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Greogory Bassham, Eric Bronson (HG.): Der Herr der Ringe und die Philosophie II

Im ersten Artikel, in dem ich mich auf diese Anthologie bezogen habe, ging es um eine Allegorie zwischen den Ringen in Tolkiens Trilogie und neuen Technologien: Die Schicksalsklüfte: Tolkiens Ringe der Macht und die Bedrohung durch neue Technologien. In einem weiteren Kapitel wird über Sterblichkeit und Unsterblichkeit philosophiert – das Buch enthält einen Essay von Bill Davis „Den Tod wählen: Sterblichkeit als Gabe“.

Arwens Liebe zu Aragorn dagegen ist noch komplizierter. Der Film „Der Herr der Ringe: Die Gefährten“ zeigt die beiden während Aragorns Aufenthalt in Bruchtal im Gespräch über ihre Zukunft. Auf einer Brücke inmitten eines üppigen Gartens tauschen sie zärtliche Worte über ihre Liebe und tiefe Zusammengehörigkeit aus. Sie fragt ihn, ob er sich an ihr Versprechen erinnere. Er bejaht: »Du sagtest, du wolltest dich an mich binden und auf das unsterbliche Leben deines Volkes verzichten.« Sie antwortet unerschütterlich: »Und dazu stehe ich. Ich ziehe ein endliches Leben mit dir allen Zeitaltern dieser Welt ohne dich vor. Ich wähle ein sterbliches Leben.« Es wird sehr deutlich, dass sie ihn liebt, doch was hat der Tod mit ihrer Entscheidung zu tun? …

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Elben und Menschen sind zwar Verbündete im Kampf gegen Saurons Versuche, die Herrschaft über Mittelerde zu erringen, doch ihre Lebensläufe unterscheiden sich gravierend. Wie die Menschen in der realen Welt, so sind auch Tolkiens Menschen sowie die Hobbits sterblich. Sei es durch Alter, Krankheit oder Verletzung – es kommt eine Zeit, wenn ihre Körper nicht mehr fähig sind, die Lebensfunktionen aufrechtzuerhalten. Und wenn ihre Körper sterben, verlassen ihre Seelen Arda, die Erde. Elben haben ein anderes Schicksal. Ihre Körper können müde werden oder auch so verletzt sein, dass sie nicht weiterleben können. Doch selbst wenn die Körper sterben, bleiben die Seelen der Elben »im Kreislauf der Welt«. Die Menschen wissen nicht, was mit ihnen nach dem Tod geschieht. Elben wissen, dass – gleichgültig, was mit ihrem Körper geschieht – ihre Seelen einen aktiven Platz im Leben von Arda einnehmen werden.

Arwen muss zwischen diesen beiden Möglichkeiten wählen, denn sie ist, wie ihr Vater Elrond, Halb-Elbe. Halb-Elben sind sehr selten, sie müssen sich entscheiden, ob sie das Schicksal der Menschen oder das Schicksal der Elben teilen wollen. Arwen entscheidet sich dafür, Aragorns Schicksal zu teilen, was ihren eigenen Tod unvermeidlich macht.

Die drei Teile vom „Herrn der Ringe“ gab es 1954 / 1955 schon zu Tolkiens Lebzeiten. 1937 erschien „Der kleine Hobbit“, die Vorgeschichte zum Herrn der Ringe. Das Thema hat Tolkien aber sein ganzes Leben beschäftigt. Im „Silmarillion“ wird die Entstehung der Welt, in der der Hobbit und der HdR spielt, dargestellt. Dieses Buch hat Tolkien nicht mehr selbst fertig gestellt, sie wurden posthum von seinem Sohn stilistisch geglättet und heraus gegeben. Dort liest man zum Vergleich zwischen Elben und Menschen:


Das Silmarillion ist für mich aus verschiedenen Gründen interessant. Was einem bereits beim Lesen der ersten Seiten auffällt, ist, dass Tolkien hier eine Schöpfungsgeschichte erzählt, die denjenigen in den gängigen Religionen vergleichbar ist. Es gibt einen Schöpfergott Ilúvatar, der nacheinander Wesen verschiedener Art (und hier wichtig) verschiedener Lebensdauer erschafft. (Zwangsläufig entstehen so auch dieselben Widersprüche, unter denen alle Schöpfungsmythen leiden, z.B. warum das Böse miterschaffen und nicht verhindert wird, wieso es eine unvorhersehbare Dynamik gibt, das Gute gegen das Böse kämpfen muss, etc. pp. Aber das ist wieder ein anderes Thema.)

Heutige Anstrengungen der so genannten Immortalisten wollen Menschen eine den Elben vergleichbare Lebensdauer geben: Krankheiten, wie z.B. Krebs, sollen vollständig beseitigt werden, sterben kann man dann nur noch durch Unfälle oder auf eigenen Wunsch. Die durch die Religion verursachten Widersprüche löst das natürlich nicht, was heißt unsterblich? Überlebt man das Ende des Universums, lebt man genauso lange wie der jeweilige Gott, gibt es verschiedene Grade der Unsterblichkeit – wie es im Silmarillion durch die nacheinander von Ilúvatar geschaffenen Kategorien von Wesen suggeriert wird? Ist der Körper unsterblich oder erhält man einen neuen für die „unsterbliche Seele“? Usw.

Im Essay von Bill Davis wird hingegen für die (freudige und bewusste) Annahme der Sterblichkeit plädiert. Auch hierfür findet er bei Tolkiens ein Beispiel:

Durch die Ringgeister zeigt Tolkien, dass die Existenz der Nichtexistenz nicht unbedingt vorzuziehen ist. Wir sind versucht, dem Leben den Vorzug vor dem Sterben zu geben; Tolkien dagegen folgt dem Philosophen Aristoteles in der Ansicht, dass nur die natürliche Existenz ein wertvolles Gut ist. Wer in irgendeiner anderen, unnatürlichen Weise weiterexistiert, der ist schlimmer dran, als wenn er tot wäre. Wie jedes natürliche Wesen haben Ringgeister eine Natur, eine bestimmte Art des Daseins, die für sie richtig ist. Sie werden zwar vom Ring beherrscht, doch sind sie von ihrer Natur aus nach wie vor Menschen. Die Art des Daseins, die für ein Wesen richtig ist – seine Natur -, bestimmt nicht nur die Grenzen dessen, was dieses Wesen tun kann, sondern auch, wie sich sein Dasein erfüllt…

Wenn ein natürliches Wesen an der Erfüllung seines natürlichen Zwecks gehindert wird, ist es frustriert. Wenn das Wesen über Bewusstsein verfügt, empfindet es ein Scheitern und fühlt sich unvollständig. Ein Biber, der nicht bauen und sich nicht paaren darf, würde immer schwächer werden; er würde spüren, dass ihm etwas Entscheidendes fehlt. Ebenso ist für die Ringgeister ihre Existenz ohne natürliches Ende ein Schicksal, das schlimmer ist als der Tod; es bedeutet das unaufhörliche Leiden an der Pervertierung ihrer Natur.

Hm. Das Beispiel mit den Bibern finde ich nicht überzeugend. Ich kenne die kastrierten Kaninchen eines Arbeitskollegen, die ein sehr fröhliches Leben führen und mit Begeisterung in der Erde graben, nicht wissend, dass sie ihren Bau dereinst niemandem vererben werden. Dieses Unausgefülltsein, von dem Davis schreibt, setzt also wohl ein höheres Bewusstsein als das eines Bibers oder Kaninchens voraus. Er setzt dann fort:

Philosophen vertreten überwiegend die Meinung, dass wir uns vor dem Tod nicht fürchten sollten. Die Gründe dafür sind unterschiedlich; das älteste westliche Argument gegen die Furcht vor dem Tod ist wahrscheinlich auch das berühmteste. 399 vor Christus wurde Sokrates, der Lehrer von Platon, einer Reihe von Verbrechen für schuldig befunden. Das Gericht, das ihn verurteilt hatte, musste sodann entscheiden, ob es ihn hinrichten ließ (was die Anklage gefordert hatte) oder ihm eine Strafe auferlegte, die Sokrates selbst für angemessen hielt. Das Gericht erwartete, dass Sokrates das Exil dem Tod vorziehen würde, doch er entschied sich überraschenderweise anders.

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Zunächst verlangte er, als Held der Stadt behandelt zu werden, mit freien Mahlzeiten bis an sein Lebensende; dann schlug er eine geringe Geldbuße vor. Letztlich aber nahm er das Todesurteil an. In seiner Apologie zeichnet Platon die Gründe des Sokrates für einen so kühnen Schritt nach. Sokrates weigerte sich, sich von etwas in Angst versetzen zu lassen, das er nicht kannte, und er vertraute darauf, dass es ihm nach seinem Tode besser gehen würde. Möglicherweise würde er in einen ewigen Schlaf fallen. Oder er würde sich mit Helden unterreden können, die schon gestorben waren. Keine dieser Perspektiven versetzte ihn so in Furcht, dass er das Gericht um eine mildere Strafe als die Hinrichtung hätte bitten müssen. Mit großer Ruhe legte er seinen Weg, den Tod zu akzeptieren, dar…

Die philosophische Zuversicht, dass der Mensch unsterblich sei, wurde allerdings in den letzten Jahren stark angegriffen; religiöse Entwürfe des Himmels wurden genau unter die Lupe genommen. Viele Philosophen plädieren nach wie vor dafür, dass Vernichtung alles ist, womit wir nach dem Tod rechnen dürfen… Wieder andere Philosophen vertreten die Meinung, dass es, selbst wenn es einen Himmel unendlicher Seligkeit gebe, keinen Segen bedeute, dorthin zu gelangen. Tblkiens Elben in den Seligen Gefielden werden des endlosen Lebens überdrüssig. Warum sollte etwas Ähnliches nicht in dem Himmelreich geschehen, das von vielen Muslimen, Juden und Christen erwartet wird?

In seinem weiteren Text listet Davis dann eine Reihe von Beispielen auf, in denen die unendliche Weiterexistenz eine furchtbare Strafe für die Betreffenden ist. Er zitiert Albert Camus mit dem „Mythos des Sisyphus“. Dieser ist dazu verurteilt, immer wieder den Stein nach oben zu schaffen, wonach er wieder herabrollen wird. Oder:

Die furchtbare Ödnis einer unendlichen Existenz wurde auch in aktuellen populären Werken thematisiert. Wowbagger der unendlich Verlängerte aus Douglas Adams‘ Per Anhalter durch die Galaxis ist eben wegen dieser unendlichen Langeweile außerordentlich verärgert über seine Unsterblichkeit. Da es für ihn nichts Sinnvolles zu tun gibt und das für alle Ewigkeit so bleiben wird, beschließt er, jedes einzelne Wesen im Universum einmal zu beleidigen, und zwar in alphabetischer Reihenfolge. Auch hier hat die Unsterblichkeit eher etwas von einem Fluch an sich. Ähnliche Geschichten von öder Unsterblichkeit finden sich in der Star Trek-Serie und in dem Computerspiel The Dig von LucasArts.

Das führt Bill Davis dann zu der Schlussfolgerung:

Doch gerade unter diesen Philosophen gibt es viele, die sich weigern, den Tod zu fürchten. In seinem Buch Von der Natur der Dinge behauptet der epikuräische Philosoph Lukrez, dass nur die Abergläubischen Angst vor dem Tod haben. Er war überzeugt davon, dass wir nicht mehr sind als unsere Körper und dass wir vollständig aufhören zu existieren, wenn unsere Körper sterben. Dies mag wie eine niederschmetternde Einsicht klingen, doch er legte größten Wert darauf, dass wir das befreiende Potential darin sehen lernen. Der Prozess des Sterbens mag unerfreulich sein, doch tot zu sein hat nichts Furchterregendes an sich; sind wir erst tot, erfahren wir überhaupt nichts mehr. Für Lukrez ist das eine nützliche Erkenntnis: befreit sie uns doch von dem Zwang, unsere Zeit mit der Verrichtung nutzloser Gebete oder der Aussöhnung von Priestern zu verschwenden.

Interessant finde ich den Gedanken von Bill Davis zu den zwei verschiedenen Formen der Unsterblichkeit in ihrem Verhältnis zur Zeit: Entweder befindet man sich innerhalb der Zeit, mit der befürchteten unendlichen Langeweile, der man niemals mehr entgehen kann. Oder die unsterbliche Existenz liegt außerhalb der Zeit, nur kann man sich diese als in der Zeit lebendes Wesen nicht so recht vorstellen.

Es scheint mir recht müßig, sich den Kopf über eine Unsterblichkeit nach dem Tod zu zerbrechen. Aber vor einer möglichst langen Existenz davor muss einem nicht bange sein: Die Wiederkehr des immer Gleichen ist nicht zu befürchten, denn die sich in der Zeit befindliche Welt ändert sich ja fortwährend, es gibt also immer wieder etwas Neues zu entdecken!

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