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Die Welt gibt es nicht?

Vor ein paar Wochen bin ich über ein Homonym gestolpert: „Die Hochzeit der Saurier war im Jura.“ Ich war da wohl etwas schläfrig oder unaufmerksam, jedenfalls wird das Wort „Hochzeit“ in diesem Satz anders verwendet als im Satz „Die Hochzeit von Kate und William war im April.“ Die Betonung erzeugt hier den Unterschied. Im gesprochenen Deutsch ist das ganz klar, aber im geschriebenen Deutsch muss man sich den Sinn aus dem Kontext erschließen.

Ich brauchte eine Weile, bis ich für mein Missverständnis dieses schöne Fremdwort „Homonym“ gefunden hatte. Auf der von mir verlinkten Wikipediaseite wird man auch gleich mit einer noch genaueren Klassifikation beglückt, denn präzise analysiert handelt es sich bei der „Hochzeit“ in den beiden Bedeutungen um einen Homographen, der heterophon und polysem ist. 🙂 Alles klar?

Bei der Aussage „Die Welt gibt es nicht“, meine Überschrift oben, fühlte ich mich daran erinnert. Der Titel eines Buchs von Markus Gabriel ist „Warum es die Welt nicht gibt“. Im Spiegel 27/2013 vom 1.7. findet man ein Interview mit diesem jüngsten Philosophieprofessor Deutschlands. Hier ist es nicht ein Wort, das unterschiedlich betont eine andere Bedeutung erhält, sondern ein ganzer Satz. Die gängige Betonung wäre (durch Unterstreichung gekennzeichnet): „Die Welt gibt es nicht.“ Aber in dem von Gabriel gebrauchten Zusammenhang ist wohl eher gemeint: „Die Welt gibt es nicht“.

Zunächst geht es in dem Artikel um den aktuellen Streit zwischen den Naturwissenschaften und der Philosophie um die Deutungshoheit:

SPIEGEL: Herr Gabriel, was kann die Philosophie im Zeitalter der modernen Naturwissenschaft überhaupt noch zur Erkenntnis der Welt beitragen?

Gabriel: Interessanterweise das meiste. Die Wissenschaft kann, entgegen ihrem oft behaupteten Anspruch, kein Weltbild entwerfen. Die Annahme, dass die Naturwissenschaften die fundamentale Schicht der Wirklichkeit, also die Welt an sich, erkennen, während alle anderen Erkenntnisansprüche immer auf physikalische, biologische oder sonstige naturwissenschaftliche Einsichten reduzierbar sein werden oder sich jedenfalls an diesen messen lassen müssen, ist schlicht falsch.

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SPIEGEL: Wieso? Ist die Wissenschaft einfach noch nicht weit genug gekommen?

Gabriel: Selbst wenn so etwas wie die Weltformel gefunden wäre, würde sie nur einen Ausschnitt der Welt darstellen, zugegeben einen wichtigen. Das Universum ist nur einer von vielen Gegenstandsbereichen, ein Teil des Ganzen, nicht das Ganze selbst. Es gibt viele Gegenstände, die es nicht im Universum gibt. Die Welt an sich gibt es gar nicht. Alle Weltbilder sind falsch, weil sie unterstellen, dass es eine Welt gibt, auf die wir von außen blicken können.

SPIEGEL: Wir bleiben notwendigerweise in fragmentarischen Betrachtungen gefangen?

Gabriel: Wir schauen immer auf die Wirklichkeit von einem bestimmten Punkt aus.

Der Beobachter bleibt in einer Perspektive verortet. Den „Blick von nirgendwo“, wie der amerikanische Philosoph Thomas Nagel es genannt hat, können wir nicht erreichen. Deshalb zerbröselt das sogenannte wissenschaftliche Weltbild zwischen unseren Fingern.

SPIEGEL: Das klingt ziemlich verwirrend.

Gabriel: Wir sehen immer nur Ausschnitte von etwas, das unendlich ist. Ein Überblick über das Ganze ist unmöglich, weil das Ganze nicht einmal existiert. Wir bewegen uns in einer unendlichen Vielfalt von Feldern der Erkenntnis, von „Sinnfeldern“, wie ich es nenne, die alle voneinander unterschieden sind.

SPIEGEL: Die „Welt“ wäre demnach nur eine Redewendung, die wir der Einfachheit halber benutzen?

Gabriel: Die Welt ist der Bereich aller Bereiche, so hat Heidegger es ausgedrückt. Die Welt, in der wir leben, zeigt sich uns als ein unendlicher, stetiger Übergang von Sinnfeld zu Sinnfeld, eine endlose Verschmelzung und Verschachtelung, in der wir niemals ankommen, und ganz sicher nicht bei einem endgültigen Sinnfeld, das alles umfasst. Das Streben nach der absoluten Idee, dem universellen Prinzip, sollten wir uns abgewöhnen.

Hihi. Da kann man auch Wittgenstein mit seinem Tractatus logico-philosophicus nehmen:

1 Die Welt ist alles, was der Fall ist.
1.1 Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen, nicht der Dinge.
1.11 Die Welt ist durch die Tatsachen bestimmt und dadurch, dass es alle Tatsachen sind.

Gabriel hätte hier durchaus seine Begriffe genauer definieren können. Zum Beispiel, dass er „Universum“ für alles verwendet, was die Naturwissenschaften untersuchen können, und für „Welt“ alles, was unserer Erfahrung zugänglich ist, einschließlich des Universums. Etwas später erläutert er die Unterschiede an Beispielen:

Gabriel: Entscheidend ist, in welchem Sinnfeld wir uns befinden. Trolle gibt es in der nordischen Mythologie, aber damit gibt es noch lange keine Trolle in Norwegen. Das Problem liegt darin, dass die Frage nach dem Sinn übergangen wird. Das Universum stellt keine Sinnfrage, es ist eine „kalte Heimat“, wie der Bonner Philosoph Wolfram Hogrebe dieses lebenswertfreie Dasein genannt hat. Das ändert sich, wenn wir nach unserem Platz darin fragen. Das Menschsein ist ohne Sinnfrage nicht denkbar. Die Menschen sind nicht einfach nur Schweine im Weltall, wie ein Programm in der „Muppet Show“ heißt, also nur fressende und ihren Nutzen berechnende Wesen, die sich in den Weiten einer sinnlosen Galaxie verlieren. Die Menschen wissen, dass sie existieren und in der Welt vorkommen. Das ist der entscheidende Unterschied.

SPIEGEL: Wo ziehen Sie die Grenzen der naturwissenschaftlichen Erkenntnis?

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Gabriel: Ich möchte sagen, dass sie am Geist scheitert. Menschen bewegen sich nun einmal im Geist. Ignoriert man den Geist und betrachtet nur noch das Universum, verschwindet aller Sinn.

SPIEGEL: Es gibt Bereiche des Geistes, die sich mit Methoden der Naturwissenschaften, der Psychologie, der Biologie oder der Neurologie, untersuchen lassen.

Gabriel: Ja, aber entscheidende geistige Produkte wie Kunstwerke oder auch Staaten, Religionen, Institutionen lassen sich nicht auf diese Weise untersuchen, am wenigsten mit den Methoden der Gehirnforschung. Geist ist nicht bloß ein mentaler Prozess. Wie wir einen Roman, ein Kunstwerk oder auch eine politische Entscheidung verstehen, lässt sich nicht rein biologisch oder mathematisch beschreiben. Trotzdem ist das Verstehen nicht völlig willkürlich oder eine Sache des subjektiven Geschmacks. Der Vorgang des Verstehens, etwa eines Kunstwerks, das auf den ersten Blick unverständlich anmutet, wie eine bloße Ansammlung von Farbklecksen, eines von Jackson Pollocks Action-Paintings zum Beispiel, ist keineswegs beliebig, wohl aber frei. Kunst konfrontiert uns mit reinem Sinn. Sie ist weder bloßes Abbild noch simple Unterhaltung.

Im Folgenden lehnt er sich meiner Meinung nach etwas zu weit aus dem Fenster:

SPIEGEL: Die Fähigkeit des Menschen, über sich selbst nachzudenken, ein Bewusstsein seiner selbst zu entwickeln, kann die Wissenschaft nicht mehr erklären?

Gabriel: Das ist die absolute Grenze. Die Frage nach dem Ursprung des Geistes ist irritierend. Vielleicht werden wir nie herausfinden, wo und wie diese Geburt stattgefunden hat. Sicher ist: Unsere Erkenntnis der Wirklichkeit ist geistig, auch die Naturwissenschaften haben den Geist sozusagen immer schon im Rücken, sonst würden sie gar nichts erkennen. Denkprozesse mögen sich zwar als Gehirnaktivitäten beobachten und beschreiben lassen, aber das erklärt den Denkgehalt, den Gedanken als solchen, nicht.

Und hier lässt er sich meiner Meinung nach völlig in die Irre führen:

SPIEGEL: Dass es die eine Welt nicht gibt, dass es kein Prinzip gibt, das alles zusammenhält und orchestriert, dass es demnach Gott nicht gibt – ist das nun für uns Menschen eher eine erfreuliche oder eine erschreckende Erkenntnis?

Gabriel: Auf jeden Fall eine befreiende. Damit vermeiden wir die Alternative, unser Leben als Komödie oder als Tragödie zu begreifen. Die Depression, der existentialistische Katzenjammer, befällt uns, wenn wir das Unmögliche erwarten, nämlich Unsterblichkeit, ewige Glückseligkeit und eine Antwort auf alle Fragen. Die Komödie stellt sich ein, wenn wir glauben, in eine Show über nichts geworfen zu sein. Die dem Philosophen angemessene Gemütsverfassung wäre demgegenüber gelassene Heiterkeit. Wir bahnen uns einen Weg durch das Unendliche, wir stehen vor unendlichen Möglichkeiten, wir produzieren unentwegt neue Sinnfelder, aber wir kommen nie an.

Es ist schon hinreichend dämlich (SPIEGEL), aus der Vermutung, wir könnten, da wir uns in der Welt befinden, keine umfassende Theorie über die Welt erstellen, schlussfolgern, dass es Gott nicht gibt. Aber hier nicht einzuhaken (Gabriel) und festzustellen, dass es den einen großen Zusammenhang zwischen all den verschiedenen Betrachtungsweisen gibt, nämlich dass in jedem Menschen alle Sichten zusammenlaufen, und genau das demzufolge die Welt ist, das finde ich schwach. Jeglicher Sinn-Suche liegt ja zugrunde, dass es Zusammenhänge zwischen allem gibt, was wir beobachten und was uns zugänglich ist.

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  1. 14. Oktober 2013, 19:48 | #1

    Beim ersten Lesen auch irgendwie falsch betont. Ich dachte, was mischt sich der SPD-Gabriel jetzt auch noch in die Philosophie ein…

  2. Peter
    16. Oktober 2013, 23:55 | #2

    Da war ja Camus in den sechziger Jahren schon weiter. Gähn. Camus hatte dann aber eher die Revolte als die gelassene Heiterkeit im Sinn. Und Camus war so fair von dem rationalen und metaphysischen Selbstmord als Reaktion auf die Absurdität der Sinnlosigkeit zu sprechen. Gabriel scheint mir Ideologe zu sein. Ich hätte mir das Buch fast gekauft, dann aber vorher zum Glück ein Interview gehört.

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