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Eigenschaften nicht existierender Dinge

Bis jetzt hatte ich angenommen, dass nichtexistente Dinge keine Eigenschaften haben können, aber so einfach ist das offensichtlich nicht. Für mich war es z.B. sinnlos, mich über den Widerspruch der drei Eigenschaften „Allmacht“, „Allwissenheit“ und „Allgüte“ aufzuregen, wenn man berechtigterweise annehmen kann, dass derjenige, dem diese Eigenschaften zugeschrieben werden, nicht existiert. In „Hohe Luft“ 1/2013 habe ich jetzt aber in dem Text „Die Energie, die es nicht gibt“, einige interessante Gedanken gefunden.

Die Vorstellung, jede Rede über nicht existierende Dinge sei sinnlos, entspringt der Vorstellung, dass Sprache ihren Sinn durch eine Beziehung zur Außenwelt bekommt: zum Beispiel durch die Beziehung zwischen einem Wort und dem Gegenstand, den es bezeichnet. Oder durch die Beziehung zwischen einem Gedanke im Kopf eines Menschen und einer Tatsache in der Welt. Und für eine Beziehung ist es nun einmal unerlässlich, dass die Dinge existieren, zwischen denen sie besteht. Ich kann fragen, wie weit es noch bis Schloss Neuschwanstein ist. Aber nicht, wie weit es noch bis Schloss Hogwarts ist – der Schule für Zauberei in den Harry-Potter-Romanen.


Das Interessante ist jetzt, dass man für die Aussage „Bis Schloss Neuschwanstein sind es noch 25 km“ herausfinden kann, ob sie war oder falsch ist. Dieselbe Aussage für eine Entfernungsangabe bis zum Schloss Hogwarts ist aber weder wahr noch falsch???

Im Artikel wird dann als Beispiel gebracht:

J.K.Rowling schrieb in voller Absicht über eine Illusion. Sie hatte eine sehr genaue Vorstellung darüber, wie Hogwarts aussieht. Vielleicht stellte sie sich vor, dass das Schloss 21 Türme hat. Diese Vorstellung ist weder wahr noch falsch. Es trifft weder zu, dass Hogwarts genau 21 Türme hat, noch dass Hogwarts mehr oder weniger als 21 Türme hat – weil Hogwarts nicht existiert.

Als Quintessenz des Textes kann dann gelten:

Etwas kann sinnvoll sein, ohne wahr oder falsch zu sein. Wissenschaftliche Theorien wollen wahr sein. Romane wollen sinnvoll sein. Konflikte entstehen, wenn diese Kategorien durcheinandergebracht werden. Das geschieht häufig bei der Lektüre der Bibel: Manche suchen Wahrheit in ihren Texten. Andere suchen Sinn darin. Das muss man klären, bevor man zu streiten beginnt.

Eigentlich ist alles noch komplizierter, als es in dem verlinkten Text dargestellt wird. Im ersten Zitat wurde zum Beispiel konstatiert, dass es für eine Beziehung notwendig sei, dass die Dinge existieren, zwischen denen sie besteht. Gilt das nur in eine Richtung? Wenn nein, dann kommt den Wörtern eine ebensolche Existenz zu wie den Gegenständen, die sie bezeichnen. Und wie ist es mit den Relationen zwischen Wörtern? Wenn diese Wörter Stellvertreter von Gegenständen sind, könnte man sich noch so herausmogeln, dass der Wahrheitswert der Relation der Wahrheitswert der Relation zwischen den Gegenständen ist, z.B. „dieser Gegenstand ist größer als jener“. Was aber, wenn es diese Gegenstände nicht gibt, z.B. weil die Wörter Zahlen darstellen? Hier gibt es keine Gegenstände mehr.

  1. Ananse
    18. Dezember 2012, 19:39 | #1

    Ich hatte denselben Text noch in einem Diskussionsforum gepostet, dort kamen eine Reihe interessanter Anmerkungen.

    Auf den Satz

    Bis jetzt hatte ich angenommen, dass nichtexistente Dinge keine Eigenschaften haben können, aber so einfach ist das offensichtlich nicht.

    kam der Kommentar:

    1. Ja, fiktive Dinge haben keine Eigenschaften. Heißt: Die Eigenschaften fiktiver Dinge sind ebenfalls fiktiv. Harry Potter hat ne Narbe. Jene existiert nicht.

    2. Fiktive Dinge haben keine Eigenschaften. Reale Dinge haben auch keine. Die Aufteilung in Objekt und Eigenschaft ist rein sprachliche Relation, die auf der Objektebene nicht vorhanden ist.

    3. Fiktive Dinge haben Eigenschaften. Aussagen über diese können wahr oder falsch sein. Wahrheit ist üblicherweise Entsprechung zwischen Aussage und realer Welt. Allerdings kann man auch den Referenzrahmen ändern hin zu irgendeiner beliebigen möglichen Welt. Verifikation geschieht dann nicht empirisch, sondern durch Vergleich mit den kanonischen Darstellungen der Welt. Z.B. ist der Satz „Sauron war der böse Herrscher von Mordor“ richtig, während „Meriadoc Brandybock war der Ringträger“ falsch ist.

    Das bedeutet offensichtlich, dass es vom Referenzrahmen abhängt, wie eine Aussage zu bewerten ist. Man kann Aussagen tätigen, die Zusammenhänge zu realen Dingen herstellen. Der Wahrheitswert bemisst sich dann daran, ob die Widerspiegelung richtig ist oder nicht. Wählt man aber einen Referenzrahmen, der nur erdachte Dinge enthält, dann wird mit dem Wahrheitswert der Aussagen die logische Widerspruchsfreiheit zwischen den erdachten Dingen gemessen.

    Und der Absatz

    Und wie ist es mit den Relationen zwischen Wörtern? Wenn diese Wörter Stellvertreter von Gegenständen sind, könnte man sich noch so herausmogeln, dass der Wahrheitswert der Relation der Wahrheitswert der Relation zwischen den Gegenständen ist, z.B. „dieser Gegenstand ist größer als jener“. Was aber, wenn es diese Gegenstände nicht gibt, z.B. weil die Wörter Zahlen darstellen? Hier gibt es keine Gegenstände mehr.

    wurde von einem Wittgensteinianer kommentiert mit:

    Klingt nach dem alten Testament meines Säulenheiligen. Im neuen Testament kommt man nicht in solche Schwierigkeiten – das Wörtchen „existieren“ hat in verschiedenen Sprachspielen halt verschiedene Verwendungsweisen (oder wie Hirni schrub: verschiedene Referenzrahmen), ohne dass daran irgendwas mysteriös wäre.

    Eine Comicfigur X ist in gewissen Sprachspielen klar nichtexistent, da im Gegensatz zu Dir und mir kein reales Wesen. In anderen Sprachspielen ist sie klar existent, z.B. wenn im Rahmen eines Quiz gefragt würde, welche der Comicfiguren X Y Z tatsächlich existierte (und Y und Z nur für das Quiz ausgedacht wurden). Die Comicfigur kann einen imaginären Freund haben, der auch in der Comicwelt nicht existiert (es sei denn man vergliche ihn mit potentiellen, im Comic nicht erwähnten imaginären Freunden), wohl aber in der Fantasie von X – oder sogar ein Zwischending daraus, wie bei Calvin und Hobbes. Und all diese eingeschränkt existenten Entitäten können diverse Eigenschaften haben, und das Wörtchen „Eigenschaft“ hat in diesen Sprachspielen ebenfalls unterschiedliche Verwendungsweisen.

    Die Frage, ob nichtexistente Dinge Eigenschaften haben oder nicht, könnte man mit einer der hilfreichsten Weisheiten des neuen Testaments beantworten:

    Zitat von Ludwig Wittgenstein, PU §79

    Sage, was du willst, solange dich das nicht verhindert, zu sehen, wie es sich verhält. (Und wenn du das siehst, wirst du manches nicht sagen.)

    Mein Fazit war daraufhin:

    Mir erscheint der wesentliche Unterschied vielmehr zu sein, dass es manche Begriffe gibt, die auf Tatsachen der äußeren Welt verweisen, während andere das nicht tun. Die Überprüfung von Theorien, die mit Begriffen jeweils dieser beiden Kategorien arbeiten, verläuft unterschiedlich: Von denen mit äußerer Referenz verlangt man die Übereinstimmung mit den Tatsachen der äußeren Welt, also Wahr-Falsch-Aussagen, die anderen müssen lediglich in sich widerspruchsfrei sein.