Home > Alltag, Reiseberichte > Ecuador 1/3: Akklimatisation

Ecuador 1/3: Akklimatisation

Anfang 1995 hörte ich im Studentenclub einen Vortrag über Ecuador. 3 Studenten waren dorthin gefahren, hatten ein paar Berge bestiegen, waren im Urwald gewesen und zeigten tolle Bilder von ihrem Urlaub. Außerdem war der Bruder eines guten Freundes ein halbes Jahr in Südamerika gewesen. Mein Arbeitskollege und Freund Ingo und ich waren zu dieser Zeit auf der Suche nach einem Reiseziel in dieser Gegend. Als wir ihn befragten, welches Land er uns empfehlen würde, antwortete er spontan: Ecuador. Ein kleines und überschaubares Land mit hohen Bergen, einem Anteil Regenwald und relativ stabilen politischen Verhältnissen. Das Land verdankt seinen Namen dem Äquator, der es durchschneidet, außerdem gehören die Galapagosinseln dazu.

Südamerika mit Ecuador und Galapagos

Wir waren sofort Feuer und Flamme. Unsere ersten Recherchen ergaben, dass die Zeit des Jahreswechsel für die meisten Berge das beste Wetter bietet. Bei einer Lage in der Nähe des Äquators ist es zwar immer gleichmäßig warm, aber die Niederschläge wechseln im Laufe des Jahres und sind wegen der Berge der Anden im ganzen Land ziemlich uneinheitlich verteilt. Ein Aufenthalt über den Jahreswechsel hatte zudem den Vorteil, dass man den Urlaub zweier Jahre koppeln konnte. Wir kümmerten uns zunächst um die Flugtickets, sieben Wochen waren geplant, meldeten uns zum Alpintraining bei der Klettergruppe der Hochschule an, nahmen ein regelmäßigeres sportliches Training auf und begannen, Reiseführer zu wälzen und Pläne zu schmieden.

Ein knappes Jahr später, Ende November 1995, flogen wir von Frankfurt nach Miami und von dort weiter nach Quito, der Hauptstadt Ecuadors. Da sich bei einem Flug nach Amerika der Tag verlängert, trafen wir noch am Abend desselben Tags dort ein. Eine Liste mit den laut Reiseführern billigsten Hotels der Stadt in der Hand, stiegen wir ins nächstbeste Taxi ein, froh, dass unser Gepäck vollständig mit uns eingetroffen war, nichts fehlte und wir keine Schwierigkeiten mit der Immigrationsbehörde der USA hatten, die schon damals äußerst merkwürdige Fragebögen ausfüllen ließ.

Gleich im ersten Hotel von Quito wurden wir uns mit der Besitzerin handelseinig, für 5 Dollar pro Nacht schlugen wir dort für die nächsten Wochen unser Basislager auf. Das ist selbst für dortige Verhältnisse ein günstiger Preis. Die erste Nacht verbrachte ich in einem ca. 3x3x3 m großen Einzelzimmer ohne Fenster. Um mich vor Dieben zu schützen, verriegelte ich die Tür mit einem eigens dafür mitgebrachten Vorhängeschloss. Man muss wissen, dass Quito auf 2800 m über Meeresspiegel liegt, es ist damit nach La Paz die zweithöchst gelegene Hauptstadt der Welt. In meinem fensterlosen, stockdunklen und ziemlich gut verschlossenen Zimmer wachte ich mehrmals mit Erstickungsanfällen auf und musste die Tür eine Weile zum Lüften aufreißen, bevor ich weiterschlafen konnte. Am nächsten Tag zogen wir in ein Doppelzimmer um, dieses hatte schlecht schließende Fenster zum Innenhof, sodass das Lüftungsproblem damit automatisch gelöst war.

Die Nähe zum Äquator und die hohe Lage der Stadt sorgen in Quito ganzjährig für angenehme Temperaturen, es ist weder zu kalt, noch übermäßig warm. In den folgenden zwei Tagen sahen wir uns erst mal in der Stadt selbst um. Zum Beispiel musste Geld getauscht werden. Wir Naivlinge waren zu Hause zur Sparkasse gegangen, um DM in Sucre, die Landeswährung Ecuadors zu tauschen. Dort kannte man weder die Währung, noch war ein Umtauschkurs in Erfahrung zu bringen. Aber selbst die Deutsche Bank in Frankfurt konnte keine Auskunft geben. Wir hatten uns deshalb mit Dollars eingedeckt, laut Reiseführern sowieso die inoffizielle Zweitwährung des Landes. Seinerzeit erlebte Ecuador gerade eine galoppierende Inflation, wenn ich mich richtig erinnere, war der Kurs zu Beginn unseres Urlaubs 1:2000 zum Dollar, am Ende 1:2800. Die Ecuadorianer waren deshalb ziemlich erpicht darauf, Bezahlungen in Dollar zu erhalten. An die mit Maschinenpistolen bewaffneten Sicherheitsleute am Eingang jeder Bank musste man sich auch erst mal gewöhnen.

Am zweiten Tag stiefelten wir zu Fuß zum El Panecillo, einer großen Statue, zweihundert Meter über der Stadt gelegen. Wenn man heute im Netz recherchiert, dann wird man ausnahmslos davor gewarnt, dorthin zu Fuß zu gehen. Man soll sich in einer größeren Gruppe mit mehreren Taxis zum Denkmal chauffieren, diese dort warten lassen und danach schnell wieder verschwinden. Wir hatten Glück.

Am dritten oder vierten Tag fühlten wir uns genügend höhenakklimatisiert, um eine erste Tagestour auf den Rucu Pichincha (ca. 4700m) zu unternehmen. Gemeinsam mit seinem größeren Bruder, dem Guagua Pichincha (ca. 4800 m), bilden sie die Hausberge Quitos. Unmittelbar am Stadtrand begann der Aufstieg. Nach etwa 2-3 Stunden Weg durch manchmal dichtes Gestrüpp erreichten wir auf ca. 3600 m eine Hochebene, über die es dann langgestreckt in Richtung Rucu ging. Wir machten die erste Rast, mir ging es hervorragend. Aber vielleicht nur zwei Stunden später und 300 m höher war ich vollkommen erledigt. Ich ließ versuchsweise meinen Rucksack einfach am Wege stehen, da wir die einzigen Menschen auf dieser Ebene waren, aber bei 4000 m Höhe war an diesem Tage Schluss. Auf dem Rückweg ging es mir mit jedem Meter abnehmender Höhe wieder besser, beim Verlassen der Hochebene fühlte ich mich wieder topfit. Später lasen wir im Reiseführer, dass auch diese Route wegen zahlreicher Überfälle für Touristen nicht ganz ungefährlich ist.

Links Rucu, in der Mitte Ingo, rechts ich. Rucu und ich ohne Rucksack.

Der nächste Berg, den wir versuchten, war der Imbabura (4600m). Am ersten Tag des Aufstiegs wurde es nachmittags immer nebliger und fing an zu regnen. Deshalb beschlossen wir, es für diesen Tag gut sein zu lassen und stellten unser Zelt an einer geeigneten Stelle auf. Am nächsten Morgen staunten wir nicht schlecht, wir hatten uns mitten in einem Indiodorf niedergelassen, es war Sonntag und die gesamte Bevölkerung kam auf dem Weg zur Kirche an unserem Zelt vorbei, Buenos dias!

Wir frühstückten, packten unsere Rucksäcke und stiegen weiter auf. Wie später noch häufig, verfehlten wir auch hier den richtigen Weg. Irgendwann standen wir am Kraterrand dieses erloschenen Vulkans und stellten fest, dass der höchste Punkt an einer ganz anderen Stelle lag. Wir versuchten zwar, ihn über den Grat zu erreichen, mussten aber irgendwann aufgeben. Mich hatten mehr die ständigen Kopfschmerzen mürbe gemacht, Ingo waren eher die Kletterstellen nicht geheuer. Im unteren zweiten Grad in äußerst bröseligem Lavagestein ohne jede Sicherung zu klettern, wird wirklich problematisch, wenn es immer luftiger unter dem Hintern wird. Die Rucksäcke hatten wir schon lange zurückgelassen, wir mussten also auf demselben Weg wieder zurück. Wieder kein Gipfel.

Indiokinder im Sonntagsstaat mit Gummistiefeln

Als nächstes Ziel einer Zweitagestour hatte Ingo den Mojanda-See ausgesucht. Unglücklicherweise hatte er sich an einem der Vortage mit Wasser aus einer Pfütze den Kopf gewaschen, einer der Tropfen hatte es bis in sein Ohr geschafft. Abends fühlte er sich noch ganz gut, in der Nacht wälzte er sich herum und am Morgen hatte er 40° Fieber. Wir waren noch nicht sehr weit ins Gebirge vorgedrungen und schafften es deshalb rechtzeitig in die Zivilisation und nach Quito zu kommen. Viele Ärzte dort haben in den USA studiert, in der Hauptstadt standen deshalb die Chancen auf eine vernünftige Behandlung gar nicht so schlecht. Der Arzt pumpte ihn mit Antibiotika voll und Ingo verschwand für die nächste Woche unter der muffigen Decke seines Hotelbetts. Ich war auf mich allein gestellt.

Als erstes unternahm ich einen erneuten Versuch, den Rucu zu besteigen, dieses Mal gelang es mir. Wenn man die Hochebene hinter sich gelassen und den eigentlichen Fuß des Berges in etwa 4200 m Höhe erreicht hatte, konnte man zwischen zwei Wegen zum Gipfel wählen, einem einfachen und einem Kletterweg. Da ich vollkommen allein am Berg war, nahm ich den leichteren von beiden. Abends war ich wieder zurück in der Stadt, meinem Kameraden ging es immer noch sehr schlecht.

Mit seiner Genehmigung startete ich deshalb am übernächsten Tag zu einer Dreitagestour, um den Guagua Pichincha (4800m), den zweiten der beiden Hausberge Quitos zu erklimmen. Das Taxi brachte mich in ein Dorf etwas außerhalb Quitos, dass sich als Einstieg besser eignete. Die vor dem Gipfel liegende Schutzhütte (4600m) erreichte ich am Nachmittag. Bald darauf trudelte noch ein sehr fitter Südtiroler und sein Bergführer ein, später stieß auch noch der aus dem Tal kommende Hüttenwirt hinzu. Es wurde geheizt, der Südtiroler sprach deutsch, alles wunderbar. Am nächsten Tag hatte ich nichts weiter vor, als die restlichen zweihundert Höhenmeter bis zum Gipfel zu laufen. Ich konnte also am Morgen herumtrödeln und erreichte den Kraterrand erst nach dem Tiroler und seinem Begleiter. Auf diesem Berg stand ich zum ersten Mal so hoch, wie es in Europa nur auf dem Mont Blanc möglich ist.

Der Guagua ist im Gegensatz zum Rucu ein noch aktiver Vulkan, man findet etwas versteckt neben dem Gipfel eine kleine Kapelle mit Gedenksteinen für die Opfer, die bei den relativ häufigen Ausbrüchen ums Leben gekommen sind. Ende 1999 war es wieder soweit, die Eruptionen waren so heftig, dass in Quito der Flughafen wegen dem starken Ascheregen geschlossen werden musste, an einigen Stellen soll bis zu 30 cm Dreck gelegen haben.

Die Kapelle auf dem Guagua für die Opfer der Vulkanausbrüche

Am Guagua musste ich mein, noch aus Kinderbüchern stammendes Bild eines aktiven Vulkans korrigieren. Früher stellt ich mir einen Vulkan immer als eine Art brodelnden Kochtopf vor, mit roter blubbernder Suppe darin. Vollkommen falsch. Die Caldera des Guagua war auf der Quito abgewandten Seite aufgebrochen, im Fall eines Lavastroms würde diese also nach einer ungefährlichen Seite ablaufen. Der Boden des Vulkans sah vollkommen harmlos aus, sogar mit etwas spärlichem Grün bewachsen. Nur eine einzige und ziemlich kleine Rauchfahne war zu sehen. Ein Schild am Kraterrand warnte wegen der giftigen Dämpfe davor hinabzuklettern, was aber den Tiroler und seinen Bergführer nicht abhalten konnte.

Ich stieg stattdessen wieder zur Hütte ab. Der Hüttenwirt war nicht mehr da. Später am Nachmittag verabschiedete ich die beiden anderen Bergsteiger und blieb allein in der Hütte zurück. Beim Kramen im Rucksack stellte ich fest, dass 20 Dollar fehlten, nur der Hüttenwirt kam als Dieb in Frage. In der dünnen Höhenluft fällt als erstes das logische Denken aus, den Rest des Abends und die ganze Nacht trieb mich die Angst um, er könnte mit ein paar Freunden zurückkommen, um mich auszurauben. Unlogisch insofern, als er dann ja nicht vorher das bisschen Geld geklaut und sich aus dem Staub gemacht hätte.

Am nächsten Tag wanderte ich über die Hochebene nach Quito zurück, vorbei am Rucu. Erneut begegnete mir die ganze Zeit kein Mensch. Heikel auf dieser Tour war nur ein relativ steiles Geröllfeld, auf dem sich fortwährend durch die intensive Sonneneinstrahlung bis dahin gefrorene Gesteinsbrocken herauslösten. Bei jedem Poltern ging ich in Deckung, um nicht von Steinen erschlagen zu werden, die auf dem Weg nach unten ordentlich Fahrt aufnahmen.

Gemeinsam mit dem genesenen Ingo besuchten wir als nächstes Mitad el Mundo, das offizielle Äquatordenkmal Ecuadors. Für die Touristen ist dort ein roter Strich auf den Asphalt gemalt mit den beiden Hinweisschildern „Hier ist der Äquator” und „Hier ist Pinkeln verboten”. Ersteres ist falsch, weil sich die Äquatorfestlegung inzwischen als zu ungenau gezeigt hat, letzteres wird die Touristen wohl eher auf dumme Gedanken bringen, anstatt das sittenwidrige Tun zu verhindern.

Ingo war erstaunlich schnell wieder fit und so setzten wir unseren, durch seine Erkrankung unterbrochenen Mojanda-Trip dort fort, wo wir ihn abgebrochen hatten. Mojanda ist eigentlich die Bezeichnung eines ehemaligen Vulkans. Seine Anziehungskraft verdankt er aber dem See, der von Bergen umschlossen, einen phantastischen Anblick bot. Nachts war es eisig kalt, am nächsten Tag wateten wir durch einen Sumpf am Ufer des Sees und verirrten uns beim folgenden Aufstieg am gegenüberliegenden Ufer erneut, aber die Landschaft wog diese Beschwernisse locker auf.

Mojanda: Ein traumhafter See für uns ganz allein

KategorienAlltag, Reiseberichte Tags: