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Entwicklungsstufen

Von Zeit zu Zeit grüble ich darüber nach, wie die Zukunft aussehen könnte, nicht unbedingt meine eigene oder die der Menschheit, sondern mehr generell die ferne, die sehr ferne Zukunft. Vor kurzem wurde dieses Nachdenken durch Andreas Eschbachs Buch Exponentialdrift wieder wach gerufen. Um meine aktuellen Gedanken besser zu verstehen, zunächst ein Blick in die Vergangenheit und ein Analogiebeispiel.

Die Wissenschaft ist heute der Ansicht, dass unser Universum aus einem räumlich sehr kleinen und sehr heißen Urzustand entstanden ist und sich alle heute vorhandenen Strukturen während der folgenden Ausdehnungs- und Abkühlungsphase gebildet haben. Nehmen wir zunächst die Evolution der Pflanzen und Tiere auf der Erde. Gibt es erst einmal Lebewesen, dann lässt sich deren Anpassung an eine sich verändernde (belebte und unbelebte) Natur mit nur drei Prinzipien beschreiben:

  1. Vermehrung (und Tod) der Lebewesen (Pflanzen, Tiere, …).
  2. Variation der Nachkommen.
  3. Konkurrenz und Auswahl der am besten angepassten von ihnen.

Im Allgemeinen wird der Gedanke abgelehnt, dass dabei eine Zielgerichtetheit dieses Prozesses vorhanden ist. Tatsächlich erscheinen die erkannten Mechanismen als nicht gesteuert und es gibt nicht nur Höherentwicklung im Verlauf der Evolution. Zum Beispiel haben die Schwämme im Meer ihr Nervensystem wieder verloren, weil sie es in ihrer Umwelt nicht mehr benötigen. Ihre Vorfahren, Plattwürmer, haben noch eines besessen. Trotzdem ist es aber so, dass es heute komplexere Lebensformen als früher gibt, schließlich hat alles irgendwann mit Einzellern begonnen. Natürlich ist dieser Gedanke angreifbar, denn dahinter steckt das anthropische Prinzip: Wenn es uns nicht gäbe, könnten wir nicht darüber nachdenken, dass und warum es uns gibt.

Wenn sich Organismen einerseits durch evolutionäre Mechanismen verändern und andererseits aus unbelebter Materie entwickelt haben sollen, dann lohnt es sich, nach der Evolution vergleichbaren Vorgängen auch in der unbelebten Natur zu suchen. Tatsächlich wurden dort inzwischen eine Reihe von Selbstorganisationsprozessen gefunden. Auch hier ist es so, dass offenbar einige sehr einfache Prinzipien ausreichen, um im Verlauf der Zeit zu bemerkenswert komplexen Strukturen zu kommen – wobei allerdings auch hier die Frage offenbleibt, ob die (von uns gefundenen) Prinzipien hinreichend und nicht bloß notwendig sind, und ob sie nicht nur so einfach erscheinen, weil wir zu einer komplexeren Betrachtung (noch?) nicht in der Lage sind.

Spätestens mit unserem Erscheinen als Wesen, die sich ihrer selbst bewusst sind, über sich und das Universum nachdenken können, wird die Frage nach einer inhärenten Teleologie deutlich schwieriger. Es macht mir immer viel Spaß, andere mit dem folgenden Trilemma zu konfrontieren:

  1. Die Natur verfolgt keine Ziele.
  2. Menschen sind ausschließlich Teil der Natur.
  3. Menschen verfolgen Ziele.

Mindestens eine der drei Aussagen muss falsch sein. Einige Naturwissenschaftler stellen heute den freien Willen in Frage, damit würde die dritte Aussage obsolet – was aber sehr stark unserer Alltagserfahrung widerspricht. Mehr religiös veranlagte Menschen werden vermutlich eher die zweite Aussage bezweifeln. Wie wenig sich aus unserer beschränkten Perspektive eine Aussage zur Teleologie treffen lässt, das zeigt vielleicht das folgende, bereits angekündigte Analogiebeispiel:

Angenommen, am Waldrand lebt schon immer eine ganz bestimmte Art kleiner Schnecken. Aber das Schicksal dreier Schnecken, die aus einem gemeinsamen Gelege stammen und zunächst den gleichen Plan verfolgen, verläuft völlig unterschiedlich.Die Grenze zwischen dem Wald und einem anliegenden Gartenverein bildet ein schmaler, in der Sonne liegender Weg. Die erste der drei Geschwister, die versucht, den Weg zu überqueren, macht in der Mittagshitze rasch kehrt und ernährt sich den Rest ihres Lebens mehr schlecht als recht von den Wildkräutern, die am Waldrand wachsen und die schon ihre Vorfahren gern gefressen haben.

Die beiden anderen erreichen den gegenüberliegenden Rand des Weges und gelangen in zwei unterschiedliche Gärten. Die zweite hat das Pech, in den Garten eines erbosten Gartenbesitzers zu gelangen, der sich der immer zahlreicher erscheinenden Schnecken mit Schneckenkorn zu erwehren sucht. Erschöpft von der langen Reise frisst sie gierig von dem Korn und stirbt rasch. Die dritte der drei Geschwister hat mehr Glück. Ihr ergeht es wie im Paradies, denn dieser Garten wird von seinem Besitzer etwas vernachlässigt und sie kann sich in ihrem, im Vergleich zu dem der Gartenbesitzer, sehr kurzen Leben, immer richtig satt fressen.

Wenn diese Schnecken einerseits so wie wir zur Selbstreflexion fähig wären und andererseits ihre Situation bezüglich des Waldes, des Weges, der Gärten und ihrer Besitzer nicht verstehen könnten, was würden sie dann wohl denken? Entweder würden sie es als Schicksal, also eher als Zufall, oder als Ergebnis ihres zielgerichteten Handelns interpretieren. Oder sie würden, so wie viele Menschen, religiöse Vorstellungen entwickeln, in denen höhere Mächte ihnen entweder wohlgesonnen, gleichgültig oder feindlich gegenüberstehen.

Wenn wir in Analogie zu diesem Beispiel uns als die „Schnecken“ betrachten und die Menschen entweder als unsere fernen Nachfahren oder als bereits existierende Wesen im Universum, was könnten wir über sie wissen? Nicht viel, da wir ja uns in unseren Vorstellungen und Erwartungen nur an dem orientieren können, was wir bereits wissen. Genau mit diesem Wissen möchte ich jetzt ein wenig über mögliche weitere Entwicklungsstufen spekulieren.

I. Bereits heute zeichnet sich ab, dass wir den genetischen Kode verstehen werden und manipulieren können. Ähnliches wird uns sicherlich auch in der unbelebten Natur gelingen, wo wir mittels Nanotechnologie einzelne Atome manipulieren können werden und gezielt an gewünschte Stellen bugsieren. Am Ende dieser Entwicklung werden wir in der Lage sein, beliebige Gegenstände und (auch bewusste) Wesen, die auf der einen Seite niemals von der natürlichen, biologischen Evolution und durch Selbstorganisationsprozesse erschaffbar sind, und für die auf der anderen Seite nur die Beschränkungen bestehen, die uns physikalische und chemische Gesetze auferlegen. Was spricht z.B. dagegen, Wesen zu entwickeln oder uns selbst so zu verändern, dass wir ohne Raumschiffe mehrere Millionen Jahre durch den offenen Weltraum reisen können zu anderen Sternen oder Galaxien? Nichts.

II. Wenn heute über Zeitreisen fabuliert wird, dann stößt man unweigerlich auf die Beschreibung zahlreicher Paradoxa. Die meisten sind Variationen eines Klassikers: Man reist in die Vergangenheit und ermordet einen seiner eigenen direkten Vorfahren, bevor dieser zur Zeugung schreiten konnte. Das spricht dafür, dass die uns heute bekannte, lineare und eindimensionale Zeit mit diesem Konzept von Zeitreisen nicht kompatibel ist. In vielen Zeitreisegeschichten werden die Paradoxa dadurch aufgelöst, dass sich mit dem geänderten Ereignis in der Vergangenheit eine neue Weltlinie öffnet, eine Parallelwelt zu unserer eigenen.

Am einfachsten lässt sich eine unendliche Vielfalt gleichzeitig (blödes Wort, hier zeigt sich die Begrenztheit unserer Sprache) existierender eindimensionaler Weltlinien mathematisch dadurch beschreiben, dass die Zeit einen mehrdimensionalen Charakter annimmt. Paradoxa lösen sich dann auf, Veränderungen, die in einer eindimensionalen Zeit paradox erscheinen, sind dort einfache Verschiebungen in der Zeit, so wie sie im Raum schon immer ganz natürlich sind. Moderne Konzepte in der Physik wie die Vieleweltentheorie oder die Stringtheorie liefern zumindest gedankliche Anhaltspunkte dafür, dass die Welt vielleicht nicht einfach aus drei Orts- und einer Zeitkoordinate besteht. Auch die Penrose-Treppe ist ein Beispiel dafür, wie eine Änderung der Dimensionszahl ein Paradoxon hervorrufen kann, siehe Bild rechts.

Welche Auswirkungen es hat, wenn man die Zeit manipulieren kann, lässt sich nicht sagen. Alle Begriffe, die Zeitlichkeit implizieren, verlieren dann ihre Bedeutung. Welche Bedeutung das haben kann, zeigt vielleicht der übernächste Abschnitt.

III. In modernen Teilchenbeschleunigern können Teilchen nachgewiesen werden, die unter den üblicherweise in unserer Umgebung herrschenden Bedingungen nicht existieren und sofort nach ihrer Erzeugung wieder vernichtet werden. Könnte man die für ihre Existenz notwendigen Bedingungen länger aufrecht erhalten, würde unser Universum (oder ein so geschaffenes Universum) völlig andere Eigenschaften besitzen. Was spricht dagegen, dass unsere fernen Nachfahren über Möglichkeiten verfügen, völlig neue Teilchen mit völlig neuen Eigenschaften zu erschaffen oder sogar völlig neue Universen mit von ihnen erdachten und geplanten Eigenschaften? Was, wenn am Beginn unseres Universums genau ein solcher Schöpfungsakt gestanden hätte? Wir können diese Idee natürlich nicht prüfen, heute jedenfalls nicht, deshalb kann sie auch kein ernsthaftes Thema der Naturwissenschaften sein.

IV. Meine Lieblingshypothese ist seinerzeit von Frank Tipler und seinem Buch Die Physik der Unsterblichkeit inspiriert worden. Sie verknüpft die Thesen aus den Punkten II und III miteinander und mündet – natürlich – in einem Paradoxon: Was, wenn unsere fernen Nachfahren in der Zukunft über die Möglichkeiten der Manipulation der Zeit und der Materie verfügen werden, an den Beginn der Zeit reisen und dort genau das Universum erschaffen, dass sie Äonen später hervorbringen wird – wo sie den Kreis schließen können? Noch genauer betrachtet, müssten sie nicht zum Beginn der Zeit reisen, sondern sie wären ja schon immer dort gewesen. Und auch diesen Text hätten sie schon gekannt, bevor ich ihn aufgeschrieben habe. Eine etwas seltsamer Gedanke, nicht wahr?

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  1. 24. Juli 2014, 22:00 | #1

    Die Zukunft der Menschheit ist eine Frage, die auch mich schon lange beschäftigt.

    Interessant, auch wenn sich das Modell sicher kontrovers diskutieren lässt, finde ich in diesem Zusammenhang dies:
    http://www.n24.de/n24/Nachrichten/n24-netzreporter/d/4455836/die-menschheit-ist-am-ende.html

  2. 27. Juli 2014, 14:18 | #2

    @Seelenlachen
    Ich bin nicht so pessimistisch. Der Grund liegt vor allem in zwei Aspekten, den die NASA-Wissenschaftler übersehen haben:
    1. Die früheren Hochkulturen sind untergegangen, weil sie nicht wussten, dass man untergehen kann. Dieses Wissen haben wir jetzt.
    2. Erkenntnisse über Mechanismen in der Gesellschaft führen dazu, dass sich Gesellschaften ändern. Das unterscheidet gesellschaftliche „Gesetze“ von Naturgesetzen.

    Ansonsten ist es natürlich eine Binse, dass man aus der Erkenntnis, dass jeder einzelne Mensch sterben wird, auch schlussfolgern kann, dass die Menschheit als Ganzes aussterben kann. Nur kann man keine Wahrscheinlichkeit und keinen Zeitrahmen angeben, weil solche Aussterbeereignisse selten sind, dort kann man eine gewöhnliche Statistik nicht anwenden. Folglich gibt eine optimistische oder pessimistische Prognose nur den subjektiven Standpunkt einer Person oder Gruppe wieder.

    Für gut möglich halte ich es, dass es in der Zukunft erhebliche „Zivilisationsdellen“ geben kann. So etwas beschreibt Jared Diamond in seinem Buch, siehe unten. So etwas gab es in Europa z.B. in den Pestzeiten im Mittelalter. Heute können derart gravierende Ereignisse wieder auftreten, aber aus anderen, uns noch nicht bekannten Gründen. Oder uns trifft ein Sonnensturm, ein Asteroid, oder irgend jemand drückt auf den berühmten roten Knopf. Alles möglich, aber für unsere Spezies nicht unbedingt tödlich.

    Ich habe vor inzwischen sieben Jahren hier über zwei Bücher geschrieben, die zum Thema passen:
    http://kwakuananse.de/http:/kwakuananse.de/archives/alan-weisman-die-welt-ohne-uns/
    http://kwakuananse.de/http:/kwakuananse.de/archives/jared-diamond-kollaps/

  3. 27. Juli 2014, 20:25 | #3

    Ich muss gestehen, dass ich lange Zeit sehr pessimistisch war, was die Zukunft der Menschheit anbelangt. Das ich es nicht mehr bin, liegt an dir.

    Seitdem ich das Abitur und somit die nötige Zeit habe, sitze ich fast täglich mindestens eine Stunde vor deinem Blog und lese mich vom Mai 2003 „vorwärts.“ Die Bücher im Regal drohen zu verstauben, aber ich entdecke in deinem Blog einfach zu viele Themen, die mich interessieren. Neben dem Themenspektrum und der verständlichen Sprache gefällt mir auch, dass mir bei dir eine ganz andere Herangehensweise bei Fragen auffällt, als das ich sie habe. So lerne ich oft Dinge, über die ich schon öfters nachgedacht habe, aus anderen Augen zu sehen.

    Nimm das als aufrichtiges Lob und Motivation so weiterzumachen! Ich lese immer mal wieder in ein Blog rein, außer dir hat mich bis dato keiner dazu gebracht ihn von Anfang an (bis auf einigen Ausnahmen) systematisch durchlesen zu wollen.

    Was mich darüber hinaus bezüglich der menschlichen Zukunft optimistisch stimmt, ist die soziokulturelle Evolution des Menschen. Der Mensch ist eben nicht nur ein Affe, der vor ein paar tausend Jahre sein Fell verloren hat. Sinnlich-ästhetisch, intellektuell und moralisch haben wir uns in den letzten Jahrtausenden, ganz stark in den letzten 250 Jahren, stark weiterentwickelt. So war im antiken Griechenland das Halten von Sklaven eine Selbstverständlichkeit, ja selbst meine Großmutter meint, dass Tiere keine Seele und folglich keine Gefühle hätten. Mir, der nur zwei Generationen nach ihr steht, kommt solch eine Einschätzung bereits überholt und die Frage, ob man Tiere essen darf hingegen hoch aktuell vor. Die sich mir stellende Frage ist, ob das weltweit wachsende Kollektivbewusstsein und daraus entstehende kollektive Bewusstsein für die globalen Probleme mit diesen mithalten kann oder wir transhumanismustische Methoden o.ä. zurückgreifen sollten?

  4. 29. Juli 2014, 16:35 | #4

    @Seelenlachen
    Danke für das Kompliment, das ich im übrigen gern zurückgebe! Es hat mich sehr verblüfft, in deinem Blog viele Themen wiederzufinden, mit denen ich mich auch beschäftigt habe. Ich dachte lange, ich bin (fast) der Einzige, der sich mit solcherlei und vielerlei herumschlägt. Ich habe etwa 10 Jahre gebraucht, um in etwa auf den Wissensstand zu kommen, den ich heute habe. Du hast das in sehr viel kürzerer Zeit geschafft.

    Was die Zukunft der Menschheit betrifft, „Durchwursteln“ trifft die bisherige Geschichte wohl am besten. Katastrophen gab es immer, aber niemals für die gesamte Spezies – klar, sonst könnten wir heute nicht darüber reden. Eine Garantie für die Zukunft kann keiner geben und zivilisatorische Dellen sind sicher unvermeidlich, aber ich sehe jedenfalls kein Phänomen mit relativ großer Wahrscheinlichkeit, das uns von der Erde tilgen könnte. Bis jetzt standen immer größer werdenden Problemen auch größer werdende Möglichkeiten gegenüber, ihnen zu begegnen. Das könnte so weitergehen.

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