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Eine Schwangerschaft und zwei Geburten

Einer meiner Kollegen ist Vater geworden. Seiner Frau sah man die Schwangerschaft in der letzten Zeit deutlich an, bereits im siebten Monat fragte man sich besorgt, wie groß das Kind denn noch werden wolle. Es kam dann auch zwei Wochen zu früh, ist aber kerngesund und die Geburt fiel der Erstgebärenden vergleichsweise leicht. Nach dreieinhalb Stunden war das kleine Mädchen da. Inzwischen sind Mutter und Tochter bereits zu Hause, die Frau heult ab und zu, ein typischer Fall von nachgeburtlicher Depression, weil Östrogen und Progesteron heruntergefahren werden. Aber Schlafmangel soll ja gut gegen Depression sein, und den haben mein Kollege und seine Frau jetzt reichlich.

Die zweite Geburt war ungewöhnlicher. Als ein Vater mit seiner offensichtlich sehr aufgewühlten Tochter telefonierte, fragte er sie halb im Scherz: „Es hat wohl geklappt und du bist schwanger?“ Darauf antwortete sie: „Das Kind ist schon da.“ Sie war mit heftigen Unterleibsschmerzen zum Arzt gegangen, nach kurzer Untersuchung stutzte dieser und rief einen Gynäkologen herbei. Gemeinsam machten sie der Frau begreiflich, dass die Wehen bereits eingesetzt hatten. Auch dieses Kind ist gesund.

Weil mir diese Geschichte so unglaublich vorkam, auch wenn der Mann sie mir persönlich erzählt hat und ich die junge Frau kenne, habe ich im Netz gesucht und das Folgende gefunden:

Unbemerkt schwanger bis zur Geburt
Jan Wessel und Ulrich Buscher von der Berliner Humboldt-Universität haben zwischen dem 1.Juli 1995 und dem 30. Juni 1996 alle 19 Geburtskliniken und fünf Hebammenhäuser im Großraum Berlin auf Fälle untersucht, in denen Patientinnen ihre Schwangerschaft nicht bemerkt haben und die Diagnose erst in der 20. Schwangerschaftswoche oder später von einem Arzt gestellt wurde.

Von den 29.462 in diesem Zeitraum gebärenden Berliner Frauen waren sich 62 ihres Zustands bis zur 20. Woche nicht bewusst, 25 von ihnen erfuhren von der bevorstehenden Geburt gar erst im Kreißsaal. Durchschnittlich wird also eine von 475 Schwangerschaften von den Betroffenen bis zuletzt nicht wahrgenommen.


Etwa eine von tausend Geburten bedeutet grob überschlagen für eine Stadt von 25.000 Einwohner und bei einer Lebenserwartung von 75 Jahren einen Fall in drei Jahren. Inzwischen habe ich weitere Informationen gesucht und noch ungewöhnlichere Fälle gefunden:

  • Eine Frau, die bereits zwei Kinder hatte, brach auf der Arbeit mit starken Schmerzen zusammen. Der herbeigerufene Arzt ertastete eine große harte Geschwulst im Bauchraum und schaffte die Frau für eine Notoperation in die Klinik. Dort erwies sich der riesige Tumor als ihr drittes Kind.
  • Eine Frau ging wegen starker „Blähungen“ auf die Toilette. Dort erlitt sie eine Sturzgeburt, die im wörtlichen Sinn in die Hose ging.
  • Eine Frau bemerkte ihre Schwangerschaft erst weit nach der 20. Schwangerschaftswoche, als das Kind sich zu bewegen begann. Ihre Periode hatte bis dahin nicht ausgesetzt, weil sie, wie man nachträglich feststellte, einen zweigeteilten Uterus besitzt. Sie nahm in der unbemerkten Schwangerschaft weiterhin die Pille, und die hormonellen Schwankungen sorgten im unteren Teil des Uterus weiter für die Regelblutungen.

Bis jetzt hätte ich nur gedacht, dass man eine Schwangerschaft verdrängen kann, weil man sie nicht (wahr)haben will. Aber das traf in allen vier hier geschilderten Fällen offenbar nicht zu.

KategorienAlltag, Frauen, Medizin Tags:
  1. Ananse
    13. Mai 2013, 14:13 | #1

    In SPON findet sich zu diesem Thema ein Artikel: Unbemerkt schwanger: „Wie, du kannst da ’nen Kopf sehen?“

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