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Fragwürdige Früherkennung

Ich bin nicht erst durch Angelina Jolie auf das Thema „Welchen Nutzen haben Früherkennungstests?“ gestoßen. Jolie hat sich vor einiger Zeit die Brüste entfernen lassen, zu einem späteren Zeitpunkt will sie das auch mit ihren Eierstöcken tun. Es gab damals eine Reihe von zustimmenden und manchmal sogar ihren Mut und ihre Konsequenz bewundernden Kommentaren. Vor kurzem habe ich aber einen Artikel gelesen, in dem diese ihre Entscheidung mit statistischen Argumenten in Frage gestellt wurde.

Laut dem Autor ist ihr Risiko, an Brustkrebs zu sterben selbst bei ihrer hohen genetischen Vorbelastung mit oder ohne Operation etwa gleich hoch – vorausgesetzt, sie nimmt regelmäßig an Vorsorgeuntersuchungen teil. Anders sieht das mit ihrer ebenfalls bald geplanten Entfernung der Eierstöcke aus. Hier gibt es keine vernünftige Vorsorge und dort entartete Zellen findet man meist zu spät – eine Operation senkt also tatsächlich ihr statistisches Risiko.

Leider habe ich diesen Artikel jetzt nicht mehr gefunden. Aber dafür ist mir ein anderer Text wieder aufgefallen, der die Problematik an einem ganz anderen Beispiel erläutert. In Deutschland werden PSA-Tests, mit denen auf einen möglichen Prostatakrebs untersucht wird, nicht von der Krankenkasse bezahlt. In Spektrum der Wissenschaften 1/2013 ist ein Kommentar von Hans-Hermann Dubben abgedruckt, der sich auf den Artikel „Streit um die Prostata-Früherkennung“ vom Oktober 2012 bezieht:

Vielen Dank für den sehr klaren und umfassenden Artikel von Marc B. Garnick zur Früherkennung von Prostatakrebs. Zu den dort erwähnten unnötigen Eingriffen möchte ich etwas hinzuzufügen.

Auf 1400 Männer in der Screening-Gruppe kommt in der von Garnick zitierten Studie aus dem Jahr 2009 ein verhinderter Krebstodesfall. Es müssen jedoch nicht 48 Männer behandelt werden, sondern 116; in der Kontrollgruppe sind es nur 68. Die Differenz, 48 Männer, sind so genannte Überbehandlungen. Diese Männer hätten, wenn sie in der Kontrollgruppe gewesen wären, zeitlebens keine Prostatakrebssymptome verspürt, und schon gar nicht wären sie an Prostatakrebs gestorben. Durch das Screening werden jedoch Tumoren gefunden, die keiner Behandlung bedürfen, sich aber von bösartigen nicht unterscheiden lassen. 40 dieser 48 Männer werden unnötig operiert oder bestrahlt. Ihnen wird mit Sicherheit Schaden zugefügt; einen Nutzen im Sinn von geringerer Prostatakrebsmortalität haben sie nicht.

Da wesentlich mehr Männer geschädigt als »gerettet« werden, ist der Schaden durch Screening statistisch sehr gut belegt, der Nutzen ist nach wie vor strittig. Zu beachten ist auch, dass der verhinderte Todesfall erst nach zehn oder mehr Jahren aufgetreten wäre (an Prostatakrebs Verstorbene sind im Mittel etwa 80 Jahre alt); die Überbehandlungen finden aber fast unmittelbar während der Screening-Phase statt.

Nochmals mit anderen Worten: Auf einen verhinderten Krebstodesfall kommen mindestens 40 Männer, die geschädigt wurden, aber die Illusion haben, die Früherkennung hätte ihr Leben verlängert. Auch die außerhalb von Studien gewonnene ärztliche Erfahrung wird durch diese irrtümlich dankbaren Patienten geprägt.

Die Schwierigkeit besteht darin, dass Statistiken immer an einer großen Zahl von Personen gewonnen werden, jeder Mensch hat aber nur ein Leben. Wie verhält man sich, wenn man durch Recherchieren oder vom Arzt von einer möglichen Vorsorgeuntersuchung erfährt oder im Falle von Angelina Jolie von einem persönlichen Risiko? Die meisten Menschen werden sich wohl für ein schnelles Handeln entscheiden, weil sie die sonst verbleibende Unsicherheit über ein bestehendes Risiko nicht lange ertragen können.

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