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Eklat bei der Schach-WM in Elista

Die Schachwelt lebt seit langem mit Verhältnissen, die ans Profiboxen erinnern. Kasparov hatte seinerzeit eine Revolte gegen die Fide, die internationale Schachorganisation, angezettelt und eigene Weltmeisterschaftskämpfe ins Leben gerufen. Er hatte damals Zoff mit dem Chef der Fide, zum einen weil die Fide ein Mauschelverein der schlimmsten Sorte ist, zum anderen weil Kasparov selbst ein Egomane war (ist) und glaubte, so mehr Geld verdienen zu können.

Folglich gab es lange Zeit zwei Weltmeister gleichzeitig. Derzeit sind das der Russe Vladimir Kramnik und der Bulgare Veselin Topalov. Nach jahrelangem Tauziehen und Feilschen findet derzeit ein Vereinigungskampf zwischen beiden Weltmeistern in Elista statt. In Zukunft soll es nur noch eine Weltmeisterschaft und einen Weltmeister geben.

In schöner Tradition zu alten Zeiten hat jetzt auch diese WM ihren eigenen Eklat. Topalovs Mannschaft hat Überwachungsbänder der Ruhe- und Toilettenräume ausgewertet und ausgerechnet, dass Kramnik während einer Partie ungefähr 50mal aufs Klo geht. Viele Meisterschaftsspieler werden erhöhten Stuhl- und Harndrang während einer Partie bestätigen können. Hier zeigt sich ein uralter physiologischer Effekt: Vor dem Kampf ist es von Vorteil sich zu erleichtern, man macht sich dann in der Hitze des Gefechts nicht mehr so leicht in die Hose.

Noch ist es absurd anzunehmen, dass ein Topspieler wie Kramnik während seiner Absenzen einen Minicomputer aus der Hosentasche zaubert, um Topalovs und seine eigenen Züge auf taktische Löcher zu überprüfen, soo gut sind die Kleinstrechner noch nicht, aber historische Parallelen findet man auch in der Vorcomputerzeit: Kortschnoi war es wohl, der, mit einem Geigerzähler ausgerüstet, die Hypothese prüfen wollte, die Russen würden ihn mit einer Strahlenwaffe vergiften. Sonnenbrillen und Schirmmützen sind bis hinunter in die Kreisliga häufiger zu sehen, um dem stechenden Blick des Gegners auszuweichen. Auch Parapsychologen und Gedankenleser gehören oft zum erweiterten Betreuerstab bei höherklassigen Wettbewerben.

Bei Chessbase findet man eine ausführliche Berichterstattung zum aktuellen Fall. Ich bin sehr gespannt, wie die Geschichte weitergehen wird. Sehr unterhaltsam ist es auch für Nichtschachspieler.

Kommentare

steppenhund 09/30/2006 09:54:28 PM

danke für diesen informativen Beitrag. Theoretisch wäre es möglich, dass er am Häusl Funkkontakt aufnimmt, aber ich würde es nicht von vornherein unterstellen.
50 mal wäre ja durchschnittlich einmal pro Zug. Theoretisch wäre ja nicht notwendig, wirklich Varianten zu übermitteln. Es würde vielleicht reichen, wie die positionelle Einschätzung von ein paar guten Kollegen ist.
Erfahrungsgemäß sehen „unbeteiligte“ Kibitze ja wirklich mehr.
Oder es reicht, vor Fallen gewarnt zu werden.
Ich denke mir nur, dass es auch ohne Überwachung auffallen müßte. Nehmen wir einmal an 2,5 Stunden für 40 Züge. Er würde in der zeit 40 Mal aufs Klo gehen, das wäre alle 7 Minuten einmal. Das würde ja schon am Spieltisch auffallen, oder?

darkrond 10/01/2006 03:13:47 AM

man mag ja von kramnik halten was man will, aber diese misstrauenskultur, die schon vor kasparows sezession existierte, stößt nicht nur mich seit jahren ab. ich für meinen teil z.b. fand es immer sehr angenehm, wenn ich während eines spieltages einen ort zum abschalten haben konnte. abschalten kann ich wie viele andere am besten, wenn ich allein bin und meine ruhe haben. das ist toll, um ein bisschen runterzukommen und sich dann wieder besser konzentrieren zu können. wahrlich beschissener weise ist bei wettkämpfen oft das klo der einzige ort, an dem man dieses alleinsein bekommen kann. ich fände es viel besser, wenn es einenn kleinen wald, park oder wenigstens garten gäbe, in dem man als spieler ohne begaffung von außen ein bisschen spazieren und seinen kopf auslüften könnte. aber bereits der gedanke ist heutzutage leider purer luxus. :/

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