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Glück und Zufriedenheit

In der von der Süddeutschen Zeitung herausgegebenen Zeitschrift „Wissen” findet sich in der Ausgabe 12 (November / Dezember 2006) ein Interview mit Daniel Kahneman: „Glück durch Geld ist eine Illusion”. Daniel Kahneman hat 2002 den Wirtschaftsnobelpreis für seine Arbeit auf dem Gebiet der Prospect Theory erhalten. Eine der zentralen Fragen, die in dieser Theorie diskutiert werden, ist: „Warum treffen Menschen so oft völlig irrationale Entscheidungen?” – Gewissermaßen sein Gegenentwurf zum Homo oeconomicus. In dem Artikel in der SZ Wissen geht es aber nicht um seine Arbeiten zur Ökonomie, sondern um Glück und Zufriedenheit, und warum sich Menschen in ihrem Streben danach mit ihren falschen Erwartungen und Vorstellungen oft selbst im Wege stehen.

Viele seiner Gedanken waren mir schon bekannt, einige sind aber doch neu und verblüffend. Einleuchtend war mir zum Beispiel, dass Menschen sowohl die positiven als auch die negativen Aussichten ihrer Handlungen bzw. dessen, was mit ihnen geschieht, überschätzen. Viele beneiden zum Beispiel andere, die mehr als sie selbst besitzen oder verdienen, oder bedauern andere, die ein schwerer Schicksalsschlag getroffen hat. Aber jede Änderung des eigenen Lebens hat für den Betroffenen nur eine kleine Zeit einen Neuheitswert:

Wer sich ein teures Auto „leistet”, wird sich nur kurze Zeit daran erfreuen, danach werden seine Gedanken beim Fahren nicht mehr um das (dann nicht mehr) neue Auto kreisen, sondern um die alltäglichen und aktuellen Dinge seines Lebens. Oder wer ein Bein verliert, wird sich nach der dadurch notwendigen Umstellung seines Daseins im Laufe der Zeit immer seltener mit der Zeit davor beschäftigen und den geänderten Zustand als den normalen empfinden. Einen besser bezahlten Job anzunehmen, lohnt sich aus der Glück-/ Zufriedenheitsperspektive nur, wenn der damit verbundene Mehraufwand nicht dauerhaft höher ist. Irgendwann ist der neue Job Alltag, die Freude über den Mehrverdienst ist weg, die längere Arbeitszeit oder der längere Arbeitsweg bleiben.

Neu für mich waren die von ihm gemachten Unterschiede zwischen den Begriffen „Glück” und „Zufriedenheit”:

Nehmen wir verheiratete und geschiedene Frauen. Letztere sind häufig gut gelaunt, denn sie gehen seltener Tätigkeiten nach, die sie unangenehm finden. Das lässt sich mit der Tages-Rekonstruktions-Methode herausfinden, einer Art Tagebuch, in dem Probanden alle Tätigkeiten notieren und dazuschreiben, wie glücklich sie bei einer Beschäftigung waren. Demnach haben geschiedene Frauen mehr Glücksmomente. Dennoch bewerten verheiratete Frauen in Umfragen ihre generelle Lebenszufriedenheit höher.*

Was hier wie eine Einzelbeobachtung aussieht, dahinter scheint sich ein allgemeines Prinzip zu verbergen: Menschen, deren Leben einen „Sinn” hat, sind insgesamt zufriedener mit sich selbst und der Welt als andere, die das für sich selbst nicht so empfinden. Dabei scheint es nur eine untergeordnete Rolle zu spielen, ob die Betreffenden in diese Rolle hinein gewachsen sind oder sie durch die Umstände dazu genötigt wurden, wie es zum Beispiel bei Menschen ist, die sich für ihre Familie aufopfern, oder ob es sich um ein vielleicht in den Augen Anderer ziemlich skurriles Hobby oder eine Macke handelt – entscheidend für die persönliche Zufriedenheit ist nur das Bild, dass sie von sich selbst haben.

Weil dieser Sinn für jeden Menschen anders aussehen kann, lehnt Kahneman folgerichtig einfache Rezepte zum Glück oder zur Zufriedenheit ab. Man kann als Leser aus dem Interview nur folgende „Tipps” entnehmen:

  • Da alle Dinge, mit denen man sich umgeben kann, sehr schnell ihren Neuigkeitscharakter verlieren und damit als Glücksquell versiegen, lohnt es sich nicht, nach ihnen zu streben. Eine stete Quelle von Neuem sind dagegen Kontakte zu anderen Menschen, Familie, Freunde, Bekannte. Kahneman selbst schlägt vor: Kauf dir keine Villa und kein tolles Auto. Fahr in den Urlaub, verschenke Blumen, feiere Partys!
  • Man sollte sich auf die Dinge, die man tut, besser konzentrieren. Lieber weniger tun und dabei weniger ablenken lassen, effizienter haushalten mit der eigenen Aufmerksamkeit. Das schließt unter anderem ein, sich weniger von dem beeindrucken zu lassen, was andere haben oder tun.

* Für mich ist die Methode, den Grad des Glücks oder der Zufriedenheit durch Befragungen der Betreffenden zu ermitteln, etwas unbefriedigend, weil diese, aus welchen Gründen auch immer, mogeln könnten. (Evolutionär) objektive Maßstäbe wären meiner Meinung nach (gut am Beispiel der verheirateten und geschiedenen Frauen): Der Gesundheitsgrad, die Lebenserwartung, die Zahl der Enkel. (Nicht der Kinder, weil sich in den Enkeln besser manifestiert, ob der Lebensstil der Eltern von den eigenen Kindern als zufrieden-stellend empfunden wurde).

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