Rolle, welche die Mathematik in unserem heutigen Weltbild spielt – von erheblichem Interesse“, dass „die Mathematiker mit rein mathematischen Methoden gezeigt haben, dass es mathematische Probleme gibt, welche nicht mit dem Rüstzeug der rechnenden Mathematik behandelt werden können.“

Damit betont Hans Küng, dass nicht jede Wissenschaft auf Mathematik rückführbar ist und selbst eine geglückte Rückführung keine Widerspruchsfreiheit garantiert. Das trifft insbesondere auf Vorgänge zu, die sich nur ein einziges Mal ereignet haben. Das ist nicht nur der Urknall, sondern trifft nahezu auf alle geschichtlichen Ereignisse zu.

Es gibt kein mathematisch-naturwissenschaftliches Kriterium, nach welchem metaempirische philosophisch-theologische Sätze für sinnlos, für Scheinprobleme erklärt werden können. … Mathematisierbarkeit kann keine Zielvorstellung für jede Wissenschaft sein; schon in der Geschichtswissenschaft, die es mit singulären Ereignissen zu tun hat, ist sie undurchführbar, und auch in der Psychologie und Philosophie stößt sie deutlich auf Grenzen.

Diese Überlegungen sind wichtig, wenn man untersuchen will, ob die Naturwissenschaften prinzipiell alle Aspekte der Wirklichkeit erklären können. Wenn man Wirklichkeit definiert als „alles, was ist“, dann können es die Naturwissenschaften offensichtlich nicht. Eine „Theory of everything“ (TOE) ist nicht nur praktisch, sondern auch theoretisch unmöglich. (Man kann diese Einschränkungen sogar noch zweifach verschärfen: Erstens, indem man feststellt, dass sich die Ganzheitlichkeit der Wirklichkeit nicht beweisen lässt; zweitens, indem man sich die Problematik und Undefinierbarkeit der „Wirklichkeit“ als solche vor Augen führt.)

Im weiteren wendet sich Küng Gottesbeweisen bzw. -widerlegungen zu. Imanuel Kant hat ja philosophisch die Unmöglichkeit derartiger Beweise gezeigt. Unter diesem Gesichtspunkt schreibt Küng zu den Versuchen, Gottesglauben mit psychologischen Mitteln wegzuerklären:

Dass der Gottesglaube psychologisch erklärt werden kann, ist durchaus zuzugeben. Psychologisch gesehen weißt der Gottesglaube immer Strukturen und Gehalte einer Projektion auf, steht er immer unter Projektionsverdacht. Aber das Faktum der Projektion entscheidet doch keineswegs darüber, ob das Objekt, auf das sie sich bezieht, existiert oder nicht existiert. Dem Wunsch nach Gott kann durchaus ein wirklicher Gott entsprechen.

Daraus ergibt sich für die Naturwissenschaften:

Doch Naturwissenschaftler sollten bedenken: Subjekt und Objekt, Methode und Gegenstand sind innerlich verflochten, und so sind die von der Naturwissenscaft erfassbaren Phänomene und die Wirklichkeit als ganze zu unterscheiden. … Perspektivität und Variabilität gerade auch der mathematisch-naturwissenschaftlichen Methoden erfordern, dass man sich ständig ihrer Grenzen hinsichtlich der je größeren Gesamtwirklichkeit bewusst bleibt.

Er zitiert Tipler:

“Das Universum existiert seit einer begrenzten Zeit, darüber hinaus wurden das physikalische Universum und die Gesetze, die es regieren, von einer Einheit ins Leben gerufen, die diesen Gesetzen nicht unterworfen ist und außerhalb von Raum und Zeit liegt.

Ausführlich diskutiert er das starke und das schwache anthropische Prinzip im Zusammenhang mit der wissenschaftlichen Evolutionstheorie und dem religiösen Schöpfungsglauben.

Naturwissenschaft und Religion haben beide ihre Berechtigung, Eigenständigkeit und Eigengesetzlichkeit. Doch können sie sich im Rahmen einer holistischen Gesamtsicht aller Dinge ergänzen:

  • Religion kann die Evolution als Schöpfung interpretieren.
  • Naturwissenschaftliche Erkenntnis kann Schöpfung als evolutionären Prozess konkretisieren.
  • Religion kann so dem Ganzen der Evolution einen Sinn zuschreiben, den die Naturwissenschaft von der Evolution nicht ablesen, bestenfalls vermuten kann.

Der letzte größere Abschnitt ist den Ergebnissen der Hirnforschung gewidmet und den damit verbundenen Problemen der Erste-Person-Perspektive und der Willensfreiheit. Auch hier bleibt sein Standpunkt in sich konsistent: Wenn man aus der Sicht der Neurowissenschaften das Phänomen der Willensfreiheit und der Erste-Person-Perspektive nicht erklären kann, so ist das ein weiteres Indiz dafür, dass die naturwissenschaftliche Methode nicht hinreichend zur Beschreibung der Wirklichkeit ist. Denn dass wir Willensfreiheit und uns selbst als Personen erleben, kann ja nicht ernsthaft bestritten werden, ist also Wirklichkeit und nicht einfach „epiphänomenal“.

Das Buch schließt mit einem Verweis auf Pascals Wette:

Ich persönlich habe Blaise Pascals „Wette“ angenommen und setze – nicht aufgrund einer Wahrscheinlichkeitsrechnung oder mathematischer Logik, wohl aber aufgrund eines vernünftigen Vertrauens – auf Gott und Unendlich gegen Null und Nichts.

Des bleibenden Risikos dieser Wette auf unbedingtes Vertrauen hin bin ich mir selbstverständlich bewusst, aber ich bin der Überzeugung: Selbst wenn ich die Wette im Tod verlöre, hätte ich für mein Leben nichts verloren, nein, ich hätte in jedem Fall besser, froher, sinnvoller gelebt, als wenn ich keine Hoffnung gehabt hätte.

Entgegen meinen sonstigen Gewohnheiten war der Erwerb dieses Buchs ein Spontankauf – den ich nicht bereut habe. Wenn ich Hans Küng persönlich treffen könnte, dann würde ich ihn u.a. fragen, wie er zur Religion der Bahai steht. Sowohl deren religiöser Glaube als auch ihre ethischen Grundprinzipien decken sich sehr stark mit Küngs Ansichten.

Kommentare

rosenherz 04/04/2007 10:41:53 PM

Na sowas, du stellst nun da ein Buch vor mit diesem Thema. Ich habe mir vor ein paar Tagen eines gekauft, worin es um Buddhismus und Naturwissenschaft geht, allerdings noch nicht gelesen.

An dieser Stelle mag ich dir sagen, dass ich recht oft in deinem Weblog zu Gast bin. Mir gefällt es hier, ich mag die Art wie du über etwas nachdenkst und ich mag das Layout.

Köppnick 04/05/2007 06:27:38 PM

Der Buddhismus zeigt deutlich, wie Menschen so ticken. Der historische Buddha wollte keine Religion gründen, sondern seinen individuellen Weg ins Nirvana, das Nichts, finden und nicht wiedergeboren werden. Schon unmittelbar nach seinem Tod entwickelte sich der Buddhismus zur Religion. Und heute horchen westliche Buddhaanhänger in sich hinein, um die Echos früherer Leben zu finden – sie wollen nicht etwa nicht wiedergeboren werden, sondern im Gegenteil ihre Angst vor dem Tod mit der Aussicht auf ein weiteres Leben dämpfen.

Am Layout habe ich sehr viel gebaut und überlegt. Nichts stört so sehr beim Lesen und Denken wie brüllbunte Farben, blinkende Teile, Werbeeinblendungen, zusammenhanglose Bilder und Ladezeiten länger als 1 Sekunde.

Zum schwarzen Text auf weißem Grund braucht man genau eine weitere Farbe zur Kennzeichnung von Überschriften und Links. Diese zweite Farbe muss eine gedeckte Farbe sein. Reines Rot erzeugt zum Beispiel unbewusste Angst- und Abwehrgefühle. Außerdem braucht man die gewählte Farbe in verschiedenen Tönungen, da kleinere Flächen kräftiger gezeichnet werden müssen. Meine Kopfzeile ist für mein Empfinden noch zu dunkel. Man kann aber nicht einfach die Farbwerte Richtung Weiß verändern, weil sich der „gefühlte“ Buntton dann verschiebt.

Wichtig ist eine vernünftige Kennzeichnungsmöglichkeit für Zitate. Das häufig dafür verwendete kursiv ist für längere Passagen schlecht lesbar. Eine leichte Einfärbung des Hintergrunds habe ich versucht, aber sie ist auf verschiedenen Bildschirmen unterschiedlich gut sichtbar. Ich hatte deshalb seinerzeit einen linken senkrechten Strich neben dem Zitat. Die jetzige Version mit der Vollumrandung ist meinem Gefühl nach noch etwas zu aufdringlich.

Da Bildschirme breiter sind als Buchseiten und die Leser mit unterschiedlichen Bildschirmauflösungen arbeiten, muss man sich über die Breite der einzelnen Spalten Gedanken machen. Ursprünglich hatte ich ein Layout mit fester Breite gewählt und so eingestellt, dass etwa 80 Zeichen je Zeile im Textblock entstehen. Dadurch werden die Texte aber zu lang, Benutzer scrollen nicht gern. Jetzt habe ich ein gleitendes Layout, bei dem der Mittelteil den nach Abzug der beiden Randspalten verbleibenden Bereich ausfüllt. Da ich zu Hause an einem Bildschirm mit 1600 Pixeln Breite arbeite, teste ich jedesmal, wie sich zum Beispiel der Text verändert, wenn man das Browserfenster verkleinert (auf 1280 oder 1024 Pixel Breite). Bilder werden dann ganz anders umflossen.

Die Möglichkeit, mit „Teasern“ zu arbeiten, also Kurzversionen der Artikel, die dann auf den Volltext verlinken, gibt es leider nur in der kostenpflichtigen Version von TwoDay. Das vermisse ich sehr stark. Außerdem haben sie die Möglichkeiten der Kommentierung auf zwei Ebenen beschränkt, also Kommentar und Kommentar auf einen Kommentar. Die ursprüngliche Softwareversion von Antville lässt auch die Version mit beliebig vielen Ebenen zu, das fände ich besser.

Was ich aufmerksam verfolge, sind die Experimente von Steppenhund mit seinen Grafiken. Eine bildliche Darstellung der Verlinkungsstruktur gibt eine viel bessere Navigationshilfe.

  1. Simon
    23. Juni 2014, 17:37 | #1

    Ich beschäftige mich grade Aufgrund einer Seminar-Arbeit über das Thema Religion und Naturwissenschaft mit dem oben beschriebenen Buch. Finde diese Gedanken sehr aufschlussreich und einfach zu lesen. Was mir fehlt sind Seiten Angaben, zu den jeweiligen Zitaten, die könnte ích gut gebrauchen. Ansonsten großes Lob an den Verfasser und vielen Dank!

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