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Die Akte Galilei


Wie hier berichtet wurde, plant die Katholische Kirche, eine Büste von Galileo Galilei aufzustellen. Nach diesem Blogeintrag gab es einen kleinen Disput über das Verhältnis von Galilei zur Kirche und der Kirche zur Wissenschaft. Ich konnte mich in dieser Diskussion undeutlich daran erinnern, dass die neuere Forschung einige Änderungen zutage gefördert hat.

Wie der Zufall so will, fiel mein Blick heute in der Buchhandlung auf das neue Geo-Kompakt-Heft (Nr. 14). Titel dieses Heftes ist „Die 100 größten Forscher aller Zeiten“. Beim Blättern im Heft stellte ich fest, dass mir viele Namen darin noch unbekannt sind, und kaufte es. Natürlich gehört auch Galilei in die Reihe der größten Wissenschaftler. Das ganze Heft habe ich bis jetzt nur flüchtig überflogen, nur den Artikel über Galilei, mit 6 Seiten einen der längsten, in Gänze gelesen. Für Interessierte im Folgenden einige Passagen:


Die Akte Galilei

Als Galileo Galilei am 20. Januar 1633 in Flo­renz die Sänfte besteigt, um zu seinem Inquisitionsprozess nach Rom zu reisen, kann der 68-jährige, altersschwache und in aller Welt berühmte Mathe­matiker und Astronom voller Hoffnung sein, dass ihn die kirchliche Macht nicht strafen wird. Denn was hat er schon zu befürchten? Er ist der intellektuelle Star Italiens, der bedeutendste Wissen­schaftler Europas. Sein Buch, für das er sich verantwor­ten muss, „Der Dialog über die beiden hauptsächlichen Weltsysteme“, hat von vier Zensoren der römischen Kirche die Druckerlaubnis erhalten. Und Papst Urban VIII. ist ein Freund, der ihn zu diesem Werk ermutigt hat. Zudem ist Galilei ein strenggläubi­ger Katholik und vertraut der Kirche. Die Inquisition ist für ihn kein Schre­cken: Schon zweimal ist er denunziert worden, und beide Male haben die Kirchenherren nichts gegen ihn unter­nommen. Was also soll ihm geschehen?

Ein halbes Jahr später aber ist er gestürzt. Die Richter der Inquisition verurteilen ihn und verbieten sein Buch, der Papst lässt ihn fallen, auf Knien muss der Mathematiker der Lehre abschwören, die Erde drehe sich um die Sonne. Es ist eine historische Demütigung und ein Debakel. Aber nicht für Galilei, der weiterhin forscht und veröffent­licht – sondern für die Kirche. Nie hat ein einzelner Prozess einer Institution so geschadet wie dieser. Bis heute hängt dem Vatikan das Verdikt an: wissenschaftsfeindlich, rückwärtsgewandt, unbelehrbar! Der Prozess ge­gen Galileo Galilei war, so die übliche Lesart, der Höhepunkt der jahrhun­dertelangen Unterdrückung Anders­denkender, der letzte Beweis für die Intoleranz der Inquisition. Zugleich war er der Beginn einer strahlenden Epoche, an der die Kirche weder teilhaben konnte noch durfte: Aufklärung, moderne Wissenschaft, Fortschritt! Galilei war ein Held, die Kirche ein Schurke. So wird das Drama bis heute gelesen. Nur kann die neueste Forschung diese Deutung nicht bestätigen.

1611 reist Galilei nach Rom an den päpstlichen Hof – ein Triumph. Empfehlungsschreiben von Cosimo II. öffnen ihm alle Türen. Galilei ist nun der Star auf jedem Fest: ein großer Forscher, gewitzter Ge­sprächspartner, beißender Spötter. Kardinäle besuchen seine Teleskop­Vorführungen, die jesuitischen Astro­nomen bestätigen seine Entdeckungen und feiern ihn auf einer eigens einberu­fenen Konferenz. Papst Paul V gewährt ihm eine Privataudienz – es gibt kei­nerlei Anzeichen, dass die Kirche ihren Glauben bedroht sieht durch Galileis Entdeckungen. Dennoch hält sich bis heute die Legende, die Kirche sei durch Galileis Teleskop in eine tiefe Krise geraten. Und dass sie ihn verfolgt habe von Anfang an, als Ketzer, als Zerstörer des Glaubens. Nichts dergleichen. Das sind Erfin­dungen des 18. und 19. Jahrhunderts, als Aufklärer die Kirche schwärzer malen, als diese jemals gewesen ist. Die Kirche ist in der frühen Neuzeit der bedeutendste Förderer des Wissens. Italien steht weitgehend unter dem Einfluss des Papstes, und Kunst und Wissenschaft florieren wie kaum anderswo in Europa. Das Verhältnis zwischen Religion und Forschung ist nicht spannungsfrei, doch die Kirche hat sich seit Langem mit den Forschern arrangiert.

Die katholische Kirche hat die Hei­lige Schrift zu keiner Zeit als wörtliche Wahrheit verstanden, erst recht nicht als wissenschaftliches Lehrbuch. Dass die Bibel obscura ist, „dunkel“, dass sie also der Interpretation bedarf, stand bei ihr nie in Zweifel. Umstritten war stets nur, wer sie bindend interpretie­ren dürfe: die Päpste, die Konzile, die Kirchenväter, die Theologen? Ein Quell endloser Zwistigkeiten, die meist verhindern, dass sich die Kirche in einer Frage endgültig festlegt. Als Galilei seine Entdeckungen macht, kennt die Kirche daher kein Dogma, nach dem die Welt sich um die Erde drehe. Zwar sind die meisten Theo­logen – wie praktisch alle Menschen jener Zeit – fest vom Geozentrismus überzeugt; aber bis dato ist er nicht zur Glaubenssache erhoben worden. Erbitterte Gegner des Heliozen­trismus von Copernicus finden sich in jener Zeit eher unter Protestanten, eben weil sie die Bibel oft wortwörtlich nehmen. Und doch: Zeitgleich mit den Entdeckungen des Galilei verschärft sich der Ton der katholischen Kirche allmählich. Das liegt weniger an der Wissenschaft als an der Furcht vor der protestantischen Expansion. Diese Furcht greift rasch um sich, und in einem widersprüchli­chen, sprunghaften Prozess erodiert die traditionelle Toleranz der Kirche innerhalb von wenigen]ahren.

1615: Ein Dominikanerpater zeigt Galilei an, aber die römische Inquisition sieht keinen Anlass, ein Verfahren zu er­öffnen. Bellarmin schreibt Foscarini in einem höflichen Brief, die Kirche habe nichts gegen Copernicus einzuwenden, solange die Forscher dessen Lehre bloß „ex suppositione“ darstellen, also als Hypothese, nicht als bewiesene Wahrheit. Der 73-jährige Kardinal will auf die­sem Wege beides schützen, die herr­schende Bibelauslegung und die Freiheit der Forschung. Die meisten Wissen­schaftler akzeptieren den Vorschlag. Er behindert ihre Arbeit nicht, und einen Beweis für das copernicanische Weltbild kann eh noch niemand erbringen.

Erstaunlich milde verfährt die Kirche auch mit dem Buch des Copernicus. Sie lässt nach der Indizierung alle Aussagen über die Erdbewegung als Hypothesen umschreiben, und bereits 1620 erhält das Werk wieder die Druckerlaubnis. Galilei lässt sich durch seine kur­ze Konfrontation mit den römischen Glaubenswächtern nicht sonderlich beunruhigen. Sein Ruf leidet jedenfalls nicht – im Gegenteil. 1623 wird sein Gönner und Freund Maffeo Barberini als Urban VIII. auf den Papstthron ge­wählt. Im Jahr darauf empfängt Urban Galilei sechsmal in seinem Palast zu langen philosophischen Gesprächen; er schenkt ihm Medaillen, gewährt ihm Ablässe und eine lebenslange Pension. Urban ermuntert den Forscher zu­dem, in seinem nächsten Buch „durchaus die mathematischen Betrachtungen der copernicanischen Annahme über die Bewegung der Erde“ anzuführen, solange er sie als Hypothese darstelle. Der Papst ist nicht der Einzige, der hofft, Galilei könne den ursprünglich grie­chisch-heidnischen Aristotelismus ab­lösen und dem Christentum eine neue Weltsicht schenken.

Acht Jahre später aber endet diese Freundschaft wie aus heiterem Himmel. Urban zwingt seinen Lieblings­forscher, dem Copernica­nismus abzuschwören, und verurteilt ihn zu lebenslangem Hausarrest. Wie es zu dieser beispiellosen Demütigung kommt, wird sich wohl nie mehr genau rekonstruieren lassen. Nach allen Er­kenntnissen kann aber eines nicht der Grund gewesen sein: blinde Wissen­schaftsfeindlichkeit der Kirche.

Für Urban geht es ums Überleben. Er muss Härte zeigen. Der Prozess ge­gen Galilei bietet dafür die beste Gele­genheit. Er ruft ein Sondertribunal ein, um die Anklage gegen den Forscher zu formulieren. Das ist ein höchst unge­wöhnlicher Vorgang. Zieht der Papst den Prozess gegen Galilei womöglich an sich, um seinen Freund vor Schlim­merem zu bewahren?

Nach dem Prozess gibt sich Galilei sei­ner Verzweiflung hin. Nachts schreckt er schreiend auf. Doch er ist kein gebro­chener Mann. Zwar verbringt er den Rest seines Lebens unter Hausarrest in sei­ner Villa bei Florenz, doch die Überwa­chung ist lax, Wissenschaftler aus ganz Europa besuchen ihn, er kann forschen und steht in reger Korrespondenz.

Die Kirche wird weitere 18o Jahre benötigen, um ihr Urteil zu revidieren: Erst am 15. September 1822 hebt sie das Verbot des Copernicanismus auf. Doch den Ruf der Wissenschafts­feindlichkeit wird sie nicht mehr los.


Autor des Artikels in der Geo-Kompakt ist Christoph Kucklick, stellvertretender Geo-Chefredakteur. Als Leseempfehlung findet man am Ende des Artikels den Hinweis auf das Buch „Galileo Galilei. Zur Geschichte eines Falles.“ von Lydia la Dous.

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