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Fruchtbarkeitsrate

Eine Diskussion startete ziemlich lustig mit

Einige evolutionspsychologisch gepägte Personen glauben, die Weitergabe der eigenen Gene an die nächste Generation sei möglicherweise sinnstiftend. Wer Kinder bekomme, sei erfolgreich und hochwertig, wer keine Kinder bekomme, sei ein Loser und quasi tot.

Meine Kinder haben leider nur 50% meiner Gene, da dummerweise noch so eine komische Frau involviert sein muß. Die Enkel haben dann nur noch 25%.

Nehmen wir mal an, daß man im Durchschnitt mit 25 Jahren Elter wird. Somit gibt es bei optimaler Reproduktion von einem selbst und den eigenen Nachkommen schon nach ca. 175 Jahren nur noch Personen, die weniger als 1% meiner Gene hat, und nach insgesamt 250 Jahren nur noch Personen mit weniger als 1 Promille meiner Gene.

Transferieren diese Genreste noch irgendetwas von meiner individuellen Identität?

Natürlich war das (hoffentlich) nicht ernst gemeint und enthielt sogar einen (wahrscheinlich absichtlich eingebauten) Denkfehler.

Die nächste Antwort begann mit

Morituri te salutant!

Der Disputant hatte hier den unpassenden, aber normalerweise davorstehenden Satz „Ave imperator!“ weggelassen. Mir gefiel diese Diskussion und ich steuerte einen eigenen Denkfehler bei:

Die Kinder erhalten zwar nur 50% der eigenen Gene, aber bereits bei 2 Kindern ist man, was die Erhaltung seiner Gene betrifft, wieder bei 100%. Man muss also nur mehr als zwei Kinder haben, um den Anteil der eigenen Gene in der nächsten Generation zu vergrößern.

Zum Eingangsdenkfehler passt auch sehr schön ein anderer: In der 7. Generation (nach 175 Jahren) ist die Anzahl der eigenen Gene an denen eines Nachfahren auf 0,78% gesunken. Wenn man annnimmt, dass sich Mutationen gleichmäßig auf das Erbgut verteilen, dann ist es sehr unwahrscheinlich, dass es die eigenen sein werden. So sind deine eigenen Gene in 175 Jahren perfekt vor Krebs geschützt.

Zunächst gilt sowohl für die Vergangenheit als auch die Zukunft, dass sich die eigenen Gene nach dem Gesetz „zwei hoch Generationsabstand“ verdünnen:

  • Von den Eltern erhält man, an die Kinder gibt man je 50%,
  • von den Großeltern erhält man, an die Enkel gibt man je 25%,
  • von den Urgroßeltern erhält man, an die Urenkel gibt man je 12,5%
  • usw.

Bei zwei Eltern, zwei Kindern, vier Großeltern, vier Enkeln, acht Urgroßeltern und acht Urenkeln bleibt es aber immer bei 100%.

Für die Vergangenheit scheint die Prozentrechnung klar zu sein, aber ein Bekannter von mir, der sich mit Genealogie beschäftigt, hat beim Zusammentragen von inzwischen über 1000 Vorfahren interessante Abweichungen gefunden. Er stammt aus einem kleinen Dorf und ein Bürgermeister dieses Dorfes aus einem der vorigen Jahrhunderte taucht in seinem Stammbaum an verschiedenen Stellen gleich mehrfach auf. Da nicht anzunehmen ist, dass in vorigen Jahrhunderten die Fehltritte des Bürgermeisters an der Frau des Lehrers, der Kräuterhexe oder der Dienstmagd Eingang in die Kirchenbücher gefunden hätten, bleibt als einzige Erklärung nur, dass dieser pluripotente Mensch mehrmals geheiratet haben muss und dabei mit jeder der Frauen eigene Kinder gehabt hat.

Überhaupt ist es ja so, dass man, wenn man die Prozentrechnung nur genügend weit in die Vergangenheit treibt, man irgendwann an einen Punkt kommt, wo die Anzahl der eigenen Vorfahren die Anzahl der zu diesem Zeitpunkt lebenden Menschen übersteigt. Aber wir wissen ja inzwischen alle, dass wir von Adam und Eva abstammen.

Während wir auf die Vergangenheit nach gegenwärtigem Stand der Forschung nur wenig Einfluss haben, können wir die Zukunft noch beeinflussen. Da betrübt natürlich die Eingangsvermutung, wonach es wenig sinnstiftend sei, die eigenen Gene an Kinder weiterzugeben, besonders. Keinen Denkfehler, aber einen veritablen Selbstbelug findet man im Spiegel 30/2011 auf Seite 46. Bettina Wündrich wird dort über ihr neues Buch ausgefragt:

SPIEGEL: Ein weiteres Frauenbuch, ein Beitrag mehr zur Befindlichkeitserkundung – war das nötig? Wündrich: Absolut! Ich kam von einem Klassentreffen und wusste: Dieses Buch muss sofort geschrieben werden. SPIEGEL: War das Klassentreffen so einschneidend?
Wündrich: Na ja, es war das Jubiläum zum 30-jährigen Bestehen des Abis, wir waren ein Mädchengymnasium, also stellen Sie sich vor: etwa 60 Frauen von Ende vierzig. Da stehen also all diese Lebensentwürfe auf dem Prüfstand …
SPIEGEL: Und Ihrer war durchgefallen?
Wündrich: Kommt auf die Perspektive an. Gespielt wurde zum Beispiel Schau-mal-was-ich-geschafft-habe. iPhones wurden herumgereicht wie Trophäen: Hier, guck mal, die Bilder, mein Mann, mein Hund, mein Sohn, der im Ausland studiert! Und ich hatte zwar 20 Jahre lang in Führungspositionen gearbeitet, aber plötzlich fühlte ich mich, als hätte ich nichts vorzuweisen: Mann, Kinder, Freund, nichts davon. Nur meine Karriere hatte ich. Da hockte ich also, der Prosecco schmeckte nach nichts, ich fing an, meine teure Bluse vollzuschwitzen. Und mich sehr, sehr merkwürdig zu fühlen. Das war der Anlass für diese Aufarbeitung.
SPIEGEL: Aber Ihr Buch handelt nicht nur von Ihnen?
Wündrich: Es geht um eine große Frage: Was ist falsch, was ist richtig? Ich gehöre, mit Anfang fünfzig, einer Generation an, die Feminismus auf sich selbst anwenden durfte. Und ich wollte das. Mich im Beruf ausprobieren. Mit Kindern hätte ich mein Leben so nie leben können. Für Männer ist es einfach: Die müssen arbeiten, das stellt niemand in Frage.
SPIEGEL: Frauen hingegen?
Wündrich: Frauen haben immer zwei Optionen – oder drei. Will ich mich im Beruf verwirklichen? Oder eine Familie? Oder schaffe ich beides? Dass man mehrere Optionen hat, ist einerseits ein Luxus, andererseits eine Bürde, ein innerer Konflikt. Der anhält, mindestens bis die Frau vierzig ist, bis es für Kinder zu spät wird. Kapitel beendet, denkt man. …
SPIEGEL: Bereuen Sie Ihren Weg manchmal?
Wündrich: Nein. Ich habe verzichtet, aber nichts verpasst – das jedenfalls habe ich nach diesem Klassentreffen gelernt.

Tja. Glaube ich ihr nicht. Wenn man wirklich das Gefühl hat, nichts verpasst zu haben, dann muss man nicht unmittelbar nach dem Klassentreffen ein Buch darüber schreiben, dass man nichts verpasst hat. Und selbst wenn sie tatsächlich so fühlt, dann muss eine neue Generation wieder von Neuem anfangen, denn die „Habe nichts verpasst ohne Kinder“-Gene werden ja nicht an die nächste Generation vererbt. Man kann also durch diese einfache Überlegung bereits zeigen, dass der Wunsch nach Kindern genetisch programmiert ist – und da sich genetische Programme über Verhalten und Gefühle äußern, müssen Menschen ohne Kinder Defizite empfinden – vollkommen ohne die kulturellen Überformungen durch die Gesellschaft zu berücksichtigen.

Zum Thema passt auch sehr gut die folgende Statistik (Fruchtbarkeitsrate = Kinder je Frau, etwa bei 2,1 bleibt wegen der Kindersterblichkeit die Bevölkerungszahl ohne Zu- und Abwanderung konstant):

Link

Der amtierende, der Ex- und der Vizeexportweltmeister belegen gemeinsam die drei letzten Plätze in der Fruchtbarkeitsrate. Man muss eben Prioritäten setzen. Entweder gute Gewinne einfahren oder gute Bedingungen für Kinder schaffen. Beides gleichzeitig geht nicht, wenn man auch noch Atomkraftwerke betreiben, U-Boote verkaufen, Banken retten und die Steuern für Hoteliers senken will.

KategorienFrauen, Gesellschaft, Logik Tags:
  1. 24. August 2011, 21:19 | #1

    Treffend beschrieben! 🙂

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