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Hans-Dieter Schütt: Markus Wolf. Letzte Gespräche

Markus Wolf war viele Jahre Chef der HVA, dem Auslandsnachrichtendienst der DDR-Staatssicherheit. Ich weiß es nicht mehr ganz genau, aber ich vermute, dass ich ihn zum ersten Mal im Fernsehen bei seinem Auftritt während der Demonstration am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz gesehen habe. Dort wurde er ausgepfiffen, weil er den meisten Demonstranten als führender Vertreter der Staatssicherheit galt. Da war er schon drei Jahre in Rente.

Im Frühjahr 1989, noch in der DDR, war sein erstes Buch erschienen, „Die Troika“. Nach der Wende hat er eine Reihe weiterer Bücher geschrieben. Nicht alle davon beschäftigen sich mit seiner Tätigkeit als Spionagechef der DDR. Das Buch von Hans-Dieter Schütt ist das letzte, an dem Markus Wolf noch direkt beteiligt war. Es gibt den Inhalt einer Reihe von Gesprächen wieder, die die beiden im Jahr 2006 miteinander geführt haben. Es waren weitere Interviews geplant, aber im November 2006 starb Markus Wolf. Im Stil hat mich das Buch ein wenig an die Fernsehreihe Zur Person von Günter Gaus erinnert.

Markus Wolf: langjähriger Chef der DDR-Aufklärung. Geheimnisumwoben. Gefürchtet. Gehaßt auch – und nie wußte man, bis heute weiß man es nicht, was diesen Haß eher und heftiger vergrößerte: der offene kommunistische Geist des Mannes oder seine Unangreifbarkeit. Wolf hat eine Arbeit getan, deren Zwielicht nur in James-Bond-Filmen reine Unterhaltung ist. Es ist eine Arbeit, die sich seit jeher den Verdacht gefallen lassen muß, sie sei unehrenhaft. Aber das Unehrenhafteste daran ist jener besinnungslose zwischenstaatliche Zustand, der diese nachrichtendienstliche Arbeit erst erforderlich macht, indem er Mißtrauen schürt, Feindschaft adelt, Krieg für eine Lösung hält.

Markus Wolf entstammt einer jüdischen Familie, die 1933 aus Deutschland fliehen musste. Sein Vater Friedrich Wolf ist mir mit seinem Buch Professor Mamlock noch aus der Schulzeit bekannt. Es war vermutlich die erste künstlerische Abrechnung mit der Judenverfolgung in Nazideutschland. Markus‘ Bruder Konrad Wolf war Filmregisseur und fast 20 Jahre bis zu seinem frühen Tod Präsident der Akademie der Künste der DDR.

Im Buch sprechen Schütt und Wolf über die Wolfsche Familie, den Vater, den Bruder, über die Kriegszeit in der Sowjetunion und die dort erlebten Stalinistischen Verbrechen, über die mit der Gründung der DDR verbundenen Hoffnungen und über Illusionen und Irrtümer.

MARKUS WOLF: Wie konnten Menschen, die ihre Augen vor der Deformierung ihrer Ideale nicht mehr verschließen konnten, die von vielen im Namen des Sozialismus unter Stalin und später begangenen Verbrechen wußten, weiter und so lange an diese gesellschaftliche Alternative glauben? Es gibt keinen Zweifel daran, daß dies, was ich auch für mich beanspruche, für Abertausende zutrifft, die trotz zunehmender Zweifel nicht das Gefühl hatten, zu „Tätern“ des Unrechts zu werden und Verrat an den Idealen zu begehen, für die sie angetreten waren.

HANS-DIETER SCHÜTT: Unerklärlich?

MARKUS WOLF: Es gibt ja die Erklärungen.

HANS-DIETER SCHÜTT: Keine Generation seither hat eine Antwort erhalten, die befriedigt.

MARKUS WOLF: Eine befriedigende Antwort wird es nie geben, weil die Hoffnung nie erfüllt werden kann, das Widersprüchliche aus dem Thema zu nehmen. Es gehört zur Grundausstattung des unbeteiligten Menschen, daß er von der festen Überzeugung ausgeht, selber garantiert anders gehandelt zu haben.

HANS-DIETER SCHÜTT: Das ist das Recht jedes Menschen, nur so bleibt der moralische Maßstab in der Welt, der von denen, die bei so schweren Zeiten dabei waren – und das betrifft auch wieder jede Generation – verschlissen wird, in Situationen, die den Menschen gemeinhin übersteigen.

Der Absatz über die „unbeteiligten Menschen“ geht mir runter wie Öl, das ist eine Beobachtung, die ich auch schon gemacht habe. Interessant fand ich eine Anmerkung von Wolf, dass er aus demselben Ort wie Klaus Kinkel stammt. Klaus Kinkel war zeitweise Präsident des Bundesnachrichtendienstes, bevor er lange Jahre in verschiedenen Positionen in der Bundesregierung saß. Markus Wolf wurde nach der Wende angeklagt und zu sechs Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Wegen seines Alters musste er die Haftstrafe nicht antreten. Und dann, siehe den Artikel über Wolf in der Wikipedia:

Zwei Jahre später traf das Bundesverfassungsgericht eine Grundsatzentscheidung: Mitarbeiter der HVA mit damaligem Lebensmittelpunkt in der DDR wurden nicht mehr strafrechtlich verfolgt, da die Spionage im Auftrag des souveränen Staates DDR und im Einklang mit ihren Gesetzen erfolgte. Das Urteil gegen Wolf wurde aufgehoben.

Am Schluss noch zwei längere Zitate von Markus Wolf aus dem Buch:

Es gab zu DDR-Zeiten einen abwehrenden Reflex gegen uns, wenn wir behaupteten, „dahinter steckt die CIA“. Das galt als kommunistisches Gruselmärchen – aber es gab auf der Welt keinen Putsch, keinen Völkermord, keine Niederschlagung einer antiimperialistischen Bewegung, die nicht mit gravierender Hilfe von Geheimdiensten geschah. Die Spur zieht sich von Lumumba bis Allende, um nur zwei Namen zu nennen. Das Frappierende ist, wie freimütig nach Jahrzehnten solche Mordhilfen zugegeben werden; erst sind es, pathetisch beschworen, irgendwelche reine Freiheitsbewegungen im Inneren eines Landes, später dann wird daraus, ganz normal, eine CIA-Aktion. Vor einiger Zeit lief im Fernsehen eine französische Filmreihe über den US-amerikanischen Geheimdienst. Das war schon atemberaubend, wie da hohe Beamte – ich kenne ja inzwischen einige der Herren persönlich – mit teils kritischem, teils zynischem Gestus ihre eindeutige Drahtzieherei ausbreiteten. Was vor Jahren in Persien geschah, wie der Schah regelrecht eingesetzt wurde, was in Lateinamerika und in Afghanistan lief, wie man Bin Laden gleichsam großzog und geradezu in die Position brachte, in welcher er heute so gefährlich ist! Wenn man das hört und sieht, kann man in der Tat kaum noch ernst nehmen, wenn Politiker ans Mikrofon treten und von freudigem, gar selbstlosem Export westlicher ethischer Werte reden.

Arroganz der Macht und Machtmißbrauch sind keine Erfindung und kein Privileg der politischen Führungen in den Ländern, die sich als sozialistisch bezeichneten. Von Arroganz der Macht reden nicht nur viele frühere DDR-Bürger, wenn sie an den Umgang mit ihnen und ihrem Leben denken. Es muß nicht unbedingt die auf Waffen und Gefängnisse gestützte Macht sein. Die heute in Politik und Wirtschaft den Ton Angebenden, nicht zuletzt in den oberen Etagen der großen Medien und Verlage, besitzen wirksamere Mittel zur Steuerung der tief in das Leben der Bürger eingreifenden Entscheidungen und geistiger Ströme.

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