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Gott und Gehirn? Hirnforschung als Herausforderung für die Theologie

Diese Überschrift habe ich einem Blogartikel entnommen, mit der Christian Hoppe in der vergangenen Woche eine Diskussion losgetreten hat, die sich quer durch mehrere Blogs in SciLogs zieht. Kurioserweise ist Christian Hoppe Theologe, der nach der Analyse der Erkenntnisse der Neurowissenschaften bereit ist, die Idee einer immateriellen (=unsterblichen) Seele zur Disposition zu stellen, während die Gegenposition, dass man diese Schlussfolgerung keinesfalls aus den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen ziehen kann, von einem agnostischen Philosophen, Stephan Schleim, eingenommen wird. In diese Diskussion hat sich später Thomas Grüter, der u.a. mit Büchern über Intellgenzforschung und denkende Maschinen bekannt geworden ist, mit einem eigenen Artikel eingemischt.

Der erste Artikel von Christian Hoppe Gott und Gehirn? Hirnforschung als Herausforderung für die Theologie ist im Wesentlichen der Text eines Vortrags, den er anlässlich des letzten Katholikentages auf einem dortigen Workshop gehalten hat. Darin heißt es:

Aber ich möchte Ihnen vor Augen führen, dass wir heute – im Unterschied zu früheren Generationen – keinerlei Hinweise mehr darauf finden, dass geistig-seelische Vermögen oder Phänomene unabhängig von Hirnfunktionen auftreten könnten.

Die Leitidee der modernen Hirnforschung ist, dass sämtliche psychischen Vermögen und Phänomene, soweit wir diese kennen und überhaupt als solche identifizieren können, von Hirnfunktionen (bzw. den Funktionen eines Nervensystems) und letztlich vom intakten Organismus abhängen. Was Ihr Auge für das Sehen ist, ist Ihr Gehirn für die Gesamtheit Ihrer psychischen Vermögen, das heißt für Wahrnehmung, Gefühle, Erinnerungen, Denken usw.

Anders formuliert lautet die These: Es gibt keine psychischen Phänomene ohne Hirnfunktion.

Und schon gar nicht gibt es dann rein geistige, immaterielle, übernatürliche Wesenheiten, die irgendetwas sehen, hören, fühlen, beabsichtigen oder physisch bewirken könnten.

Zum Tod schreibt er:

Das Schicksal des Gehirns nach dem Tod steht fest: es zerfällt oder wird verbrannt.

Wenn der Teilverlust von Hirnfunktionen durch Verletzungen oder Erkrankungen zu einem Teilverlust psychischer Vermögen und Phänomene führt, dann liegt es auf der Hand davon auszugehen, dass der unwiderrufliche Gesamtverlust aller Hirnfunktionen im Tod zu einem Gesamtverlust sämtlicher psychischer Fähigkeiten und Vermögen führt. Wenn der Geist bereits beim bloßen Einschlafen und bei jeder Narkose „den Geist aufgibt“, wie sollte er dann den Hirntod überdauern können?

Aus der Leitidee folgt: Der Tod ist der Tod der ganzen Person, das Ende auch ihres geistig-seelischen Lebens.

Ein Weiterleben nach dem Tod als dieselbe Person, jedoch ohne den Körper, ein Fortleben als immaterielle, erlebnisfähige Seele ohne Gehirn in einer Jenseits-Welt oder eine Abtrennung der Seele vom Körper im Moment des Todes scheint mir auf der Basis all dessen, was wir heute über den engen Zusammenhang von Gehirn und Geist wissen, in höchstem Maße unplausibel, im Grunde undenkbar.

Die entsprechende Vorstellung mag kohärent und einleuchtend erscheinen. Doch anders als frühere Generationen finden wir heute keinerlei Anhaltspunkte mehr für diese Vorstellung, da wir überall mindestens eine Restfunktion des Gehirns antreffen, wo wir psychische Phänomene antreffen.

Und über Gott:

Und Gott? Wir beobachten, dass Patienten nach Schädigungen des Frontalhirns Schwierigkeiten haben, einen Willensentschluss zu fassen, soziale Regeln zu beachten oder sich in andere Personen einzufühlen. Andere Patienten verlieren die Fähigkeit, sich etwas zu merken, nachdem ein vorübergehender Sauerstoffmangel die beiden Hippocampi in der Tiefe ihrer Schläfenlappen zerstört hat. Psychische Funktionen kennen und verstehen wir heute nur noch als natürliche Funktionen in engem Zusammenhang mit Hirnphysiologie.

Wie also könnte Gott, der kein Gehirn, kein Stirnhirn, keine Hippocampi hat, etwas „wollen“, „Mitgefühl empfinden“, uns „lieben“ oder „sich alles merken, was wir im Laufe unseres Lebens getan haben“?

Die religiöse Gottesrede erweist sich im Spiegel der Kognitiven Neurowissenschaften als in hohem Maße anthropomorph, d.h. gestaltet nach menschlichen Vorstellungen. Und die Gottesrede wäre vermutlich ja auch völlig unverständlich, wäre sie es nicht.

Wie passt das zu seinem christlichen Selbstverständnis? Dazu schreibt er:

Vielleicht fragen sich manche von Ihnen nun, wie denn der christliche Glaube überhaupt noch „gerettet“ werden kann, wenn die Hirnforscher mit ihrer Leitidee, dass alle psychischen Phänomene von Hirnfunktionen abhängen, Recht haben sollten? (Kritiker sind ja ebenfalls der Meinung, dass die Hirnforschung dem christlichen Glauben endgültig den Garaus macht.) Nun – ich bin ganz im Gegenteil der Meinung, dass das Einheitsdenken der Naturwissenschaftler in Bezug auf die Wirklichkeit und besonders der Antidualismus der Hirnforscher eine große Chance bietet, irrtümlich für christlich gehaltene weltanschauliche Überzeugungen nun endlich zur Seite zu räumen. Nur so bekommen wir wieder den Blick frei für das eigentliche Wesen des biblisch-christlichen Glaubens.

Ich hätte diesen Blogartikel übersehen, wenn ich nicht die Antwort von Stephan Schleim in einem eigenen Blogeintrag gelesen hätte, Neurotheologie – über mögliche und unmögliche Schlüsse. Stephan Schleims Artikel ist eine Kritik der Methodologie und der Logik in Christian Hoppes Vortragstext. Der Text ist offenbar flott hintereinanderweg geschrieben und keinesfalls eine systematische und vollständige Analyse, enthält aber durchaus einige logische Bonbons. Zum Beispiel:

(Hoppe:) Aber ich möchte Ihnen vor Augen führen, dass wir heute – im Unterschied zu früheren Generationen – keinerlei Hinweise mehr darauf finden, dass geistig-seelische Vermögen oder Phänomene unabhängig von Hirnfunktionen auftreten könnten.

(Schleim:) Leider bleibt hier unklar, welche Hinweise frühere Generationen im Gegensatz zu uns heute gehabt hätten.

In der Tat. Wenn man früher bereits nicht sicher gewusst, sondern geglaubt hat, was ändert sich daran mit der Erkenntnis, dass bestimmte Aspekte unseres phänomenalen Erlebens mit neurophysiologischen Vorgängen korrelieren?

Stephan Schleim arbeitet dann den hinter diesen Gedankengängen liegenden induktiven Fehlschluss heraus:

Hoppe: Letztlich lassen sich (z.B. mit Hilfe funktionell-bildgebender Verfahren) für sämtliche irgendwie definierbaren geistig-seelischen Zustände – z.B. Rechnen, eine Erinnerung aufrufen, sich seine eigene Wohnung vorstellen, lügen usw. – Korrelate auf der Ebene der Hirnfunktion finden, ohne die die entsprechenden Zustände nicht auftreten könnten. (meine Hervorhebung, Stephan Schleim)

Das ist der fehlerhafte induktive Schluss (vom Einzelnen aufs Allgemeine): Aus der Tatsache, dass man etwas nicht beobachtet hat (vielleicht nicht [naturwissenschaftlich] beobachten kann), kann man nicht den Schluss ziehen, dass es nicht möglich ist bzw. nicht existiert.

Schleims Fazit:

Dementsprechend ist die These „Ohne Hirn ist alles nichts“ ein philosophisches Postulat und eben keine naturwissenschaftliche Erkenntnis, sie kann es aus prinzipiellen Gründen gar nicht sein.

Per Analogie scheint es mir dann auch fair, die Wahrheits- oder Geltungskriterien religiöser Erfahrungen auch gemäß den Standards der Religion zu bewerten. Gerade da Herr Hoppe einen radikalen Gehirnreduktionismus, der darauf hinausläuft, dass alle unsere Erfahrungen „lediglich Illusionen oder irrelevante Begleiterscheinungen“ von Gehirnfunktionen sind, vermeiden will, scheint mir dies geboten. Ob jemand die Wahrheits- und Geltungskriterien der Religion überhaupt für überzeugend findet oder nicht, ist dann natürlich eine ganz andere Frage, für die wir die Hirnforschung aber nicht brauchen.

Exactamente. Das Interessante an der ganzen Angelegenheit ist, dass die meisten Atheisten denken, dass neue Erkenntnisse der Naturwissenschaften neue und stärkere Argumente gegen den religiösen Glauben liefern können – so wie im Umkehrschluss viele Gläubige ihren Glauben an den vielen Lücken festmachen, die die Naturwissenschaften im Wissen über die Natur noch haben. Beide Seiten irren sich da (im Sinne der Logik). Um die induktive Logik an einem Beispiel festmachen: Aus der Tatsache, dass Naturwissenschaftler noch nie eine jungfräuliche Geburt beobachtet haben, kann man nicht ableiten, dass das nicht möglich ist. Man kann es glauben oder eben nicht.

Christian Hoppe hat als Reaktion auf Stephan Schleims Artikel einen weiteren und ausführlicheren Text verfasst, Science, not philosophy: Vertiefendes zur Leitidee moderner Hirnforschung „Geist nicht ohne Gehirn“, der aber aus meiner Sicht an der prinzipiellen Richtigkeit der am ersten Artikel geäußerten Kritik nichts ändert. Interessant ist dann der vierte Artikel Das Schiff des Theseus und andere Geistergeschichten von Thomas Grüter. Der kommt zu folgendem Fazit:

Lässt sich das Körper-Seele-Problem also überhaupt rein naturwissenschaftlich lösen? Christian Hoppe schreibt:

„Unter der Voraussetzung der Leitidee … ist das Gehirn-Geist-Problem ein naturwissenschaftliches und kein philosophisches Problem: Die Leitidee ist damit unter ihrer eigenen Voraussetzung ausdrücklich eine naturwissenschaftliche These …“.

Nach Popper kann man die Richtigkeit einer nicht-trivialen naturwissenschaftlichen Theorie niemals beweisen werden, man kann nur beweisen, dass sie falsch ist (man kann sie falsifizieren, aber nicht verifizieren). Die Voraussetzung, die Christian Hoppe angibt, ist deshalb ungültig. Sie würde dazu führen, dass sich nicht schlüssig feststellen lässt, ob seine Leitidee nun eine naturwissenschaftliche These ist oder nicht.

Wenn man jeden geistigen Zustand auf einen messbaren Zustand des Gehirns zurückführen will, muss man vorher eine unabhängige Messmethode für geistige Zustände entwickeln. Bisher setzen viele Experimente einen Reiz, der erfahrungsgemäß bei den meisten Menschen einen bestimmten geistigen Zustand auslöst. Dann messen sie die zugeordnete Gehirnaktivität. Dieses Verfahren ist extrem grob und geht kaum über einfache Gefühle hinaus. Bei komplexeren geistigen Zuständen muss man die Probanden nach ihrem geistigen Zustand fragen und hoffen, dass die Antworten zuverlässig sind.

Halten wir fest:

  • Es gibt keine allgemeine Definition von Geist.
  • Geistige Zustände sind nicht objektiv und hinreichend genau messbar.
  • Es bisher nicht möglich ist, die Art der Anbindung (Struktur, Gewebe oder Funktion) des Geistes an die Materie festzustellen.
  • Christin Hoppes Argumentation, seine Leitidee sei eine naturwissenschaftliche These, ist nicht schlüssig.

Deshalb muss ich Stephan Schleim zustimmen: Das Verhältnis von Geist und Gehirn ist derzeit nicht bestimmbar und wird es vermutlich niemals sein.

Interessant ist der Artikel aber nicht wegen dieser Schlussfolgerung, diese war ja (mir bereits) klar, sondern vielmehr wegen einige anderer interessanter Fragen, die sich beim Verhältnis zwischen Materie und Geist ergeben. Dazu schreibt er ein paar Zeilen vorher:

Nehmen wir an, es wäre wirklich möglich, einen Menschen in Computer zu simulieren4. Hätte diese Simulation dann eine Seele? In einem aktuellen Artikel habe ich auch schon die Frage aufgeworfen, ob einer solchen Simulation Rechte zustehen. Wenn jeder geistige Zustand auf einen Gehirnzustand zurückgeführt werden kann, dann müsste eine Simulation diese Zustände nachbilden können, folglich hätte sie Geist und ihr ständen Menschrechte zu. Es wäre also absolut verboten, damit zu experimentieren, wenn sie nicht zustimmt.

Nehmen wir weiter an, es wäre möglich, die Struktur eines Gehirn 1:1 in einen Computer auszulesen, hätte diese Kopie dann die Identität des Originals? Nehmen wir an, das Original würde diesen Vorgang nicht überleben, dann hätten wir nur noch die Kopie. Sie würde natürlich Stein und Bein schwören, dass sie als Mensch eingeschlafen und als Computersimulation aufgewacht ist. Sie hätte also die Identität des Menschen übernommen. Das Gleiche würde aber auch geschehen, wenn wir die Simulation auf zehn Computern laufen ließen. Welches der zehn Programme hätte jetzt die echte Identität?

Keines, so könnte man argumentieren, das Original ist tot. Machen wir es also etwas schwieriger: Wir bauen Neuroprothesen, die jeweils ein bestimmtes Hirnareal durch Computerchips ersetzen. Das ist keineswegs reine Spekulation, diverse Arbeitsgruppen rund um die Welt arbeiten bereits daran. Sobald eine Prothese sich in das Gehirn integriert hat, wird die nächste eingesetzt. Irgendwann ist die letzte Nervenzelle abgeklemmt und das Gehirn besteht nur noch aus Siliziumchips. Wäre die Seele dieses Kunstgehirns identisch mit der des Menschen, den es ersetzt? Oder wäre diese Seele irgendwann entflohen, ohne dass es jemand gemerkt oder überhaupt merken könnte? Ist die kontinuierliche Identität an die Funktion des Gehirns gebunden oder an das biologische Nervengewebe? Sind wir im Kern unseres Daseins eine Struktur, ein Gewebe oder eine Funktion?

Diese Fragen sind die wirklichen Herausforderungen an die Logik, an die Wissenschaften, an die Philosophie und an die Theologie.

  1. 29. Mai 2012, 16:50 | #1

    Wie ist diese Identität zu verstehen? Die Prothesen müssten das Gehirn doch exakt oder fast exakt nachbilden, um eine idente Persönlichkeit zu erzeugen, eine Kopie. Das wird kaum möglich sein, die Prothesen werden eher funktional bestimmte Bereiche des Gehirns ersetzen und damit wird bestenfalls eine ähnliche Persönlichkeit die Folge sein.

  2. Ananse
    30. Mai 2012, 10:21 | #2

    @metepsilonema
    Für mich ist das ein typisches Beispiel des Unterschieds zwischen einem philosophischen Gedankenexperiment und einer praktischen Realisierung. Man kann hier einfach mit Wittgenstein feststellen, dass es sich um ein Scheinproblem handelt, weil dieses theoretische rekursive Ersetzen einer Struktur durch eine andere praktisch überhaupt nicht möglich ist.

  3. 30. Mai 2012, 14:47 | #3

    @Ananse
    Das sehe ich anders. Die Frage „Wäre die Seele dieses Kunstgehirns identisch mit der des Menschen, den es ersetzt?“ benötigt nach heutigem Wissen eine möglichst genau Umsetzung (zumindest wenn man annimmt, dass all unser Wissen, unsere Erfahrungen, usw., die sich in den neuronalen Strukturen und Funktionen niederschlagen unsere Seele ausmachen). Es ist also sehr wohl von praktischem Belang wie getreu die Nachbildung sein kann. Ansonsten ist die Frage eine Scheinfrage oder rein theoretischer Natur.

  4. Ananse
    30. Mai 2012, 16:19 | #4

    @metepsilonema
    Da hast du falsch verstanden, was ich für das Scheinproblem halte: Es ist nach heutigem Wissensstand unmöglich, das Bewusstsein an einen anderen Ort zu transferieren, egal ob das ein organisches oder ein technisches Substrat ist. Demzufolge muss man sich auch nicht mit der Frage beschäftigen, ob sich dieses Bewusstsein als identisch empfindet und wieviele Kopien möglich sind.

    Außerdem bin ich der Meinung, dass das Bewusstsein auch nicht bloß im Gehirn lokalisiert ist, sondern erst durch die Wechselwirkung eines Menschens mit seinem Gehirn einerseits und und mit seiner Umwelt andererseits entsteht. Auch deshalb ist es unmöglich, dieses Bewusstsein zu klonen, weil es nicht an einem einzigen Ort lokalisiert, sondern über ein ganzes Raumgebiet „verschmiert“ ist. Wenn man einzelne Teile „klont“ und diese sich ihrer selbst bewusst werden, dann ist das automatisch ein anderes Bewusstsein, weil die Wechselwirkungen mit dieser anderen Umwelt automatisch andere sind.

    Und was die ominösen mehrfachen Maschinenkopien beträfe: Ein technisches System, das Bewusstsein besitzt, müsste wahrscheinlich so komplex sein, dass es sich nicht mehr 1:1 kopieren lässt – u.a. weil der Kopiervorgang Zeit benötigt und sich Teile des Originals während des Kopierens ändern – die Kopie wäre also nach Fertigstellung nicht mit dem Original identisch, weil sich dieses Original ja fortwährend geändert hat. Bewusstsein ist eben kein Ding, sondern ein Prozess, der räumliche und zeitliche Ausdehnung hat.

  5. Jalella
    31. Mai 2012, 10:04 | #5

    @Ananse
    Ich halte eine Kopie eines Bewusstseins in einem Computer ebenfalls für unmöglich. Und zwar schon deshalb weil ein Computer deterministisch funktioniert (auch wenn real existierende Computer immer mal wieder einen anderen Eindruck machen :-)), während das Gehirn mit seinen Nervenimpulsen auf Grund quantenmechanischer Prozesse nicht-deterministisch ist (das kann ich mit meinem Wissen nicht beweisen, aber ich glaube, die Hirnphysiologie funktioniert so). Falls es so ist, wäre eine exakte Kopie auch in ein organisches Medium (eine materielle Kopie des Gehirns?!) nicht möglich, da die weitere Entwicklung, also das Denken und Fühlen, des Gehirns ab da wieder andere Wege gehen würde.

    Der Punkt, dass das Bewusstsein über einen größeren Raum verschmiert sei, halte ich für sehr interessant. Einerseits sehe ich das auch so, dass ein guter Teil des Bewusstseins durch die Wechselwirkung mit der Außenwelt entsteht, andererseits findet diese Wechselwirkung aber ja nur durch Nervengeflechte statt. Würde man diese Nervengeflechte in einer adäquaten Weise stimulieren, könnte man einem isolierten Gehirn eine Außenwelt vorgaukeln. Interessanterweise könnte man ihm sogar eine andere Realität vorspiegeln (der für mich eigentlich einzige interessante Aspekt an dem Film „Matrix“).

    Aber nochmal zum eigentlichen Thema des Artikels bzgl. Christian Hoppe. Ich würde seine Meinung und Aussagen zum Thema „kann man an eine gottgegebene Seele glauben mit dem Wissen um die Hirnphysiologie?“ nicht so abtun indem man in formal-logischer und mathematischer Weise darüber urteilt. Man kann ja gerne auf Basis der reinen Logik über diese Argumentation urteilen, aber diese bringt einen doch von der eigentlichen Intention ab. Schließlich kann ich auch darüber diskutieren, ob ich die dreckigen Kaffeetasse vor mir nicht mal spülen sollte und dann mit Descartes‘ „nihil esse certi“ sagen „ich kann nicht schlüssig beweisen, dass sie existiert, warum mir also über ihren scheinbaren Zustand Gedanken machen“. Es gibt doch auch noch den pragmatischen Ansatz im Denken, den man hier eher anwenden sollte. Und Tatsache ist, dass inzwischen herausgefunden wurde, dass die Seelenzustände eines Menschen nachvollziehbaren materiellen Einflüssen unterliegen. Man hat Bereiche des Gehirns lokalisieren können, deren Schädigung offenbar das moralische Verhalten eines Menschen völlig verändern können. Die Auswirkungen von Drogen und Psychopharmaka kennen wir ebenfalls. Kann man also wirklich ernsthaft noch der Meinung sein, dass die Seele von Gott gegeben ist, nichts mit dem Körper zu tun hat und obendrein auch noch ohne diesen Körper existieren wird? Ich denke nein, aber das ist kein Wunder, ich bin ja ohnehin kein religiöser und/oder gläubiger Mensch. Ich finde es aber sehr bemerkenswert, dass ein Theologe immerhin nun ebenfalls einen solchen Schluss zieht. Ich finde, das ging durch die „Logeleien“ am Anfang etwas unter.

  6. Ananse
    31. Mai 2012, 11:00 | #6

    @Jalella
    Christian Hoppes Texte zum Thema enthalten zwei Grundgedanken:
    – Die Naturwissenschaften haben gezeigt, dass Menschen keine unsterbliche Seele haben (=geistige Vorgänge an das materielle Gehirn gebunden sind).
    – Für das Christentum macht das nichts.

    Meine Privatmeinung zum zweiten Punkt: Ohne diese Annahme eines irgendwie gearteten Weiterexistierens nach dem Tod des Körpers verlieren die meisten (alle?) Religionen weitgehend ihre Anziehungskraft. Die Religionsvertreter müssen also daran festhalten.

    Aber die Diskussion hat sich eigentlich ausschließlich um den ersten Punkt gedreht. Und hier waren die meisten Opponenten eben der Meinung, dass diese These keine (natur)wissenschaftliche ist, d.h., dass man sie mit den Methoden der Wissenschaft nicht beweisen oder widerlegen kann. Und hier ist man dann eben bei den kritisierten „Logeleien“. Für mich hat das aus verschiedenen Gründen eine hohe Relevanz:
    – Wissenschaft kann ihrer Glaubwürdigkeit nur erhalten, wenn sie sich ihrer eigenen methodischen Standards und der sich daraus ergebenden Grenzen bewusst ist.
    – Naturwissenschaft kann uns in vielen Fragen (z.B. in der Ethik) Vorschläge machen und Optionen anbieten, aber keine Entscheidungen fällen.
    – Religionskritik seitens der Wissenschaft kann bestimmte Praktiken verurteilen (z.B. das Schächten von Tieren verursacht unnötige Leiden, die Benachteiligung von Frauen ist nicht begründbar), aber sie kann nicht die Grundlagen von Religion „wissenschaftlich“ widerlegen (unsterbliche Seele). Hier sind eben die Philosophen (die Logiker) gefragt, die den Naturwissenschaftlern (den Empiristen) diese Grenzen deutlich machen.

  7. Jalella
    31. Mai 2012, 21:41 | #7

    @Ananse
    Einverstanden 🙂

  8. 14. Juni 2012, 13:52 | #8

    Die Gehirn-Geist-Geschichte oder das Leib-Seele-Problem geben immer wieder Stoff für Diskussionen her. Aber eigentlich kommt da nix neues bei raus. Schon David Hume hat ohne die Kenntnisse der modernen Neurowissenschaften das Wesen des religiösen Glaubens schön herausgearbeitet. Heute kann man nur neue Begriffe beiziehen, z.B. den der Informationsverarbeitung. Ich würde ganz einfach und trivial davon ausgehen, dass menschliche Informationsverarbeitung dem alten Begriff der Seele weitestgehend entspricht. Denn ohne Informationsverarbeitung (kognitiv, emotional, motivational und unbewusst) sind wir nichts bzw. tot. Der Prozess der Informationsverarbeitung hat den Körper, spezifisch das neuronale Gewebe mit seinem Stoffwechsel als materielle Basis, Information selbst ist hingegen in gewissem Sinne immateriell. Sie dient letztlich nur dazu, dass das irre Spiel immer raffinierter weitergespielt wird, das Spiel des Lebens.

  9. Metternich
    22. März 2014, 14:46 | #9

    Hallo!

    Zum Thema habe ich vor etwa 1 Jahr diesen Aufsatz geschrieben, der die zeitgenössische Philosophie angreift und zugleich ermutigt, zu den Ergebnissen der modernen Hirnforschung
    unbedingt Stellung zu beziehen:

    Stirbt die Philosophie?

    Mit geädertem Blick auf die Erfolge der modernen Hirnforschung beerdigt die Philosophie des 21. Jahrhunderts die großen Menschheitsfragen

    Was bedeutet es zu wissen, dass unabhängig vom Gehirn keine Seele existieren kann; dass mit der Beschädigung oder dem Tod desselben auch unser Ich verschwinden muss? Und dennoch belohnt uns das Gehirn dafür, an einen Gott und ein Leben nach dem Tod zu glauben!
    Was bedeutet es zu wissen, dass das Unbewusste einen Narren aus uns macht und wir keine Möglichkeit haben, es zurück zu verfolgen, obwohl wir seine Funktionsweise erklären können; dass wir uns der Illusion eines freien Willens higeben, weil das Unbewusste die Konsequenzen der Erkenntnis über die Realität für zu deprimierend hält, um sie uns ungeschminkt ins Bewusstsein durch zu reichen?

    Die Neurowissenschaften im 21. Jahrhundert und hier vor allem die moderne Hirnforschung modellieren ein Bild des Menschen, das geeignet scheint, uns zum Massensuizid zu treiben.
    (Interessanterweise hat die Evolution dem Menschen, als bisher einziger Spezies auf diesem Planeten, die dazu erforderlichen Fähigkeiten beschert und mancher ist geneigt, zu behaupten, dies` sei der tiefere Grund unserer Existenz: zum Sterbehelfer einer lebensmüde gewordenen Evolution zu werden …).
    Aber vielleicht sind die Erkenntnisse der Hirnforscher über den Menschen noch nicht erschreckend genug und es müssen Teilchenphysiker erst noch eine Signatur in der Materie entdecken, die nur den einen Schluss zulässt, dass die Existenz des Kosmos das Ergebnis eines missglückten physikalischen Experiments ist, das eine hyperintelligente Spezies vor 14,5 Milliarden Jahren durchgeführt hat, bevor die Philosophie aus dem Hügelgrab ihrer Schriften wieder aufersteht und uns vor dem Schlimmsten zu bewahren versucht?

    Jedes negieren der empirischen Erkenntnisse der modernen Hirnforschung macht die grausamen Wahrheiten, die zu Tage gefördert werden, nur noch unerträglicher!
    So, wie die beweisresistenten Nachfahren der einstigen Religions-Designer die Dogmen ihrer Religion sukzessive bis zur Unkenntlichkeit aptieren mussten, um in den aufgeklärten Gesellschaften überhaupt noch wahr genommen zu werden, wird auch die Philosophie sich verabschieden müssen von behaupteten Sinnlehren, sonst fabriziert sie nur noch sinnleere Behauptungen.

    Wenn man in einem MRT (Magnetresonanztomograph) zeigen kann, wo der Sitz religiöser Gefühle im Gehirn lokalisiert ist und dieses Areal mittels elektrischer Impulse so manipulieren kann, das der Proband, je nach Behandlung, zu einem tiefgläubigen Christen oder entspannten Atheisten werden kann, bricht schon damit nahezu jedes philosophische Menschenbild der letzten 2500 Jahre auseinander. Gefühle und Erfahrungen lassen sich kurz schließen oder überbrücken. Gott lässt sich „implantieren“. Da versteht man die latente Verachtung der düpierten Talk-Show Philosophen für ihren Kollegen, den Hirnforscher. Wenn Adorno recht hat und es kein richtiges Leben im Falschen gibt – und wer würde diese Wahrheit bestreiten wollen? -, dann kommen mit den Erkenntnissen der modernen Hirnforschung riesige Probleme auf Homo sapiens Sinnerklärungsmodellierer zu und die zeitlose Tresen-Philosophie wird mit Sprüchen wie „Es ist noch keiner zurück gekommen!“ oder „Wir sind, was wir sind!“ erschreckend plausibel.

    Während die Neurowissenschaft der professionellen Philosophie durchaus Hände reichend gegenübersteht und ihrer aktuellen Erfolge wegen beinahe peinlich berührt scheint, ist der Philosophie nichts außer einer inhaltsleeren, verdrucksten Attitüde geblieben. In einer der letzten Sendungen des ZDF-Klassikers „Das Philosophische Quartett“ war neben dem Schriftsteller Bodo Kirchhoff auch der bekannte deutsche Hirnforscher Gerhard Roth eingeladen. Ein solch erlauchtes Ensemble wäre prädestiniert gewesen, die ganz großen Fragen zu erörtern. Hat der Mensch eine Seele? Gibt es ein Leben nach dem Hirntod? Aber offenbar waren diese elementarsten Fragen zu profan. Rüdiger Safranski und Peter Sloterdiyk moderierten in ihrer amüsanten, Zusammenhänge erbröselnden Manier die Sendung um die schmerzlichen Wahrheiten herum. Dabei hätte ihnen Gerhard Roth darlegen können, dass der Mensch sich nur unwesentlich vom Tier unterscheidet; dass der Begriff „Seele“ unbedingt in Anführungszeichen zu setzen ist und die Wahrnehmung unserer inneren Welt eine Simulation des Gehirns ist, die so perfekt erscheint, dass wir sie mit unserer Identität verwechseln.
    Lediglich Bodo Kirchhoff antizipierte zu Anfang der Sendung, dass es Antworten der modernen Hirnforschung geben könnte, die ihn dazu brächten, den Füller endgültig bei Seite zu legen. Diese Antworten blieben ihm aber Dank der umsichtig agierenden Moderatoren,die ich beide sehr schätze, (noch) erspart.

    Dieses Beispiel ist typisch für die mediale Präsenz der meisten zeitgenössischen Philosophen in Talkshows und öffentlichen Debatten. Die Philosophie des 21. Jahrhunderts scheut offenbar jene Fragen, die ihrer Existenz am ehesten Berechtigung geben. Weil sie fühlt, was auf dem Spiel steht? Oder ist es nicht mehr relevant, ob es ein Leben nach dem Tod gibt oder ob die „Seele“ mehr als ein leicht zu manipulierendes, auf`s engste mit der grauen Masse zwischen unseren Ohren korreliertes Konstrukt ist? Die Hirnforschung hat auf diese Fragen geantwortet, ohne Rücksicht darauf, ob das Fazit für unser Selbstverständnis desillusionierend ausfällt. Das ging schon Darwin so.

    Wenn die Philosophie nicht zur „Hülfswissenschaft“ degradiert werden möchte, darf sie die Diskussion um die ganz großen Fragen des 21. Jahrhunderts nicht länger scheuen. Sonst verliert sich ihre Spur bei der exakten Kartierung von Nebenschauplätzen, die von der Welt abgenabelt in knallbunten Zeppelinen über versunkene Landschaften fahren.

    HP. Metternich

  10. Metternich
    22. März 2014, 15:48 | #10

    Sorry, beim Schlussatz gab es einen Übertragungsfehler, muss heißen:

    … von Nebenschauplätzen, wo die letzten Philosophen, von der Welt abgenabelt, in knallbunten Zeppelinen über versunkene Landschaften fahren.