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Geplante Obsoleszenz

In der Wikipedia findet man zu diesem Stichwort:

Der Begriff Obsoleszenz (von lat. obsolescere‚ sich abnutzen, alt werden, aus der Mode kommen, an Ansehen, an Wert verlieren) bezeichnet, dass ein Produkt auf natürliche oder künstlich beeinflusste Art veraltet ist oder altert.

Als Erfinder der geplanten Obsoleszenz gilt Alfred P. Sloan, welcher in den 1920er Jahren in seiner Funktion als GM-Präsident annuelle Konfigurationsänderungen und Veränderungen an Automobilen einführte. Mit dieser Strategie wollte er die Verbraucher dazu bringen, alle drei Jahre ein neues Auto zu kaufen. Der eigentliche Begriff der geplanten Obsoleszenz geht zurück auf Bernard Londons Veröffentlichung Ending the Depression Through Planned Obsolescence aus dem Jahre 1932.

Gemeint ist mit ihm heute ein Teil einer Produktstrategie, bei der schon während des Herstellungsprozesses bewusst Schwachstellen in das betreffende Produkt eingebaut, Lösungen mit absehbarer Haltbarkeit und/oder Rohstoffe von minderer Qualität eingesetzt werden, die dazu führen, dass das Produkt schneller schad- oder fehlerhaft wird und nicht mehr in vollem Umfang genutzt werden kann.

Gleich an mehreren Stellen im Netz wird eine von den Grünen in Auftrag gegebene Studie zitiert, u.a.:

In dem Spiegelartikel wird dann gleich nochmals auf einen anderen Artikel verlinkt: Studie: Hersteller setzen auf schnellen Verschleiß bei Elektrogeräten. Dort liest man:

Jeder kennt das: Das Elektrogerät ist gerade mal ein paar Jahre alt, schon gibt es den Geist auf. Dumm nur, dass die Garantie bereits abgelaufen ist. Hinter dem Ärger steckt laut einer Studie Methode: Hersteller von elektronischen Geräten wie Druckern, Kopfhörern, Waschmaschinen oder Elektrozahnbürsten sorgten immer häufiger für Schwachstellen in ihren Geräten, damit diese schneller verschleißen oder kaputtgehen. Die Untersuchung der Grünen-Bundestagsfraktion führe zahlreiche Produkte auf, bei denen die Industrie laut Experten täusche oder trickse, berichten mehrere Zeitungen, darunter die „Saarbrücker Zeitung“.

Aus der Studie geht hervor, dass Hersteller Bauteile verwenden, die einen frühzeitigen Defekt auslösen. Auch würden technische Tricks angewendet, um die Nutzungsdauer eines Gerätes zu verkürzen.

Die Studie ist dann Ausgangspunkt des üblichen Streits zwischen der Industrie und den Grünen. Denn die Industrievertreter kontern:

Eine Argumentation, die Werner Scholz nicht nachvollziehen kann. Der Geschäftsführer der Hausgeräte-Fachverbände im Verband der Elektroindustrie (ZVEI) sagt: „Die Hersteller wären schlecht beraten, wenn sie so handeln würden.“ Ein Verbraucher, dessen Waschmaschine nach vier Jahren kaputtgehe, werde das nächste Gerät anderswo kaufen.

Er habe keine Anhaltspunkte, dass die Haltbarkeit zurückgehe: Laut einer vom Verband in Auftrag gegebenen Studie sind von den fast 180 Millionen in deutschen Haushalten eingesetzten Geräten mehr als 75 Millionen älter als zehn Jahre.

Für die Grünen ist die Studie dennoch Anlass, schärfere gesetzliche Regelungen zu fordern. „Wir brauchen klare Vorgaben für die Reparierbarkeit und Austauschbarkeit von Einzelteilen“, sagt die verbraucherpolitische Sprecherin Nicole Maisch. Schließlich seien mit geplantem Verschleiß Müllberge und Kosten verbunden.

Das „dennoch“ im letzten Absatz ist nämlich darauf zurückzuführen, dass die Autoren der Studie keine Belege für den absichtlichen Einbau minderwertiger Teile gefunden haben. Das Thema bleibt aber interessant. Ich weiß aus Entwicklerkreisen, dass bei Kleinwagen in der Entwicklung mit einer Lebensdauer von 10 Jahren gerechnet wird, bei der Mittelklasse mit 20 und bei der Oberklasse mit 30. Man braucht dafür keine expliziten und schriftlichen (Kartell)Absprachen, sondern das ergibt sich aus marktwirtschaftlichen Gründen ganz von selbst. Mittel- und Oberklassewagen legen i.a. mehr Kilometer zurück und in gewissem Umfang lassen sich Zeit und Weg gegenrechnen.

Und natürlich kann man Autos bauen, die 50 Jahre halten – nur kosten die dann auch beim Aussehen eines Mittelklassewagens über 100.000 Euros. Und man kann sich ja als Mobilist mal fragen, ob man ein vom Design her 20 Jahren altes Auto mit dem Hinweis, dass es ja noch 30 Jahre halten wird, für 60.000 Euro verkaufen könnte / kaufen würde.

Und zum in den Artikeln angesprochenen Phoebuskartell: Das wird in der Lichttechnik immer noch kontrovers diskutiert. Denn eine Verlängerung der Lebensdauer der Glühlampen hätte nicht nur den Preis der Lampen nach oben getrieben, sondern auch den Stromverbrauch, denn man muss bei Temperaturstrahlern für die Lichtfarbe eine bestimmte Temperatur erzielen. Will man eine höhere Lebensdauer, müssen die Drähte aus anderem Material und dicker sein, folglich braucht man mehr Strom. Es gibt also durchaus Leute in der Lichttechnik, die der Meinung sind, die seinerzeitigen Absprachen sicherten nicht nur den maximalen Gewinn der Unternehmen, sondern die 1000 Stunden haben auch im Optimum von Glühlampen- und Strompreis gelegen.

Ich weiß nicht, wer es mir erzählt hat, aber Henry Ford hat seine Ingenieure auf Schrottplätzen herumkriechen lassen und die Autos inspizieren. Als sie herausgefunden hatten, dass überall die Kurbelwellen noch ganz waren, wurden in Zukunft billigere Kurbelwellen verbaut. Klingt furchtbar schrecklich, ist aber völlig logisch: Warum sollte ein Teil länger halten als die anderen und damit das Produkt unnötig verteuern? Davon hat der Konsument nicht, der bezahlt einen höheren Preis, und der Produzent auch nicht, der hat einen geringeren Umsatz.

Und beim Phoebuskartell: Das hatte mehrere Aspekte: Es waren nicht nur Absprachen über die Lebensdauer der Glühbirnen, sondern auch über die Aufteilung der Absatzmärkte und die Höhe der Preise. Die beiden letzteren Teile sind eindeutig zum Nachteil der Konsumenten, bei der Lebensdauer der Glühbirnen ist das hingegen nicht so klar.

Es braucht wahrscheinlich auch kaum Kartellabsprachen zwischen den verschiedenen Produzenten, wenn schlechtere Teile verbaut werden, sondern es ist das simple Wirken der Mechanismen unseres Wirtschaftssystems. Der Konsument möchte es schön billig, der Produzent hingegen möchte Gewinn machen – und auch in der Zukunft noch etwas verkaufen.

Man kann überlegen, ob sich an den Verhaltensmustern von Produzenten und Konsumenten etwas ändern würde, wenn Produkte nicht mehr verkauft, sondern vermietet werden. In diesem Fall hat auch der Vermieter ein Interesse daran, dass seine Produkte möglichst lange halten. Das Leasing von Autos eignet sich als Beispiel aber schlecht, denn hier ist der Vermieter nicht gleichzeitig der Produzent, sondern der Vermieter tritt dem Produzenten gegenüber selbst als Käufer auf. Auch bei der Vermietung von Häusern sind die Besitzer i.a. nicht die Produzenten der Häuser.

KategorienGesellschaft, Ökonomie Tags:
  1. 24. März 2013, 15:45 | #1

    Ich habe mir sagen lassen, dass der Verschleiß an sich weniger das Problem ist als die Verbauung der defekten Teile in den jeweiligen Geräten. So ist der Akku im iPhone derart verbaut, dass er nicht problemlos gewechselt werden kann – man muss das Gerät aufschrauben, was in der Regel nur ein Fachmensch machen sollte. Und dann gibt es noch den berühmten Wechsel eines defekten Autorücklichts – es muss eine ganze Einheit, ein Modul, ausgetauscht werden. Und sogenannte freie Kfz-Werkstätten werden gezwungen, Baupläne der Hersteller einzulaufen, damit überhaupt eine Reparatur durch sie möglich ist. Aber vermutlich interessieren die Grünen solche Entwicklungen eher weniger.

  2. Ananse
    24. März 2013, 19:10 | #2

    @Gregor Keuschnig

    An einer Verordnung zur besseren Demontage arbeitet die EU gerade, mal sehen, was dabei wieder heraus kommt. 🙁 Bei den Akkus ist das aber weniger ein Problem der Kunden – wer nutzt schon sein iPhone länger als drei Jahre, wenn es alle zwei Jahre im Telefonvertrag ein neues gibt? Das Problem haben die Recycler, denn diese bekommen die Komponenten nicht schnell genug getrennt.

    Das Problem ist aber ganz einfach zu lösen: Man muss zu Beginn des Verkaufs eines Geräts seitens des Gesetzgebers eine unabhängie Analyse der Recyclingkosten machen, diese Abgabe auf den Preis des Gerätes aufschlagen und später an das Recyclingunternehmen überweisen. Organisatorisch geht das wie ein Gerätepfand. Oder man zwingt alle Hersteller, ihre Geräte am Ende der Lebensdauer wieder zurückzunehmen und dieses auch nachzuweisen – das bewegt sich dann in Richtung der von mir vorgeschlagenen Miete eines Geräts.

    Was Autoscheinwerfer betrifft: Wenn sich die LEDs auch für die Frontscheinwerfer durchgesetzt haben, gibt es keine Notwendigkeit des Wechsels der Scheinwerfer mehr – diese leben länger als die Autos selbst. Vor einigen Monaten habe ich selbst gepfriemelt, um eine Birne zu wechseln, das war schon echt lästig.

  3. Peter
    24. März 2013, 20:05 | #3

    Bevor ich ein Gerät in den Müll gebe, schaue ich grundsätzlich einmal rein, um nach der Ursache des Defektes zu sehen. Mit dieser Erfahrung ist die geplante Obsoleszenz für mich offensichtlich. Ob man ein Antriebszahnrad aus weichem Plastik oder Metall herstellt, macht das Produkt unwesentlich teurer, ob ein Taster per PVC-Wippe realisiert wird oder aus Metallfolie gebaut wird, ist marginal. Kopfhörer für MP3-Player etc. sind heute Wegwerfartikel wie Pappteller. Ohne konkrete Zahlen zu haben, würde ich mit Abstand die Mehrheit aller Defekte auf vermeidbare bis gewollte Fehler zurückführen. Weitere Beispiele hätte ich noch genug.

    Die Wasserweiche der Waschmaschine kann man für einen Euro langlebig machen, der Defekt führt wegen abenteuerlichen Handwerkerrechnungen schnell zum wirtschaftlichen Totalschaden. Ob das Handteil der elektrischen Zahnbürste 30€ oder 30,20€ kostet, ist irrelevant. Wenn man aber die Energie und Rohstoffe für die unnütze Herstellung des Ersatzgerätes betrachtet, ist die sinnvolle Antwort schnell gegeben.

    Daher kann ich die obige Argumentation über die unwirtschaftliche Verteuerung aus praktischer Erfahrung nicht nachvollziehen. Noch wesentlich schlimmer aber ist die Obsoleszenz intakter Dinge durch den geplanten Wechsel der Mode. Als ich zum ersten mal von dem Begriff Speedfashion gehört habe, hat mich das doch mal wieder fassungslos gemacht.

  4. 24. März 2013, 23:04 | #4

    @Ananse
    Die Rufe nach Gesetzgebern oder der Politik halte ich fast immer für schlecht – da kommt selten etwas Gutes heraus. iPhones sind teuer. Das da jeder nach zwei Jahren ein neues Modell kauft, halte ich für ein Gerücht. Das mag für Freaks gelten, für die Apple eine Art Religion ist. Ich habe allerdings noch einen anderen Verdacht (Achtung: Verschwörung): Bei Smart-Phones, Computern und Laptops wird an der Datengeschwindigkeit gebastelt, d. h. die Dinger werden irgendwann einfach langsamer. – Bei Fernsehern redet man dem Konsumenten ja ständig neue Innovationen ein. Dabei bin ich überzeugt, dass die meisten den Unterschied zwischen HD und Nicht-HD kaum bemerken. Alles nur, damit alle zwei, drei Jahre ein Zwang zum Neueinkauf erzeugt wird.

  5. Ananse
    24. März 2013, 23:35 | #5

    @Peter
    Ich bezweifle die Beobachtungen nicht, wohl aber die Interpretation. Also ich glaube nicht, dass das Management in die Entwicklungsabteilungen geht und dort fordert: Eines (oder mehrere) der Teile müsst ihr so konzipieren, dass es nicht so lange hält und die Kunden dann ein neues Gerät kaufen müssen. Das geschieht vielmehr ganz automatisch durch die Randbedingungen unseres Wirtschaftssystem: Wachstumszwang, Billigkeit und Notwendigkeit der Gewinnerwirtschaftung.

    Ein Beispiel: Man kann sich für tausend Euro Schuhe machen lassen, die 20 Jahre halten. Eine kleine Elite tut das auch – aber nicht um Geld zu sparen, denn das könnte man so wirklich – Otto Normalverbraucher gibt jährlich mehr als 50 Euro für neue Schuhe aus. Nein, der damit verbundene Lebensstil ist inkompatibel mit dem heutigen Gesellschaftsmodell.

    Wenn sich an unserem heutigen Gesellschafts- und Wirtschaftsmodell etwas ändern wird, dann werden das keine inneren, sondern äußere Zwänge sein – ständiges Wirtschaftswachstum verträgt sich nicht mit knapper werdenden Ressourcen.

  6. Jalella
    25. März 2013, 09:18 | #6

    Ich habe vor diversen Monaten dazu mal einen Bericht in Phoenix gesehen (http://www.phoenix.de/kaufen_fuer_die_muellhalde/509331.htm). Da war der Ausgangspunkt ein defekter Drucker, der nicht mehr wollte. Der Nutzer ist dem Problem nachgegangen und es stellte sich heraus, dass auf dem internen Chip des Druckers ein Zähler war. Das Gerät war so programmiert, dass es nach einer bestimmten Zahl von gedruckten Seiten den Geist aufgab. Anhand dieses roten Fadens hangelte sich der Bericht über die diversen gechichtlichen Stationen der geplanten Obsolenszenz. Am Schluss machte der Besitzer des Druckers im Internet einen russischen Hacker aus, der eine Software zu Verfügung stellte, den Zähler zurückzusetzen. Darauf lief der Drucker wieder.

    Ich denke, wenn dieses Beispiel nicht erlogen ist (und ich vertraue den Reports auf Phoenix soweit eigentlich schon), dann haben wir es hier mit kriminellen Machenschaften zu tun, oder?

    Dass unser Wirtschaftssystem inzwischen zu so intelligenten philosophischen Aussagen wie „Geiz ist geil“ geführt hat und demzufolge die Leute selbst schuld sind, wenn so etwas passiert, macht es für mich nicht wirklich besser. Und eine solche Verschwendung von Ressourcen ist nun mal eine ökologische Schweinerei, die uns alle eines Tages einholen wird. Und die, auch in dem Bericht gezeigten, Afrikaner (ich glaube, es war Ghana im Beispiel), die in den illegalen Müllhalden herumturnen, um aus unserem giftigen Elektroschrott noch ein paar verwendbare Teile zu ergattern, hat es schon heute eingeholt.

  7. Ananse
    25. März 2013, 09:44 | #7

    @Jalella
    Das (Epson-)Druckerbeispiel ist richtig, gut bekannt und z.B. hier beschrieben. Auch hier liegt kein Beispiel für geplante Obsoleszenz vor, sondern der Resttintentank ist ja u.U. wirklich voll.

    Drucker sind ein gutes Beispiel für irrsinnige Mischkalkulationen. Drucker werden zu zu geringen Preisen verkauft. Das funktioniert nur, indem man die Originaltintenpatronen nur halbvoll macht und die Ersatzpatronen teurer macht als sie eigentlich kosten. Da regen sich die Kunden dann auf und kaufen billige Substitute. Aber die günstigen Preise für den Drucker selbst waren willkommen. Die billigeren Substitute sind nur möglich, weil die entsprechenden Produzenten selbst keine Drucker produzieren.

  8. Peter
    25. März 2013, 12:38 | #8

    @Ananse
    Das erneute Beispiel mit exorbitanten Kosten macht mich etwas ratlos, nachdem ich mehrere Beispiele genannt hatte, bei denen es um Pfennigartikel ging. Wenn die CD-Player-Linse durch schlechtes Gehäusedesign verstaubt ist, handelt es sich vermutlich nur um Schlamperei. Wenn aber bei einem Toaster die Verriegelung durch ein lächerliches Plastikformteil realisiert ist und nach 2,5 Jahren schlicht zerbricht, glaube ich nicht an Zufall.

    Die Eigenschaften der Materialien sind für jeden Ingenieur durch einen Blick in das entsprechende Tabellenwerk erkenntlich. Die Entscheidungen sind mit vollem Wissen über die Haltbarkeit getroffen. Wäre die Rufverbesserung durch Qualität tatsächlich gängige Praxis, würde so etwas nicht passieren.

    Meine Mutter hat z.B. eine nicht ganz billige Waschmaschine der Firma Miele, deren markenprägende Eigenschaft die Haltbarkeit war. Die läuft mit zugegeben nicht mehr umweltgerechten Verbrauswerten seit über 40 Jahren einwandfrei. Heute gilt die Regel, dass weiße Ware eine durchschnittliche Lebensdauer von 10 Jahren hat (wer sagt das eigentlich).

    Ich habe auf die Schnelle keine Quelle gefunden, meine aber, dass in Japan die Regel besteht, dass sich bei technischen Innovationen, die Marktteilnehmer unabhängig vom Marktdruck an die optimalen Lösungen anpassen müssen. Warum nicht ein Gesetz erlassen, dass wenn Hersteller A gute Haltbarkeit und Verbrauchswerte erzielt, Hersteller B diese zumindest annähernd erreichen muss, notfalls durch Lizensierung der Technik von Hersteller A. Dadurch hätte Qualität sofort geldwerten Vorteil.

  9. Ananse
    25. März 2013, 14:51 | #9

    @Peter
    Ich glaube, wir missverstehen uns gerade. Noch ein Beispiel: Die Ingenieure, die ein Auto entwickeln, sind sicher sehr stolz darauf, dass sie beim Einbau eines neuen Scheinwerfers in der Fabrik 5min Produktionszeit einsparen können. Dass das später beim Wechsel dieses Scheinwerfers 2h Extrazeit kosten wird, ist ihnen dabei egal. Weil sowohl die Ingenieure als auch die Käufer zunächst den Verkaufspreis des Autos sehen und sonst nichts. Das ist zwar Obsoleszenz, aber keine bewusst geplante, sondern eine dem System immanente.

    Bei deinem Plastikteil: Wenn es 2,5 Jahre hält, hat es aus Produzentensicht seinen Zweck erfüllt, denn über die Garantiezeit hinaus bestehen keine gesetzlichen Verpflichtungen – und wenn es die Konkurrenz genauso hält, ist auch keine Rufschädigung damit verbunden. Es ist einfach der Preisdruck, den die Konsumenten selbst erzeugen. Ein Toaster kostet in der Produktion vielleicht 10 Euro, der Rest sind die Vertriebskosten. Da spielen selbst Zehntelcent noch eine Rolle. Beim lichttechnischen Design eines Autoradios habe ich das mal selbst erlebt. Ein Widerstand, der genau einen Zehntel Cent mehr gekostet hätte, durfte nicht verbaut werden.

    Und zur Mielewaschmaschine: Ich gehe jede Wette ein, als die gekauft wurde, hat sie in dem in Arbeitsstunden deiner Mutter umgerechneten Preis viel mehr gekostet als eine heutige. Für den doppelten oder dreifachen Preis bei vergleichbarer Funktion könnten dir Ingenieure auch heute noch Geräte bauen, die eine Ewigkeit halten – aber die würde keiner kaufen.

    Ich habe auf die Schnelle keine Quelle gefunden, meine aber, dass in Japan die Regel besteht, dass sich bei technischen Innovationen, die Marktteilnehmer unabhängig vom Marktdruck an die optimalen Lösungen anpassen müssen.

    Dafür würde mich tatsächlich eine Quelle interessieren und auch die dort verwendete Definition von „optimal“. denn auch ein besonders billiges Teil ist ja bzgl. seines Preises „optimal“.

    Warum nicht ein Gesetz erlassen, dass wenn Hersteller A gute Haltbarkeit und Verbrauchswerte erzielt, Hersteller B diese zumindest annähernd erreichen muss, notfalls durch Lizensierung der Technik von Hersteller A. Dadurch hätte Qualität sofort geldwerten Vorteil.

    Dass Qualität einen geldwerten Vorteil bietet, sieht man bereits heute bei der weißen Ware. Teuere Geräte haben i.a. geringere Verbrauchswerte, meistens amortisiert sich der Verkaufsmehrpreis sogar mehrfach während ihrer Lebensdauer. Viele Leute kaufen trotzdem die Billiggeräte – weil sich die Mehrkosten für sie versteckt über die Lebensdauer des Geräts verteilen.

    Gesetzlich jemanden vor Dummheit schützen zu wollen, funktioniert in einer freien Marktwirtschaft nur begrenzt – in der Wirtschaft genausowenig wie in der Politik. Da werden ja auch die Parteien gewählt, die billig versprechen und nach der Wahl eine ganz andere Rechnung präsentieren.

  10. Peter
    5. Mai 2013, 01:20 | #10

    Donnerstag lief im DLF ein weiterer Bericht in gewohnter Qualität über die geplante Obsoleszenz, der auch Differenzierungen zu ließ. U.a. kam auch die Qualität der Firma Miele zur Sprache. Danach kann man die zu-teure-Produkte-durch-übertriebene-Qualität getrost in den Bereich der Public Relations verweisen. Der Billig-Akkuschrauber aus dem Baumarkt, der statistisch nur ein paar Minuten in seiner Lebenszeit tatsächlich betrieben wird, wäre dann ein Beispiel für die sinnvolle Unterdimensionierung.

    Ob es sich im konkreten Fall um eine Sollbruchstelle oder eine sinnvolle Einsparung handelt mag nicht immer klar sein. Ich behaupte aber weiter aus viel Erfahrung, dass die meisten Defekte vom Hersteller vorhersehbar waren und kostengünstig bis -neutral zu verhindern gewesen wären. Aus Whistleblowerkreisen gibt es gute Belege, dass Firmen gezielte Sollbruchstellen einbauen, also nicht nur Nachlässigkeit zeigen, sondern aktiv werden. Verschwörungstheoretisch wird es, wenn man sich überlegt, dass dieses Prinzip eigentlich nur funktioniert, wenn alle Marktteilnehmer sich absprechen oder zumindest implizit anwenden. Dass dies nicht ganz so abwegig ist, zeigt The Light Bulb Conspiracy recht anschaulich.

    P.S.: Über die angesprochene japanische Regelung habe ich leider nichts mehr gefunden, bin aber sicher, dass es sie zumindest gab. Der Google-Algorithmus ist mittlerweile auch ein gutes Beispiel für Schnelllebigkeit.

  11. Ananse
    6. Mai 2013, 08:17 | #11

    @Peter
    Man kann sich alternativ überlegen, was passiert, wenn ein Hersteller aus der Reihe seiner Mitbewerber ausschert und zum selben Preis Produkte anbietet, die doppelt so lange halten. Bei weißer Ware also z.B. eine Waschmaschine, die nicht bloß 10, sondern 20 Jahre hält. Wenn wir Markentreue voraussetzen (es dauert etwas, bis sich die längere Haltbarkeit herumspricht und die Verbraucher zu einer anderen Marke wechseln), wird dieser Hersteller seinen Absatz (Gewinn, die Zahl der Mitarbeiter) halbieren und vermutlich vom Markt verschwinden.

    Was sicher das zentrale Element in dem Film „The Light Bulb Conspiracy“ ist, jedenfalls deutet der Titel das an, ist im Deutschen als „das Phoebuskartell“ bekannt. Dazu habe ich oben bereits etwas geschrieben. Nicht einmal da ist der Sachverhalt so eindeutig negativ. Man kann nicht einen Aspekt der Absprachen herauspicken und die anderen ignorieren.

    Was ich damit sagen will: Unser gesamtes Wirtschaftssystem ist auf Wachstum und (gewünscht Voll)Beschäftigung angelegt. Was man in seiner Rolle als Konsument begrüßen würde, richtet bei einem selbst in der Rolle als Produzent Schaden an. Man bekommt mehr Nachhaltigkeit nur um den Preis einer komplexen und vollständigen Änderung der gesamten Gesellschaft – wobei nicht klar ist, wie diese Gesellschaft insgesamt funktionieren soll bzw. ob sie es wird.

    *Ein* Versuch in der Geschichte ist ja bereits gescheitert, in dem von der Rolle als Konsument gedacht wurde. „Jeder nach seinen Bedürfnissen“ war ein zentraler Slogan des wissenschaftlichen Kommunismus mit dem Präfix „Jeder nach seinen Fähigkeiten“. Dem würden bei dem verwendeten Beispiel der Produzenten weißer Ware die ausschließlich am Kundenwohl interessierten Produzenten perfekt entsprechen. In seiner ersten Ausprägungsform als real existierender Sozialismus ist das grandios gescheitert – weil man zwar das hehre Ziel beschreiben konnte, man aber offenbar keinen Weg gefunden hat, sich diesem Ideal zu nähern. Jedenfalls nicht ohne sowohl den Produzenten als den Konsumenten ihr Verhalten vorzuschreiben – was Planwirtschaft hieß und politisch eine Diktatur erforderte.

    Es ist gut möglich, dass wir wieder bei diktatorischen Regierungsformen landen, wenn sich das chinesische Gesellschaftsmodell als das erfolgreichere erweist und/oder wir die Probleme mit dem Klimawandel und der Ressourcenverknappung anders nicht lösen können. Ob das aber für den Einzelnen zu mehr Wohlbefinden führen wird?

  12. Peter
    7. Mai 2013, 11:59 | #12

    Die Marktwirtschaft ist ein ständiges Ringen um eine geeignete Verteilung der Kräfte. Da direkt den Sozialismus an die Wand zu malen, wenn ein in die Defensive geratener Marktteilnehmer seine Rechte einfordert, halte ich für nicht zielführend. Es gibt hunderttausende sinnvolle und sinnlose Regelungen. Eine sinnvolle zuzufügen ist eher wünschenswert. Wenn z.B. ein Stück Land für den Anbau von Wein zum Schutz von Interessengruppen staatlich kontingentiert ist (der Klimawandel erlaubt den Weinbau mittlerweile in vielen weiteren Bereichen), wird man wohl eine machbare Qualitätsforderung definieren können.

    Man kann sich einfach mal den Fluß des Geldes vorstellen, wenn ein Produkt doppelt solange hielte wie bisher. Wie viel Geld müsste der Käufer nach der halben Produktlebenszeit bezahlen, um den wirtschaftlichen Status quo zu erhalten, wenn also der die Verkäufer, die Händler, die Hersteller etc. pp. für Nichts ihren Anteil erhielten? Danach wären die Verlierer einer nicht verschwenderischen Wirtschaft doch wohl:

    1. Besitzer respektive Förderer von Rohstoffen
    2. Kapitalgeber
    3. Der Staat durch vielfältiges Steueraufkommen

    Ich finde die Interessenlage ziemlich eindeutig und die Stärkung des direkten unverfälschten Bürgerwillens notwendig. Zu Ende gedacht, können repräsentative Strukturen das nicht leisten. Das ist einer der Gründe warum mich die Idee der Liquid Democracy elektrisiert hatte.

  13. Ananse
    7. Mai 2013, 12:21 | #13

    @Peter
    Ja, klar. Mir ging es nur darum auszudrücken, dass es naiv ist, den Produzenten etwas vorzuwerfen, zu dessen Änderung sie (ohne übergeordneten Druck) nicht in der Lage sind. Nicht jedenfalls bei Strafe des Untergangs im Vergleich zu den Konkurrenten. Das systemische Verhalten entsteht, ohne dass Kartellabsprachen notwendig sind. Darum ist das Phoebuskartell eben ein Solitär und keine Regel – weshalb man auf der Suche nach Beispielen für geplante Obsoleszenz immer bei diesem einzigen tatsächlich belegten Beispiel landet und alle anderen Fälle meist (wenn auch gut begründete) Vermutungen und Unterstellungen bleiben.

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