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Frühjahrszeit ist Diätenzeit

Frühjahrszeit ist Diätenzeit, genau wie Januar der Monat der guten Vorsätze ist, was man an dem Gedränge im eigenen, sonst ziemlich leeren, Fitnesscenter bemerkt. Ich muss zugeben, ich war sehr skeptisch, als ich begonnen habe, das Buch „Mein Ich-Gewicht“ von Maja Storch zu lesen. Zumal die Autorin im Buch auch noch als wissenschaftliche Leiterin eines Instituts für Selbstmanagement vorgestellt wird. Der Begriff des Selbstmanagements war bei mir negativ konnotiert.

Im Buch findet sich keine einzige Formel zur Berechnung eines Idealgewichts und kein einziges Koch-, Back- oder Essenrezept. Die Autorin ist Psychologin und entwickelt in ihrem Buch eine Theorie, wie das adaptive Unbewusste und der bewusste Verstand manchmal zusammen und häufig gegeneinander im Körper arbeiten. Vielen ist der Jojo-Effekt bekannt, also die Rückkehr des alten Gewichts oder sogar dessen Überschreiten, wenn die Diät zu Ende ist, und sich der bewusste Willen und Verstand wieder anderen Dingen zuwenden. Das eigene Unbewusste hat andere Vorstellungen und wurde nicht vom Nutzen der Veränderung überzeugt.

Der interessante Kern des Buchs sind Methoden, die eigenen Wünsche und Vorstellungen mit psychologischen Methoden zu analysieren. Warum möchte man dieses und jenes erreichen, wie sind diese Ziele einzuschätzen? Ein Beispiel: Bei einer Frau stellt sich in der Analyse heraus, dass sie gerne schlank sein will, weil ihre schlanken Kolleginnen alle gegenüber Kunden so durchsetzungsfähig sind. Der Rat: Das Gewicht lieber so lassen wie es ist und auf andere Weise versuchen, die eigene Durchsetzungsfähigkeit zu verbessern.

Für mich waren die beiden Begriffe „Körperschema“ und „Körperbild“ neu:

Die eine Möglichkeit besteht darin, den eigenen Körper zu spüren und sich das, was man spürt, zu vergegenwärtigen. Gallagher nennt diese Möglichkeit das Body-Schema, das Körperschema. Die zweite Möglichkeit ist die, sich von seinem Körper ein Bild zu machen. Gallagher nennt diese Möglichkeit das Body-Image, das Körperbild. Die beiden Möglichkeiten, sich ins Verhältnis zum eigenen Körper zu setzen, haben vielfältige Auswirkungen auf die Psyche.

Der Hauptunterschied in der Erzeugung von Body-Schema und Body-Image liegt darin, dass das Body-Image gedacht wird, dass heißt, es wird vom bewussten Verstand erzeugt, während das Body-Schema gefühlt wird, das heißt, an seiner Erzeugung ist das adaptive Unbewusste zu einem wesentlichen Teil beteiligt.

Also wer sich eigentlich recht wohl in seinem Körper fühlt, aber beim Blick in eine Zeitschrift und dann in den Spiegel unzufriedener als vorher ist, der ist genau über den Gegensatz zwischen diesen beiden Schemata gestolpert. Ein daraus resultierender Versuch einer Gewichtsänderung folgt keinem eigenem, sondern einem fremden Wunsch und ist deshalb bereits vorab zum Scheitern verurteilt – das eigene Unbewusste sieht eigentlich keinen Grund für eine Veränderung, wird bereits die Aktion nach Kräften behindern und das Ergebnis alsbaldig rückgängig machen, Jojo!

Den Hauptteil des Buches bilden psychologische Methoden, die eigenen Wünsche und Vorstellungen zu analysieren und zu ändern, viel zu umfangreich und detailliert, als sie hier wiederzugeben wären. Aber sehr nützlich und auch auf völlig anderen Gebieten der Selbstmotivation anwendbar. Nur noch ein Detail: Auch bei der Formulierung seiner Ziele gibt es gute und schlechte Methoden:

Zu diesem Thema wurde in der Psychologie sehr viel geforscht, weil es sehr konsequenzenreich für die psychische Gesundheit ist. Es handelt sich hierbei darum, was jemand zum Inhalt der Absicht, die er oder sie verfolgen will, macht. Zum einen gibt es die Möglichkeit, das in Sprache zu fassen, was man anstrebt. „Ich möchte muskulöse Oberarme haben.“ Dann gibt es aber die Möglichkeit – und viele Menschen benutzen diese Variante – das in Sprache zu fassen, was man vermeiden will. „Ich möchte meine wabbeligen Oberarme loswerden.“

Im einen Fall formuliert man das, was man erreichen will, darum heißt diese Variante „Annäherungsziel“. In der Variante Annäherungsziel wird der anzustrebende Kern der eigenen Absicht in Sprache gefasst. Ein Vermeidungsziel hingegen fasst in Sprache, was vermieden werden soll, den abschreckenden Kern der eigenen Absicht. Nahezu jedes Thema, an dem Menschen arbeiten wollen, kann jeweils in beiden Varianten formuliert werden.

[Ergebnisse vieler Studien:] Menschen, die hauptsächlich mit Vermeidungszielen arbeiten, haben ein schlechteres Wohlbefinden, schlechteres Selbstwertgefühl und eine schlechtere psychische Gesundheit.

Fazit: Der Titel des Buchs ist mit „Mein Ich-Gewicht“ gut gewählt. Es gibt keine Norm, die auf alle Menschen gleichermaßen zutreffen kann. Viele Leser werden nach dem Lesen des Buchs gerade keine Diät anfangen, sondern sich zuerst einmal selbst erforschen. Welche Ursachen ihrem Wunsch nach Veränderung zugrunde liegen und ob eine Gewichtsänderung tatsächlich zur Lösung ihrer Probleme und Erfüllung ihrer Wünsche beitragen kann. Zudem bietet das Buch eine Anzahl von Anregungen und Methoden, die auch auf anderen Gebieten des Selbstmangements (ok, ich habe jetzt meinen Frieden mit diesem Begriff gemacht) nützlich sein können.

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