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H.G. Wells: Die Zeitmaschine

„Aber“, sagte der Arzt, den Blick starr auf ein Stück Kohle im Kamin geheftet, „wenn Zeit tatsächlich nur eine vierte Dimension des Raumes ist, warum wird und wurde sie dann immer als etwas anderes angesehen? Und warum können wir uns innerhalb der Zeit nicht so frei bewegen wie in den anderen Dimensionen des Raumes?“

Der Zeitreisende lächelte. „Sind Sie so sicher, dass wir uns im Raum frei bewegen können? Nach rechts und links, vorwärts und rückwärts können wir uns wohl ziemlich ungehindert fortbewegen, und das haben die Menschen auch seit jeher getan. Ich gebe also zu, dass wir uns in zwei Dimensionen frei bewegen können. Aber wie steht es mit aufwärts und abwärts? Hier setzt uns die Schwerkraft Grenzen.“

Ich habe in der Wikipedia nachgelesen, H.G. Wells schrieb seinen Roman Die Zeitmaschine bereits 1895, 10 Jahre vor der Erstveröffentlichung der Speziellen Relativitätstheorie. So wie die Zeitmaschine in seinem Buch funktioniert, lässt es die (heute bekannte) Physik aber nicht zu. Es gibt zwei spekulative Ansätze, die winzig kleine theoretische Schlupflöcher lassen:

  1. Die erste Idee geht von der Verwendung von Wurmlöchern aus. Zwar ist nicht klar, ob sie überhaupt existieren, aber Kip Thorne hat diese Idee ins Spiel gebracht, eine Zeitmaschine mit Hilfe eines Wurmlochs zu bauen. Während man die eine Seite des Wurmlochs relativ zum späteren Benutzer ruhen lässt, bewegt man die andere Seite fast mit Lichtgeschwindigkeit. Gemäß der Relativitätstheorie altern beide Öffnungen dann unterschiedlich schnell. Fliegt man zu einer Öffnung hinein und kommt aus der anderen wieder heraus, befindet man sich in einer anderen Zeit.
  2. Die zweite Idee benutzt kosmische Strings. Genau wie Wurmlöcher sind das theoretisch mögliche Gebilde aus der Anfangszeit des Universums, die bei ausreichender Größe und ausreichender Energie die Raumzeit um sich herum stark krümmen. Man soll bei jeder Umkreisung eines Strings ein Stück in die Vergangenheit reisen können.

Beide Vorschläge sind rein hypothetisch und haben beide auch dieselben theoretischen Mängel: Die eingesetzten Energien sind aberwitzig groß, sie müssen irgendwo in der Größenordnung der Energie einer ganzen Galaxis bis zu der des halben Universums liegen. Es sind Extrapolationen von Gleichungen, mit denen Vorgänge bei viel kleineren Energien und Längen beschrieben werden können.

Im Vergleich zur Zeitmaschine von Wells zeigt sich noch ein weiterer Mangel: Man kann nur in Zeiten zurück reisen, in denen diese Zeitmaschinen bereits existiert haben, denn diese befinden sich gewissermaßen mit einer Seite in der Vergangenheit und mit der anderen in der Gegenwart. Die Maschine selbst reist nicht, sie verbindet die Zeiten in der Form eines Fahrstuhls. Wenn wir von heute aus gesehen in unsere Vergangenheit reisen wollen, sind wir also vermutlich auf die Mithilfe von Zivilisationen angewiesen, die solche Maschinen vor langer Zeit gebaut und bis in unsere Zeit betreut und gewartet haben.

Es ist auch besser, wenn sich diese Geräte weit entfernt von unserer Galaxis befinden, denn die Raumzeitkrümmungen und die mit dem gigantischen Energieverbrauch verbundene Strahlung dürfte sich auf die Existenz unserer eigenen Galaxis nicht sehr günstig auswirken. Nehmen wir deshalb als ein Beispiel einmal an, eine solche Maschine würde sich im Abstand von einer Milliarde Lichtjahre von der Erde befinden. Wenn wir heute von ihrer Existenz erfahren würden, wäre der angenehme Nebeneffekt, dass diese Maschine schon mindestens eine Milliarde Jahre existieren muss, denn solange hätte die Information über sie bis zu uns gebraucht. Unangenehmer Nebeneffekt dieser Entfernung wäre die lange Anfahrt bis zum Zeitportal.

Glücklicherweise gibt es aber physikalische Konzepte, die auch ein Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit theoretisch möglich erscheinen lassen. Wenn Zeitreisen möglich sind, sollten Überlichtreisen doch auch kein größeres Problem darstellen! Natürlich kann kein ruhemassebehafteter Körper auf eine Geschwindigkeit gleich oder größer als das Licht beschleunigt werden, aber einige Gleichungen der Stringtheorie bieten offenbar die theoretische Möglichkeit, den Raum vor einem Überlichtschiff zu komprimieren, durch diesen Raum zu fliegen und ihn hinter dem Schiff wieder zu dekomprimieren. Das Schiff bewegt sich durch den komprimierten Raum in Übereinstimmung mit der Relativitätstheorie in Unterlichtgeschwindigkeit, durch die Kompression in Bezug auf den normalen Raum aber mit Überlichtgeschwindigkeit. Überflüssig zu erwähnen, dass auch diese Extrapolation von Gleichungen der Stringtheorie rein spekulativ ist und ein „Flug“ aberwitzig viel Energie voraussetzt.

Wenn wir jedoch annehmen, dass beide Hindernisse erfolgreich gelöst wurden, z.B. indem Professor Keiner vor einer Milliarde Jahre dankenswerterweise in einer Milliarde Lichtjahre Entfernung und vor einer Milliarde Jahren die Zeitmaschine gebaut hat und auf der Erde Doktor Niemand vor kurzem den Überlichtantrieb erfunden, gebaut und perfektioniert hat, dann ist folgendes Szenario denkbar:

Weil vor einer Milliarde Jahren Keiner eine Zeitmaschine gebaut und auf der Erde Niemand davon erfahren hat, ist Niemand dorthin geflogen, um seine Zeitmaschine zu benutzen.

Reisen in die Zukunft sind dagegen vergleichsweise einfach. Hierzu ist nur eine Geschwindigkeit notwendig, die zwar sehr hoch sein sollte, aber unterhalb der Lichtgeschwindigkeit liegen darf. Das Zwillingsparadoxon der Relativitätstheorie erklärt die langsamere Alterung des reisenden gegenüber dem ruhenden Zwilling. Während dieses Paradoxon deshalb keines ist, sondern experimentell sehr gut abgesichert, erzeugen mögliche Zeitreisen in die Vergangenheit einige echte Paradoxa:

  1. Das Vatermordparadoxon: Man reist zuerst zurück in die Vergangenheit, ermordet seinen eigenen Vater und stellt danach, wenn man in die Gegenwart zurückgekehrt ist, fest, dass man gar nicht existiert und folglich seinen Vater auch nicht umgebracht haben kann.
  2. Das Lottoscheinparadoxon: Man reist zuerst in die Zukunft, kauft sich dort eine Zeitung mit den aktuellen Lottozahlen, sieht den eigenen Namen in der Gewinnerliste, notiert die Zahlen, reist in die eigen Zeit zurück, kreuzt die richtigen Zahlen an und lebt danach ein glückliches Leben als Lottomillionär.

Beide Paradoxa sind unterschiedlich paradox. Das erste ist paradox, weil es voraussetzt, man könne die Vergangenheit ändern. Das zweite ist paradox, weil es voraussetzt, die Zukunft existiere schon und könne nicht mehr geändert werden. Aber ihre gemeinsame Paradoxie beziehen sie aus der Vermischung einer unterschiedlichen Interpretation von Wenn-dann-Konstruktionen. Wenn-dann-Sätze können nämlich auf zwei verschiedene Arten interpretiert werden. Kausal im Sinne einer Ursache, die zeitlich ihrer Wirkung vorangeht. Logisch, im Sinne einer nichtzeitlichen Bedingung, die für ein bestimmtes Ereignis zutreffen muss.

Wegen der Zeitparadoxa muss man sich aber wahrscheinlich keine Gedanken machen. Da die heutige Physik praktisch keine Zeitreisen zulässt, sind die denkbaren Konsequenzen einer solchen Zeitreise auch bedeutungslos. Es gibt zwar eine theoretische (physikalische) Lösungsmöglichkeit: Die Multiversentheorie, vertreten zum Beispiel von David Deutsch und Hugh Everett. Aber hier wird nur ein Paradoxon durch ein anderes ersetzt. Was sollen uns weitere Universen, die wir mit physikalischen Methoden nicht beobachten können? Denn alles, was physikalisch beobachtbar ist, wirkt kausal auf uns ein und ist per Definition Bestandteil unseres Universums. Lösungsschemata, die bei anderen Paradoxa erfolgversprechend waren, zeigen aber mögliche Lösungen auf. Ein solches Paradoxon ist zum Beispiel:

Der Barbier ist derjenige, der alle Männer des Dorfes rasiert, die sich nicht selbst rasieren.

Widersprüche:

  • Wenn der Barbier sich nicht selbst rasiert, wird er vom Barbier rasiert.
  • Wenn der Barbier sich selbst rasiert, wird er nicht vom Barbier rasiert.

Es gibt viele verschiedene Lösungsmöglichkeiten dieses Paradoxons. Allen ist gemeinsam, dass der tatsächliche oder vermeintliche Bezugsrahmen des Paradoxons verlassen werden muss. Die Lösung liegt gewissermaßen auf einer Metaebene. (Das ist gewissermaßen auch der Kern der Gödelschen Überlegungen bzgl. der Axiomatik der Mathematik.) Mögliche Lösungen des Barbierparadoxons sind:

  • Der Barbier ist eine Frau (die Barbie).
  • Der Barbier wohnt nicht im Dorf.

Deshalb verdient bezüglich der Zeitreisen eine andere Lösung Beachtung: Wenn wir uns zu der Erkenntnis durchringen können, dass die Physik nicht in der Lage ist, alle Aspekte der Realität zu erklären, dann sind Zeitreisen bereits heute möglich. In diesem Fall bedeutet das Verlassen des Bezugsrahmen die Annahme, dass die Realität mehr umfasst, als die Physik jemals beschreiben kann.

Jeder Mensch kann in seinem Geist (dem Bewusstsein, dass nicht vollständig von der Physik erklärt werden kann) unterschiedliche Zeiten und Orte besuchen, in unterschiedlicher Entfernung, in der Vergangenheit und in der Zukunft. Die Genauigkeit der Übereinstimmung des dort Erlebten mit dem äußeren Universum (eine Art Abstandsmaß) hängt vor allem vom räumlichen und zeitlichen Abstand zum Hier und Jetzt ab.

Besonders spannende Erlebnisse an anderen Orten und zu anderen Zeiten können mit Hilfe von Büchern, Filmen und mündlichen Erzählungen mit anderen Menschen geteilt werden. In Bezug auf das profane äußere Universum, das jeder mit allen anderen teilt, werden die physikalischen Gesetze durch diese Informationsträger nicht verletzt. Die Erlebnisse selbst können aber gänzlich „unphysikalisch“ sein. Zugleich gibt es eine Rückwirkung der inneren Universen auf das gemeinsame äußere: Besonders wichtige, deutliche und übereinstimmende Projektionen über die Zukunft werden in der Gegenwart realisiert, denn diese stellt den Schnittpunkt aller dieser Universen dar. Ähnliches gilt für die Vergangenheit des äußeren Universums. Diese ändert sich ebenfalls, sobald eine Mehrheit der Menschen eine andere Meinung (andere innere Projektionen) über sie gewinnt.

Kommentare
steppenhund 01/16/2009 10:28:06 PM

Sehr netter Exkurs.
Die letzten Absätze erinnern mich an eine von mir oft zitierte Ablehnung des Fernsehens durch Günter Anders in den Fünfzigerjahren.
Das Fernsehen schafft eine zweite Realität. Etwas, was sich ganz wo anders abspielt, erlebe ich am Ort in Echtzeit mit. (Bei Live-Übertragungen)
Das geht auf die Dauer nicht gut. Was ist jetzt die echte Realität? Die jetzt und hier, welche ich im Fernsehen sehe oder die nach zwei Stunden, wenn ich an den Ort des Geschehens fahre und feststellen muss, dass die Übertragung manipuliert war?

P.S. Ich selbst glaube ja, dass die Beschränkung hinsichtlich der Lichtgeschwindigkeit nicht halten wird. Noch keine naturwissenschaftliche Erkenntnis hat bisher gehalten:)
Aber ich glaube nicht, dass ich es noch erleben werde. Leider …

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